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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 11
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typefiction
authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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XI

Das tote Kind

Erstes Bild Ein herbstlicher Garten.

Erste Szene

Die Frau. Ihre Schwester.

Die Frau: Sag mir, was war. Erinnre mich. Ich lag wohl krank? Sehr lange?

Die Schwester: Ja. Dann saßest du auf dieser Bank ...

Die Frau: Vorher! Was war? Erzähle, damit ich ruhig werde.

Die Schwester: Sie haben dir das tote Kind aus den Armen genommen, du schriest, und dich gepackt und auf dein Bett gelegt und dich gehalten –

Die Frau: Dunkel kam über mich gefegt und drückte mich in weiche Erde.

Die Schwester: Man ist leisen Tritts an dein Bett gekommen.

Du schlossest schnell die Augen und tatest, als ob du schliefst. Plötzlich fuhrst du auf und riefst –

Die Frau: Ich hatte das Kind weinen hören im Dunkeln ... Es war hell, eine Lämmerherde trug unter den Fenstern viel Glanz vorbei. Ich sah die Eisenschleuder des Hirten funkeln, es war Mai ...

Pause

Der Garten hat sich oft geändert. Erst war er grün, dann silbergrau, nun strotzt er todeskühn in allen Lebensfarben. Habe Dank, vertrautes Stückchen Welt. Du stehst wie eine reiche Stadt am Strom, du überglühst ihn, reif und satt, und breitest deinen Schatten aus wie einen Bann, in dem mit deiner, seiner Fülle schwerbeladen ein jeder zu jeder Stunde übersetzen kann. Er scheidet, wie er kam und weilte, voller Gnaden ... Hier hab' ich viel gesehn, wach und in Träumen. Wälder, die schreckliche Fangnetze wachsen lassen, wo man, und gar ein schwaches Weib wie wir, leicht hängenbleibt. Da sind Schlinggewächse, die grimmig überschäumen von den Säften, die die Angst uns aus der Seele treibt. Sind da und wollen stärker uns umfassen und nähren sich von uns, indem sie uns erdrücken, sie saugen das grelle Flackern aus Aug und Ohr und strahlen in entsetzlichem Entzücken und blühen wild empor, unsern letzten Hauch in ihren kalten Blüten aus. Darum brennt nirgends Licht so hell wie in einem Sterbehaus ...

 

Zweite Szene

Die beiden. Ein Dienstmädchen.

Dienstmädchen: Ein Telegramm!

Die Schwester: Dein Gatte kommt spät in der Nacht.

Die Frau mit plötzlicher Munterkeit: Lise, öffnen Sie das große Zimmer.

Dienstmädchen: Das große? Hat die gnädige Frau daran gedacht?

Die Frau: Daß ich nicht mehr zum Kommandieren tauge? ...

Ja, Lise, öffnen Sie die Fenster, lassen Sie es tüchtig ziehn und richten Sie ein kleines Buchenfeuer. Schneiden Sie Blumen. Blumen auf Tisch, Kommode und Kamin! Wischen Sie den Spiegel. Denn, Lise, sein Schimmer muß so blank im Zimmer stehn, wie ein freundlich Auge in einem frischgewaschenen Gesicht. Jetzt laufen Sie und fürchten Sie sich nicht. Das Zimmer, das ein halbes Jahr geschlossen blieb, ist schwarz und dumpf, doch Sie stoßen sicher auf keinen Dieb. Dienstmädchen abtretend, singend:

Liebe kann doch nicht erkalten,
Sieh mal da!
Wollen wieder Hochzeit halten,
Fallera,
Und zwei Betten werden eins,
O lala,
Alte Jungfern brauchen keins,
Tralera.

Dritte Szene

Die Frau. Ihre Schwester.

Die Schwester: Siehst du, nun ist es überstanden. Ein Engel rettet dich von deiner Bank, auf der du im Schiffbruch jämmerlich durch Fiebermeere triebst.

Die Frau: Ich weiß.

