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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 3
Quellenangabe
typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
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I. Verlorene Kindheit

(1767–1786)

Benjamin Constant (sechsjährig)
Nach einem Pastell von Piot im Besitz der Familie Lessert.

Die Schlacht bei Coutras, die im Herbst 1587 den Sieg des nachmaligen Heinrichs IV. gegen die Ligue und den letzten Valois entschied, sah durch einen merkwürdigen Zufall in der nächsten Umgebung des galanten Königs die beiden Stammväter, aus deren adligem Blute hundertachtzig Jahre später Benjamin Constant hervorgehen sollte. Ein Augustin Constant de Rebecque rettete damals seinem königlichen Herrn in der Schlacht das Leben; ein Antoine de Chandieu war zur selben Zeit sein Hofprediger. Beide gehörten dem reformierten Glauben an und zogen sich später – die Constants im Jahre 1607 – unter dem Drucke der kirchlichen Verfolgungen aus Frankreich nach dem kalvinistischen Waadtlande zurück, wo ihre Nachkommen seitdem am Genfersee angesiedelt blieben. Ein David Constant de Rebecque, der fast hundertjährig 1733 starb, war lange Jahre Pastor in Coppet bei Genf, Verfasser zahlreicher theologischer Werke und durch die Freundschaft seines berühmten Zeitgenossen Pierre Bayle ausgezeichnet.

Die Constant de Rebecque stammten aus dem Norden, aus dem korngesegneten Artois, die Chaudieu aus dem Dauphiné, der Hochburg des französischen Protestantismus. In der Familie Constant blieb der soldatische Beruf auch nach ihrer Auswanderung herkömmlich. Ein Urenkel jenes Augustin, der General Samuel de Constant, stand um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts als Kommandant eines Schweizerregiments in holländischen Diensten. Längere Zeit war er Gouverneur der Festung Hertogenbosch und unterhielt im Alter freundschaftliche Beziehungen zu Voltaire, die nachher auch auf einige seiner Söhne übergingen. Der älteste, David Louis Constant d'Hermenches, der später aus holländischen in französische Dienste überging und bis zum Maréchal de Camp emporstieg, war ein geistig bedeutender Mann, der mit Voltaire in Briefwechsel stand und mehrfach bei ihm in Ferney zu Gast war. Samuel, der jüngste, war mehr schöngeistig als militärisch begabt und quittierte schon mit dreißig Jahren als Major den Dienst. Er war selbst mit Glück schriftstellerisch tätig, und mehrere seiner Romane fanden Beachtung. Von seinen drei Söhnen folgte einer der Familientradition und trat in holländische Kriegsdienste: von den beiden Töchtern besaß die älteste, Rosalie, die eine schiefe Schulter hatte und unverheiratet bei ihrem Vater blieb, eine ungewöhnlich gescheite Person, besonders das den Constants eigene talent épistolaire in hohem Grade.

Der mittlere von General Samuel de Constants Söhnen, Juste-Arnold, war 1726 in Lausanne geboren und hatte gleich dem Vater und den Brüdern Kriegsdienste bei den holländischen General-Staaten genommen. Nach langem Junggesellenstand führte er als Vierziger seine Landsmännin Henriette de Chandieu zum Altar, eine Tochter Benjamins de Chandieu, der gleichfalls als Oberst eines Schweizerregiments den Niederlanden gedient hatte, und die Ururenkelin eben jenes Antoine de Chandieu, der Heinrichs IV. Almosenier gewesen war. Juste-Arnold de Constant war ein Mann von imponierender Erscheinung, vielem Geist und einem ziemlich schwierigen Charakter: mißtrauisch, verschlossen, leicht wechselnd in seinen Entschlüssen und Anschauungen, dabei ebenso bestechend liebenswürdig, wenn er wollte, wie verletzend in der Schärfe seiner Ironie, und dem entsprechend als Vorgesetzter wie in Gesellschaft so verehrt von den einen, wie unbeliebt bei den andern. Henriette de Chandieu hatte ihn lange geliebt, bevor er sie heiraten konnte oder wollte, aber das Glück dieser Ehe war ihm kaum zwei Jahre gegönnt, denn die Geburt seines einzigen Sohnes Henri Benjamin, der am 25. Oktober 1767 in Lausanne zur Welt kam, kostete der ebenso schönen als körperlich zarten Mutter das Leben, und ihr Verlust machte die ohnehin etwas schwerblütige Natur des Vaters noch mehr zur Verbitterung und Verschlossenheit geneigt.

