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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel

Fortsetzung.
Beschreibung der kleinern Höfe Nubiens.

Die kleinern Fürsten Nubiens, deren Höfe ich im Vorbeygehen besuchte, waren nicht weniger originell in ihrer Art als jene großen; nur fehlte es ihnen an Macht, ihre Thorheiten und Untugenden mit so viel Aufwande zu offenbaren. Größten Theils erregten sie bey mir nur Mitleid und Lächeln. Wo sie aber konnten und durften, da übten sie eine Tyranney aus, die, wenigstens für einzelne Unterthanen, ebenso fürchterlich als die des größten Despoten war.

Am auffallendsten war mir's, daß ich nicht Einen dieser unbedeutenden Menschen sah, der nicht in seiner Residenz von zwanzig Häusern, in seinem Ländchen, das auf der Landcharte gänzlich bedeckt ist, wenn sich eine große Fliege darauf setzt, sich so erhaben, so wichtig vorgekommen wäre als der Kaiser von China. Je kleiner ein solcher Gesalbter war, einen desto längern Titel gab er sich; ja! zwey von ihnen führten seit drey Jahren einen fürchterlichen Krieg miteinander, weil der Eine sich unterfangen hatte, den Titel: Herr des Sonnenscheins seinem durchlauchtigen Namen hinzuzufügen, da hingegen der Andre behauptete, dies sey ein ausschließliches Recht seines Hauses.

Indessen hindert doch dieser Hochmuth nicht, daß Einer in des Andern Dienste tritt und sich dafür jährlich eine Kleinigkeit bezahlen läßt, daß er die Farbe trägt, worin der Nachbar seine Sclaven kleidet, oder daß er eine goldene Kette umhängt, die ihm ein Fürst, der einige Hufen Landes mehr als er besitzt, geschenkt hat und worauf eingegraben steht, daß dies ein Zeichen von Verdienst seyn solle.

An jedem dieser kleinen Höfe herrschten ein andrer Ton, andre Grillen, andre Liebhabereyen, und das alles leider! auf Unkosten der armen Unterthanen. Der Fürst von Schankala hatte einen übertriebnen Sammlungsgeist. Ich mußte seine Cabinette besehen. An Messern und Scheren von aller Art; an Schuhen, Pantoffeln, Sandalen und dergleichen, und wie nur die Fußbekleidung heißen mag, die irgendein Volk des Erdbodens trägt; an Haarkämmen, Bürsten und andern ähnlichen Kleinigkeiten besaß er einen solchen Schatz, daß er, zu Herbeyschaffung dieser Dinge aus allen Theilen der Welt, sein Land mit ungeheuren Schulden belastet hatte.

Der Fürst von Goyam fand ein großes Vergnügen an chirurgischen Versuchen und ließ wöchentlich zweymal an einem seiner Unterthanen eine Operation vornehmen; zum Beyspiel, ihm die Leber zur Hälfte aus dem Leibe schneiden, um zu sehen, wie lange man ohne Leber noch athmen könne. Dies war in der That sehr unterrichtend für junge Wundärzte; dabey war er so billig, wenn ein Mensch in einer solchen bey lebendigem Leibe vorgenommnen Section nicht starb, ihm ein kleines Jahrgeld auszusetzen, welches denn auch, wenn die Cassen nicht erschöpft waren, zuweilen wirklich ausgezahlt wurde.

In Gonga habe ich die prächtigsten Pferde, Camele und Elephanten gesehen, die in Afrika gefunden werden können. Es ist wahr, daß diese Thiere soviel fraßen, daß darüber jährlich tausend Unterthanen verhungern mußten; allein dagegen konnte sich auch kein Kaiser rühmen, einen solchen Schatz zu besitzen, und mehr Löwen, Hyänen, Affen aller Gattungen, Katzen, Ibis und dergleichen sind nirgends anzutreffen als in der Menagerie zu Gonga. Ein Spottvogel sagte einst, der Hof von Gonga sey ein Hof voll Vieh, und das sey doch ein angenehmer Anblick.

Der Fürst von Enam war ein großer Beförderer der schönen Künste. Alle Suppliken, welche ihm eingereicht wurden, mußten in Versen verfaßt seyn; nicht anders als singend durfte ihm referiert werden. Sein oberster Paukenschläger und der geheime Posaunenbläser, welche beide zugleich Sitz und Stimme im Ministerio hatten, bekamen jeder doppelt soviel Gehalt als der Justiz- und der Finanz-Minister.

