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Benkal, der Frauentröster

René Schickele: Benkal, der Frauentröster - Kapitel 10
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authorRené Schickele
titleBenkal, der Frauentröster
publisherBuchverlag Der Morgen
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Trotz des Krieges drang Benkals, des Frauentrösters, Ruf über die Grenze.

Alle Welt bewunderte die mittelländischen Frauen, die so sehr Frauen waren, ein Erzeugnis sorgsam gepflegter und immer verfeinerter Lebenskunst von zahlreichen Generationen. Der Mann, der ihnen alles gab, was der Ausbildung ihrer Sinne zukam, bewahrte sie, eifersüchtig auf seine Freude bedacht, vor allem, was sie über die nach seinem Willen unverrückbaren Grenzen der Liebe hätte hinausführen können. Wenn man die Männer auf das Beispiel der Mädchen und Frauen hinwies, die an außerhäuslicher Arbeit teilnahmen, ohne dabei ihren fraulichen Reiz einzubüßen, so antworteten sie, daß der im Blute gewahrte Schatz von Jahrhunderten allerdings nicht von heut auf morgen verbraucht werden könne, daß er aber mit der Zeit notwendig in der Ausübung eines robusten Handwerks verlorenginge. Und sicher wuchsen im Mittelland kluge Mütter und leidenschaftliche Geliebte. Die Fremden staunten über die Mädchen, die schon wie kleine Frauen über die Straße schritten ... Die Männer rasten, zu Knäueln verbissen, auf den Schlachtfeldern vor den Bergen. Über ihrem stöhnenden Kampf begegneten einander, scheu und ehrfürchtig, die Gedanken der Geliebten und Mütter. Benkal bekam Briefe von Bewohnern der kremmischen Hauptstadt, die um Abbildungen von seinen irdischen Frauen baten.

Er schickte ihnen auf einem Umweg über den Süden die Mütter. Die Halle, wo sie aufgestellt wurden, sah Frauen aller Alter, die, zuerst abgestoßen, dann bezaubert von einer unendlich gütig gesehenen Wahrheit, zwischen den Bronzestatuen verweilten. Die sich für häßlich hielten, konnten da in den Blicken der Prächtigen aufrecht stehn, wie Heilige im Altarlicht. Die Glücklichen neigten sich, fast schuldvoll, über eine bisher unbekannte Schönheit ihres Frauentums, die, unabhängig von den Jahren, ihren vergänglichen Glanz in einem tiefen Spiegel sammelte, darin er nie ganz verlöschen konnte.

Als die Mütter zurückkamen, wurden sie, da inzwischen in der Königstadt ein großes Kindersterben angehoben hatte, auf demselben Umweg von hilfsbereiten kremmischen Frauen begleitet.

Benkal war da. Er stand tiefer im geheimen Werden der Zeit, als er selbst noch ahnte. Was er schuf, das waren keine von den bekannten schönen Gegenständen, die das Auge erfreuten. Wie auf der Suche nach den letzten Kräftequellen seines Volkes war er bis in dessen Eingeweide hinabgestiegen, er hob die Liebe, das einzige, was das sterbende Reich der Welt vermachen konnte, mit den Wurzeln aus ...

Nichts andres sah er, während er viele Liebschaften hatte, von denen er nur verlangte, daß sie ihn mit der Atmosphäre der Frau umgaben. Er suchte keine.

Nur die Frauen waren einander so ähnlich!

Ein Schein des Haars, ein Blick, der neue Reiz einer Hand, der Klang einer noch nicht vertrauten Stimme zogen ihn unmerklich von der einen zur andern. Er hätte nicht ohne sie sein können, aber er entbehrte keine, die ihn verließ.

Nur Kru, die schien gar nicht zu wissen, wie sie es hätte anstellen sollen, um ihrem Mann untreu zu werden, der mit einem Haufen andrer, schrecklicher Männer im Osten vor den Bergen lag. Trotzdem war ihr Soldat eifersüchtig, und Kru litt darunter. Nicht als ob sie gekränkt gewesen wäre, nein, aber es tat ihr weh, daß er sich außer mit den weit ernsteren Gedanken über den Feind und um seine geschwollenen Füße auch noch ihretwegen plagte ... Kru kannte bei Dingen, die ihren Mann betrafen, weder klein noch groß, sie konnte nicht Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, ihr war alles gleich bedeutungsvoll.

