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Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien

Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleAusgewählte Werke in zehn Bänden, Band 9
authorAdolph Freiherr Knigge
firstpub1790
year1995
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1539-9
titleBenjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
pages3-338
created20041113
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Kapitel

Fortsetzung des Vorigen.

Dahin war es in allen Classen der Bürger in den Städten gekommen, indes das Landvolk zum Theil noch unverderbt war, als ein neuer Einfall der Nubier in das abyssinische Land den großen Negus zwang, in Eil ein Kriegsheer zusammenzubringen; allein jetzt war dies mit mehr Schwierigkeiten verknüpft als in den goldnen ältern Zeiten, wo jeder Abyssinier, voll Wärme für das Wohl des Ganzen und für die Ehre der Nation, zu Rettung des Vaterlandes herbeyeilte. Es fanden sich so viel Ausflüchte, um nicht ins Feld zu gehen; nothwendige Geschäfte zu Hause, Kränklichkeit des Körpers etc. Zu einem üppigen, weichlichen Leben gewöhnt, erschütterte der Gedanke an die Beschwerlichkeiten des Kriegs und die Gefahr des Todes besonders den Adel und die Städte-Bewohner so sehr, daß unter Zehn nicht Einer mitwollte. – Ja! Mord und Totschlag auf dem Theater zu sehen, das ist recht unterhaltend, und man meint, das zeige Stärke und Muth an, den Anblick solcher fürchterlichen Scenen ertragen zu können; aber in natura – nein, das ist nichts!

Nun! endlich kam denn eine Art von Armee zu Stande; allein da ging es wieder an ein Cabalieren um die Anführer-Stellen. Daß die adeligen Herren allein sich in den Besitz derselben setzen wollten, verstand sich von selber; aber auch unter diesen gönnte keiner dem andern die Ober-Befehlshaber-Rolle. – Die gesunden, nervigen Landleute verachteten ihre weichlichen, feigen Anführer, welche ganze Serails von Metzen, ganze Warenlager voll starker Getränke, einen unzählbaren Troß von unnützen Bedienten, Fuhrwerken, Tragsesseln, Lastvieh, Küchengeräthe, Lebensmittel, Garderoben und Toiletten mit sich herumschleppten. Man gehorchte also solchen weibischen Anführern theils gar nicht, theils ungern. Diese Elenden hingegen waren immer unter sich durch Neid getrennt, wollten keiner dem andern den Sieg gönnen, hatten auch überhaupt nicht viel Lust zu entscheidenden Schlachten. – Aber focht denn nicht der König an ihrer Spitze, gab Beyspiele von Muth, Entschlossenheit, Überwindung aller Gefahren, Beschwerden und Schwierigkeiten? – Nein! der große Negus besuchte in der Residenz die Schauspiele, ließ sich da Schlachten liefern, die kein Blut kosteten, schwelgte mit seinen Weibern und sprach von den prächtigen Triumphen, die er halten wollte, wenn sein damaliger Liebling, der Ober-Küchenmeister, dem er die Armee anvertrauet hatte, die Feinde würde geschlagen haben.

Zum Glücke hatten es die Abyssinier mit einem ebenso verderbten, ausgemergelten Volke zu thun, als sie selber waren. Da gab es denn ungeheure Zurüstungen zu kleinen Vorfällen, Märsche hin und her, Prahlereyen von beiden Seiten, wenn ein kleines Corps einmal mit dem andern handgemein geworden war; aber dagegen desto mehr Plünderungen, Städte- und Länder-Verwüstungen, Nothzüchtigungen, Ermordung von Weibern und Kindern – denn wer ist grausamer als der Feige? – Das Ende vom Kriege war ein Frieden, in welchem alles auf dem vorigen Fuß blieb, bis auf den Ruin so vieler unschuldigen Familien, die das Unglück gehabt hatten, durch diese Helden ihre ehemals so blühenden Fluren in Einöden verwandelt zu sehen.