Der unumschränkte Beherrscher des kleinen Landes Ghedm ließ prächtige Paläste errichten und herrliche Gärten anlegen. Seine Schlösser, mit allen ihren Nebengebäuden, hatten einen solchen Umfang, daß seine sämtlichen Unterthanen darin hätten wohnen können. Es wäre fast zu wünschen gewesen, daß er sie dazu hätte einrichten lassen; denn die armen Leute konnten es doch in ihren verfallnen Hütten nicht aushalten, sondern wanderten haufenweise aus, um sich den herumziehenden Nomaden zuzugesellen.

In Damot war die Gelehrsamkeit zu Hause; der Fürst beschäftigte sich mit speculativen Wissenschaften. Für diesen Herrn war es wirklich Schade, daß ihm seine Studien nicht Muße ließen, sich der Landesregierung anzunehmen; es fehlte ihm gar nicht an Fähigkeiten dazu. Nun aber war alles in den Händen seines General-Ober-Land- und Feld-Sonnenschirm-Trägers, der sein Liebling war und von dem man nun freylich nicht ohne Grund behauptete, daß ihm nicht anders als durch Bestechung beyzukommen wäre.

Da das Ländchen Contisch durch seine Armuth und seine Lage gegen alle feindliche Angriffe gesichert ist und der Landesherr doch wünschte, seine Unterthanen möchten einige Kenntnis vom Kriegswesen erlangen, wozu ihm schon in seiner Kindheit sein Hofmeister, der, man weiß nicht recht warum? ein alter Soldat aus Abyssinien war, große Neigung erweckt hatte, so theilte er seine sämtlichen Unterthanen in Regimenter ein, belegte alle übrige Stände mit einer Art von Schimpfe und wird dadurch den Zweck erreichen, daß, wenn nun bald niemand mehr im Lande die Felder bauet, er ein wohlgeübtes Heer hat, an dessen Spitze er die blühenden Fluren seiner Nachbaren erobern kann.

Das ist eine treue Schilderung der Höfe, die ich in Nubien, als Gesandter des Königs von Abyssinien, besucht habe! Doch muß man keinesweges glauben, es herrschten in dem großen, zum Theil noch gänzlich unbekannten Afrika, nicht auch edle weise Könige und Königinnen, Fürsten und Fürstinnen; vielmehr habe ich deren, besonders in dem mittägigen Theile, einige in der Nähe und Entfernung zu bewundern Gelegenheit gehabt, die von ihren Völkern verehrt, geliebt und deren Namen wie die Namen: Adolph, August, Carl, Catharina, Christian, Ernst, Franz, Franziske, Friedrich, Georg, Gustav, Joseph, Leopold, Ludwig, Maximilian, Peter, Stanislaus, Victor, Wilhelm, Wolfgang und andere uns in Europa so theure, heilige Namen mit Segen genannt werden; allein es liegt außer meinem Gesichtskreise, von diesen hier zu reden, und sie sind über das Lob eines armen, unbedeutenden Schriftstellers, wie ich bin, erhaben. – Wahre Größe kann nur im Stillen bewundert, angestaunt, mit warmen Herzen gefühlt, aber sie muß und will nicht gelobt werden.

Es gibt auch kleine Freystaaten in Nubien; allein sie sind es mehrentheils nur dem Namen nach, sind Oligarchien-Regierungen, wo man statt eines Tyrannen deren zehne hat, von denen sowie von ihren Weibern, Kindern und Creaturen man abhängen, kriechen, schmeicheln und sich krümmen muß, wenn man sein Glück machen will, insofern man nicht zu den herrschenden Pinsel-Familien gehört – Tyrannen, ohne Erziehung, ohne Ehrgefühl, die nur darauf denken, sich und ihre Vettern zu bereichern, die nicht, wie in Monarchien, durch irgendeinen äußern Sporn zu großen Thaten getrieben werden, weder durch die Stimme des Rufs noch durch die Feder des Geschichtsschreibers, sondern die, ohne Verantwortung und Scheu, alles Böse thun können, weil man voraussetzen darf, es sey durch die Mehrheit der Stimmen also entschieden, und die selten Reiz haben, etwas Gutes zu bewirken, weil sie die Ehre doch theilen müssen; die, wenn sie auch dies Gute ernstlich und uneigennützig wünschen, unendliche Schwierigkeit finden, es durchzusetzen, weil die Zahl der Edlern immer die kleinere Zahl ist, der größere Haufen aber theils aus Schelmen, theils aus unbedeutenden Menschen besteht, die nicht zu erwärmen sind und sich leichter von Schurken und Schleichern als von graden, edlen Männern stimmen lassen. Da läßt man denn kein eminentes Genie emporkommen, sondern macht es dem Volke verdächtig; da heißt Eifer für das Gute – Empörungsgeist, Bekämpfung schädlicher Mißbräuche und Vorurtheile – Neuerungssucht und Ketzerey; da heißt der Mann, der die Schliche der heuchlerischen Bosheit aufdeckt und der ernsthaften Dummheit die Larve abreißt – ein Satyriker, ein gefährlicher Friedensstörer. – O! wer würde nicht lieber Einem gekrönten Pinsel gehorchen, der doch nicht unsterblich ist und endlich einmal einem bessern Menschen Platz macht, als das Joch von unzähligen solchen Geschöpfen tragen, die nie aussterben?