Die Schwester: Ich weiß: Du liebst ...

Pause

Die Frau: Er glich ihm sehr, und ganz und gar in Stirn und Haar, und auch der Mund von seines Vaters Lippen war ... Einmal bin ich ertrunken in meinem armseligen Nachen, doch als ich durch perlende Wolken in grünen Himmeln schwang, da war ein Glockenspiel von meines Kindes Lachen, das brausend durch alle Räume drang, ich hatte meinen Jungen, ich preßte ihn dicht an mich, er hielt mich in den Armen, aber er war viel größer als ich, er war ein Licht, das alles hielt und band, er trug mich. So ruht die Erde in Gottes Hand ...

 

Zweites Bild

Das große Zimmer. Nachts. Kein Licht.

Einzige Szene

Die Frau. Der Gatte.

Die Frau: Ich habe gelebt in allen Lebensjahren, ich habe mich schlecht gemacht, ich habe versucht, wie eine Dirne lacht, um ihr Geheimnis, ihre Kraft zu erfahren. Ich war dir untreu in Gedanken, hab' dich verlassen, ich wollte, du solltest mich schlagen, beschimpfen und schrecklich hassen. Ich glaubte, ich hätte Fischaugen und fahle Wangen, kurz, ich sei häßlicher, als man sagen kann. Ich habe viel gebetet und bin dann und wann, sogar bei Nacht und Nebel heimlich ins Kloster gegangen. Du siehst, ich hab' dir vieles abzubitten ...

Gatte: Ich glaube: wenig, das nicht auch ich gelitten ... Als ich ahnte, daß der Junge sterben müßte und dich im Traum hinwelken sah: der Junge sang »Frühling ist da«, ich zitterte, wenn ich ihn küßte – irrte ich stundenlang durch Wald und Wiesen und sprach mir zu: Nur aushalten! Frühling ist da! Die Wolken ziehn, die Bäche fließen, nur aushalten! Bald hebt sich dein Blick und sieht eines Menschen Blick, der gütig schien, das Licht in den Ästen, der Vögel Gewimmel und, näher, Blätter sich aus Knospen zwängen, Käfer ihres Weges ziehn, an dem Moos und Kätzchen hängen, und dich! dich! Nur aushalten. Bald bricht unter deinen Tritten silberner Sturmwind aus dem Sand, und das Gestrüpp, worin du schreitest, strebt senkrecht zum Himmel, indes du die befreiten Arme breitest – dein Herzpanier steht flatternd überm Land. Nur aushalten! Bald hast du dennoch ausgelitten, und des Hasses und des Leids Gebärde, die dich, wie Hunde zerrend, niederzieht, fliegt, von neuer Kraft beschwingt, in Kreisen, in denen dein Tritt ausklingt, in denen dein Blut sich aussingt, besinnungslos!

Die Frau: »Besinnungslos« ... Wieviel Blumen des Todes doch im Leben stehn und von wie starkem Duft!

Gatte: Der Tod ist keine Gruft, er ist, die wir, wir hier, nie, nie begehn, die wunderbare Weite. Wenn ich vor dir die Arme breite, spür' ich den Wind aus jenem mächtigen Land auf meinen Augen ... Gib mir auch die andre Hand und sieh mich an so tief, wie man nur im Dunkel sieht: So klang auch damals mein Blut, das dich durchzieht, als noch dein Junge in dir schlief, und er soll wiederkommen in dir, wie er schon lebt und sich regt in mir. Du und ich mit unsern vermischten Händen und Haaren tragen in uns die Zukunft von tausend Jahren! Was wäre unsrer Liebe Sinn, schüf' nicht die Welt in unsern Brüsten! Glaubst du, daß wir so tief uns küßten, wär' Tod und Leben nicht darin? ...

Die Frau: Ich dachte immer: Du sahst ihn schon. Aber wann? und wo? Jetzt weiß ich, er glich dir so! Und glich auch mir. Ein Glanz von uns lief mir davon ... Ich hab ihn wieder: hier!

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