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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Kapitel

Fortsetzung des Vorigen.
Großer Sturm in Abyssinien.
Des Negus Flucht und Tod.

Als zuerst die Unterthanen des Königs von Sennar die Waffen gegen ihre Tyrannen ergriffen und man sich gezwungen sahe, die benachbarten Könige um Hilfsvölker anzusprechen, da schrieb mir Manim, man affectiere am Hofe zu Gondar, von diesem Aufruhre gar nicht zu reden; so sehr wolle man das Ansehn haben, dies als eine Kleinigkeit zu verachten. Allein die Gärung breitete sich bald weiter aus; in Dequin, Bugia und in einigen kleinern nubischen Staaten griff das Feuer der Empörung gleichfalls um sich, und nun wurde auch unser Negus gebeten, eine Armee zu Hilfe zu schicken. Er war sogleich dazu bereit, zog die Achseln über die Schwäche seiner nachbarlichen Könige, weil sie das rebellische Lumpen-Gesindel (so nannte man die Leute, welche ihre Menschenrechte gegen schändliche Unterdrücker vertheidigten und Macht durch Macht vertilgten!) noch nicht zu Paaren getrieben hätten; und so ließ er denn ein Heer ausrüsten, das einer von des würdigen Stilkys Brüdern anführte, der übrigens kein ganz schlimmer Mensch war.

Anfangs schrieben die Officier von der Armee, sie hofften bald wieder nach Gondar zu kommen, die Rebellen wären nur zusammengelaufner, buntscheckiger Pöbel, ohne Disciplin und Waffen-Übung; man hätte kaum Ehre davon, gegen solches Pack zu streiten; sie liefen in die Wälder, sobald sich nur ein tapfrer Abyssinier sehen ließe.

Ganz anders lauteten die Briefe im folgenden Jahre. Da bekamen die tapfern Abyssinier, wo sie sich zeigten, von jenem sogenannten Pack derbe Schläge; ganze Corps wurden gefangengenommen, und da verwandelte sich dann des Negus Verachtung in bittern Grimm, vermischt vielleicht mit einer kleinen Ahndung, daß der Geist des Aufruhrs wohl über die Grenze nach Abyssinien hereinschleichen könnte. In der That hatte es auch dazu allen Anschein; kühne Unternehmungen, besonders wenn sie vom Schicksale begünstigt werden, erwecken immer Bewundrung; man sprach jetzt, in Gondar selbst, laut, mit Interesse und Wärme, zum Lobe der Tapferkeit jener braven Nubier, die mit kleinen Haufen ungeübter Leute ganze Armeen erfahrner Krieger in die Flucht schlügen. Es fanden sich Dichter, die dreist genug waren, diese Thaten zu besingen; man las mit Eifer die neuen Zeitungen von daher und murrte unter der Hand darüber, daß der Negus, mit Aufopferung so vieler wackern Abyssinier, sich in Händel mischte, die ihn nichts angingen.

Ich merkte in Adowa, wo ich dies alles in Entfernung beobachtete, daß meinen deutschen Gelehrten, besonders den republicanisch gesinnten Pädagogen, die Finger juckten, etwas Kühnes über diesen Gegenstand schreiben zu können; allein ich suchte dies zu verhindern, zeigte ihnen die Unzweckmäßigkeit und Gefahr eines solchen Unternehmens. »Man muß«, sagte ich, »der wohlthätigen Hand der Zeit die Sorge überlassen, dergleichen Revolutionen zur Reife zu bringen; vielleicht kömmt der Augenblick, wo Sie, wenn das Feuer auch hier ausgebrochen ist, Ihre schriftstellerische Talente auf eine würdigere Art anwenden können, zur allgemeinen Ruhe etwas beyzutragen und mit philosophischem Geiste Volk und Monarchen über ihre gegenseitigen Pflichten aufzuklären. Und denken Sie denn nicht daran, welcher Gefahr Sie sich selber, den edeln Prinzen und uns Alle aussetzen würden, wenn der Negus glauben müßte, daß von Adowa aus der Geist des Aufruhrs, vielleicht aus Privatrache von mir und meinem Vetter angereizt, in Abyssinien erweckt würde?« – Meine Vorstellungen bewirkten, was ich gehofft hatte, und nirgends vielleicht im ganzen Reiche wurde mit soviel Mäßigung und Nüchternheit von diesen Angelegenheiten geredet als grade da, wo ein kleiner Haufen von Menschen lebte, die sich nicht wenig über den Monarchen zu beklagen hatten und deren Einfluß nicht geringe gewesen seyn würde, wenn sie ihn hätten anwenden wollen.

Bald nachher erschienen von Seiten des Hofs die strengsten Verordnungen, über den Aufruhr in Nubien nicht zu reden, nebst einem Verbothe aller Schriften, welche davon handelten, und aller ausländischen Zeitungen. – Wie wenig diese Befehle fruchteten, das wird man leicht begreifen; man sah nun, daß sich der Negus fürchtete, und das verschlimmerte das Übel.

