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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 20
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typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
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XVIII. Letzte Jahre

(1817–1830)

Unmittelbar nach der Auflösung der »chambre introuvable« durch die königliche Verordnung vom 5. September 1816, mit der die schlimmste Herrschaft der Ultraroyalisten vorerst gebrochen schien, fand sich Benjamin Constant in Paris wieder ein und griff sofort zur Wehr. Als geharnischte Antwort auf Chateaubriands berühmte Schrift aus jenen Tagen »La Monarchie selon la charte«, die für die Rechte des Klerus und der erblichen Aristokratie eintrat und ihren gemaßregelten Verfasser fortan zum Hätschelkind der Legitimisten machte, ließ er seinen Traktat »De la Doctrine politique qui peut réunir les partis en France« erscheinen. Aber noch fand er in den Reihen der früheren Freunde das alte Vertrauen nicht wieder. Zu groß war der Eklat gewesen, mit dem sich im Jahre vorher seine anscheinende Schwenkung vom Tyrannenhasser zum persönlichen Ratgeber des Kaisers vollzogen hatte, und während man es bei hundert anderen mehr oder weniger selbstverständlich fand, ja kaum noch beachtete, daß sie sich während der Hundert Tage der neuen Regierung angeschlossen hatten, sah man in ihm noch immer den Judas seiner Überzeugung, den »misérable transfuge«, als den er sich verhängnisvollerweise selbst im voraus öffentlich gebrandmarkt hatte. Die Ungerechtigkeit einer solchen Beurteilung, die man ihn nicht hören, aber desto deutlicher fühlen ließ, reizte und verbitterte den seines gerechten Wollens bewußten Mann und trieb ihn in eine immer schärfere, unversöhnliche Opposition gegen Krone und Regierung.

Ihm fehlte gerade jetzt der starke Rückhalt in der Gesellschaft, den er früher an Frau von Staël besessen. Diese hatte den vorangegangenen Winter um des leidenden Rocca willen in Italien verbracht, wo die Vermählung Albertinens mit dem Herzog von Broglie vollzogen ward, war während des Sommers in Coppet gewesen, wo der Freiherr vom Stein und Lord Byron ihre letzten berühmten Gäste waren, und kehrte im Winter 1816/17 noch einmal in ihr geliebtes Paris zurück, um hier trotz einer sehr erschütterten, vom Opiumgenuß zerrütteten Gesundheit am politischen und literarischen Leben teilzunehmen. Aber im Februar erlitt sie auf einer Gesellschaft beim Minister Decazes einen Schlaganfall, und nach einer fünf Monate währenden peinvollen Paralyse erlöste sie der Tod am 14. Juli, am Gedenktage des Bastillensturms, der einst auch für ihr eigenes Leben ein entscheidendes Ereignis gewesen war. Benjamin gehörte nicht mehr zu dem Kreise, der jetzt die Dulderin mit seiner Fürsorge umgab, aber ein in August Wilhelm Schlegels Nachlaß gefundener Brief ohne Unterschrift mag für sich selber sprechen. »Was ich höre, erschreckt mich. Gibt es denn keine Möglichkeit, Frau von Staël zu sehen? Andere sehen sie, warum nicht ich? Was ich empfinde, vermag ich nicht zu schildern. Glauben Sie mir, die Vergangenheit ist ein fürchterliches Gespenst, wenn man für jene zittert, die man leiden gemacht hat. Ich beschwöre Sie, geben Sie mir Nachricht, und wenn es ihr nicht schadet, so lassen Sie mich zu ihr.«

