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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 5
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typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
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III. Braunschweig

(1788–1792)

Anfang März war nach vierzehntägiger Reise Braunschweig erreicht. Ein Diener und ein Hund – Hunden galt zeitlebens eine seiner ausgesprochenen Liebhabereien – bildeten das Gefolge. Der Eindruck der alten Stadt war bei der unfreundlichen Jahreszeit wenig günstig: die Aufnahme bei Hofe jedoch ließ an Freundlichkeit nichts zu wünschen übrig, und schon in der zweiten Woche überreichte der Oberhofmeister und Staatsminister von Münchhausen dem neugebackenen Kammerjunker sein Patent. Ein anderer Kammerjunker holte ihn, der sich in der Stadt eine kleine Wohnung von drei Zimmern mit einem Klavier gemietet hatte, allnachmittäglich in der ersten Zeit ab, um mit ihm den bei Hofe vorgestellten Personen Antrittsbesuche zu machen.

Zum zweiten Male seit seinen Erlanger Flegeljahren sollte er nun die dünne Hofluft einer kleinstaatlichen deutschen Residenz kennen lernen. Indessen fand er hier kein Serenissimus-Idyll im Trianonstil, wie es unsere Operettenlibrettisten und Dichter zierlicher Rokokokomödien mit Vorliebe auf die Bühne zaubern: es wehte damals ziemlich viel von der strengen, militärischen Atmosphäre Potsdams in dem alten Welfenschlosse und auch etwas von der wissenschaftlich-künstlerischen des Musenhofs an der Ilm, denn der regierende Herzog Karl Wilhelm Ferdinand war ein Neffe Friedrichs des Großen und ein Bruder der Herzogin-Witwe Anna Amalia von Weimar. Er war außerdem ein väterlicher und vortrefflicher Regent seines Landes, so weit ihm seine anstrengende militärische Berufspflicht als Oberbefehlshaber der preußischen Truppen im holländischen Kriege (und später der Koalitionstruppen) dazu die Möglichkeit lieh, stets für jeden seiner Untertanen persönlich zu sprechen, und in aller seiner Klugheit, die von Berechnung nicht frei war, einer der wenigen aufgeklärten Monarchen seiner Zeit, die von ihrem Absolutismus nur zum Wohle des Staates Gebrauch machten. Daß er es war, der als Erbprinz Lessings Berufung nach Wolfenbüttel veranlaßte und die drückendste Last der Lebenssorge von ihm nahm, ist einer seiner dauernden Ruhmestitel. Ihm hatte Voltaire seine antiorthodoxen »Briefe über Rabelais« zueignen dürfen, an ihn konnte im Jahre von Constants Ankunft der gleich Lessings Freunden Ebert und Eschenburg in Braunschweig literarisch wirkende Joachim Heinrich Campe seine revolutionsbegeisterten »Briefe aus Paris« richten, ohne den geistig hochstehenden Fürsten gegen sich aufzubringen. Unter seiner weitsichtigen Regierung galt Braunschweig – nächst Sachsen – für den reichsten und glücklichsten deutschen Einzelstaat, und die Braunschweiger Messe zog die Gewerbetreibenden aus halb Europa an. Sein eigener Hofhalt wurde – im Gegensatz zu der Prunkliebe, die er früher als Erbprinz entfaltet hatte – mit spartanischer Einfachheit geführt, wenngleich das französische Schauspiel und sogar die unvermeidliche italienische Oper, freilich im kleinsten Stil, nicht fehlen durften. Irgend welche Festlichkeiten gab es nur bei besonderen Gelegenheiten. Um drei Uhr fand die Hoftafel statt, die eine Stunde dauerte und an der auch Constant in seiner dienstlichen Eigenschaft als Kammerjunker meistens teilzunehmen hatte. (Eine seiner aufregenden Dienstpflichten bestand darin, für die richtige Rangordnung der Plätze zu sorgen.) Daran schlossen sich Whistpartieen in den Zimmern der Herzogin, einer geborenen englischen Prinzessin, oder bei der Herzogin-Mutter; die Abende waren meist frei.

