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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel

Fortsetzung des Vorigen.

Wir hielten uns nicht lange in Dresden auf; es war die Zeit der Leipziger Buchhändler-Messe, und ich hatte eine doppelte Ursache, gern alsdann dort seyn zu wollen. Ich war nämlich, durch meine Abwesenheit, ein wenig verhindert worden, in der Kenntnis der deutschen Literatur mit fortzurücken; hier, wo einige hundert Buchhändler alle neuern Producte vaterländischer Gelehrsamkeit und des Geschmacks gegeneinander austauschen, konnte ich hoffen, in wenig Tagen deutlichere Begriffe von dem gegenwärtigen Zustande der Cultur und dem literarischen Tone in Deutschland zu bekommen als andrer Orten in langen Monathen. Da ich ferner den Auftrag, Gelehrte und Schriftsteller aller Art für Abyssinien anzuwerben, nie aus den Augen verlor, so dachte ich, Leipzig sey zur Zeit der Messe grade der Ort, wo ich theils einige derselben persönlich kennenlernen, theils von den Buchhändlern erfahren könnte, welche unter ihnen in vorzüglich großem Rufe stünden. Die jungen reisenden Prinzen müssen, wie bekannt, daran Geschmack finden, was ihre Hofmeister wählen; also war auch mein schwarzer Prinz sogleich bereit, meinem Plane zu folgen.