Seine ersten Kinderjahre verlebte der kleine Benjamin in der Obhut seiner Großmutter de Chandieu und seiner Tante, einer geschiedenen Gräfin von Nassau: einer überaus liebevollen Obhut, wie aus seiner späteren vieljährigen Korrespondenz mit seiner Tante und Pflegemutter hervorgeht. Auf die Dauer aber erschien wohl dem Vater die nur von Frauenhänden geleitete Erziehung seines Einzigen zu weichlich, und sobald dieser sein siebentes Jahr vollendet hatte, nahm er ihn von Lausanne fort zu sich nach Brüssel, wo er damals in Garnison stand. Nicht eben zu Benjamins Wohlgefallen, denn das Leben unter fremden Menschen im fremden Lande sagte dem verwöhnten Kinde zunächst wenig zu. Oberst Constant versuchte anfangs, den Knaben selbst zu unterrichten, sah sich aber bald dazu außerstande und versuchte nun sein Heil mit einer Reihe von Hofmeistern, von denen sich einer immer ungeeigneter erwies, als der vorige. Da sein militärischer Beruf den Vater häufig von Brüssel wegrief, blieb Benjamin mehr oder minder diesen teils unfähigen, teils gewissenlosen Erziehern überlassen, was ihm bei seiner ausgesprochenen Frühreife wenig förderlich war. Daß er trotzdem rasche Fortschritte machte, dankte er seinen Fähigkeiten und einer ungewöhnlich leichten Fassungsgabe. Mit neun Jahren las er Homer, Plinius, Seneca, Cicero, hatte Musik- und Tanzunterricht und frönte einer zeitweilig bis zum Heißhunger gesteigerten Lesegier, die ihn von den materialistischen Schriften eines Lamettrie bis zu den schmutzigen Romanen des jüngeren Crébillon alles verschlingen ließ, dessen er habhaft werden konnte. Dem übermäßigen Lesen in diesen Brüsseler Knabenjahren schrieb er selbst seine frühzeitige übergroße Kurzsichtigkeit und die spätere Schwäche seiner Augen zu.

Die Briefe aus jener Zeit an die Großmutter väterlicherseits, die Generalin de Constant, – die in der Familie als Schaustücke die Runde machten und aufbewahrt wurden – sind ein Gemisch von kindlicher Anhänglichkeit und affektierter oder wirklicher Blasiertheit. »Ich sehe hier zuweilen,« schreibt er mit zehn Jahren, »eine junge Engländerin in meinem Alter, die mir lieber ist, als Cicero, Seneca und all die andern zusammen: sie lehrt mich den Ovid, von dem sie zwar nie etwas gelesen oder gehört hat, den sie mich aber in ihren Augen lesen läßt. Ich habe für sie einen kleinen Roman geschrieben, von dem ich Ihnen hier die ersten Seiten sende; gefallen sie Ihnen, sollen Sie auch das übrige haben.« Ein andermal erzählt er, daß er lateinische Verse mache und in seinen freien Stunden an einer Oper komponiere, zu der er selbst den Text verfaßt habe. Er schildert seinen Tageslauf, klagt drollig darüber, daß sein allzu rasches Blut ihm beständig Streiche spiele, und malt der großmütterlichen Leserin sehr anschaulich aus, wie er als petit-maître an zwei Abenden wöchentlich in Gesellschaft gehe. »Ich trage dann einen schönen Frack, habe einen Degen an der Seite, meinen Dreispitz unterm Arm, die eine Hand auf dem Herzen, die andere auf der Hüfte, halte mich sehr gerade und sehe so erwachsen aus als möglich. Ich beobachte und höre viel, aber bis jetzt reizen mich die Freuden der vornehmen Welt nur wenig, alle diese Menschen sehen immer so aus, als könnten sie einander nicht leiden. Nur das Spiel und das Gold, das ich dabei rollen sehe, gibt mir einige Emotion: ich möchte dann recht viel gewinnen, um mir hunderterlei Wünsche zu erfüllen ...«

