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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Siebentes Kapitel

Ankunft in Gondar.
Empfang und andre Nachrichten, das Land, den Hof und die Stadt betreffend.

Es war nun im Jahre 1768, als ich Nubien verließ, wo ich nicht nur die mir aufgetragnen Verhandlungen vollkommen nach Wunsche ausgerichtet hatte, sondern auch an allen Höfen mit ausgezeichneter Achtung war behandelt worden. Die Hitze war groß am Tage, und in der Nacht dagegen die Kälte fast unerträglich; mein Vetter, der Minister, hatte aber dafür gesorgt, daß ich mich gegen beides verwahren konnte.

Die Reise ging immer längs den Ufern des Nils hinauf. Mit wahrem Entzücken erblickte ich hier das schönste Land, das ich noch je gesehen hatte; ganze Wälder von Acacienbäumen; eine angenehme Abwechselung von Bergen und Thälern; das schönste Obst und aller Orten die Spuren des Fleißes der Einwohner; den herrlichsten Weizen; großes, fettes Vieh – kurz! ich durchreisete Provinzen, die mir dem mittägigen Theile von Frankreich nichts nachzugeben schienen, nämlich der Beschreibung nach, die ich davon gelesen hatte, denn ich kannte damals von Europa noch nichts als die Gegenden von Goslar, Holzminden, Helmstedt und den Strich von meiner Vaterstadt an bis Stade. Die Fruchtbarkeit in manchen Provinzen von Abyssinien, zum Beyspiel um Selechleche her und in der Provinz Waggora, ist so groß, daß die Einwohner dreymal im Jahre ernten.

Manche von den abyssinischen Völkern, die ich sah, waren schwarz, andre braun und noch andre olivenfarbig.

Schon einige Meilen von Gondar, welches eine große, prächtige, schön gebaute Stadt ist, erblickte ich vortreffliche Anlagen, Lustschlösser, Gärten, Alleen, Straßen-Dämme, Wasserkünste – alles nach europäischem Fuße. Wenn dies sämtlich meines Herrn Vetters Werk ist, sagte ich zu mir selber, so hat er wahrlich große Verdienste um dies Königreich. Ich wollte, daß seine Eltern die Freude erlebt hätten, das alles so zu sehen, wie ich es jetzt sehe.

Ungefähr eine halbe Meile von der Residenz kam mir der Minister mit einem zahlreichen Gefolge entgegen. Er ließ sich langsam von seinem prächtig geschmückten Elephanten herunterheben; ich sprang, so gut ich konnte, von dem meinigen und ging auf ihn zu. Herr Wurmbrand umarmte mich, freylich nicht so herzlich, als ein weniger vornehmer Herr seinen Vetter würde umarmt haben, aber doch mit viel Anstande und freundlicher Herablassung. Es war Harmonie in meinen Ohren, zum erstenmal wieder seit zwey Jahren meine Muttersprache reden zu hören, und ich konnte mich nicht enthalten, ihm meine Freude darüber zu bezeugen. »Dies Vergnügen«, antwortete mir Joseph, »könnt Ihr, mein lieber Vetter! hier oft genießen; denn des Königs Majestät reden selbst Deutsch, worin ich die Ehre gehabt, Ihnen Unterricht zu geben, und haben diese Sprache zur Hofsprache erhoben. Jetzt ist, bis auf die Küchenjungen hinunter, kein rechtlicher Mensch in Gondar, der, so elend und fehlerhaft er auch das Deutsche redet, nicht sich schämen würde, sich seiner Muttersprache anders als im Gebete zu bedienen.« »Ew. Excellenz haben hier große Dinge bewirkt«, erwiderte ich, »Sie haben sich unsterblich gemacht.« – Mein Herr Vetter lächelte bescheiden und nickte gnädig mit dem Kopfe. »Wer hätte das denken sollen«, fuhr ich fort, »als Ew. Excellenz aus des Cantors Hause in Eisenach« – der Minister zog seine Stirn in ernsthafte Falten; ich brach das Gespräch ab.

Wir setzten uns nun zusammen in eine Art von Sänfte, einander gegenüber, und so ging denn der Zug langsam bis zur Residenz, wo alle Wachen vor uns ins Gewehr traten; unterwegens aber bereitete mich Joseph zu demjenigen vor, was Meiner wartete, und unterrichtete mich von dem, was ich zu beobachten hätte, wenn ich morgen dem Könige vorgestellt würde.

Jetzt kamen wir zu dem Palaste des Ministers, über dessen Pracht, der Menge von Sclaven und der Ordnung und Zierlichkeit, welche darin herrschten, ich die Augen gewaltig aufriß. Da ich indessen sehr müde von der Reise war, so wurde ich nach einer leichten Abendmahlzeit, die ich allein mit dem Minister einnahm, in meine Wohnung geführt, wozu ich den einen Flügel seines Palais aufs beste eingerichtet und mehr als zwölf Sclaven fand, die auf meine Befehle warteten. In Goslar, wo ein Stiefelknecht meine einzige Bedienung und ein schwarzer Pudel das einzige Geschöpf war, das auf meinen Wink herbey eilte, würde ich mich freylich bey einer so schleunigen Veränderung ein wenig links genommen; ja! ich würde es unbequem gefunden haben, einen Haufen müßiger, gaffender Menschen ohne Unterlaß um mich zu sehen und über das, was ich ganz bequem selbst thun konnte, erst Worte und Zeit zu verlieren, bis ein andrer seinen Arm dazu ausstreckte; allein man nimmt nichts leichter an als die vornehmen Manieren, und so viel hatte ich schon auf meinem Gesandtschaftszuge gelernt, daß ich jetzt meinen Advocaten-Anstand gänzlich abgelegt hatte und die Rolle eines deutschen Edelmanns, in welcher mein Herr Vetter mich auftreten ließ, vielleicht mit mehr Würde spielte als mancher Landjunker, der, durch ähnliche Protection und Familien-Verbindung, in einen solchen Posten hinaufgerückt ist.