Und nun, liebe Leser! muß ich Sie, ehe ich dies Kapitel schließe, fragen, ob Sie, bey der Schilderung des Despotismus in Nubien, nicht mit mir Ihr Schicksal gesegnet haben, das Sie in Europa hat geboren werden lassen, wo wir dergleichen Tyranneyen nicht kennen, wo die Rechte der Menschheit heilig gehalten werden und die echte Philosophie Regenten und Volk über ihre gegenseitigen Pflichten aufgeklärt hat? Aber auch in Nubien wird es einst dahin kommen, daß man diese Rechte und Pflichten näher beleuchtet. Dann wird man es laut und kühn sagen: es ist gegen die Ordnung der Natur, daß Millionen bessere Menschen, ohne Wahl, ohne Übereinstimmung, grade dem Schwächsten, dem Elendesten unter ihnen gehorchen; gegen die Ordnung der Natur, daß nicht das Gesetz, sondern die Willkür eines Einzigen Tod und Leben, Eigenthum, Ehre und Schande frey und gleich geborner Menschen bestimmen soll; daß ein Knabe, ein Blödsinniger, ein Bösewicht an der Spitze großer, edler, gesunder und weiser Männer stehen und diese zum Spielwerke seiner Grillen und Thorheiten machen soll; gegen die Ordnung der Natur, daß es vom blinden Ungefähr abhängen soll, ob der, welcher in ein Hospital oder Waisenhaus gehörte, auf einem Fürsten-Throne sitzen und mit Ländern und Völkern Possen treiben soll; gegen die Ordnung der Natur, daß man Menschen und Provinzen und Recht über Leben und Tod erben kann. Wir wollen gern gehorchen, aber nur den Gesetzen, denen wir uns freywillig unterworfen haben, nicht der Willkür, und Einer soll an unsrer Spitze stehen und über Haltung der Gesetze wachen; aber dieser Eine soll ein weiser und guter Mann, und wäre er auch nicht der Beste und Weiseste unter uns, wenigstens nicht der allgemein anerkannt Schwächste und Schlechteste seyn. Unsre Fürsten sollen es erfahren, daß alles, was sie besitzen und verwalten, unser Eigenthum ist; daß ihr Amt, ihr Stand, nur von unsrer Übereinkunft und Beystimmung abhängt; daß erst der geringste arbeitsame Bürger unter uns Brot haben muß, ehe an den Hofschranzen und Tagedieb die Reihe kömmt; ehe aus dem öffentlichen Schatze dem Müßiggänger Pasteten und Braten gekauft und Geiger und Pfeifer und Buhlerinnen besoldet werden. Und wenn das unsre Fürsten einsehen, anerkennen und darnach handeln, dann wollen wir sie in Ehren halten und nicht absetzen, wollen ihnen ihr Leben süß und leicht machen, wollen ihnen, für ihre Arbeit und Sorgfalt, Gemächlichkeit und erlaubte Freuden des Lebens und Wohlstand zusichern und dafür sorgen, daß ihre Kinder nach diesen Grundsätzen erzogen und würdig werden, nach ihnen an unsrer Spitze zu stehen. Und wenn sie tot sind, wollen wir das Andenken des guten, thätigen, väterlichen Wohlthäters segnen, der für Viele gelebt und seine Kräfte dem allgemeinen Besten gewidmet hat.

Ich hoffe, daß man bald aus diesem Tone auch in Nubien reden wird; und welch ein glückliches Reich, glücklich wie unser Europa, wird dann Nubien werden!

Nach dieser Ausschweifung kehre ich zu der Geschichte meiner Reise zurück, womit ich ein neues Kapitel anfangen will.

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