Eine tödliche Langeweile fiel den Neuankömmling zunächst in dieser neuen und fremden Umgebung an, und seine Briefe nach Colombier verraten anfangs eine verzweifelt öde Stimmung und heftiges Heimweh nach den geistigen Genüssen, die er dort aufgegeben hatte. Er gerät außer sich, als Frau von Charrière diese Sehnsucht für vorübergehend hält und ihm neckend prophezeit, daß ihn sehr bald andere und neue Interessen die alten vergessen machen würden, und verlangt nur um so dringender ihr Bild oder wenigstens ihre Silhouette. Um sich Anregung zu verschaffen, spielt er gleich in den ersten Wochen einige Male wieder Pharao, beichtet jedoch diesen Rückfall sofort der Freundin und legt dem Briefe freiwillig ein englisch abgefaßtes, formelles Gelübde bei, nie wieder eine Karte zum Hasardspiel anrühren zu wollen. Allmählich aber beginnt er sich einzugewöhnen und wohler zu fühlen. Der bedeutenden Persönlichkeit des Herzogs, der sich ihm von Anfang an sehr wohlgesinnt erweist und dessen Unterhaltungsgabe (nach Mirabeaus Zeugnis sprach er ein eleganteres Französisch als ein Pariser Akademiker) ihm imponiert, entzieht er sich nicht. In dem Major an der Kriegsschule Jakob Mauvillon, dem Freunde Mirabeaus und Verfasser der »Geschichte Preußens unter Friedrich II.«, findet er einen ihm sympathischen Umgang, dessen Pflege er sich in den ganzen Braunschweiger Jahren bis zu Mauvillons Tode angelegen sein läßt. Er beginnt sich eine Bibliothek anzuschaffen, die binnen kurzer Zeit einen ansehnlichen Umfang erreicht. Er nimmt eine angefangene Arbeit »Geschichte der Zivilisation in Griechenland« aufs neue vor und beginnt zu diesem Zweck die Klassiker wieder zu lesen. Der Dienst bei Hofe, Spaziergänge und -ritte mit seinen Hunden, gesellige Verpflichtungen und anderes füllen vollends die Tage aus. Und es dauert nicht lange, so nimmt auch der Gedanke an eine Heirat wieder Besitz von ihm, der auf diesen stets nach Unabhängigkeit strebenden Geist merkwürdig früh und auch später noch merkwürdig oft immer wieder seine Anziehungskraft übte.

Der enge Gesellschaftskreis des kleinen Hofes, der Mangel an Ablenkung, die einlullende Atmosphäre des Residenzlebens müssen es erklären helfen, daß seine Wahl auf eine äußerlich wenig reizvolle, geistig unbedeutende, vermögenslose und zum Überfluß neun volle Jahre ältere Dame fiel. Im März war er nach Braunschweig gekommen, noch etliche Wochen später hatte er sich in einem Briefe an Frau von Charrière tief gekränkt gegen den Verdacht gewehrt, daß er jemals in einem deutschen »Fraeulein« oder irgend einer »Hofdame« Ersatz für die schmerzlich vermißte Freundin finden könnte: schon der September sah ihn mit Wilhelmine von Cramm verlobt, die als Tochter eines Hauptmanns Carl von Cramm 1758 geboren und einige Jahre vor Constants Eintreffen Hofdame der regierenden Herzogin Augusta geworden war. Eines Tages geriet er im Schlosse auf irgend eine Weise in das Wohnzimmer des Fräuleins – die anscheinend nicht ohne Nutzen den im Jahr zuvor erschienenen »Don Carlos« gelesen und von ihrer spanischen Kollegin Eboli einiges gelernt hatte – und fand sie in Tränen aufgelöst. Galant und teilnahmsvoll erkundigte sich der Kammerjunker, der schon damals keine Frau weinen sehen konnte, nach der Ursache ihres Leids, erfuhr, daß sie sich unglücklich und seelisch vereinsamt fühle, und ließ sich von den betränten Augen, der umflorten Stimme und dem Zwang der Situation zu so mitfühlenden Tröstungen hinreißen, daß schon am nächsten Tage, wenn man der Schilderung glauben darf, die Constant selbst sechzehn Jahre später in Weimar dem befreundeten Böttiger gab, die Verlobung bei Hofe bekannt gegeben wurde.

