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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 13
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XIII

Offiziere und Edelgarden versuchten, die Wortführer der Rebellen vom Zelt des Königs fernzuhalten.

Aber König Olep, der den Lärm gehört hatte, kam heraus und sah blitzende Degen und geschwungene Gewehrkolben. Er trat ins Zelt zurück, stürzte aber gleich wieder hervor und war in drei Sprüngen bei den Streitenden. In beiden Händen hielt er Waffen. Barhäuptig, mit blassen Lippen und heißen Augen, schrie er: »Wer ...? Wer ...«

Er drängte sich in den Haufen, stieß die Offiziere, die ihn zurückhalten wollten, zur Seite und stand vor den Rebellen.

»Was wollt ihr?«

Da sie ihn sprachlos anstarrten, trat er ungeduldig mit dem Fuß auf und hob die Arme.

Sie ließen die Gewehre fallen und schickten sich an fortzugehn.

König Olep tat einen Schritt und sagte den vordersten ins Gesicht: »Ich habe gefragt, was ihr wollt.«

Da gaben sie sich einen Ruck, als wäre ihre Geduld erschöpft, nahmen die gebotene Haltung ein, und drei, vier antworteten zur gleichen Zeit: »Frauen wollen wir, ebenso wie die Offiziere. Uns geben sie Fusel, aber die Frauen sperren sie ein und trinken den teuersten Wein mit ihnen, jawohl.«

König Olep wandte sich zu den Offizieren.

»Ist das wahr?« fragte er.

Als sie mit der Antwort zögerten, sagte er rasch, indem er die Waffen wegwarf und die Soldaten mit einem langen Blick ansah: »Es ist gut, ihr könnt gehn.«

»Besser so«, hörte er aus der Mitte der Gruppe rufen, »sonst rutscht's aus, wie kürzlich bei den Zweiundzwanzigern.«

König Olep wartete, bis sie sich entfernt hatten. Dann ging er, von den Offizieren begleitet, in sein Zelt zurück. Ohne einen von ihnen anzusehn, ohne die Stimme zu erheben, fragte er: »Was war bei den Zweiundzwanzigern?«

Leise begannen sie: »Man hatte Frauen in den Zelten gefunden ... Die Offiziere nahmen sie weg ... und behielten sie ... In der Nacht wurde Alarm geschlagen, und als man zusah, waren neun Offiziere und zwei Frauen tot.«

Der König blieb im Eingang des Zeltes stehn.

»Und dann?«

»Jetzt läßt man sie, in allen Regimentern.«

Er trat ins Zelt und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Geduckt, mit heißen, argwöhnischen Augen kauerte er in der Ecke, die Lippen schmatzten, als ob sie den Haß auskosteten, den das starke Gebiß kaute. Die Offiziere wurden blaß vor dem Blick dieses jungen Raubtiers.

König Olep ordnete für den nächsten Tag den Generalsturm an. Das Zweiundzwanzigste Regiment gab das Signal, indem es vor Schnellfeuergeschützen, die plötzlich in seinem Rücken aufgefahren waren, mit klingendem Spiel ins Feuer rückte.

Trule und Hahnas Mann marschierten nebeneinander, oder vielmehr, sie wankten, denn sie hatten vor dem Aufbruch noch schnell ihr ganzes Geld vertrunken. Als der Lärm schon derart war, daß die Nebenmänner einander nicht mehr verstanden, ließ Hahnas Mann sich zu Boden fallen und zog Trule mit sich. Er wartete, bis die andern vorbei waren, dann legte er den Mund an Trules Ohr und sprach: »Trule – hast du sie gehabt?«

Zugleich packte er Trule bei den Haaren, drehte plötzlich dessen Kopf zu sich und zwang ihn so, ihm in die Augen zu sehn. Dort las er schneller, als Trule sprechen konnte. Bevor dieser noch die Lippen bewegt hatte, hob er sich auf die Knie und sagte: »Vorwärts, Trule! Weiter!«

Trule erhob sich schnell und stürmte los.

Hahnas Mann schoß ihn, drei Schritte vor sich, nieder.

Darauf warf er das Gewehr fort, trank, etwas mühevoll, seine Feldflasche leer und torkelte mit gesenkten Augen langsam in die Kugeln, die in immer dichterem Chor an seinen Ohren sangen ...

König Olep, der sich in ein Handgemenge von Reitern geworfen hatte, wurde verwundet vom Schlachtfeld getragen. Er ließ die Schlacht nicht abbrechen. Der Sturm wurde zwei Tage und zwei Nächte fortgesetzt. Im Morgengrauen des dritten Tages meldeten die Offiziere dem König, der während der ganzen Zeit kaum geruht hatte, daß die Soldaten zu erschöpft seien, um weiterzukämpfen.

 

In derselben Nacht erhielt die Königin den Befehl, sofort ins Lager zu eilen.