Fünf Jahre währte dieser Aufenthalt in Holland, dazwischen aber nahm Oberst Constant den Jungen fast in jedem Jahr für einige Zeit nach der Heimat mit. In Lausanne wohnte nicht nur die Großmutter Chandieu, die sich zumeist auf ihrem Landgut Le Désert, eine halbe Stunde von der Stadt, aufhielt; auch die greise Mutter seines Vaters, die Generalin de Constant, hielt noch Haus in ihrem geräumigen Hotel in der Rue de Saint-Pierre, das oft nicht ausreichte, die Zahl der zu Besuch bei ihr versammelten Söhne, Töchter und Enkelkinder zu fassen. Es herrschte in jener Zeit ein ungemein reges geselliges und geistiges Leben in der alten Universitätsstadt, die dem jungen Goethe freilich bei flüchtigem Besuche als ein »leidig Nest« erschien. Da das Waadtland von Bern aus regiert wurde, hatte man sich die Beschäftigung mit politischen Dingen ganz abgewöhnt, dafür war, besonders seit Voltaire einige Jahre in Lausanne verbracht hatte, der literarische Beschäftigungstrieb allgemein geworden. Alle Welt las Romane und machte Verse, und diese Schöngeisterei war auswärts so bekannt, daß noch Jahrzehnte später der erste Konsul an eine Abordnung der helvetischen Consulta spöttisch die Frage richten konnte: Fait-on toujours des romans à Lausanne?« Hier war die Heimatsphäre der »Neuen Heloise«, die die Herzen der halben Welt bewegte, hier fand der »Werther« in d'Eyverdun seinen ersten französischen Übersetzer. Dieser – ein Freund des gleichfalls in Lausanne angesiedelten Gibbon – hatte 1772 eine Art Akademie, die »société litteraire«, gegründet, zu deren eifrigsten Mitgliedern Benjamins schriftstellernder Onkel Samuel gehörte. Theatervorstellungen, Bälle, Soupers gab es in großer Zahl, auch literarische Salons, von denen der der Madame Charrière de Bavois, einer Verwandten der Constants, der berühmteste und zugleich seiner Langweiligkeit wegen bei den jungen Leuten gefürchtetste war. Gesellschaftsspiele, Charaden, Aufführungen kleiner selbstgedichteter Stücke im engeren Kreise, Vorlesungen in Vers und Prosa bildeten neben der Konversation und den Tafelfreuden das Programm solcher Abende. Später, während und nach der Revolution, sollte dies bewegte gesellschaftliche Leben durch den Zuzug zahlreicher Emigranten noch eine weitere Steigerung erfahren. »Il y a des Suisses et des Suisses,« meinte schon Voltaire einmal von der waadtländischen Hauptstadt, »ceux de Lausanne diffèrent plus des Petits-Cantons que Paris des Bas-Bretons