Wir kamen gegen Abend an und traten in einem großen Gasthofe ab. Indes die Tafeln für Se. Hoheit und uns alle bereitet wurden, ging ich hinunter in das allgemeine Gastzimmer und unterhielt mich ein wenig mit den dort sitzenden Gästen. Es waren auch, wie ich bald merkte, Gelehrte und Buchhändler darunter. Einer von ihnen zeigte mir den großen Meß-Catalogus. – Mein Gott! wie erschrak ich! Gegen Ein Werk von nützlichem Inhalte zehn dickleibige Romane, deren Titel nicht einmal von Sprachfehlern und Albernheiten frey waren; ebensoviel in acht Tagen verfertigte Lust- und Trauerspiele, ebensoviel Werke über Freymaurerey, Taschenspielerkünste, Geistersehen und Goldmachen; ebensoviel Schmähschriften gegen den persönlichen Character solcher Männer, die man, bey ihrer ersten Erscheinung in der gelehrten Welt, zur Ungebühr ausposaunt hatte, an denen man nun seine eigne Blödsinnigkeit bestrafte, alles wirklich Gute an ihnen mit Füßen trat und auf die unwürdigste Weise kleine Anecdoten aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angingen, hervorsuchte, um den Mann öffentlich zu beschimpfen und preiszumachen, der im Grunde nichts weiter versehen, als daß er das Unglück gehabt, einst, mehr als er gefordert hatte, hochgepriesen zu werden; ebensoviel Märchen-Sammlungen, in welchen Geschichten, die schon hundertmal gedruckt waren, ja! deren einige in aller Ammen Munde waren, neu aufgestutzt erschienen. – Und endlich Musenalmanache, Blumenlesen! – Einer von den Gästen holte ein solches Büchelchen aus der Tasche hervor; ich blätterte darin und erstaunte. »O Himmel!« rief ich, »sind das Verse? Ist es genug, daß man seinen Unsinn in kurzen, langen und mittelmäßig langen Zeilen absetze, um das ein Gedicht zu nennen? So kann ja jeder Knabe seine Schul-Exercitia, wenn er sie auf diese Weise schreibt, zu Versen erheben! Wo man verlegen ist, eine lange Sylbe zu finden, da nimmt man statt dessen fünf kurze; oder macht auch nach Belieben zu kurzen Sylben solche, in denen sechs rauhe Consonanten, zwey doppelte m und dergleichen vorkommen. Was in aller Welt«, fragte ich, indem ich weiter blätterte, »will dieser Barde aus Wien mit seinem holprigen reimlosen Gewäsche, voll Provinzialismen? Kann etwas als Gedicht wohlklingen, was schon als Prosa das Ohr beleidigen würde? Und welch eine unwürdige Veranlassung zu diesem kleinen Liede? Kann man in Dichterfeuer gesetzt werden von einem Gegenstande, der der Aufmerksamkeit jedes verständigen Mannes unwerth ist? Und dies platte Sinngedicht! Ist ein Einfall, dessen sich ein Knabe von einigen Anlagen schämen sollte, werth, in der erhabnen Sprache der Begeisterung vorgetragen zu werden? Und diese Kleinigkeit von dem edlen Gleim! Kann der würdige Sänger der Kriegslieder sich, aus Gefälligkeit gegen ein entnervtes Publicum, zu solchen wäßrigen Spielereyen herablassen? Lieset denn niemand mehr unsre alten Lehrer, Hagedorn, Gerstenberg, Lessing, Kleist, Uz, Gellert, Ramler, Wieland, Klopstock und andere, um zu lernen, was Versbau, Wohlklang, Erhabenheit heißt? Und was sagen unsre Critiker dazu?« Als ich der Critiker Erwähnung that, sahe ich, wie ein paar von den Buchhändlern schelmisch einander anlächelten. Ich bat sie, mich zurechtzuweisen, wenn ich etwas Albernes sollte gesagt haben. »Nein!« antwortete der eine, der ein stattlicher Mann aus Hamburg war, »Sie würden vollkommen Recht haben, von der Critik zu verlangen, daß sie Schriftsteller und Dichter vor Vernachlässigung weiser Regeln warnte, wenn unsre Kunstrichter bekannte Männer von Kenntnissen und Ruf wären. Wenn aber jeder unbärtige Knabe, der ein wenig Lectur hat, sich mit einer Gesellschaft von Halbgelehrten seines Gleichen vereinigt und dann hinter der Maske der Anonymität die Werke der größten Männer von entschiednem Rufe mit Machtsprüchen für lose Ware erklärt, seiner unbedeutenden Freunde unreife Geburten hingegen als Meisterstücke ausposaunt; oder wenn ein elender Zeitungsschreiber seinen interessanten Nachrichten von den geschmacklosen Festen, welche die Fürsten und Gesandten gegeben haben, von Universal-Arzeneyen und von Couriern, deren Depeschen noch niemand gelesen hat, größern Gewinstes wegen, auch einen sogenannten gelehrten Artikel anhängt, das heißt, ein leeres Blatt, bestimmt, um darauf gegen gute Bezahlung die Lobes-Erhebungen abzudrucken, welche wir Verleger, oder die Schriftsteller selbst, von ihren eignen Büchern ihnen einschicken; oder wenn ein Dutzend junger Leute, unter der Firma eines Mannes von einigem Rufe in der gelehrten Welt, in einem critischen Journale, statt unparteyisch die herauskommenden Werke nach dem innern Gehalte zu beurtheilen, den darin herrschenden bestimmten Begriffen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die schwankenden hingegen zu widerlegen, wenn sie, sage ich, statt dessen die Lieblings-Meinungen ihres Anführers allgemein zu machen suchen und jedes Buch tadeln müssen, in welchem gegentheilig Sätze vorgetragen werden; oder wenn nun gar, unter dem Namen von gelehrter Critik, der persönliche Character der Schriftsteller hämischer Weise angegriffen wird; wenn man ehrliche, harmlose Leute dem Publico verdächtig zu machen sucht; Scenen aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angehen, auf die gehässigste Art hervorzieht, um dem Manne, dessen literarische Verdienste man vielleicht beneidet, die öffentliche Achtung zu rauben, von welcher sein bürgerliches Glück abhängt – sagen Sie mir, mein Herr! ob dann noch die Critik bey uns in Ansehen stehen kann und ob nicht die Recensionen auch der unparteyischsten, kenntnisvollsten Journalisten verdächtig werden müssen?«