Man darf annehmen, daß besonders die Herzogin dieses Heiratsprojekt begünstigt und bei ihrem Gemahl befürwortet hat, und daß die Protektion von dieser hohen Seite, die auch Constants Vater bewog, seine Zustimmung zu geben, auf Benjamins Entschließung mit von Einfluß war, da sie ihm ein Aufrücken in höhere Hofämter in Aussicht stellte. Immerhin war die Erwählte seines Herzens nicht so ganz ohne gewinnende Eigenschaften, dafür spricht das zuverlässige Zeugnis der scharfsichtigen Rosalie de Constant, die ihre neue Cousine im folgenden Sommer bei einem Besuch des jungen Ehepaares in Lausanne kennen lernen sollte. »Bei Benjamins wählerischem Geschmack,« schreibt sie ihrem Bruder Charles, »waren wir alle auf ein Ideal von Vollkommenheit gefaßt und baß erstaunt, sie ausgesprochen häßlich zu finden, pockennarbig im Gesicht, sehr mager und mit roten Rändern um die Augen. Der erste Eindruck jedenfalls war höchst ungünstig, aber bei genauerer Bekanntschaft entdeckt man, daß sie groß und gut gewachsen ist, liebenswürdige und einnehmende Manieren hat, dazu eine hübsche Hand, schönes Haar, ein angenehmes Organ, Witz und Laune, überhaupt nichts von deutscher Steifheit. Ihr Gemahl huldigt ihr ganz, als ob sie eine Schönheit wäre. Sie hat ihn vernünftiger gemacht, und sein Charakter hat entschieden gewonnen.« In der Tat lassen seine Briefe darauf schließen, daß er von Wilhelmine aufrichtig entzückt war oder – wie man sich gerade bei ihm vorsichtiger ausdrücken muß – daß er sich wenigstens einbildete, sie aufrichtig zu lieben. (Der Zufall fügte es, daß fast zwanzig Jahre später in demselben Braunschweig der damals ungefähr gleichaltrige Henri Beyle-Stendhal, dessen Geistesprägung mit der Benjamin Constants in manchem Zuge verwandt war, eine Herzensneigung zu einer andern Wilhelmine faßte, dem anmutigen Fräulein von Griesheim, die überdies eine Verwandte der Familie von Cramm war.)

Einstweilen stellten sich auch Benjamins Vermählung noch unvorhergesehene Hindernisse entgegen, deren Ursache die plötzlich kritisch gewordene Situation seines Vaters wurde. Dieser hatte schon im Oktober des vorhergehenden Jahres das Mißgeschick gehabt, daß in seinem Regiment – dem Regiment May, dessen Inhaber und nomineller Chef der mehr als achtzigjährige in Bern lebende Generalmajor May war – Meutereien ausgebrochen waren, vielleicht als Folge von allerhand Zettelungen einiger seiner Offiziere, die es mit dem Hochmut von Berner Patriziersöhnen nicht vereinbar fanden, Untergebene eines Waadtländers zu sein. Die Offiziere machten für das Vorgefallene ihren Obersten allein verantwortlich, und dieser beantragte die Einberufung eines Kriegsgerichtes, das im Juni 1788 zum ersten Mal tagten aber dessen Zusammensetzung und Stimmung erwies sich für ihn derart ungünstig, daß ihm eine ebenso schwere als ungerechte Verurteilung drohte, trotzdem er nun bereits ein halbes Jahrhundert mit aller Auszeichnung den Generalstaaten gedient hatte, – kurz, der sonst so besonnene Mann verlor in der Erregung über die ihm zugedachte Schmach zeitweilig den Kopf und verließ den Haag mit fluchtartiger Hast – Mitte August 1788 – um sich nach der Schweiz zu begeben. Von hier aus richtete er an den Generalstatthalter, den Prinzen Wilhelm von Oranien, einen Protest und forderte ein neues Verfahren. Samuel de Constant, dessen ältester Sohn Juste gleichfalls in holländischen Diensten stand und dem Regiment seines Onkels Juste-Arnold angehörte, reiste unverzüglich nach dem Haag und blieb dort, um für die Sache seines älteren Bruders, die zugleich die der ganzen Familie war, tätig zu sein. Indessen sollte sich der ganze Prozeß Jahre und Jahre hinziehen, da der Oberst in Bern einflußreiche Feinde hatte, die seinen endgültigen Sturz herbeizuführen wünschten.