Für Benjamin waren die Ferien in Lausanne jedesmal Festtage, denn Großmutter, Tanten, Cousinen und Vettern verwöhnten den mutterlosen, geistig reichbegabten Knaben um die Wette, der nicht minder sich wie die andern zu unterhalten wußte. Schon als Kind war er in der Familie durch seine schlagfertigen Antworten berühmt gewesen; jetzt imponierte er durch seine witzige Konversationsgabe und seine sonstigen geistigen Talente. Man amüsierte sich mit Versspielen, mit improvisierten Chansons, arrangierte kleine Familienfeste, Überraschungsscherze, Illuminationen und derlei mehr. Seine elf Jahre ältere Cousine Rosalie, die ihm zeitlebens von allen Verwandten am nächsten stand, erzählt in ihren Briefen von seinen lustigen Einfällen und Streichen. So mußte sich einmal sein Onkel David Constant d'Hermenche gefallen lassen, daß ein von ihm verfaßtes Neujahrsgedicht, in dem es elegisch hieß:

Autour de moi je sens dormir à l'aise
Ceux que j'aurais tant de plaisir à voir

von seinem respektlosen Neffen zum Gaudium der Familie dahin parodiert wurde:

Et par mes vers je fais dormir à l'aise
Ceux que j'aurais etc.

Äußerlich war Benjamin, der langes rötlich-blondes Haar besaß, schon mit zwölf Jahren hoch aufgeschossen von Gestalt und ein für sein Alter gewandter Reiter. »Bei einer guten und soliden Erziehung hätte ihm seine Begabung sicher viel Glück gebracht,« urteilte Rosalie de Constant in späteren Jahren, »aber seine Mutter starb bei seiner Geburt, und dieses Unglück ward für sein ganzes Leben verhängnisvoll.«

Sein Erziehungsgang ließ in der Tat nach wie vor zu wünschen übrig. Nachdem Oberst Constant es versucht hatte, ihn in Brüssel zeitweilig einer Familie in Pension zu geben, fand er endlich in einem älteren Franzosen, einem früheren Ordensbruder, der nach der Schweiz geflohen und dort Protestant geworden war, einen Erzieher, der sich brauchbarer erwies, als seine Vorgänger: er blieb über ein Jahr Benjamins Mentor, erst in Brüssel, dann in Holland und der Schweiz, bis Oberst Constant die Zeit gekommen glaubte, seinen dreizehnjährigen Sohn auf eine hohe Schule zu geben. Er brachte ihn selbst nach Oxford, mußte sich aber dort alsbald überzeugen, daß seine Absicht noch verfrüht war, und kehrte zwei Monate später, diesmal mit einem englischen Erzieher, den er an Ort und Stelle engagiert hatte, nach Holland zurück und von da nach der Schweiz. Der Zufall wollte es, daß sich um dieselbe Zeit der letzte Markgraf von Ansbach-Bayreuth in Lausanne aufhielt, der den Obersten Constant kannte, und dieser veranlaßte den um die Zukunft seines Sohnes besorgten Vater, Benjamin nach Deutschland auf die Universität in Erlangen zu geben, das um jene Zeit nicht nur Musenstadt, sondern auch noch markgräfliche Residenz war.