Diese Schilderung gefiel mir nicht; ich faßte aber Zutrauen zu dem Manne, welcher sie mir entwarf, und eröffnete ihm meinen Vorsatz, in Leipzig einige Gelehrte, Künstler und einen Buchhändler anzuwerben, die sich entschließen könnten, nach Abyssinien zu reisen, wobey ich ihm dann die vortheilhaften Bedingungen bekanntmachte, unter denen sie sich in Adowa niederlassen könnten. Der redliche Buchhändler sagte mir gradeheraus, daß schwerlich Männer von einigem Rufe, und die in Deutschland ihr Auskommen hätten, sich zu dieser weiten Reise verstehen würden; doch versprach er, die Sache in Leipzig bekanntzumachen.

Am folgenden Tage nun hatte ich einen großen Überlauf von Leuten aller Art, die sich für Dichter, Philosophen, Tonkünstler, Maler und dergleichen ausgaben und mir, zum Beweise ihrer Geschicklichkeit, ihre Werke überreichten. Von Buchhändlern meldete sich niemand als Herr Schulz aus Hanau. Dieser schien ein ganz guter Mann zu seyn, und wir wären gewiß unsers Handels einig geworden, wenn er nicht noch an demselben Tage die Nachricht bekommen hätte, daß man einen Buchhändler-Umschlag in Hanau anlegen wollte, bey welchem für ihn viel zu gewinnen seyn würde; er zog also sein Wort zurück. Dagegen wollte mir Herr Schmieder aus Karlsruhe einen seiner Freunde empfehlen, allein man warnte mich, mich mit diesem nicht einzulassen. »Sie werden sich«, sagte man mir, »unangenehmen Vorfällen aussetzen, wenn anders Policey in Abyssinien ist; denn diese Leute, so wackre Männer sie auch sonst sind, können das vermaledeyte Nachdrucken nicht lassen, und dagegen hat man nun einmal das Vorurtheil, es für Dieberey zu halten.« Endlich wurde ich mit einem jungen Manne aus Berlin einig, der einen Buchladen in Adowa anzulegen versprach.

Ich wollte nun auch gleich ein großes Sortiment von deutschen Büchern mit nach Abyssinien schicken und ging desfalls mit dem redlichen hamburgischen Buchhändler, wegen der Wahl dieser Schriften, zu Rathe. Er stellte mir folgendes vor: »Ich weiß nicht«, sprach er, »ob in Abyssinien, wie etwa in England, ein bestimmter, fester Geschmack herrscht oder ob, wie bey uns, eine Mode-Seuche von der andern verdrängt wird. In Deutschland machen zum Beyspiel jetzt alle Schriften über Freymaurerey und Jesuiten ihr Glück; in der folgenden Messe kauft diese Ware kein Mensch mehr, weil die Periode von Empfindeley eingetreten ist, welche Herr Miller in Ulm mit seinen Romanen voll Mondenschein angegeben hat; ein halbes Jahr nachher muß Sturm und Drang aus allen Producten der neuesten Literatur hervorbrausen; die Leute müssen dann Alle reden, als wenn sie im Fieber-Paroxysmus lägen; dieser Geschmack wird wieder von einem andern überwältigt, und wenn grade gar keine solche Thorheit herrschend ist, schreibt man über Pädagogik. Auf allen Fall werden Sie indessen am besten thun, wenn Sie von jedem Sortimente einige Centner mitschicken. Als Ballast können Sie die größte Anzahl Artikel brauchen, die bey den Gebrüdern Korn in Breslau herauskommen. Wo am mehrsten von den Schiffsmäusen zu besorgen ist, dahin legen Sie die Erziehungs-Schriften und die Anecdoten- und Märchen-Sammlungen. Wenn auch einige Alphabethe davon weggefressen werden, so schadet das nichts, weil das mehrste von dem, was darin steht, doch schon oft anderwärts gedruckt ist. Die Musenalmanache und dergleichen müssen Sie vor der Nässe bewahren, sonst verderben die Bilder, und die sind das Beste darin. Die Romanen, die ein gewisser geistlicher Herr herausgibt, bedürfen weniger Sorgfalt; sie sind ziemlich weitschweifig geschrieben, so daß ohne Nachtheil aus jedem zwanzig Bogen ausfallen können, und zudem wiederholt er sich ja in jedem seiner neuen Producte; folglich kann nicht leicht etwas von dem, was er je gesagt hat, verlorengehen. Die theologischen Schriften würde ich sorgfältig von andern verständigen Werken absondern; es gibt sonst Streit. Die juristischen können Sie statt der Matratzen in die Hängematten legen; es schläft sich gut darauf. In die Journale mögen Sie die übrigen Waren einwickeln. Wollen Sie Übersetzungen mitschicken, so müssen Sie zwey Schiffe ausrüsten. Die wenigen guten Geschichtsbücher, die wir seit kurzer Zeit gewonnen haben, einige philosophische, mathematische und cameralistische Aufsätze und die Schriften unsrer geschicktesten Ärzte und Naturkündiger will ich Ihnen aufzeichnen; diese bitte ich in Ehren zu halten; sie haben alle in der Cajüte Platz. Meines lieben Bürgers Gesänge und drey unsrer andern neuern Dichter will ich Ihnen, nebst Wielands Meisterstücken, in Franzband einbinden lassen, damit Ihre Leute unterwegens darin lesen und darüber die Beschwerlichkeiten der Reise vergessen mögen.«