Die Beschwerlichkeiten dieses Kriegs nun und die Schwierigkeit, ein Heer dazu zusammenzubringen, führte den großen Negus und seine Rathgeber zuerst auf den Gedanken, ein stehendes Heer zu errichten. Dies sollte nicht nur immer in Bereitschaft seyn, gegen den Feind zu Felde zu ziehen, sondern auch rebellische Unterthanen, die sich unterstehen würden, den allergnädigsten Verordnungen ihre unterthänigste Befolgung zu versagen, zu Paaren treiben, endlich auch für die innere Sicherheit des Landes sorgen, indem nun, bey immer zunehmendem Luxus und allgemeiner werdenden Corruption, Diebstahl, Straßenraub und Mord, trotz aller Todesstrafen, täglich mehr einrissen. Daß übrigens der Bürger und Bauer dafür, daß er, bey der Gefahr, die dem Vaterlande drohete, ruhig zu Hause bleiben konnte, den Soldaten, der für ihn in das Feld ging, im Kriege und Frieden bezahlen mußte, das verstand sich von selber.

Sonderbar war in der That der Gedanke, auch aus dem Soldaten einen eignen Stand zu machen, gewisse Leute dafür zu bezahlen, daß sie sich für die andern totschießen lassen und ihr Leben eines Streits wegen aufs Spiel setzen sollten, dessen Gegenstand sie auf keine Weise interessierte. Wer diese Einrichtung nicht schon längst in unserm civilisierten Europa zur Wirklichkeit gebracht gesehen hätte, der sollte es fast nicht glauben, daß es Menschen geben könnte, die sich zu so etwas verleiten ließen, ja! eine Ehre darin suchten und das Tapferkeit nennen könnten, wenn man da nicht fortläuft, wo man – nicht fortlaufen kann. Doch das gehört ja nicht hierher. Genug! es wurde in Abyssinien ein Heer errichtet, und wir müssen doch hören, wie.

Zu Anführern wurden, wie man denken kann, die Söhne der Vornehmen genommen, und weil diese in der That nicht immer die Tapfersten waren und man sie auch nicht übermäßig für ihre Dienste belohnen konnte, so mußte man andre Ressorts erfinden, um sie zu bewegen, sich durch kühne Thaten auszuzeichnen. Man fand diese Ressorts in der thörichten Eitelkeit der Menschen, in ihren falschen Begriffen von Ehre, von Rang und in ihrer Albernheit, auf kleine Auszeichnungen, auf Bänder, Kleidung, Lob und dergleichen Werth zu setzen. Man gab dem ganzen Heere einerley Kleidung zu tragen, der König selbst erschien in diesem Gewande, und man legte einen hohen Werth darauf, im Kriegsrocke einhergehen zu dürfen, diesem Rocke Ehre zu machen und keine Beschimpfung zu ertragen, wenn man ihn am Leibe hatte. Der nützlichste Mann im Staate, der Handwerker, durfte es nicht wagen, sich mit einem Trommelschläger in Eine Classe zu setzen. Schimpfwörter, die man in Übereilung gegen jemand auszustoßen pflegt, durfte der auf innere, wahre Ehre stolze Bürger großmüthig verzeihen; der Kriegsmann mußte sich mit Blute rächen. Der Officier, der in der Schlacht seine Pflicht that, wurde durch ein Bändchen oder ein andres kleines Angehänge, das man ihm zu tragen erlaubte, belohnt. Man verzieh dem Soldatenstande leichtsinnige Übereilungen, Unsittlichkeiten, Ausschweifungen, rauhes Betragen und Unwissenheit, weswegen Menschen in andern Ständen verachtet und geflohen wurden. – Und so hatte denn der Stand eines Officiers, neben dem Müßiggange, in welchem er den größten Theil seines Lebens zubringen konnte, für Leute mancher Art viel Reiz. Ein solcher rückte denn auch nach und nach von Stufe zu Stufe weiter, wo er immer etwas besser besoldet, mehr geehrt, mehr geschmeichelt wurde; und war er alt, kränklich oder im Kriege verstümmelt, so konnte er sich mit einer mäßigen Pension in Ruhe setzen. Die Schwierigkeit, in andern Ständen sich durch Cabalen und Hudeleyen mancher Art bis zu einer Stelle hindurchzuarbeiten, die in diesen theuern Zeiten eine Familie ernährte, bewog denn auch würdige und edle, aber arme Männer, Officier zu werden, weil sie doch dadurch eine kleine, aber sichre, mit äußerer Ehre verknüpfte Versorgung erhielten und weniger Chicanen ausgesetzt waren.