Der Oberst begleitete selbst seinen Sprößling nach der Regnitzstadt und führte ihn bei Hofe ein, wo man den für sein Pagenalter ungewöhnlich schlagfertigen jungen Edelmann zunächst höchst unterhaltend fand. Besonders die Markgräfin – deren Gatte Karl Alexander in Ansbach residierte und sich dort die vordem gefeierte Mademoiselle Clairon vom Théâtre français als Maitresse hielt – hatte in der gottgesegneten Langeweile ihrer kleinen Residenz großes Gefallen an seinem Konversationstalent. Mit seiner nichts verschonenden Spottlust, seiner unbekümmerten Art, den Leuten mit Grazie die unangenehmsten Dinge zu sagen, die bizarrsten Behauptungen aufzustellen und durchzufechten, brachte er so manchen gepuderten Zopf ins Wackeln und wirkte in der akademischen und Hofgesellschaft der fränkischen Kleinstadt als ein richtiges Ferment, ganz so, wie er sich fünfundzwanzig Jahre später in den einleitenden Abschnitten seines Romans »Adolphe« geschildert hat. Anfangs nahm man ihm auch weder seine Zynismen, noch die Extravaganzen seines Lebenswandels – er war damals schon ein leidenschaftlicher Pharaospieler und steckte stets in Spielschulden – übel oder zeigte es doch nicht, so lange die Gnadensonne des Hofes ihm schien; als er aber so weit ging, sich eine Person zur Geliebte zu nehmen, von der die Markgräfin früher beleidigt worden war, einzig aus Spleen (denn er verkehrte nicht einmal intimer mit der von ihm ausgehaltenen Dame) und aus Sucht, von sich reden zu machen, wandte sich alsbald das Blatt: das Erscheinen bei Hofe wurde ihm verboten, und die Dinge spitzten sich bald derart zum Skandal zu, daß Oberst Constant seinen Sohn im Frühjahr 1783 zu sich nach Brüssel zurückberufen mußte und sich entschloß, ihn nunmehr nach Schottland zu bringen.

Hier, in Edinburg, verlebte Benjamin achtzehn Monate, die er stets als die angenehmste Zeit seines Lebens bezeichnete. Hatte er in Erlangen seine Studien noch ausgiebig vernachlässigt, so betrieb er sie nun in einem Kreise gleichstrebender und intelligenter junger Leute mit ausgesprochenem Eifer und schloß einige Freundschaften, die auch seinem späteren Leben unverloren blieben. Es waren vorwiegend Sprößlinge aus den Familien der Whig-Partei, die ihm näher traten, und man hat in diesen frühesten politischen Einflüssen die Vorschule des Liberalismus sehen wollen, als dessen überzeugter Vertreter Constant in seinen reiferen Jahren wirken sollte. Zuletzt bekam ihn aber auch hier der Spielteufel beim Schopfe, er verlor wie immer große Summen und verließ das schottische Athen mit einer beträchtlichen Schuldenlast, die sein in solchen Dingen niemals pedantisch strenger Vater nachträglich bezahlte. Die Reue über diese Entgleisung kann freilich nicht allzu groß gewesen sein, denn nachdem er im März 1785 aus Edinburg nach Paris gekommen war, das um jene Zeit noch weniger als heute zur Korrektionsanstalt für einen leichtsinnigen Achtzehnjährigen taugte, begann er abermals ein ziemlich tolles Leben in Gesellschaft eines reichen Engländers, den er in seinem Hotel garni kennen gelernt hatte, derart, daß ihn sein Vater auf die an ihn gelangten Berichte hin persönlich aus der Lichtstadt fort und nach Brüssel holte.

Hier, wo er vom Sommer bis Spätherbst desselben Jahres blieb, faßte er zuerst den Plan zu einem Werke, das ihn dann in größeren und kleineren Zwischenräumen fast sein Leben lang beschäftigen sollte: einer Entwicklungsgeschichte der Religionen, ihrer Ursprünge und Zusammenhänge. Derselbe achtzehnjährige junge Mensch, für den das Leben damals schon ein Überdruß, ein Bonmot von vorgestern geworden war, und dem einzig noch der Spieltisch und die Frauen Sensationen gaben, nahm alles Ernstes und aus freiem Antrieb eines der schwierigsten Probleme der menschlichen Geistesgeschichte in Angriff, und hat es mit merkwürdiger Zähigkeit und Ausdauer länger als vierzig Jahre hindurch verfolgt: den Druckvermerk zum fünften und Schlußbande dieses Lebenswerkes erteilte er noch am Morgen seines Todestages.