Am folgenden Tage nun wurde ich dem Monarchen vorgestellt. Meine Augen wurden fast verblendet von dem Glänze, den ich auf dem Schlosse erblickte; aber auch das hatte ich schon gelernt, daß vornehme Leute immer das Ansehen haben müssen, als fänden sie alles gemein und höchst alltäglich, was ihnen auch noch so fremd ist. Ich schritt zuversichtlich und selbstgenügsam durch die Reihe der Hofschranzen und Großen des Reichs hindurch und hielt, nachdem ich mich, der dortigen Sitte gemäß, zur Erde geworfen hatte (wobey meine Nase einen derben Stoß bekam) an Se. Majestät, in deutscher Sprache, meine Anrede, in welcher ich nicht nur mein Dankgefühl auszudrücken suchte, sondern auch, nebst Überreichung der Schreiben von den verschiednen nubischen Höfen, einen kurzen Bericht von meinen glücklichen Verrichtungen erstattete.

Der König, oder große Negus, hatte einen kleinen Schaden am Gehör, und daher war es Mode, daß alle Hofleute ein wenig taub zu seyn affectierten. Kaum hatte ich daher meine Rede begonnen, so zog, als wie auf einen Wink, der ganze hier versammelte Zirkel seine tubos acusticos oder Hör-Trompeten aus den Taschen, hielt dieselben vor die Ohren und machte, ohne übrigens wirklich auf das Acht zu geben, was ich sagte, die Pantomime des Wohlgefallens, die man schicklicher Weise machen muß, wenn ein Mann von Gewicht redet.

Se. Majestät, ein Herr von vierundfünfzig Jahren, waren äußerst prächtig gekleidet; der hohe Turban war mit so viel Juwelen geziert, daß man damit hätte das ganze deutsche Grafen-Collegium auskaufen können; auch waren Sie dabey gewaltig parfümiert und schön frisiert.

Als dieser feyerliche Actus vollendet war, bezeugte mir der Monarch seine gnädige Zufriedenheit und fragte nach allerley gleichgültigen Dingen, z. B. ob ich böse Wege angetroffen hätte; wo sich jetzt der Fürst von Anhalt-Zerbst aufhielte; ob es wahr sey, daß die Jesuiten, die er aus Abyssinien vertrieben hätte, Gold machen und Geister sehen könnten; ob in Hanau noch so gute Pasteten verfertigt würden; ob man an den deutschen Höfen noch immer Französisch redete u.d.gl.m. Dann winkte der König dem Obermarschalle, daß er sich nähern sollte, und sagte ihm etwas in das Ohr, worauf dieser dem Hofe mit lauter Stimme verkündigte: Se. Majestät hätten den anwesenden deutschen Cavalier (mich nämlich) zu Ihrem Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre und Obersten der Leibgarde ernannt. Hierauf küßte ich, mit der demüthigsten Dankbarkeit, Sr. Majestät die Füße, empfing die heuchlerischen Glückwünsche der neidischen Hofleute; der König erhob sich vom Throne, ging in sein Cabinet und wir nach Hause.

»Aber um Gottes Willen, verehrungswürdigster Herr Vetter!« rief ich, sobald ich mit Joseph allein war, »was fange ich nun an? Ich verstehe nichts, weder vom Hof- noch vom Cavallerie-Dienste, bin, außer auf den Philisterpferden in Helmstedt, nie Zeit meines Lebens auf ein Pferd gekommen.« – »Seyd unbekümmert!« erwiderte er, »um Cammerjunker zu seyn, braucht man gar nichts zu wissen, und bey der Garde du Corps, obgleich sie nur aus einer Schwadron besteht, sind, außer euch, noch sechs Obersten, die den Dienst für Euch thun können. Ihr seyd zu größern Dingen bestimmt; dies ist nur der Anfang, um Euch einen Rang und Besoldung zu geben. Vorerst wird Euer Geschäfte seyn, Sr. Majestät, wenn Sie einschlafen wollen, aus den Büchern, die ich Euch namhaft machen werde, etwas vorzulesen, mit Ihnen über die Verfassung der europäischen Staaten zu reden und Sie unvermerkt zu demjenigen zu stimmen, was ich durchzusetzen mir vorgenommen habe. Wenn Ihr dabey leidlich grade auf dem Pferde hängen könnt (ich will Euch schon eine geduldige Mähre geben lassen), sooft die Garde gemustert wird, und bey Tafel guten Appetit habt, so wird der Himmel schon weiter sorgen, bis der Zeitpunct da ist, wo ich Euch in Eurem Fache ansetzen kann.« – »Aber«, sagte ich ängstlich, »mein Hauptfach sind die Pandecten, und was soll ich damit hier?« – »Noch einmal!« sprach mein Vetter mit Ungeduld, »verlasset Euch nur auf mich und raisonnieret nicht!«

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