In dieser schwierigen Situation, wie überhaupt in der Folge, zeigte Benjamin, in dem ein verfehltes Erziehungssystem die natürliche Kindesliebe nicht hatte unterdrücken können, daß er wußte, was er seinem Vater schuldig war. Auf die erste Kunde von dessen plötzlicher Abreise war er selbst nach dem Haag geeilt, wo er sich mit Onkel und Vetter beriet, und es gelang ihm nach seiner Rückkehr den Herzog von Braunschweig so stark für die Angelegenheit zu interessieren und ihn von der Niederträchtigkeit der Berner Intriguen zu überzeugen, daß der Fürst persönlich bei dem Prinzen-Statthalter – dessen Tochter bald nachher den braunschweigischen Erbprinzen heiratete – intervenierte. Seinem Vater schrieb er Brief auf Brief und beschwor ihn, nach Holland zurückzukehren und eine Verständigung mit dem Generalstatthalter zu suchen. Die ganze Affäre nahm ihn in hohem Grade mit und erregte ihn bis zur Fieberhaftigkeit; es war, als hätte die Entehrung, die dem greisen Haupte seines Vaters drohte, in ihm plötzlich alle die Sohnesliebe geweckt, die jener früher so oft bei ihm vermißt hatte. Er erklärte dem Herzog, seine Existenz stehe auf dem Spiele, wenn auf der Ehre seines Vaters auch nur der geringste Flecken haften bleibe. »Ich lebe nur noch durch meinen Vater und für meinen Vater,« schrieb er seinem Onkel nach dem Haag. Auch Frau von Charrière gegenüber läßt er seinem Kummer freien Lauf, erwähnt seine Absicht, nötigenfalls mit Wilhelmine nach Amerika auszuwandern, und rühmt deren gutes Herz: »Wenn Sie sehen könnten, wie mich Minna tröstet, aufrichtet, beruhigt und mit mir leidet, Sie müßten sie lieb haben. Aber Sie haben sie schon lieb, nicht wahr?«

Endlich waren die Dinge so weit gediehen, daß er an seine Verheiratung denken konnte: sie fand am 9. Mai 1789 in Braunschweig statt, und unmittelbar nachher trat das neuvermählte Paar eine Reise nach der Schweiz an, um auf dem Familien-Landgute Beau-Soleil die Honigmonde zu verleben. Bei dieser Gelegenheit kam Benjamin nach anderthalbjährigem Fernsein im Juli auch wieder für ein paar Tage nach Colombier, aber allein, und wenige Wochen später kam es zu einem Zwischenfall, der deutlich zeigt, wie engverbunden er sich mit seinem ungerecht verfolgten Vater fühlte und wie ungemein empfindlich er in diesem Punkte selbst den ihm nächststehenden Menschen gegenüber war. Irgend eine auf den Prozeß bezügliche Bemerkung in einem Briefe Frau von Charrières, die ihm eine wenn auch nur indirekte Mißbilligung seines Vaters auszudrücken schien, genügte, um ihn zum brüsken Abbruch der Korrespondenz mit ihr zu veranlassen und zu dem Verlangen, daß sie seine sämtlichen Briefe verbrennen möchte, ebenso wie er es mit den ihrigen getan habe. Frau von Charrière, der dieser Schlag völlig unerwartet kam, zeigte sich jedoch taktvoll und beherrscht genug in ihrer Antwort, um seinen Zorn zu entwaffnen, und der Friede wurde nach einer Weile wieder hergestellt, freilich erst, als Constant mit seiner Neuvermählten die Schweiz bereits verlassen und sich direkt nach dem Haag begeben hatte, wo mittlerweile auch sein Vater wieder eingetroffen war, um die Revision seines Prozesses persönlich zu betreiben.

Hier in Holland blieb das junge Paar den ganzen Winter über bis zum Ablauf von Benjamins Urlaub: dann bezogen beide in Braunschweig das Haus, das ihnen der Herzog zur Verfügung gestellt hatte. Eine kurze Zeit lang scheint sich der junge Gatte in seiner eigenen Häuslichkeit leidlich wohl gefühlt zu haben. »Es gibt nur zwei Wesen auf der Welt,« schreibt er der Freundin nach Colombier, »mit denen ich ganz und gar zufrieden bin: Sie und meine Frau ... Ihnen beiden danke ich alles, was ich je an Glück erfahren habe.« Aber die Ruhe, der Frieden, den er gefunden zu haben meinte, war mehr Erschlaffung und Lethargie nach Jahren der Unstetigkeit und Aufregungen, und Frau von Charrière, deren Briefe jetzt mit offenbarer Absicht alles vermeiden, was seine Empfindlichkeit abermals reizen könnte, mahnt ihn besorgt, auf seine Nerven zu achten, sich nicht zu sehr hängen zu lassen, obwohl sie selbst ihre Stimmung als die einer tristen und gottverlassenen Einsamkeit schildert, der es an jeder geistigen und seelischen Anregung fehlte.

