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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Kapitel

Wie es dem Verfasser und seinem Herrn Vetter geht.

Ich habe bis jetzt die Fehler nicht verschwiegen, welche man meinem Herrn Vetter, als Staatsmann betrachtet, vorwerfen könnte. Einer der hauptsächlichsten war gewiß der, daß er den alten Negus in despotischen Grundsätzen bestärkte oder vielmehr, durch Verpflanzung der europäischen Einrichtungen nach Abyssinien, die Ausübung des dortigen Despotismus erleichterte und in ein zusammenhängendes System brachte, ohne dennoch ernstlich genug auf Einführung weiser Grundsätze zu denken, nach welchen man despotisch regieren wollte. Was mich selber betrifft, so habe ich gleichfalls nicht verhehlt, daß ich mir einige Unvorsichtigkeiten in der Wahl der nach Abyssinien geschickten Gelehrten und Künstler und einigen Mangel an Festigkeit, bey Leitung des Kronprinzen, habe zu Schulden kommen lassen; allein mit eben dieser Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe darf ich doch auch behaupten, daß wir beide uns, als unter der neuen Regierung nur Schelme und Schmeichler, auf Unkosten der Bessern, ihr Glück machen konnten, gewiß so betragen haben, wie es redliche Männer ziemt. – Auch wird man mir das glauben, wenn ich nun erzähle, daß wir das Opfer davon wurden.

Solange die Einrichtungen, welche der neue Monarch machte, und seine raschen Schritte nur Unkunde, jugendliche Übereilung und Schwäche verriethen, hoffte der Minister immer noch, Zeit, Erfahrung und sanfte Vorstellungen würden in der Folge das Ihrige thun. Er verbarg oft seinen Unwillen, ertrug manche Demüthigung, beruhigte sich, wenn er nach Gewissen geredet hatte, und ließ dem Dinge seinen Lauf. Als aber endlich der Haufen der niederträchtigen Creaturen, in allen ihm anvertraueten Fächern, nach Willkür schaltete und waltete, man dann von ihm verlangte, daß er Befehle unterschreiben und ausfertigen lassen sollte, die tyrannisch und unvernünftig waren, da wagte er endlich einen Schritt, wovon er voraussah, daß er ihm theuer zu stehen kommen würde, den er aber sich selber, der Redlichkeit und seinem Rufe schuldig zu seyn glaubte. Er weigerte sich grades Wegs, die Hände zu solchen Grausamkeiten zu biethen, und forderte, daß man ihm folgen oder ihm den Abschied geben sollte. Hierauf hatte man gelauert; das hatte man gehofft und vorausgesehen. Er bekam nicht nur den Abschied, sondern auch Befehl, ein kleines Jahrgeld, welches man ihm aussetzte, in den Gebirgen von Waldubba zu verzehren. Sein Sturz (wenn man den Triumph der Rechtschaffenheit also nennen muß) zog den meinigen nach sich; mein Urtheil war dem seinigen gleich; und Stilky, der bekannte Liebling und Kuppler des Negus, wurde erster Minister.

Ich meine gesagt zu haben, daß die Dörfer, welche in den Gebirgen von Waldubba liegen, woselbst auch viel Einsiedler-Mönche wohnen, wie das russische Sibirien zu einem Exil für die in Ungnade gefallnen Staatsbedienten bestimmt sind, daß man ferner die jüngern Prinzen, welche nicht auf den Thron kommen sollen, dahin zu senden pflegt und daß also auch der jüngere Bruder des neuen Negus mit seinem Hofmeister, den ich als einen edeln und weisen Mann beschrieben habe, dort lebte. Die Einrichtung, die jüngern königlichen Kinder auf diese Weise aus aller Verbindung mit dem Hofe und dem Volke zu setzen, rührte aber eigentlich aus ältern Zeiten her und war das Werk herrschsüchtiger Minister, die auf diese Weise unter den Prinzen den schwächsten zum Thronerben auswählen und die übrigen in Dunkelheit vergraben konnten. Als nun mein Herr Vetter an das Ruder der Geschäfte trat und dieser in der That die besten, uneigennützigsten Absichten hatte, wenngleich er nicht immer glücklich in der Wahl der Mittel war, bat er den alten Negus, jene grausame Gewohnheit, die Prinzen als Gefangne zu behandeln und in Unwissenheit zu erhalten, abzuschaffen. Er erhielt ohne Mühe von dem gutmüthigen Könige, zugleich mit dem Befehle, den Kronprinzen unter meiner Führung auf Reisen zu schicken, auch für den andern Negus-Sohn die Erlaubnis, nebst seinem einsichtsvollen Mentor den Aufenthalt in Waldubba mit Adowa zu vertauschen, wo nun die neue Universität gegründet und der Umgang mit Gelehrten fähig war, seinen Geist vollends auszubilden und ihn sein Leben angenehm hinbringen zu machen. Seit fünf Jahren wohnte also der junge Herr nebst seinem kleinen Hofstaate in Adowa.