Das alles fand aber nur bey den Officiern statt; mit den gemeinen Soldaten sah es ganz anders aus. Schlecht bezahlt, dürftig gekleidet, mager gespeiset, ohne Hoffnung, weiter fortzurücken, und mit der Aussicht, wenn sie einst Krüppel oder sonst zum Dienste unfähig würden, fortgejagt und Bettler oder Räuber zu werden, und dabey in sclavischem Zwange lebend, außer Stande, sich durch Tapferkeit Ruhm zu erwerben, wollte kein arbeitsamer Mensch gutwillig sich diesem Stande widmen. Es mußten daher andre Mittel gewählt werden, die Armee vollzählig zu machen. Taugenichts und Vagabonden, die durch den Reiz des zügellosen, müßigen Lebens herbeygelockt wurden, ließ man die Waffen tragen; bessere Menschen wurden theils mit Gewalt, theils durch List angeworben. Man übte sie in den Waffen, das heißt, da man jetzt auf persönliche Tapferkeit im Kriege nicht mehr rechnen durfte, so lehrte man sie gehen und kommen, schießen und sich totschießen lassen, sooft ihnen der Wink dazu gegeben wurde. Mit fürchterlichen Schlägen wurden die Widerspenstigen und Ungeschickten zu diesen mechanischen Übungen abgerichtet; die strengste Unterwürfigkeit, der pünctlichste Gehorsam eingeführt, das kleinste Verbrechen, das geringste Murren auf die abschreckendste Weise bestraft; jeder Officier übernahm die Unterjochung einiger solcher Leute. Die Schlechtem unter diesen hatten nicht den Muth, sich der unmenschlichen Tyranney zu widersetzen; die Bessern wurden nach und nach des Jochs gewöhnt und wußten nicht, ob sie sich bey einer Empörung auf die Mitwirkung ihres Nebenmannes verlassen konnten; als Bauern zu Hause war auch nicht viel Glück und Freyheit für sie – da wurden sie von den Beamten geschunden; und so erhielt und befestigte sich dann – in der That ein Wunder der Menschheit! – eine Maschine, in welcher viel tausend Unzufriedne und Unglückliche sich auf den Wink eines Einzigen zu Handlungen bestimmen ließen, die gänzlich gegen ihre Neigung, gegen Billigkeit, gegen Vernunft und Natur waren, ohne jedoch zu murren, ohne die Rechte der freyen Menschheit zu reclamieren, ohne empört zu werden von dem entehrenden Schauspiele, dem wahren Sinnbilde des Despotismus, wenn sich ein ehrwürdiger Greis unter den Schlägen von der Hand eines Knaben krümmen mußte.

Nun wurde die Kunst, Menschen von der Erde zu vertilgen, in ein System gebracht, und man sahe auch in Abyssinien ein, daß nicht mehr die Tapferkeit, sondern das, was man Kriegskunst nennt, das Glück der Feldzüge entscheide. Es kam darauf an, die Maschine, welche man aus vernünftigen Wesen, denen man den freyen Willen geraubt, zusammengesetzt hatte, mit größrer Behendigkeit und Schnelligkeit zu bewegen als der Feind, um über diesen den Meister zu spielen. Feuergewehr hatten die Abyssinier schon längst über Arabien her bekommen; ein Jesuit (denn jetzt rede ich schon von den neuern Zeiten, von der Regierung der letztern drey Könige) lehrte sie den besten, schnellsten und gleichförmigsten Gebrauch von diesen Waffen machen und führte sie selbst im nächsten Kriege an, der entscheidend zum Vorteile der Abyssinier ausfiel und eine Menge nubischer Könige dem großen Negus zinsbar machte.

Auf diese Zeiten folgte ein langjähriger Frieden, während welchem die Soldaten Anfangs unthätig in den Städten lagen. Viele von ihnen waren eingeborne, mit Gewalt aus dem Schoße ihrer Familie, von nützlicher Arbeit weggerissene Bauern- und Bürger-Söhne. Mit reinen Sitten waren sie zum Theil zum Heere gekommen; jetzt wurden sie von den Übrigen zu allen Arten von Lastern verführt, die durch sclavische Behandlung, Müßiggang und böses Beyspiel erzeugt und genährt werden. Von ihrem geringen Solde konnten sie in der Residenz nicht leben; ein jeder half sich, so gut er konnte, und trieb nebenher irgendein mitunter sehr unedles Gewerbe, um Brot zu haben. Wer Verwandte auf dem Lande hatte, dem brachten diese Nahrungsmittel in die Stadt; und nicht genug, daß man den Vater seines Sohnes beraubt hatte, der ihm in der Arbeit beystehen konnte, mußte er diesem noch obendrein seinen kleinen Vorrath zutragen. Die Schwestern und Geliebten der jungen Krieger kamen bey dieser Gelegenheit häufig in die Residenz, wurden von dem Flitterglanze geblendet, verführt und nicht selten von ihrem eignen Bruder vornehmen Wollüstlingen in die Hände geliefert. Andre Soldaten erhielten Erlaubnis, auf gewisse Zeit bei ihren Verwandten in den Provinzen sich aufhalten zu dürfen; dann brachten sie alle Stadt-Laster mit hinaus auf das Land; und so wurde denn durch die stehenden Heere die Corruption auch in den Strohhütten verbreitet, und Einfalt der Sitten und Unschuld verschwanden aus allen Ständen.