Das Gefühl des Vermissens war jetzt wieder gegenseitig. »Schade, jammerschade,« schreibt Benjamin bald nach der Rückkehr nach Braunschweig, »daß das Geschick uns so ganz und für immer getrennt hat. Es gibt so viel Gemeinsames zwischen uns, was stärker ist als alle Verschiedenheiten des Geschmackes, der Laune und des Standpunkts in Verstandesfragen. Wir wären vielleicht oft im Unfrieden auseinandergegangen, hätten uns aber immer bald wieder verstanden. Ja, es ist ein Jammer, daß Sie in Colombier unglücklich sind, und ich hier; Sie krank, ich ruiniert; Sie unzufrieden aus Indifferenz, ich aus Schwäche, und dabei beide so weit von einander entfernt, daß wir weder unsere Klagen noch unsere Mißstimmung zusammentun und uns gemeinsam schadlos halten können. Zum mindesten werden Sie immer die teuerste und die denkwürdigste Erinnerung meines Lebens bleiben.«

Die Zerrissenheit, die aus solchen und anderen Briefstellen spricht, nahm in dem Maße zu, als sich das anfangs so erträgliche Zusammenleben mit Wilhelmine nach und nach erst unbehaglich, dann gespannt, zuletzt stürmisch gestaltete. Während des ersten Jahres, das man auf Reisen in der Schweiz und in Holland verbracht hatte, war alles gut gegangen, aber nachdem das regelmäßige Zusammenleben in Braunschweig etabliert war, begannen die Unzuträglichkeiten sich herauszustellen. Wilhelmine hatte weder gelernt, noch das Bedürfnis, sich irgendwie ernsthaft zu beschäftigen. Sie umgab sich mit Hunden, Katzen, Vögeln und pflegte den Gesellschaftsklatsch mit ihren aristokratischen Freunden und Freundinnen als hauptsächliche Liebhaberei. Da Benjamin nicht dafür geschaffen war, an diesen Dingen Geschmack zu finden, ergaben sich die Konflikte von selbst. Allmählich entwickelte sie ihm gegenüber eine immer größere Reizbarkeit, Heftigkeit, kleinlichen Eigensinn, unberechenbare Launen und schließlich auch die offenkundige Neigung, zärtliche Wallungen auf andere Männer zu übertragen.

Benjamins Stimmung verdüsterte sich mehr und mehr, er begann die Umgebung, in der er sich befand, zu hassen. Gleichwohl bemüht er sich, gegen Wilhelmine nicht ungerecht zu sein. »Ich liebe meine Frau um vieler guter Eigenschaften willen, die sie besitzt,« schreibt er noch im Juli 1791, also zu Beginn des dritten Ehejahres nach Colombier, »aber die tiefe Erschlaffung, die mich gefangen hält, hat mich ihr entfremdet. Wenn mich wirklich eine Aufwallung von Vertrauen und Wärme überkommt, so zeigt sie sich kalt oder zerfahren, und um Auseinandersetzungen zu vermeiden, die über meine Kräfte gehen, schweige ich dann und entferne mich. Alles was Sie mir vielleicht darüber sagen möchten, ist unnütz: ich vermag nichts mehr über mich, und Ihre guten Ratschläge wären nichts anderes, als ein Heiltrank für einen Kranken, dem der Starrkrampf schon den Mund geschlossen hält ...«

Die Verhältnisse gestalteten sich bald um so unerquicklicher, als Constant auch bei Hofe mißliebig zu werden begann und sich immer seltener dort sehen ließ. Mündliche Äußerungen über die großen politischen Zeitereignisse in Frankreich und sein Umgang mit Mauvillon, dem Bewunderer Mirabeaus, hatten ihn in den sehr unbegründeten Verdacht jakobinischer Gesinnungen gebracht, seine gelegentlichen Rücksichtslosigkeiten ihm hier wie anderwärts persönliche Feindschaften zugezogen, darunter auch die einiger jüngerer Prinzen. Bei dem fortschreitenden Zerfall seiner Ehe hatte offenbar Wilhelmine die Mehrheit der Gesellschaft auf ihrer Seite, was Benjamin veranlaßte, sich noch mehr als vorher zurückzuziehen. Eine kluge und sympathische Freundin fand er gerade in dieser schweren Zeit in Frau von Mauvillon, mit der ihn auch noch nach seiner Braunschweiger Zeit herzliche Beziehungen verbanden. Der Herzog, der ihm nach wie vor gewogen war, befand sich meist außer Landes.