In diese letzte Brüsseler Zeit fällt auch die erste tiefere Herzensbeziehung, von der sich Benjamin fesseln ließ und die sich ihm, dem frühreifen Amoroso mancher Schönen, trotz ihrer flüchtigen Dauer so fest einprägte, daß er ihrer noch ein Vierteljahrhundert später in seiner Fragment gebliebenen Autobiographie dankbar und mit Rührung gedachte. Ihr Gegenstand war eine Frau Johannot, die etwa zehn Jahre älter war als er selbst, und in unglücklicher Ehe mit einem sitten- und charakterlosen Gatten lebte. Mit diesem, der nachmals in der Revolutionszeit als Konventsmitglied eine ziemlich fragwürdige Rolle spielte, kam sie Jahre später nach Paris, wurde gezwungen, ihre Häuslichkeit mit einer Maitresse ihres Gatten zu teilen, und gab sich schließlich aus Verzweiflung durch Gift den Tod. Eine grausame Ironie des Schicksals wollte es, daß just um die Zeit, da diese Tragödie spielte, Constant selbst in Paris weilte, ohne zu ahnen, daß in seiner unmittelbaren Nähe eine Frau, die ihn geliebt hatte und der er eine warme Erinnerung bewahrte, sich elend zu Tode quälte. Das Verhältnis in Brüssel hatte erst einen Monat gedauert, als er Ende November 1785 seinen Vater in die Schweiz begleiten mußte. Kurze Zeit wurden noch Briefe gewechselt, und zwei Jahre später kreuzten sich noch einmal flüchtig beider Wege in Paris, ohne daß die Umstände eine Erneuerung der Beziehungen erlaubten, die Constant anstrebte. Aber die Erinnerung an die paar Wochen ungetrübten Glückes, die vielleicht das zarteste seiner Herzenserlebnisse umschlossen, gehörte zu den wenigen, die er im Reliquienschrein seines Herzens bewahrte.

