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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Erstes Kapitel

Etwas von der Familie und den übrigen Verhältnissen des Verfassers.

Ich weiß wohl, daß man es Schriftstellern, und besonders einigen neuern Reisebeschreibern, sehr übel auslegt, wenn sie in ihren Werken viel von sich selber, ihren Freunden und Verwandten reden; und da ich mir fest vorgenommen habe, in diesem Buche einen ganz andern Weg zu gehn als den gewöhnlichen, so sollte ich mich freylich hüten, gleichfalls in diesen Fehler zu verfallen: allein ich halte es doch für Pflicht, bevor ich zu der Erzählung der Begebenheiten selber schreite, die Leser zuerst genauer mit den Personen bekannt zu machen, von deren Abenteuern und Unternehmungen ich ihnen Rechenschaft geben will. Meine Geschichte gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit; und wenn ich mich kurz fasse, so hoffe ich auch, Sie sollen, meine werthesten Herren und Damen! nicht ungebührlich viel lange Weile dabey haben. – Also frisch daran!

Mein Vater, seligen Andenkens, war ein Bierbrauer in Goslar und verfertigte die vortreffliche Gose, von welcher der große Hübner, was ihren Geschmack und ihre eröffnende Wirkung betrifft, rühmlichst Erwähnung thut. Wir hielten zugleich ein Wirthshaus und hatten immer die Stube voll lustiger Gäste. Hier fielen dann sehr angenehme Gespräche, besonders über politische Gegenstände, Krieg und Frieden vor; reisende Handwerksburschen, Soldaten u.d.gl. erzählten von fremden Ländern und Städten; und wenn ich, als ein Knabe, mit meinen Büchern aus der Schule kam (wo man mir zehn Jahre lang hauptsächlich mit Gesenii Catechismus-Lehren und nebenher mit einigen nützlichen weltlichen Kenntnissen das Gedächtnis schmückte, die Bildung des Herzens nebst der Übung des Scharfsinns und der richtigen Beurtheilungskraft aber der Zeit und den Umständen überließ), verweilte ich oft in dem allgemeinen Gast-Zimmer, um jenen Erzählungen zuzuhören, und ließ schon früh die Lust zum Reisen und Wandern in mir erwecken.

Es hatten aber meine Eltern beschlossen, mich die Rechte studieren zu lassen und aus mir einen Advocaten zu machen. Von dieser wohlthätigen und nützlichen Menschenclasse befanden sich damals kaum fünfzig in Goslar, von denen einige, die schon sehr alt waren, vermuthlich bald aus dieser Welt heraus contumaciert werden mußten; und so war denn Hoffnung da, daß ich, nach vollbrachten Studien, in meiner Vaterstadt als Sachwalter Brot finden würde. Man schickte mich zu diesem Endzwecke, sobald ich confirmiert war, auf die Schule zu Holzminden und dann, im zwanzigsten Jahre meines Lebens, nach Helmstedt, woselbst ich von einem kleinen Stipendio lebte und, in einer großen Fütterungs-Anstalt für arme Studierende, mit derber Kost versehen wurde, die in der That wohl passender für Tagelöhner als für Gelehrte gewesen wäre, jedoch meinen Vater, der monathlich ein paarmal bey Trompeten- und Pauken-Schalle beträchtliche Summen im Braunschweigschen Lotto verspielte, von der Sorge befreyete, sehr viel auf meinen Unterhalt zu verwenden.