Ende des Jahres 1791 begab sich Constant wieder in die Schweiz, sei es, daß er dem unerträglich gewordenen Zustand in Braunschweig für eine Weile entrinnen wollte, sei es, daß ihn die Angelegenheiten seines Vaters nach der Heimat riefen, die im selben Jahre zu einem freilich nur vorläufigen Abschluß gelangt waren. Nach mehrjähriger Prozeßdauer war Oberst Constant tatsächlich zur Kassation, überdies zur Tragung der ungemein hohen Kosten verurteilt worden, was gleichbedeutend mit dem Verluste fast seines ganzen Vermögens war. (Erst fünf Jahre später sollte durch ein Revisionsverfahren dieses harte Urteil aufgehoben und durch seine Ernennung zum General gutgemacht werden.) Er hatte sich, da er seine drei Besitzungen bei Lausanne zu Gelde machen mußte, in Brevans bei Dôle im Jura ein kleines Landgut erstanden, das französische Bürgerrecht erworben und seine langjährige Wirtschafterin Marianne Marin zu seiner Gattin gemacht, so daß Benjamin, selbst bereits verheiratet, noch in den etwas unerwarteten Besitz einer Stiefmutter und zweier kleiner Stiefgeschwister – Charles und Louise, die nachmals den Namen de Rebecque führen durften – gelangte. Die Beziehungen zu seinem Vater sollten jedoch dadurch von seiner Seite keine Trübung erfahren, und auch bei der vorläufigen Ordnung der Vermögensfragen erwies er sich ihm und dessen zweiter Familie gegenüber entgegenkommend und frei von Kleinlichkeit. Seine eigene Vermögenslage, die Zeit seines Lebens – namentlich dank seinem Hang zum Hasardspiel – sehr schwankend bleiben sollte, war durch die Ereignisse natürlich stark mitbeeinflußt. Er blieb jedoch unter anderem Besitzer des Hauses in der Rue Saint Pierre in Lausanne, das ehedem die Generalin de Constant bewohnt hatte, und des großen Familiengutes La Chablière bei Lausanne, das er seinem Onkel Samuel vermietet hatte: beide repräsentierten zusammen den Wert von zweihunderttausend Francs.

Der Dezember 1791 sah ihn auch wieder in Colombier, wo er in den vertrauten Räumen alles beim alten fand und nun, wie von einem Alp befreit, sich gleichfalls wieder als den alten gab und fühlte. Seine Besuche hier wiederholten sich noch mehrfach während dieses Schweizer Aufenthalts, der bis zum Frühjahr 1792 währte. Anfang Juli war er wieder in Braunschweig, wo er nur noch wenige Monate bis zur Abwicklung seiner Scheidungsangelegenheit zu bleiben gedachte, aber fast ein Jahr festgehalten wurde. Es scheint, daß man am Hofe den Eklat einer Scheidung lieber vermieden gesehen hätte, und daß Constant einen Rückhalt besonders am Herzog fand, der ihn gerne dauernd an sich fesseln wollte und ihm unzweideutige Beweise seiner Gunst gewährte, indessen das erbprinzliche Paar ihm desto weniger freundlich gesinnt war. Wie die Herzogin sich verhielt, geht aus der Tatsache hervor, daß Frau von Constant-Cramm seit dem 1. Januar 1793 von ihr persönlich eine lebenslängliche Pension bezog. Wilhelmine war im übrigen einer Scheidung selbst durchaus abgeneigt, wollte des Scheines wegen von einer Trennung nur innerhalb des Hauses wissen, fuhr aber fort, durch ihre unzweideutigen Beziehungen zu andern Männern den Ruf ihres Gatten derart zu kompromittieren, daß der Herzog diesem schließlich einen unbegrenzten Urlaub bewilligte.

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