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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 12
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XII

Als der Vorhang gefallen war und der Kronleuchter aufflammte, herrschte Schweigen, in dem man sie atmen hörte.

Einige weinten, und Türen gingen.

Einige schrien.

Dann schienen die andern alle, im Parkett und in den Rängen, zu einem einzigen Wesen zusammenzufließen, das sich vorbeugte, um den Schrei schnell zu ersticken.

Der Atem drang wie ein Brodeln bis hinter die Bühne, wo Benkal stand, und berührte ihn. Seine Augen waren plötzlich wie beschlagen. Und die draußen saugten ihn an sich mit ihrem Schweigen. Er mußte auf die Bühne, bis dicht an den Vorhang, und als er hier erlöst haltmachen wollte, fühlte er schlotternd, daß sie ihn nicht losließen, sie zogen ihn weiter, stumm, mit schwerem Atem und raschelnden Kleidern, die sich hoben, hin zu sich ...

Er starrte durch die kleine Öffnung im Vorhang und reckte die Arme, als ob er den schweren Teppich heben und unter ihm wegschreiten wollte.

Vielleicht sahen sie, wie der Vorhang sich bewegte. Sie erhoben sich zugleich im Parkett und in den Rängen, und nun traf ihn mit ihrem Geruch, der ihm die Sinne benahm, wie ein Schlag gegen den Leib ... der auf ihn losstürmende Tumult von weißen Gesichtern und Händen: unzählige blitzende Fangarme, von einem ungeheuren Tier gegen ihn geschwungen ...

»Mein Gott!« flüsterte er, und die gefalteten Hände krampfhaft auf sein Herz gedrückt, wich er vor dem Jubel und den Rufen der dreitausend Frauen langsam, vorsichtig, wie vor einer Gefahr zurück.

In den Kulissen wurde er angepackt und durch Gänge, über Treppen getragen.

»Die Königin will Sie sprechen.«

Vor einer Tür, die wie angelehnt war gegen den Lärm dahinter, stellten sie ihn auf die Füße. Ein Jüngling im festlichen Gewand, der Ton gerufen wurde, zupfte und strich seine Kleider zurecht, eine Frau kämmte ihm mit hastigen Fingern das Haar. »Haltung, Meister, Haltung«, sagte der Jüngling mit ermunterndem Blick und zog die Türe auf. Da stand der kleine Mann mit dem viereckigen Kopf und den trüben Augen in einem brennendroten Zimmer voll stolzer, prächtig gekleideter Frauen, und das Zimmer mit seinen Spiegeln hing über einem grauen, glitzernden Meer, das immerfort seinen Namen schrie.

Unten brodelte es, und ein Dampf stieg aus den tausend sich drängenden Körpern; es lag wie ein Schleier vor den höheren Galerien, hinter dem man nur die hellen Flecke der Gesichter sah und eine große Unruhe spürte, die von den vielen bewegten Augen herrührte. An der Decke aber, im vollen Schein des Kronleuchters, lagen die Schwalbennester des höchsten Rangs, eins am andern. Dort riefen sie nicht und klatschten kaum. Zahllose Köpfchen streckten sich hinter der Brüstung hervor, und alle spähten, als sähen sie ein Märchen, nach der Loge der Königin ...

Hier, um Benkal, war es hell und kalt. Sie schillerten und hatten leuchtende Augen. Ihre Blicke begegneten einander in den Spiegeln, und dann verzog sich ihr Mund zu einer kleinen Grimasse. Benkal sah, sie waren alle, schön oder doch reizvoll. Aber jede hielt sich, wie ein poliertes Marmorbild, in ihrem einsamen Licht, abgeschlossen, fast feindselig. Sie waren zu sehr gepflegt, hart aus Erfahrung oder Erziehung, zu bewußt, auch wenn sie gütig sein wollten. Selbst Ton, der Jüngling, der mit soviel Vollendung neben der Königin stand und von ihr und zu Benkal hin und hinüberblickte, hätte eher eine verkleidete Frau als ein Mann geschienen, wäre nicht die prickelnde Angriffslust gewesen, die ihm aus den beherrschten Augen und Händen sprühte.

