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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Sechzehntes Kapitel

Erste Anstalten zu Gründung einer neuen Regierungsform.
National-Versammlung.

Als die Nachricht von des Negus Tode und der Entweichung seiner Lieblinge im Lande bekannt wurde, war die Volks-Armee nur noch wenig Meilen von der Festung entfernt, in welcher wir uns mit dem Prinzen befanden. Eine unbeschreibliche Freude bemeisterte sich der Gemüther; allein zugleich schien auch der Pöbel zu glauben, mit der Vernichtung der Tyranney sey aller Zwang der Gesetze aufgehoben. Allgemeine Unordnung herrschte, besonders auf dem platten Lande; der Stärkere griff zu, um seine Habsucht, schlug zu, um seine Rachsucht zu befriedigen. Gewaltthätigkeiten aller Art und Sittenlosigkeit nahmen die Oberhand; es war Zeit, schleunige Mittel zu wählen, um diesem Unwesen Einhalt zu thun; allein wer sollte hierzu Anstalt treffen, da kein Oberhaupt an der Spitze stand und die Menschen besserer Art selbst unter sich uneinig waren, welche Gattung von Regierungsform sie künftig wählen und gründen sollten? Das abyssinische Reich ist groß; wie in den entfernten Provinzen die Gemüther gestimmt waren und ob dort das gebilligt werden würde, was man nun in Gondar vornahm, das konnte man nicht wissen. Hier, wo man die liebenswürdigen Eigenschaften des jüngern Prinzen kannte, schien der größte Theil des Volks geneigt, diesem die Regierung zu übertragen; mißtrauischere, vorsichtigere und sehr republicanisch gesinnte Leute hingegen wollten dies theils nur unter gewissen Einschränkungen zugeben, theils durchaus nichts von Herrschaft eines Einzigen hören. Indessen war die Armee groß, und es ließ sich voraussetzen, daß, wenn diese sich einstimmig für ein System erklären würde, es nicht schwerhalten könnte, dasselbe durchzusetzen.

In dieser Lage baten wir alle inständigst den Prinzen, sich an die Spitze des Heers zu stellen, davon der größte Theil ihm schon ergeben war und wovon er den Rest leicht durch seine Leutseligkeit und edle Beredsamkeit gewinnen würde; allein er wollte sich durchaus nicht dazu entschließen, bis endlich die Generale zu ihm gekommen waren und ihn im Namen aller Corps angefleht hatten, sie nicht zu verlassen, sondern durch seine Gegenwart den Gewaltthätigkeiten im Lande zu steuren und Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Da machte sich denn der Prinz, begleitet von seinem ehrwürdigen Mentor und uns Andern, auf und begab sich in das Lager, woselbst er mit lautem Jauchzen empfangen wurde.