Zum ersten Mal seit seiner frühen Kindheit war Benjamin nun wieder zu dauerndem Aufenthalt in der Heimat. Mit seinem Vater, der seiner angegriffenen Gesundheit wegen einen längeren Urlaub genommen hatte, bewohnte er ein Jahr lang das vordem den Chandieus gehörige Landgut Le Désert bei Lausanne, wo er sich mit Vorstudien zu seinem religionsgeschichtlichen Werke nicht eben angestrengt beschäftigte, desto mehr aber auf Zerstreuungen aller Art und kleine galante Abenteuer ausging. Eine der Liebesaffären, die sich hier abspielte, bleibt denkwürdig, weil sie offensichtlich später in dem kleinen Roman »Adolphe« ihre Widerspiegelung gefunden hat, zum mindesten in dessen erstem Teile. Der gesellschaftliche Mittelpunkt Lausannes in jener Zeit war der Salon einer Madame Trevor, der Gattin des englischen Gesandten am Turiner Hofe. Diese Frau von dreißig und etlichen Jahren, die in wenig glücklicher Ehe und deshalb meist ohne ihren Gatten lebte, war von einer größeren Zahl von Verehrern umschwärmt, Grund genug für Benjamin, den in der Liebe stets nur Hindernisse reizten, den Wettbewerb aufzunehmen und dem Gegenstande seiner vermeintlichen Leidenschaft schließlich in einem feurigen Briefe seine Liebe zu erklären. Madame Trevor – »voll Grazie und mit dem ruhigen Wesen und der Sicherheit ihres Standes« schildert sie noch sieben Jahre später Sofie La Roche, Wielands Freundin, in ihren schweizer Reisebriefen – wies dies jugendliche Ungestüm zunächst sanft, aber bestimmt mit dem Hinweis auf ihre ehelichen Pflichten zurück: sie erreichte aber damit nur, daß ihr junger Verehrer nun um so hitziger wurde und ihr eines Tages in ihrer Wohnung eine furchtbare Szene von mehrstündiger Dauer machte, in deren Verlauf er sich wie ein Rasender zu Boden warf und mit Selbstmord drohte, wenn er keine Erhörung fände. Durch diesen elementaren Ausbruch einer vermeintlichen Leidenschaft, die sie einem so viel jüngeren Manne einflößte, fand sich die also Bestürmte teils gerührt und beunruhigt, teils geschmeichelt, und ging endlich so weit darauf ein, daß sie seine Briefe beantwortete und ihn stundenlang allein und selbst in später Abendstunde noch bei sich empfing. Dabei aber blieb es auch, denn es gehört zu den Charaktereigentümlichkeiten Constants, daß er wohl heftig zu fordern und zu werben, aber nicht zu nehmen und zu besitzen verstand. Anders ausgedrückt: mit seiner Kühnheit in Worten verband er als Liebender – zum wenigsten in jungen Jahren – eine Schüchternheit im Handeln, die ihn mehr als einmal in ziemlich lächerliche Situationen gebracht hat. Madame Trevor ließ ihn gleichwohl mit weiblichem Zartgefühl diesen Platonismus nicht entgelten und bewahrte ihm ihre einmal gewonnene Zuneigung. Da kam Ende des Jahres 1786 der väterliche Befehl zur Übersiedlung nach Paris, wo der Oberst nunmehr seinen erwachsenen Sohn in die dortige Gesellschaft einführen wollte, und es galt Abschied zu nehmen; aber wiewohl die Scheidestunde den beiden Tränenströme entlockte und die letzte Schranke zwischen ihnen zu entfernen schien, war auch diesmal das Ergebnis nur " un chaste baiser sur des lèvres tant soit peu fanées«. Gleichwohl griff der Schmerz um die ihm und seinem Kusse Entrissene Benjamin, dessen durchaus ehrlich empfundene Gefühle vielfach nur auf einer besonderen Gabe der Autosuggestion beruhten, so heftig an, daß sein Vetter Charles, der mit ihm und Oberst Constant die Reise nach Paris gemeinsam machte, noch unterwegs für seinen Gesundheitszustand ernstlich fürchtete. Er überstand indessen die zehntägige Reise nicht schlechter, als die Trennung von der Geliebten, und schon nach wenigen Briefen, die er noch mit ihr austauschte, ward die Pariser Luft der Lethetrank auch für diese vermeintliche große Leidenschaft.

Das Jahr 1787 sah ihn somit zum zweiten Male in der Hauptstadt der Welt, die so bald nachher der Schauplatz vulkanischer Ereignisse werden sollte, und diesmal spielte er eine schon stärker bemerkte Rolle, als zwei Jahre zuvor. Seinen Umgangskreis fand er vorzugsweise im Hause des Ehepaars Suard, bei dem er auch längere Zeit gewohnt zu haben scheint. Suard war ein angesehener Publizist, Mitglied der Akademie. Theaterzensor und Herausgeber der ersten Pariser Tageszeitung »Le Journal de Paris«; seine Frau eine Schwester des berühmten Druckers Panckoucke, in dessen Offizin die Enzyklopädie erschien, und beider Salon, der an allen Montagen geöffnet war, ein Mittelpunkt angeregter geistiger Geselligkeit. Hier verkehrten Condorcet, damals Sekretär der Akademie, der Astronom Bailly, der später der erste Präsident der Nationalversammlung und ein Opfer des Schreckens werden sollte, Lafayette, Chamfort, La Harpe, der alte Ez-Abbé Raynal, Marmontel und manche andere Träger bekannter Namen. Die Aufklärungsphilosophie der Enzyklopädisten beherrschte die Atmosphäre, in den erregten Köpfen gärten und schwirrten die sozialen Ideen Montesquieus und Rousseaus, man stand im Zeichen der letzten großen Finanzkrisen, der Notabelnversammlung und ihrer Auflösung, der ersten Konflikte zwischen Parlament und Krone. Trotz seiner Jugend fand der junge Constant in diesen Kreisen schon mehr Beachtung, als mancher, der den Jahren nach sein Vater hätte sein können. Ihm kam dabei nicht sowohl seine Abkunft und die Verwandtschaft mit seinem kurz vorher als Marschall in Paris gestorbenen Oheim David Constant d'Hermenches zustatten, als seine epigrammatische Unterhaltungsgabe und die manchmal verblüffende Impertinenz seines Urteils, die ihm hier zu ähnlich zweischneidigen Erfolgen verhalf, wie ehedem in Erlangens Kleinstadtluft.