Die Kaste! dachte Benkal ... Die gute Rasse: blank, knapp, federnd und stark in den Fersen. Die Zucht großer Tierbändiger ... Ihr Anblick gab ihm die Kraft wieder. Sein Blick glitt in den Saal hinunter: Und in ihrem Käfig hier, fuhr er fort, ragen sie wie auf einer gespenstischen Kreideklippe aus dem Meer ...

Die Königin, eine üppige Frau, machte ganz junge Augen in ihrem reifen Gesicht, beugte sich zu Benkal und ließ ihre Stimme eine Tonleiter hinauf eilen: »Es war wunderschön, wir sind alle tief gerührt, bis auf Ij, die sagt, Sie ständen im Dienst der Innern Mission ... für die Bevölkerungszunahme.«

Hier angelangt, lehnte sie sich zurück und wartete neugierig, was Benkal antworten werde. Sie war sanft und fett: ganz Gutmütigkeit und Liebreiz.

Als er schwieg und sie nur angestrengt ansah, wobei seine Augen grünlich zu schillern begannen, groß, stahlblau und böse wurden, da rief eine Stimme schnell: »Ij – das bin ich!«

Ja, das war Ij, die Tänzerin, wie er sie auf Bildern gesehen hatte, schlank aus den Hüften gewachsen, die dicke Garbe des brandroten Haares über der weißen Stirne getürmt. Wie Funken und Asche tanzten die Sommersprossen in dem rosigen Gesicht, während ihre Augen die seinen festhielten.

»Ja, das ist Ij«, sagte er, und sie lachten einander an. »Ich hätte sie gewiß erkannt, auf Wiedersehn, Ij.«

Ton, der ihm beflissen den Weg vertrat, schob er zur Seite und ging hinaus.

 

Später saßen Benkal der Ältere und Wan in einem Winkel des Ateliers und ließen sich vom Kleinen auf der Orgel vorspielen. Er spielte leise, um seine Gedanken nicht zu stören. Wan hatte die Wange an den Schnurrbart ihres Gatten gedrückt und hielt ganz still. Der Dicke summte hinter den Melodien her, die Benkal spielte, aufs Geratewohl, ohne sie zu kennen, aber glücklich, sich blindlings von ihnen führen zu lassen.

Als der Augenblick kam, wo Benkal mit dem Spiel zu Ende war und, die Hände auf den Knien, vor den Tasten weiterträumte, nahm der Bruder Wan sorgsam auf die Arme, schlich mit ihr davon und kam bald darauf mit einem gefüllten Weinkrug zurück.

»He, Kleiner!« rief er, »ich meine, wir sollten einen Krug Gelben trinken. Komm her!« Und er stieß mit dem Krug auf den Tisch. Da er bemerkte, daß Benkal sich nach Wan umsah, fuhr er lärmend fort: »Oh, die schläft schon. Wir können schreien, so laut wir wollen, die wacht nicht auf.«

Er füllte die Gläser.

»In acht Wochen geht's los. Wan hat gefragt, ob du dann wohl ein Stück aufsetzen würdest: Das lebende Kind.«

Er langte verlegen lachend nach dem Glas und stieß mit Benkal an. Sein Bauch hob sich, wie ein Hahn, der krähen will.

»Kleiner«, rief er, »es lebe die Liebe, es leben die Frauen! ... Und jetzt plaudern wir.«

Sie plauderten, über die Nachbarn, über das Geschäft, die Politik, und Benkal fühlte sich unendlich wohl in der Sofaecke, als schütze ihn sein Bruder vor dem Ansturm peinigender Bilder. Bilder von Trauer, Angst und Trotz waren um ihn, aber er wandte immer das Gesicht von ihnen, fest dem Bruder zu, der Gewißheit seines Lebens, der einzigen, die ihn nie entmutigte ...

Der kannte seine Pflicht. Obwohl er sich alle Augenblicke dabei ertappte, wie er einschlief, hielt er dennoch aus. Benkal trank nur ein Glas, auch deklamierte er seine Visionen nicht mehr. Da er kaum, zerstreut, mitsprach und bald ganz verstummte, wurde dem Bruder die Zeit recht lang und mühselig zu tragen. Aber: Was da! So sprach er halt für sich und leerte den Krug allein und blieb auf dem Posten, bis der Kleine so tief in der Träumerei versunken war, daß er seine Gesellschaft entbehren konnte. Dann fuhr er sich ebenso lautlos durch die Vorhänge und die Tür, wie er vorher Wan hinausgetragen hatte.