Ich dankte dem ehrlichen Buchhändler für diesen Unterricht und folgte pünctlich seinem Rathe. Was aber die Gelehrten und Künstler betraf, die ich in Leipzig in Sold nehmen wollte, so war ich doch in einiger Verlegenheit über die Wahl, welche ich unter der Menge derer, die sich gemeldet hatten, treffen möchte. In meiner Instruction stand, daß ich durchaus zwey Philosophen vom Handwerke liefern sollte; dies schien mir aber leichter zu befehlen als auszuführen. »Wer wahrhaftig den Namen eines Philosophen verdient«, sagte ich, als ich mit Manim, dem geheimen Secretär, darüber sprach, »der wird da, wo er lebt, zufrieden seyn und sich nicht durch den Wink eines Fürsten verleiten lassen, nach Abyssinien zu wandern. Indes nennt sich heut zu Tage jeder Mensch, der ein bißchen quer Feld ein raisonniert, einen Philosophen; aber mit solchen sogenannten Philosophen würde ich wenig Ehre einlegen.« Zwey Männer hatten sich bey mir unter diesem Titel gemeldet; der Eine schien ein etwas ungeschliffener Geselle zu seyn, der allem widersprach, was man in seiner Gegenwart vorbrachte, übrigens aber beynahe so vernünftig redete wie ein Mensch, der kein Philosoph ist. Das Einzige, was mir an ihm mißfiel, war, daß er auf alle solche Dinge schimpfte, zu deren Besitz er entweder, seinen bürgerlichen Verhältnissen nach, nicht gelangen konnte, zum Beyspiel Rang und Ehrenstellen, oder wozu er keine Neigung in sich empfand, und daß er sich über alle Conventionen der gesellschaftlichen Verbindung hinaussetzte, von welcher er doch nicht gänzlich unabhängig leben konnte, auch die Vortheile vorliebnahm, die ihm ihre Einrichtungen gewährten. Übrigens hatte er einen Widerwillen gegen den Wein und empfohl daher die goldne Mäßigkeit. Die Philosophie des andern Mannes, der sich bey mir angab, war in ein lächelndes Gewand gehüllt; seine Weisheit bestand eigentlich darin, alles von der lustigen Seite anzusehen; er genoß, wo er Gelegenheit hatte und Trieb dazu fühlte; er spottete über das, was er nicht verstand, floh alle beschwerliche Arbeit und Anstrengung und war kein Feind von einer wohlbesetzten Tafel. Ich war lange Zeit unschlüssig, ob ich diese beiden Philosophen nach Abyssinien schicken sollte oder nicht; endlich aber, und da mir ohnehin keine Wahl übrigblieb, bestimmte ich mich dazu und gab ihnen die Anweisung, zu eben der Zeit wie die von mir in Sold genommnen Pädagogen und der Buchhändler nach Kassel zu kommen.