Das nächste Frühjahr kam heran, und es sollte eine große Recruten-Aufnahme für die Armee in Nubien vorgenommen werden; aber da weigerten sich, als sey deswegen eine allgemeine Verabredung getroffen worden, die sämtlichen Dorfschaften, ihre junge Mannschaft auf die Schlachtbank zu schicken. Man ließ Regimenter gegen die widerspenstigen Bauern anrücken – aber die Soldaten wurden zurückgeschlagen.

In dieser Noth rief man das ziemlich geschmolzene Heer aus Nubien zurück. Es kam; aber Anführer und gemeine Soldaten hatten dort Freyheit und Menschenwürde respectieren gelernt; alle weigerten sich einstimmig, gegen ihre Mitbürger die Waffen zu führen; und der armselige Negus stand, nebst dem Haufen seiner Lieblinge, in vernichteter Majestät verlassen da.

Nun wollte er anfangen, mit dem Volke zu capitulieren; allein es war zu spät; die Partey war jetzt zu ungleich. Ein zahlreiches Heer hatte sich unter Anführung eines vom Könige übel behandelten, zurückgesetzten und beschimpften alten Generals zusammengezogen, wurde täglich durch neuen Zulauf verstärkt und rückte schnell gegen Gondar an.

Was war zu thun? Se. Majestät lagen damals an einer Entkräftung krank, die Sie sich durch allerhöchstdero viehische Ausschweifungen zugezogen hatten; Schreck und Ärgernis vermehrten das Übel; und doch mußte eilig ein Entschluß gefaßt werden. Der Haufen der Hofschranzen selbst fing nun an, da die Altäre der Götzen wankten, dem Negus und seinem Kebsweibe nicht mehr mit jener sclavischen Ehrerbiethung zu begegnen; sie wären gern Alle davongelaufen, wenn sie nicht geahndet hätten, daß sie bey der Armee mit dem Staupbesen würden empfangen werden.

In diesen Augenblicken von Verzweiflung hatte mein Herr Vetter, der Exminister, den Triumph, einen Courier vom Könige in Adowa ankommen zu sehen, welcher ihm einen Brief von dem Monarchen brachte, der ihn in den herablassendsten Ausdrücken bat, alles Vergangne zu vergessen, und ihn beschwor, sich sogleich zum Kriegsheere zu begeben und alles anzuwenden, das unruhige Volk zufriedenzustellen, indem er die Bedingungen gänzlich seiner Klugheit und Großmuth überließ. Der König selbst hatte sich indes nebst seinem Hofstaate nach einer Festung führen lassen, wo er wenigstens vor den kleinen wilden Haufen, die jetzt ohne Zucht und Ordnung durch das ganze Reich rennten, sicher seyn konnte.

Mein Vetter genoß diesen Triumph, wie es einem verständigen und redlichen Manne zukömmt; er vergaß den alten Groll und begab sich, begleitet von meiner Wenigkeit, unverzüglich in das Lager der Insurgenten.

Allein die Zeiten, Vergleichs-Vorschläge anzunehmen, waren vorbey. Wir wendeten unsre ganze Beredsamkeit vergebens an; die Nation drang auf gänzliche Abschaffung der monarchischen Regierung, auf Vernichtung des Adels, auf Abdankung des stehenden Heers, auf Auslieferung der Volks-Unterdrücker, um sie gebührend zu bestrafen, verlangte endlich, daß der Negus selbst den Thron verlassen und in den Stand eines Privatmannes zurücktreten sollte.

Das waren nun harte Bedingungen; weil wir aber keine Hoffnung vor uns sahen, dies National-Urtheil zu mildern, so wollten wir wenigstens den unglücklichen König nicht verlassen. Der jüngre Prinz war großmüthig genug, seines Bruders Schicksal mit ihm theilen zu wollen; und so zogen wir denn, der gute Prinz, sein vortrefflicher Lehrer, mein Herr Vetter und ich, im Frühjahr 1787 zu dem Negus in die kleine Festung, um dort den Ausgang der Sache zu erwarten.

Als wir dahin kamen, fanden wir seinen Gesundheits-Zustand so sehr verschlimmert, daß wir bald sahen, er würde den Schimpf, welcher ihm bevorstand, nicht erleben. Wirklich starb er wenige Tage nachher, wie solche unbedeutende Menschen zu sterben pflegen, und wir ließen ihn in der Stille begraben.

Jetzt harrte freylich der Buhlerin und des ganzen Anhangs ein sehr trauriges Los. Der Pöbel, welcher bey solchen Revolutionen sich nie in den Schranken der Gerechtigkeit und Mäßigung hält, hatte schon in Städten und Dörfern alle diejenigen auf die grausamste Weise ermordet, welche er für Creaturen des Hofs hielt; was für ein Schicksal die Haupt-Gegenstände des allgemeinen Hasses zu erwarten hatten, das ließ sich leicht voraussehen. Wir wollten doch gern, soviel an uns lag, allem fernern Blutvergießen steuren; und so sorgten wir dafür, daß dieser ganze Haufen in der Nacht verkleidet die Festung verließ und durch unbekannte Wege in das Königreich Kongo flüchtete; da wir dann weiter nichts mehr von diesen unwürdigen Menschen gehört haben.

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