Um so leichter nahm sie selbst die schwersten Angelegenheiten, in die ihr Mann nicht verwickelt war, wie die anfänglichen Werbungen Benkals, Benkals große Träume und seine wirklich selbstlose Freundschaft. Die ersten hatte sie einfach abgeleugnet. Benkal konnte sich noch so mühen, um seine Verehrung in heftige Erscheinung treten zu lassen. Kru sah so lange über sie hinweg, bis sie wirklich nicht mehr da war. Die Träume, die er ihr anvertraute, fand sie berauschend kühn, und sie glaubte fest, daß sie in Erfüllung gingen. Sie glaubte so fest daran, daß sie ihr schon zum größten Teil verwirklicht schienen. Über den Rest, der bald nachkam, lohnte es nicht, sich aufzuhalten. Was schließlich Benkals Kameradschaft betraf, so konnte kein Zweifel bestehn, daß sie ihm Gleiches mit Gleichem vergalt. Wenn er sich an das Bett ihres kranken Jungen setzte und ihn stundenlang mit allerhand Kunststücken aus Knetgummi erfreute, so verbrachte sie ebenfalls halbe Tage damit, ihn durch ihre Gegenwart an der Arbeit im Atelier festzuhalten, und, was anstrengender war, sie half ihm, wenn seine ›Musik‹, wie er die Gesamtheit seiner Liebschaften nannte, in Lärm auszuarten drohte, bei dem es sich nicht mehr recht hätte arbeiten lassen.

Als die Krankheit des Jungen ernst wurde, blieb Kru fort, und Benkal durfte auch nicht mehr zu ihr. Sie kämpfte allein mit dem Tod, der in das luftige Zimmer mit den weißen Möbeln getreten war. Sie kämpfte unverzagt, bis es zu Ende war.

Neben dem toten Kind brach sie zusammen und war lange krank. Niemand durfte sie besuchen. Sie ließ Benkal sagen, daß er der erste wäre, den sie riefe, wenn sie sich besser fühlte.

In allen Häusern starben Kinder. Aber die kleine Wan, die schwanger war, saß am Fenster und lächelte. »Überall sterben die Kinder«, sagte Benkal verzweifelt, er dachte an Kru.

»Es ist sehr traurig«, nickte Wan und lächelte.

»Warum lächelst du?« fragte Benkal.

»Lächle ich?« antwortete Wan und sah auf die Straße. »Nein, es ist sehr traurig, daß soviel Kinder sterben.«

»Ja«, sagte Benkal gequält, »ja, Wan, du lächelst.«

Da bekam er einen hellen Blick in die Augen, und Wan antwortete, indem sie ernsthaft die Augenbrauen hochzog: »Es ist eine Epidemie. Die dauert eine Weile und kommt dann nicht so schnell wieder ...«

Kru ließ nichts von sich hören, und die kleinen weißen Särge verschwanden nicht aus den Straßen.

Benkal glaubte sich meilenweit abgetrieben von der Insel, auf der seine verlassene Werkstatt offenstand. Wan saß am Fenster, und er lag zusammengerollt in der Ecke des Sofas. Manchmal sagte Wan leise, ohne den Kopf zu wenden: »Da fahren sie wieder eins hinaus.

In Benkals Gedanken verschwand der Sarg von Krus Jungen schon im dichten Zug der andern. Aber alle schienen ihm gleich teuer, weil der mit Krus Jungen unter ihnen war.

Eines Nachts stand Benkal auf und begann einen Brief an Kru. Er schrieb bis in die Frühe, schlief einige Stunden und schrieb weiter. Der Boden lag voll geschwärzter Papiere, lauter lange Briefe an Kru, die er angefangen und nicht beendet hatte.

Schließlich versagten seine Finger. Die Ohren sausten ihm von den Sätzen, die er niedergeschrieben hatte. Er war wie betäubt. Kaum hatte er sich aber von der größten Erschöpfung erholt, da ließ es ihm wieder keine Ruhe. Nur schlug Krus Herz, zu dem er hinwollte, jetzt in einer zusammengedrängten Menge von Frauen, die alle Krus trostlosem Blick auf die sich entfernenden kleinen weißen Särge mit weiten Augen folgten ... Drei Tage und zwei Nächte mühte er sich mit einer Arbeit, die ihm neu war und die ihn schmerzhaft entzückte. Es war, als ob er sich jedes Wort entreißen müßte, und er schrieb doch nur drei kleine Szenen. Sie sollten zu der schwarzen Menge von Frauen vor ihm gesprochen werden, und Wan sollte mit ihrem Lächeln dabeisein. Hier sind die drei Szenen, wie Benkal sie seinem Bruder gab, damit dieser Schauspieler besorgte und die Verse im Theater aufsagen ließ.

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