Was die Dichter betraf, so hatte ich unter einhundertunddreyundvierzig Poeten, die sich bey mir meldeten, die Wahl. Dies waren insgesamt junge Leute, an welche die Eltern zum Theil den Rest ihres Vermögens gewendet hatten, um sie in Leipzig Brot-Studien lernen zu lassen, damit sie einst die Stützen ihrer Familien und nützliche Bürger im Staate werden sollten. Weil sich aber Neigungen nicht zwingen lassen, so waren die Söhne ihrem Hange zu dem bequemern Studium der schönen Wissenschaften und Künste gefolgt und hatten sich vorzüglich auf das Versemachen gelegt. Ich hielt es vier Tage lang mit aller möglichen Geduld aus, mir von ihnen Producte in aller Art Poesie vorlesen zu lassen und die Manuscripte, welche sie mir, zur Probe ihrer Geschicklichkeit, überreichten, durchzublättern; endlich aber wurde mir's zuviel; ich mußte mich wohl für zwey unter ihnen entscheiden. Einen jungen Menschen, welcher Hexameter machte und ein Heldengedicht, betitelt: Herkules Arbeiten, in zwölf Gesängen verfertigt, und einen Andern, der mir fünfzehnhundert Sinngedichte, einen dicken Stoß Trinklieder und ein Trauerspiel: Achab und Jesebell in Alexandrinern überreicht hatte; diese beiden nahm ich an. Die übrigen verdroß der Vorzug, den ich diesen gab; sie machten Pasquillen auf mich und den abyssinischen Hof, den sie nicht kannten, besangen die Freyheit des Dichterlebens und die Schande, von den Großen der Erde Pensionen anzunehmen, und Einer von ihnen warf mir gar in der Nacht die Fenster ein.

Ich wollte Leipzig nicht verlassen, ohne einen Mann kennenzulernen, der damals dort war und der mir ebenso merkwürdig wegen seines edeln Herzens als wegen der unverkennbaren großen Verdienste um die deutsche Literatur schien. Auch ein Buchhändler, aber nicht von gemeinem Schlage; ein Mann, der Studium, Geschmack, echte Philosophie und unbestechbaren Eifer für Wahrheit in gleich hohem Grade besitzt; ich meine Nicolai, der nun seit einer langen Reihe von Jahren, mit den besten Köpfen Deutschlands in Verbindung, vernünftige und gründliche Critik in ihrer Würde zu erhalten sucht und den falschen Geschmack und die jedesmaligen Thorheiten des Zeitalters muthig bekämpft. Ich hatte das Glück, mich ein paar Stunden lang mit ihm zu meiner Belehrung zu unterhalten. Wirklich bedurfte ich dieser Belehrung, denn ich war gar nicht mehr zu Hause in der deutschen Literatur. Als ich mein Vaterland verlassen hatte, warf man unsern Gelehrten mit Recht Pedanterey vor; jetzt hatte man Ursache, gegen den allgemein einreißenden Mangel an Gründlichkeit und Anordnung in Gedanken und Vortrag zu eifern.

