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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Zwanzigstes Kapitel

Zurüstungen zu der Reise des Kronprinzen. Abreise des Verfassers mit ihm von Gondar.

Nun rückte denn die Zeit immer näher heran, wo ich den großen Beruf erfüllen sollte, den Kron-Erben von Abyssinien auf Reisen zu führen. Da der Zar Peter der Große von Rußland unser Vorbild bey diesem Zuge war, so wurde alles, was Voltaire und andre glaubwürdige Männer davon erzählt hatten, fleißig gelesen und darnach unser Plan eingerichtet. Die Schätze des Reichs wurden nicht geschont; ein Überfluß an Gold und Juwelen war da; man machte Geschäfte mit ägyptischen Kaufleuten, die uns mit Wechsel- und Creditbriefen auf alle die Hauptstädte versahen, durch welche wir reisen würden; und so wurde dieser ökonomische Punct geschwinder aufs Reine gebracht, als es wohl bey ähnlichen Reisen andrer Potentaten geschehen ist; es kam nun nur noch auf die übrigen Einrichtungen an.

Mein Herr Vetter zeigte sich dabey als ein wahrer Minister. Sorgenvoll und zerstreuet ging er umher, während dies große Geschäft schwer auf ihm lag; und die Conferenzen sowohl mit Sr. Majestät als den übrigen Staatsräthen nahmen gar kein Ende. Die Zeitungsschreiber redeten von nichts anderm mehr, so uninteressant und langweilig dies auch auswärts zu lesen war; die abyssinischen Poeten sangen sich heiser und beeiferten sich, die frommen Wünsche der Unterthanen in Reime zu bringen; die Hofleute aber cabalierten und schmiedeten Ränke, um Einer vor dem Andern zum Voraus die Ehre zu erlangen, mit von der Reisegesellschaft zu seyn und die Übrigen davon zu verdrängen.

Was die Wahl dieser Reisegesellschaft betraf, so ernannte sie der Negus theils aus eigner Bewegung, theils auf den Vorschlag meines Herrn Vetters. Mich bat niemand als der alte ehrliche Hofnarr, ein Vorwort für ihn einzulegen, damit er mitgehen dürfte; ich verwendete mich zu seinem Besten, und der König willigte ein. Ich fand in der Folge keine Ursache, mich das reuen zu lassen, denn er war in der That der Klügste von der ganzen Gesellschaft; der Hofmarschall übernahm es, unterdessen sein Amt in Gondar zu verwalten. Er schickte sich dazu recht gut und arbeitete nur in einer andern Manier als der eigentliche Hofnarr; indem dieser andre Leute zum Besten zu haben pflegte, der Hofmarschall hingegen dadurch belustigte, daß er sich zum Besten haben ließ.

Als nun die ganze Liste der Begleitenden aufgesetzt war, fand sich's, daß sie mehr als sechzig Personen ausmachten. Unter diesen waren außer mir nur noch sechs Weiße; die Übrigen waren theils so wie der Prinz selbst, schwarz, theils olivenfarbig; und so wie ihr Äußerliches, so waren auch ihre Gemüthsarten sehr verschieden. Manche von ihnen, an den Ufern des Nigers geboren, waren schön von Gestalt und sanft von Sitten; Andre, die von der Zahnküste abstammten, häßlich, wild und grausam. Ich wurde mit Vollmachten, Instructionen und mit uneingeschränkter Gewalt über alle diese Leute versehen, die, wie die sämtlichen Unterthanen des Königs, Sclaven waren. Was man mir übrigens in Ansehung des Zwecks und der Einrichtung unsrer Reise, der Art, den Prinzen zu behandeln und seine Schritte und Beobachtungen zu leiten, vorschrieb, war nicht in allen Stücken nach meinem Geschmacke; allein so geht es ja immer denen, die Fürsten-Söhne führen; ich nahm mir also vor, soviel möglich diesen Anweisungen zu folgen.

Sodann war mir verordnet, wieviel Stück deutscher Gelehrten, Philosophen, Pädagogen, Fabrikanten, Dichter, Maler, Bildhauer, Tonkünstler u. s. f. ich bey unsrer Zurückkunft mitbringen sollte.

Nach dem Muster der Reise des Zar Peters wurde ich als abyssinischer Gesandter an alle Höfe und Republiken, die wir besuchen würden, bevollmächtigt; der Kronprinz aber sollte sich incognito in meinem Gefolge befinden.

Wie denn bey Höfen alle wichtige Schritte, die vorgehen sollen oder vorgegangen sind, sich mit Festen, Schmausereyen und Farcen anfangen und endigen, so gab es denn auch in der Residenz und im ganzen Lande bey dieser Gelegenheit sehr viel Schauspiele, Bälle, Erleuchtungen, Galatage und Kirchengebete.

Endlich erschien der Tag des Aufbruchs; der Zug war prächtig anzusehen; ich habe eine weitläufige Beschreibung davon aufgesetzt; aber mein Herr Verleger weigert sich, sie hier mit abdrucken zu lassen. Der Mann nimmt es ein bißchen genau mit seinem Honorario und weiß nicht, wieviel vernünftige Leute an der Schildrung solcher Feyerlichkeiten Vergnügen finden. Des alten Negus Majestät begleiteten uns, nebst zahlreicher Suite, bis an die Grenze; den 1. May 1772 reiseten wir aus Gondar ab. – Das Weitre ist im zweyten Theile dieses Buchs zu lesen.

Ende des ersten Theils

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