Hier in Paris, wo er die schöngeistigen Vorlesungen La Harpes im Lycée besuchte, trat der Zwanzigjährige zum ersten Male mit einer schriftstellerischen Arbeit an die Öffentlichkeit. Er hatte eine französische Übertragung von »History of the acient Greece« von Gillies in Angriff genommen und teilweise fertig, als das Erscheinen einer anderen Übersetzung der seinigen zuvorkam; um nicht alle Mühe vergeblich gehabt zu haben, gab er das übersetzte Bruchstück unter dem Titel »Essai sur les moeurs des temps héroiques de la Grèce« im Druck heraus (London und Paris 1787). Auch Gibbons damals eben abgeschlossene »Geschichte des Falls und Verfalls des römischen Reiches« gedachte er ins Französische zu übertragen, wozu ihn Gibbon selbst, der seinen Lebensabend in Lausanne verbrachte, lebhaft ermuntert hatte: aber auch hier hatte er das Mißgeschick, daß gleich zwei andere Übersetzungen des ersten Bandes schon erschienen, ehe er begonnen hatte, davon die eine keinen Geringeren als den König Ludwig XVI. zum Verfasser hatte.

Den weltstädtischen Versuchungen ging er bei alledem nicht aus dem Wege (wenn man es milde ausdrücken will); zugleich nahm er die alte Passion des Pharaospiels wieder auf, meist mit dem nämlichen Pech, das ihm am grünen Tisch auch später meistens treu blieb, und mit dem nämlichen Effekt des Schuldenmachens. Um ihn auf solidere Bahnen zu bringen, suchte ihn die ihm wohlgesinnte Madame Suard – im Einverständnis mit seinem Vater – zu einer Heirat zu bewegen, und er war in der Tat nicht abgeneigt, eine sechzehnjährige Demoiselle Jenny Pourrat, die neunzigtausend Francs Rente besaß, zu seiner Frau zu machen. Es ergab sich aber leider, daß die hübsche junge Dame – in die sich übrigens Jahr und Tag später, als sie schon die Frau eines andern war, auch André Chéniers Dichterherz sterblich verliebte – von seiner ungestümen Bewerbung nichts wissen mochte, und die Folge war natürlich auch hier, daß der Verschmähte nun erst recht seinen Kopf durchsetzen wollte, zumal die Mutter des Mädchens auf seiner Seite war. Aber nachdem er alles Mögliche in Bewegung gesetzt und sogar im Hause der Familie Pourrat einen wirklichen Selbstmordversuch mit Opium gemacht hatte, trat die bei ihm übliche plötzliche Ernüchterung ein, und er verzichtete auf weitere Bemühungen.

Ersatz für diese Enttäuschung seiner Eitelkeit sollte ihm der Umgang mit einer um vieles älteren Freundin bieten, die in ihrer Jugend schon seinem Oheim David Constant d'Hermenches nahe gestanden und deren Bekanntschaft er gleichfalls bei den Suards gemacht hatte. Es war die damals bereits siebenundvierzigjährige Frau von Charrière aus Neuchatel, die sich mit ihrem Gatten besuchsweise in Paris aufhielt und nun auf Benjamins Leben für lange einen bestimmenden Einfluß gewinnen sollte, wenn auch in anderem Sinne, als in dem bis dahin allein das Ewig-Weibliche für ihr existiert hatte.

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