Um den ersten Transport von Gelehrten und Künstlern, die ich nach Abyssinien schicken sollte, vollständig zu machen, fehlten mir noch einige Tonkünstler; auch hierzu hoffte ich in Leipzig Gelegenheit zu finden. Es gaben sich viel Leute bey mir an; aber soll ich meinen altväterischen, verdorbnen Geschmack anklagen, oder waren die Künstler daran Schuld? Genug! keiner von diesen Herren wirkte mit seiner Musik auf mein Herz. Derjenige, welcher als Capellmeister angenommen zu werden verlangte, spielte mir auf dem Clavier etwas von seiner eignen Composition vor und phantasierte nachher noch ein Stündchen; allein ich hörte nichts als ein verwirrtes Gewühl von Tönen untereinander – das war keine Sprache menschlicher Empfindung, menschlicher Leidenschaft. Ausweichungen in entfernte Tonarten, durch Verwandlungen von # in b, die nur dazu dienen konnten, die Ohren für den feinen Unterschied zwischen Dis und Es, Cis und Des u. s. f. stumpf zu machen und Verhältnisse unter Harmonien zu finden, die nichts miteinander gemein haben; ungeheuer schwere Passagen und Finger-Kunststückchen, die lustiger anzusehen als ihre Wirkungen reizend zu hören waren. Mit dem Allem aber hatte der Mann sich doch einen gewissen Namen gemacht, und man würde meiner gespottet haben, wenn ich ihn nicht angenommen hätte.

Der zweyte Tonkünstler, den ich für die Capelle meines gnädigsten Königs anwarb, war ein Violinist, der eine bewunderungswürdige Fertigkeit in seiner linken Hand hatte. Er fuhr damit jeden Augenblick bis an den Steg hinauf; ich kann nicht sagen, daß er immer ganz rein intoniert hätte; allein das bemerkt man auch bey diesen schnellen Späßen und Sprüngen nicht, und empfinden konnte man nun freylich nicht mehr dabey als bey dem Anblicke eines Seiltänzers; immer aber war seine Kunst merkwürdig zu sehen. Ich brachte eine kleine musicalische Gesellschaft zusammen; unser Virtuose spielte ein Violin-Concert. Das erste Allegro war erhaben und schön, fast im hohen tragischen Style geschrieben; ein bißchen verdarb er es durch die letzte Cadenz, in welcher er das Katzengeschrey, obgleich sehr natürlich, nachahmte. Dann kam ein Adagio, dessen langsame, melodische Fortschreitung er durch eine Menge unnützer Läufe und Schnörkel, dem Gange des Hundes gleich, machte, der denselben Weg zehnmal hin- und herläuft. Zuletzt folgte ein artiges Rondo, wovon das Thema die Melodie des Liedes war: Meine Mutter, die hat Gänse; fünf graue, sechs blaue; sind das nicht Gänse? Alle Zuhörer, mich ausgenommen, bewunderten dies allerliebste Stück; ich konnte es nicht fassen, wie man Vergnügen daran finden könnte, ein elendes Gassenlied, das schon Ekel erweckt, wenn es einmal geleyert wird, auf vielfache Art, mit allerley armseligen Veränderungen wiederholen zu hören. Indessen erschallte, sooft der Virtuose durch ein paar Semitone wieder in das Thema fiel und wieder anhub die Melodie: Meine Mutter, die hat etc., ein lautes Bravo, Bravissimo! Er zeigte mir auch die Partitur eines von ihm componierten musicalischen Hochamts. Die Ouvertüre war im Dreyviertel-Tacte geschrieben; ein bißchen geschwinder gespielt, so würde man sie für eine von den wienerischen Wirthshaus-Minuetten gehalten haben, womit der große Haydn leider! seine erhabensten Werke buntscheckig macht. Alle übrigen Theile der Messe waren im galanten Theater-Styl geschrieben, und das Agnus dei war eine Art von Pastorale. Ich hatte von jeher ganz andre Begriffe von der Würde der gottesdienstlichen Musik gehabt, als daß ich hätte glauben können, daß dergleichen Spielereyen darin angebracht werden dürften, und ich erinnerte mich noch recht wohl, wie herzlich ich einmal in meiner Jugend lachte, als ich in Goslar von dem Cantor unsrer Schule (der, im Vorbeygehen gesagt, da es ihm an Sängern fehlte, zwey Stimmen zu übernehmen pflegte, indem er bald einen fürchterlichen Bierbaß, bald eine unangenehme fistula ani sang), als ich von diesem Cantor des guten Schwindels Oratorio: Die Hirten bey der Krippe in Bethlehem aufführen hörte. In dieser Cantate ließ er es im Stalle, wo die Mutter Gottes doch wohl keine englische Wand-Uhr stehen gehabt hat, zwölf schlagen, und jeden Glockenschlag beantworteten die Violinen mit einem Accord. Das war nun wohl auch Spielerey gewesen; allein im Ganzen hatte doch vor zehn Jahren mehr Ernst im Kirchenstyl geherrscht, als ich jetzt fand. Ich äußerte meine Verwunderung darüber; man versicherte mich aber, das sey jetzt der neueste Geschmack, und man fände, besonders in catholischen Kirchen-Musiken, nicht nur äußerst selten einfachen edeln Gesang, ohne melismatische Verzierungen, sondern es wäre auch nichts ungewöhnliches, den Organisten, während der Wandlung, das Thema eines Liedchens aus einer Opera buffa leyern zu hören; überhaupt forderte man jetzt von der Musik nichts, als daß sie das Ohr kitzeln, und von dem Spieler und Componisten nichts, als daß sie überraschen, sich durch irgendeine Bizarrerie auszeichnen sollten. Die Italiener fingen schon wieder an, die Recitative, dem Namen und Zwecke dieser Gattung gänzlich entgegen, statt eines einfachen, der gewöhnlichen Sprache, bis auf die stärkere Accentuierung nach, so nahe als möglich kommenden Vertrags, mit Manieren, Läufen und Passagen zu überladen. Kürzlich wäre eine vortreffliche Sängerin, die aber zu reine Begriffe von ihrer Kunst gehabt hätte, um jenen verdorbnen Geschmack anzunehmen, in einer großen Residenz angekommen; man hätte es ihr aber unmöglich gemacht, sich soviel Zuhörer zu verschaffen, als zu Bestreitung der Unkosten eines Concerts erforderlich gewesen wären. Bald nachher hätte ein reisender Charlatan angekündigt, er wolle sich auf der Maultrommel öffentlich hören lassen, und da hätte nicht nur die Policey den Kerl nicht zur Stadt hinausgejagt, sondern er wäre mit einem bespickten Beutel weitergereiset.