Und als er draußen war, schien es Benkal, als ob er die Orgel lauter tönen hörte. Er hatte auf ihr gespielt, nachdenklich, suchend ... er sah durch die Pfeifen das rote Zimmer über der unbestimmten Menge, in dessen Spiegelbild die Menschen deutlich waren bis auf ein Fältchen in ihrer Haut und doch in Klarheit verschlossen; er hatte nach den Reden seines Bruders hingehört und war noch nicht losgekommen von dem Bild, und nun schien es ihm, als ob er es schon einmal, vielleicht schon oft, in Träumen, gesehn hätte. Denn gar nichts Fremdes war es gewesen, plötzlich zwischen diesen Spiegeln zu stehn und die Schultern dieser Frauen mit dem Blick zu messen, im Gegenteil, er hatte aufgeatmet, als er in der Loge stand, er war sicher geworden, er hatte gefühlt, wie das Blut in seinen Händen strömte, und Ij, oh, Ij war ihm gleich so vertraut gewesen wie noch keine Frau.

Ij, die Götter schicken dich mir im Dämmern dieses Tages! ...

Er sah sie wieder im Licht der Loge, im weißen Kleid, das am Hals und an den Ärmeln mit Goldstreifen verbrämt war, die im Feuer gehämmerte Goldschnecke des Haars auf der schmalen Stirn. Ein wenig zurückgelehnt, den starken Körper in das fließende Gewand geschmiegt, stand sie da, als wollte sie den Fuß zu einem Tanzschritt heben.

Die Götter schicken dich mir im goldenen Tag, der über den Dächern der Königstadt emporsteigt.

Schon waren die Sandsteinquadern der Sonnenburg gerötet, sie ragte, eine glühende Zitadelle, über dem braunen Häusermeer der Stadt ... Ein König der Mittelländer hatte den Bau begonnen, zur Erinnerung an Schlachten, nach denen alle lebendige Macht Europas in seinem Siegelring gesammelt war, vor mehr als dreihundert Jahren. Sie glich von weitem einer gewaltigen Burg mit ihrem roten Gemäuer, in Wirklichkeit schlossen die Steinwälle nur Gärten ein und behüteten die Werke des Friedens. Himmelnahe Teiche spiegelten die Werke edelster Kunst, auf grünem Rasen standen die Bildnisse der großen Männer des Gedankens. Die mittelländischen Adler, zurückgekehrt von ihrem siegreichen Flug durch die Alte Welt, wachten mit geschlossenen Flügeln auf der Spitze der Tore ... Die Gärten stiegen terrassenförmig empor, dann führten, von vier Seiten zugleich, weiße Treppen bis zur abgeflachten Spitze, die aus reinen Marmorblöcken gefügt war. Glatt und blendend lag sie unterm Himmel. Was die alten Kulturen Europas an Werken hervorgebracht hatten, war in schönsten Beispielen dort zusammengetragen. Die besten Meister in drei Jahrhunderten hatten daran gebaut. In den Gärten und Wäldern zerstreut lagen Museen, Bibliotheken und Spielplätze ... Das ist unser Vermächtnis an die Welt, sagten die Mittelländer. Das ist unser Gipfel, dessen Abhänge wir mit den schönsten Werken unsres Geistes bevölkert haben ...

Benkal trat auf den Balkon in die Morgenluft. Der Gipfel der Burg glühte wie ewiger Schnee.

Die Götter schicken dich mir aus dem brennenden Himmel, Ij. Du sollst auf jenem Gipfel stehn, leicht zurückgelehnt vor dem Wind, der deinen so schweren, deinen so leichten Körper hebt, als begännst du deinen Tanz auf dem blendenden Marmorspiegel des europäischen Himmels. Um deinen Ernst zu erhöhen, sollst du eine Fackel tragen, und man wird dich die mittelländische Mänade heißen.

So – Ij! So!

Er entkleidete sich und öffnete alle Fenster, er setzte sich an die Orgel und spielte, während die Sonne über die Königstadt aufging, lange, jubelnde Hymnen an Ij.

Ij, sang er. Ij, Ij.

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