Im Arm des alten Schloßkommandanten, mit dem sie die letzte Runde des Festes tanzte, öffnete sie mit einer Hand die Depesche, überflog den Inhalt und rief, ohne stillzustehn, laut nach Ton, dem sie das Papier hinhielt. Ton las, vergewisserte sich, daß die Königin ihm mit den Augen folgte, und verließ den Saal durch die Gartentür.

Nach beendeter Runde machte die Königin dem Kommandanten ein Kompliment und zog sich zurück, während der alte Herr entzückt an die neue Aufgabe herantrat, die Gäste mit dem ›großen Kehraus der Königin‹, einer von ihm erfundenen Art Kotillon, die Treppe hinauf in die kleinen Salons zu führen. Sobald das letzte Paar die Schwelle des Ballsaales überschritten hatte, erloschen hier alle Lichter. Gleichzeitig hörte die Musik auf, deren Melodie jedoch sofort von einer in den oberen Räumen aufgestellten Kapelle aufgenommen wurde.

Von ihrem Platz auf dem Balkon sahen Benkal und Ij, wie eine der großen Gartentüren des verlassenen Saales leise geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat. Diese Gestalt stand eine Weile schmal und ganz schwarz im Licht der Bogenlampen, die der Wind auf der Terrasse bewegte. Es mußte ein Jüngling sein, und als der Schatten jetzt ausschritt, erkannte Ij Ton. Aber bevor er den schwankenden Schein, den die Lampen auf den Boden zeichneten, ganz verlassen hatte, warf sich ihm eine weiße Frau in die Arme, er drückte sie an sich, und so standen sie unbeweglich, im Dunkel ertrinkend und jäh auftauchend, wenn das schaukelnde Licht sie berührte. Dann zog die Frau den Jüngling mit sich fort. Sie hörten das Knacken einer Tür, und als ob die beiden vom Echo dieses Lautes im großen Saal erschrocken wären, war es erst still, bevor Ij, zusammenfahrend, die Stimme der Königin heraufsingen hörte: »Ij, ich fühle, daß du da bist. Ich muß morgen ins Lager, und ich werde dich wohl nicht mehr sehen. Ton geht mit mir, er sagt dir auch Lebewohl ...«

 

Für die Königin standen drei große Züge bereit. Der mittlere war für sie, ihre Begleiter und einen Teil der Soldaten bestimmt, die zu ihrem Schutz hergesandt worden waren. Andere sollten dem Zug der Königin voranfahren, die übrigen folgen.

Die Soldaten waren trotz des Verbots in die Stadt gegangen und mußten kurz vor der Abfahrt mühsam zusammengesucht werden. Scharen von erregten Frauen begleiteten sie zum Bahnhof, Straßenmädchen und Frauen aus den Vorstädten, die vielleicht nur gekommen waren, um nach ihren Männern zu fragen oder auch um sich wieder einmal satt zu essen. Denn man wußte ja, daß alles Geld zu den Soldaten ging.

Als die Wagen der Königin vorfuhren, begannen sie zu johlen und die Arme zu werfen. »Nimm mich mit«, schrien sie. »Schick uns unsre Männer! Sag ihnen, wenn sie nicht bald kommen, gehn wir auf die Straße!«

»Auf die Straße!« kreischten sie, »auf die Straße.«

Sie berauschten sich an dieser Bezeichnung für die letzte Erniedrigung der Frau. Während sie einander mit ihren Schreien zu überbieten suchten, sich mit ihren Schreien gegen die wehrten, die sie mit Gewalt zu verjagen suchten, wuchs der Ruf »Auf die Straße!« allmählich zu einer Drohung an, die sie zu den blanken Wagen hinüberspien ... Sie schwangen ihn wie eine rächende Fahne, als sie nach der Abfahrt der Züge kehrtmachten und, ein lärmender Haufe, durch die Straßen zogen. Wo sie eine Frau an einem Fenster sahn, blieben sie stehn und sangen: »Auf die Straße! Auf die Straße!« Andere, denen sie begegneten, umringten sie lachend und kosend, betasteten sie, zerrissen ihre Kleider, versuchten, sie mit sich zu schleppen. Den Männern riefen sie mit eindringlichen Gebärden zu, daß sie nur zu wählen brauchten.

Von diesen ersten ›Unschuldigen‹ blieb nur ein blutiger Haufen Kleider übrig. Die Polizei ritt sie nieder. Sie erhoben sich immer wieder und kämpften so lange, bis sie sich nicht mehr aufrichten konnten.

Aber dann tauchten sie an allen Enden der großen Stadt auf, den Märtyrern folgten die Apostel, sie fanden ihre schwärmerischen Verteidiger und sogar Heilige unter den schönsten und reichsten Frauen der Kaste, die sich mit ihren ganzen Vermögen auf die Straße warfen. Sie pflegten die Kranken und begruben die Toten.

Klöster öffneten sich den Landstraßen, man lehrte, daß überall, wo ein ewiges Licht brannte, keine Tür und kein Herz geschlossen sein durfte, es wurden Gemeinschaften von Männern, dienenden Brüdern, gegründet, um die nötigen Arbeiten zu verrichten, und es gab Auserwählte, die Wunder taten, so stark war ihr Glaube.

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