Sobald wir bey der Armee angekommen waren, ließ der Prinz allen Truppen ankündigen, daß er ihnen etwas vorzutragen hätte, weswegen er sie ersuchte, von jedem Regimente oder (da das Heer zum Theil nur aus zusammengelaufenen Haufen bestand) je aus tausend Mann zwey auszuwählen, die man ihm als Abgeordnete schicken möchte, damit er diesen seine Absichten und Pläne eröffnen könnte. Dies geschahe mit aller Ordnung und Bereitwilligkeit, worauf er denn den Deputierten eine Rede hielt, die, so wenig sie studiert war, für ein Meisterstück männlicher, einfacher und erhabner Beredsamkeit gelten konnte. – Ich will nur etwas von dem Haupt-Inhalte derselben hier herschreiben; es hieß darin, ihn blende nicht der Glanz der Krone; er habe gelernt, die Süßigkeiten eines den Wissenschaften und der nützlichen Thätigkeit in kleinern Kreisen gewidmeten Lebens zu schmecken. Er habe oft gefühlt und fühle noch, wie schwer es sey, sich selber, ohne den Rath eines weisen Freundes, zu regieren – welche Thorheit also, Millionen Menschen nach den Einsichten seines eignen beschränkten Kopfs und nach den Gefühlen seines leicht irrezuführenden Herzens lenken und, ohne fremden Beyrath, unumschränkt beherrschen zu wollen! – Ihm sey daher schon der Gedanke einer willkürlichen Alleinherrschaft unerträglich. Nur nach bestimmten, mit reifer Überlegung verfaßten Gesetzen müßten vernünftige Wesen ihre Handlungen einrichten, nicht nach den Winken eines Einzigen unter ihnen. Indessen sey jetzt ein so stürmischer Zeitpunct, wo es nicht möglich sey, über Gründung dieser Gesetze sogleich einig zu werden. Er wollte also, doch nur auf Ein Jahr, das Ruder des Staats in seine Hände nehmen, nicht als sein Eigenthum, sondern als ein ihm anvertrautes Pfand, bis er es würdigern Händen übergeben könne. Es sey hier nöthig, rasche, entschlossene Schritte zu thun, um der Anarchie zu steuern und Anstalt zu einer festen Constitution zu machen. Wenn die Abgeordneten der Armee dies billigten, so sollten diese dann sogleich sich an die Spitze einzelner Corps stellen, mit diesen in alle Provinzen des Reichs marschieren und dort mit vollem Ernst einer militärischen Strenge die Ordnung und Ruhe herstellen. Sie sollten hierauf Sorge tragen, daß jedes Dorf und jede Stadt Einen oder, nach Verhältnis der Größe, mehr Deputierte, zu welchem die Gemeinen oder Kirchspiele das größte Zutrauen hätten, ohne allen Unterschied der Stände wählten; solche Deputierten aus allen Ortern, welche zu einem Amte gehörten, sollten wiederum unter sich zwey Männer auszeichnen, zu deren Vortheil sich das Urtheil der mehrsten unter ihnen vereinigte; mehrere Ämter, aus welchen eine Provinz bestehe, sollten nach eben diesem Maßstabe verfahren; und so würde denn aus zwölf Provinzen eine Anzahl von vierundzwanzig Menschen zusammenkommen – grade nicht zuviel, um wichtige Gegenstände mit Ordnung und Ruhe verhandeln zu können, und nicht zuwenig, um doch die Verschiedenheit der Meinungen und Einsichten zu nützen! Diese vierundzwanzig Personen sollten sich in Gondar versammeln und ein National-Collegium ausmachen, dessen Präsident er, der Prinz, vorerst zu seyn sich verbindlich mache. Der Zweck dieser Versammlung müßte seyn, eine auf bestimmte Gesetze gegründete Staats-Verfassung zu Stande zu bringen. Einen Plan hierzu hätte der Prinz, unter Anführung seines weisen Lehrers, schon seit einigen Jahren fertig liegen gehabt – nicht in der stolzen Absicht, je der Gesetzgeber seines Volks zu werden, sondern um seine Gedanken über Gegenstände zu berichtigen, die der ganzen Menschheit so wichtig wären, und weil er, bey der fürchterlichen Regierungs-Verfassung der letztern Zeiten, vorausgesehen hätte, daß er vielleicht einst seinen lieben Mitbürgern durch guten Rath nützlich werden könnte. Diesen Plan nun sollte die National-Versammlung durchgehen, prüfen, die einzelnen Theile desselben ausarbeiten und dann ihre Gedanken darüber ihren Committenten mittheilen. Dort würden diese Gesetze abermals geprüft, berichtigt und noch weiter hinunter an die größern Ausschüsse geschickt und endlich jedem Einzelnen vorgelegt; durch eben diesen Weg kämen sie wieder, verbessert und bestätigt, bis an die Quelle, an den National-Congreß zurück, welcher die Resultate davon, nach der Mehrheit der Stimmen, als Grundgesetz niederschriebe. Auf diese Weise würde die neue Constitution durch die Mehrheit der Stimmen aller Hausväter, aus allen Ständen, im ganzen Reiche gegründet werden, und nach Jahres Frist könne alles in Ordnung seyn. Bis dahin wolle er, der Prinz, obgleich sehr gegen seine Neigung, sich als den König des Landes betrachten, weil das National-Collegium nicht Zeit haben würde, neben der Gesetzgebung sich noch mit Regierungs-Angelegenheiten zu befassen. Er wolle dafür sorgen, daß die Geschäfte einen ordentlichen Gang gingen, nach der Weise, wie es unter seines Vaters Regierung gewesen sey. Man möge nur nicht den Einwurf machen, ein Jahr sey nicht hinreichend, ein so großes Werk zu Stande zu bringen; sobald man über Grundsätze einig geworden wäre (und das hoffte er bald zu bewirken), würde die weitere Ausarbeitung nicht viel Zeit wegnehmen; denn die Menge der Gesetze mache ein Land nicht glücklich, sondern ihre Einfalt, Bestimmtheit und pünctliche Befolgung. Auch dürfe man nicht einwenden, daß die Prüfung und Beystimmung aller, auch der weniger cultivierten Stände, weder nützlich noch erforderlich zu diesem Geschäfte wären. Jeder volljährige Mensch sey cultiviert genug, um über das zu urtheilen, was er thun oder lassen müsse, oder vielmehr, es sey ungerecht, verlangen zu wollen, daß ein Mann etwas leisten oder unterlassen sollte, wenn man ihm nicht einmal soviel Verstand zutrauete, einzusehen, warum man dies von ihm forderte. Menschen im Staate seyen ja keine Kinder, welche im Blinden zu leiten und gegen ihren Willen ihre Handlungen zu lenken andre gewisse Menschen, und noch obendrein die wenigsten an Menge, das Privilegium haben könnten. Wenn also der mögliche Fall angenommen werden könnte, daß die größere Anzahl der Bürger in einem Staate Thoren wären, so würde es sehr viel natürlicher seyn, dort, mit Einwilligung Aller, thörichte Gesetze zu geben, als einigen Klügern oder sich klüger Dünkenden zu gestatten, jenen mit Gewalt ihre Weisheit aufzudringen.

Diese Vorschläge fanden allgemeinen Beyfall, wurden niedergeschrieben und von den sämtlichen Deputierten der Armee, welche mit ihren Corps in alle Gegenden des Reichs zogen, im Lande bekanntgemacht. Hierauf schritt man sogleich zu den Wahlen, und binnen wenig Wochen waren die vierundzwanzig National-Deputierten in Gondar versammelt. Der Prinz aber übernahm, unter dem Titel eines Regenten, die Interims-Regierung, schaffte vorerst die drückendsten Mißbräuche ab, machte aber übrigens keine wichtige eigenmächtige Veränderungen.

Da ich hoffe, daß es den Lesern nicht unangenehm seyn wird, wenn ich Sie mit seinen Regierungs-Begriffen bekanntmache, so will ich in den folgenden Kapiteln den ganzen Plan, welchen er der ehrwürdigen Versammlung von Deputierten aus allen Ständen vorlegte, stückweise abschreiben.

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