Am mehrsten Beyfall fand damals, wie ich merkte, die Musik der italienischen Opere buffe. Deutsche Männer, die Talente zu bessern Dingen gehabt hätten, fingen an, diese elenden geschmack- und sittenlosen Farcen zu übersetzen, der italienischen Composition, ohne Rücksicht auf Vernunft, Wohlklang und echte Declamation, holprige deutsche Worte unterzulegen, und das Publikum tötete in diesem abscheulichen Schauspiele seine besten Stunden, hörte nur auf das Geleyer und übersah den Unsinn – als wenn es unmöglich wäre, Vernunft und Geschmack zu vereinigen. – Die welschen Possenspieler hatten Zulauf in Menge, und unsre einländischen Meisterstücke wurden vor leeren Bänken aufgeführt.

Da es denn nun einmal mit der Tonkunst in Deutschland nicht anders aussah und ich doch deutsche Tonkünstler anwerben sollte, so schloß ich mit dem Capellmeister und dem Violinisten meinen Contract und nahm noch einen Virtuosen auf einem ganz neuen Instrumente an, welches man das Basset-Horn nannte und das viel Ähnlichkeit mit dem Geschrey einer wilden Gans hatte.

Auf diese Weise waren nun meine Geschäfte in Leipzig beendigt, und ich reisete mit meinem Prinzen und seinem Gefolge weiter.

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