Als nun meinem Herrn Vetter und mir angekündigt wurde, daß wir jene rauhe und zugleich ungesunde Gegend zu unserm künftigen Aufenthalte wählen sollten, da wurde uns in der That das Herz schwer. Unser Umgang würde sich haben auf die dort wohnenden heuchlerischen und ausschweifenden Mönche einschränken müssen – und welch ein elendes Leben war das! Nach Europa zurückzureisen, daran war jetzt nicht zu denken. Die Jahrszeit schien dazu nicht günstig; man würde uns nicht erlaubt haben, etwas von dem Vermögen, welches wir uns gesammelt hatten, mitzunehmen, und als Bettler in unser Vaterland wiederzukommen, nach der Rolle, die wir gespielt hatten – das war ein bittrer Gedanke. Hierzu kam noch, daß, ohne besondre Empfehlung und Sorgfalt der abyssinischen Regierung, worauf wir doch jetzt nicht rechnen durften, diese weite Reise für uns gefährlich, ja! unmöglich wurde.

In dieser Verlegenheit hielten wir es für Pflicht gegen uns selber, den Umständen nachzugeben und uns zu guten Worten herabzulassen. Wir demüthigten uns also und baten, daß man uns gestatten möchte, ruhig in Adowa uns niederzulassen, wo jetzt eine große Anzahl unsrer Landesleute wohnte, an denen wir in unsern glänzenden Tagen so viel auszusetzen gefunden hatten und nach deren Umgang wir uns nun innigst sehnten. Nicht ohne Schwierigkeit erlangten wir diese Vergünstigung; doch gab man endlich nach, und wir zogen im Anfange des Jahres 1781 nach Adowa.

Undankbar müßte ich gegen das Schicksal seyn, wenn ich nicht laut bekennen wollte, daß die sechs Jahre, welche ich dort im Exil zugebracht habe, mit zu den glücklichsten meines Lebens gehört haben. Wir kauften, mein Vetter und ich, ein kleines artiges Häuschen, nebst Hof und Garten, richteten uns nicht prächtig, aber gemächlich ein, schlossen uns auf gewisse Weise an den kleinen Hof des liebenswürdigen Prinzen an, von welchem ich in der Folge noch so viel werde sagen müssen, und genossen den lehrreichen Umgang seines mir unvergeßlichen Führers Alwo. (Wie kommt es, daß ich den Namen dieses vortrefflichen Mannes noch nicht genannt habe?) Aber auch die Gesellschaft der deutschen Gelehrten und Künstler, die dort wohnten, gewährte uns manche angenehme Unterhaltung. Es waren darunter doch gute Köpfe, wenn auch hie und da ein wenig Verschraubtheit mit unterlief. – Unser Leben war den Wissenschaften, der Gemüthsruhe und geselligen Freuden gewidmet; die Ausbildung meines Geistes und Herzens habe ich dieser sechsjährigen Periode zu danken.

Was nachher in Abyssinien vorging und ich in den folgenden Kapiteln erzählen werde, das habe ich größtentheils in der Entfernung, mit kaltem Blute, ohne thätige Theilnahme beobachtet, und um desto unparteyischer wird nun der Rest meiner Geschichte ausfallen.

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