Im Jahre 1764 befahl mir mein Vater, nach Goslar zurückzukehren. Ich fand ihn in sehr zerrütteten Gesundheits- und Vermögens-Umständen. Es schien, als wenn die ungerechten Flüche derer, denen seine Gose zuweilen Leibschmerzen verursachte, alles nur mögliche Ungemach über sein Haupt brächten. Außer dem Verluste, den er in der Zahlen-Lotterie erlitten hatte, war er noch auf andre Weise unglücklich gewesen. Die Sache ging also zu. Der berühmte Graf St. Germain, der bekanntlich ein großer Alchymist und Universal-Arzt war oder vielmehr ist (denn den Gerüchten, als sey er kürzlich in Schleswig gestorben, darf man keinen Glauben beymessen; ein solcher Mann stirbt nicht; und wäre dem so, und hätte man am Ende entdeckt, daß er ein Betrüger gewesen, so würden ja doch die Leute, bey denen er zuletzt gelebt, es für Pflicht der Rechtschaffenheit gehalten haben, seine Schelmereyen, zur Warnung des abergläubischen Publicum, öffentlich bekanntzumachen, möchte man auch ein bißchen über ihre Leichtgläubigkeit lächeln oder seufzen!), dieser Mann nun bereisete den Harz und hielt sich einige Wochen in Goslar auf, wo er seinen herrlichen Thee, den er wohlthätiger Weise das Pfund für einen Carlsd'or verkaufen ließ, debitierte. Dieser Thee hatte, wie man weiß, die unvergleichliche Gabe, wenn er lange genug gebraucht wurde, von allen Sorgen dieses Lebens zu befreyen und zu einer bessern Welt vorzubereiten. Der Graf war damals in seinen besten Jahren, kaum eintausendachthundert Sommer alt. Einer seiner Lakayen, der noch nicht viel über fünfhundert Jahre bey ihm diente, kam täglich in meiner Eltern Haus, war sehr geschwätzig, redete viel von den Arzeneymitteln seines Herrn und machte endlich meinem Vater begreiflich, daß, wenn er dem Herrn Grafen einen großen Vorrath von dem Wunder-Thee auf Speculation abkaufte und damit den ganzen Unterharz laxierte, er nicht nur an manchen Familien zum Wohlthäter werden, sondern auch ein ansehnliches Capital gewinnen könnte. Mein Vater ließ sich ankörnen, erhandelte zweyhundert Pfund von der wohlthätigen Ware, und der Wundermann reisete weiter. Die ersten Proben, welche Herr Noldmann mit diesem Universal-Mittel machte, fielen unglücklich aus; die Patienten hatten nicht Geduld genug, solange zu leben, bis die eigentliche Wirkung des Thees erfolgen konnte, und der Stadt-Physicus, der sein Privilegium, für die Bevölkerung des Paradieses zu sorgen, mit niemand theilen wollte, verklagte meinen Vater bey dem Magistrate. Der Proceß fiel zum Nachtheile des Beklagten aus; der Thee wurde confisciert, von Sachkundigen geprüft und, da man ihn aus äußerst gemeinen, wohlfeilen, aber bey unvorsichtigem Gebrauche schädlichen Kräutern zusammengesetzt fand, ins Wasser geworfen, mein armer Vater aber zu einer großen Geld-Strafe verurtheilt. Aus Kummer über diesen neuen Unfall und über seine täglich sich verschlimmernden häuslichen Umstände fiel er in eine gefährliche Krankheit. In dieser Zeit schrieb er mir, ich möchte zu ihm kommen, indem er durch meine Praxis sich wieder in eine beßre Lage zu versetzen hoffte. Was aber seine Gesundheit betraf, so war er jetzt gegen den Arzt aufgebracht und wollte sich also seiner Hilfe nicht bedienen; noch hatte er ein paar Pfunde von seinem Thee heimlich gerettet, und da sein Glaube an die Wirkung desselben um nichts schwächer geworden war, so trank er selbst fleißig davon. Vierzehn Tage nach meiner Ankunft brachten ihn so weit, als die beharrlichsten unter St. Germains Patienten früher oder später zu kommen pflegten; er starb in meinen Armen und hinterließ seiner Familie drückende Sorgen für die Zukunft.

Meine Mutter, von der ich noch nichts gesagt habe, lebte damals noch; mein Vater hatte für sie in eine auswärtige Witwen-Casse gesetzt; allein da die Einrichtung derselben auf unrichtigen Berechnungen beruhete, so konnte sie keinen Bestand haben; die Direction der Casse hatte daher schon vor einigen Jahren bekanntgemacht, daß sie nicht Wort halten könnte; das ganze Institut zerfiel; eine Menge von Familien verloren ihren Unterhalt, ihre von der Landesherrschaft gesicherten Forderungen, die armen Weiber ihre Aussichten, ihre Hoffnungen, künftig vor Mangel geschützt zu seyn; und unter diesen war denn auch meine Mutter.

Da es meinem Vater gefallen hatte, aus mir das zu machen, was man einen Gelehrten nennt, so schickte es sich nicht für mich, als Bierbrauer und Schenkwirth in seine Fußstapfen zu treten; auch fanden sich soviel Schulden, daß wir Haus und Inventarium verkaufen mußten, um diese zu tilgen. Ich miethete also ein paar kleine Zimmer, that den sehr unbedeutenden Rest, der von unserm Vermögen übrig blieb, auf Zinsen aus und beschloß vorerst davon, und dann von meiner Arbeit als Advocat, mich und meine Mutter, so gut es gehen wollte, zu unterhalten.

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