Damals kam ein Negus zur Regierung, der sich gern auf wohlfeile Weise einen großen Namen machen wollte. Er bekam Lust, ein wenig Krieg zu führen und fremde Provinzen zu erobern. Die Armee war da, war einmal bestimmt, sich zur Schlachtbank führen zu lassen, wohin man wollte. Der oben schon rühmlichst genannte Jesuite bewies Sr. Majestät nicht nur, daß die Könige dazu ein Recht hätten, sondern daß es auch höchst nöthig sey, bey dem Soldaten nicht, durch gar zu langen Frieden, die Kriegszucht sinken zu lassen. Es wurde also der erste muthwillige Krieg geführt. Hunderttausend vernünftige Wesen wurden von beiden Seiten ermordet; man schloß endlich einen Frieden, durch welchen man halb soviel Land gewann, als die Heere verwüstet hatten; der Negus hielt ein großes Fest, das den schon verarmten Unterthanen den letzten Heller aus dem Beutel lockte, und fand nun Vergnügen daran, mehr dergleichen unschuldige Possen zu treiben.

Einem seiner Gesandten wurde an einem Hofe in Nubien eine unbedeutende Ehrenbezeugung versagt – und man fing einen Krieg an. Der Liebling des Negus hatte einen Privat-Haß gegen den Minister des Königs von Sennar – und man fing einen Krieg an.

Man würde sich irren, wenn man glaubte, die Völker Abyssiniens hätten nicht endlich die Abscheulichkeit dieser Handlungen gefühlt, hätten nicht sich dagegen sträuben wollen, mit Gut und Blut der Ball der thörichten Leidenschaften und Grillen ihres Despoten zu seyn. Wirklich entstand in der Provinz Hangot ein fürchterlicher Aufruhr; allein man schickte einen Theil des Heers dahin, und nun zum ersten Mal besudelten die Krieger ihre Hände mit dem Blute ihrer Brüder, halfen Menschen unterjochen und morden, von denen sie besoldet, ernährt, gepflegt wurden. Der Sohn mußte gegen den Vater fechten, der Freund den Freund zu Boden strecken. Nun erst war der Despotismus fest gegründet, das Volk zu Sclaven gemacht; keiner wagte es ferner, zu murren; der gekrönte Schurke spielte mit dem Leben, mit dem Vermögen, mit der ganzen natürlichen, bürgerlichen und moralischen Existenz derer, die ihm freywillig und zutrauvoll ihr zeitliches Glück in die Hände gegeben hatten. Ein einziges freyes Wort brachte den redlichsten, weisesten Mann ohne Urtheil und Recht, ohne Verhör, ohne Mitleid gegen seine trostlose Familie auf das Blutgerüste; die bewaffneten Henker rissen den Edeln, der dem Günstlinge nicht zu schmeicheln verstand, aus den Armen seines treuen Weibes, schleppten ihn in den Kerker und ließen ihn da verschmachten.

Doch das war nicht der letzte Mißbrauch, den der Despot von seinem Kriegsheere machte; man zeigte ihm noch einen Weg, Vortheil davon zu ziehen. Er verkaufte nämlich das Leben seiner Unterthanen an benachbarte Mächte, vermiethete vernünftige Wesen, wie man Lastthiere vermiethet, ließ sich große Summen bezahlen, die in seine Cassen flossen und die er mit seinen Lieblingen und Kebsweibern verschwelgte. – Höher, sollte man meinen, könne der Despotismus nicht steigen; allein da würde man irren; das folgende Kapitel wird dies klarmachen.

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