Ob man der Sterbenden diese Erregung ersparen wollte oder Constants dringenden Wunsch doch noch erfüllt hat, steht dahin: sicher ist, daß er an ihrem Sarge in der ersten Nacht gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn Victor von Broglie die Totenwache hielt. Er mochte fühlen, während er mit der nun auf immer Verstummten die letzte wortlose Zwiesprache hielt, daß mit dieser Frau, die so lange sein Schicksal im Guten wie manchmal im Argen gewesen, zuletzt doch das Beste dahingegangen war, was den Inhalt seines Lebens ausgemacht hatte. Bitterkeit und Groll von einst waren angesichts der Majestät des Todes spurlos ausgelöscht: was blieb, war die überwältigende Erinnerung an eine außerordentliche, seltene und reiche Persönlichkeit: an ein Leben durchaus großen Stils, erfüllt und getragen von der Hingabe an hohe geistige Ziele und Aufgaben edler Menschlichkeit: an einen Charakter, der in ungewöhnlich hohem Grade die Schwächen seiner Vorzüge, aber so viele Vorzüge besaß, daß selbst die großen Schwächen daneben liebenswürdig erschienen. »Man hat Frau von Staël nicht gekannt, wenn man sie nicht mit Benjamin Constant zusammen gesehen hat,« konnte später nach Benjamins eigenem Tode ihr gemeinsamer Freund Gismondi einer jungen Bekannten schreiben: und er fügt hinzu: als er Constant nach Frau von Staëls Hinscheiden wieder gesehen habe, sei er erschrocken, so erloschen sei ihm sein Blick und so verändert sein Gesichtsausdruck erschienen. Von dieser Verstörtheit verrät sich nichts in dem Essai, den Benjamin der heimgegangenen Freundin als Nachruf in einer Pariser Zeitung gewidmet hat: mit völlig beherrschter und fester Hand sind hier die Züge ihres von Geist und Hochsinn geadelten Charakterbildes gezeichnet und lichtvoll zum Ganzen geordnet.

Mehr denn je zog ihn von nun an die Politik in ihre Kreise, und es hieße die Geschichte der französischen Restauration mit ihren wildbewegten Parteifehden, ihren Verfassungsstreitigkeiten, ihren Wahlkämpfen und parlamentarischen Redeschlachten schreiben, wollte man den unablässigen Anteil Constants an dieser innerpolitischen Entwicklung Zug um Zug verfolgen. Er ließ sich im folgenden Jahre 1818 zum ersten Male als Kandidaten im Seinedepartement aufstellen, doch fehlten ihm vorerst noch einige Stimmen zur Majorität; dafür wurde er Anfang 1819 gleich in zwei Departements, in der Vendée und in der Sarthe, gewählt. In der Kammer ward er nun der eigentliche Wortführer der Liberalen, die lange Zeit dank den wechselnden plutokratischen Wahlsystemen nur ein kleines Fähnlein – zeitweise nur fünfzehn von vierhundertdreißig Abgeordneten – ausmachten, und sein Name gewann im Lande so rasch an Popularität, daß ihm die Bewohner der Sarthe, als er 1820 dem Departement seinen Besuch abstattete, stürmische Ovationen darbrachten. Daß bei derselben Gelegenheit royalistische junge Offiziere der Kriegsschule von Saumur aus politischem Fanatismus einen Anschlag auf Constants Leben versuchten und daß er sich in dieser kritischen Situation von vollendeter Kaltblütigkeit zeigte, trug nur dazu bei, seiner Volkstümlichkeit einen höheren Grad zu geben.

Fortan blieb er Mitglied der Kammer, bis der Tod selbst sein Mandat kassierte. Von 1824 an vertrat er das Seinedepartement, von 1827 bis zuletzt das Departement Niederrhein, im besonderen die Stadt Straßburg. Unermüdlich stand er auf der Schanze, wo es sich um die Verteidigung der Wahlfreiheit, der Preßfreiheit, Zensurfreiheit, Religionsfreiheit und aller anderen persönlichen Freiheiten handelte, die zum Credo des Liberalismus in seiner ursprünglichsten Gestalt gehörten. Besonders die heiß umstrittene Preßfreiheit, für ihn als Publizisten von Beruf jederzeit die wichtigste und vornehmste Voraussetzung eines konstitutionellen Rechtsstaats, war der Gegenstand seiner unermüdlichen Wachsamkeit und Sorge: ihr galt seine erste wie seine letzte Kammerrede, obwohl er bisweilen an der Sisyphusarbeit, die er damit verrichtete, verzweifeln zu müssen glaubte. Der Sitzungssaal der Deputiertenkammer wurde mehr und mehr sein eigentliches Arbeits- und Sprechzimmer. Frühzeitig vor Beginn der Verhandlungen erschien er als der ersten einer auf seinem Platze an der äußersten Linken und installierte sich mit einem Haufen Zeitungen, Drucksachen, Schriftstücken. Dann begann er mitgebrachte Korrekturfahnen zu lesen, schrieb Briefe auf Briefe, deren jeder sofort von einem der herbeigewinkten Saaldiener expediert werden mußten, machte sich während der gehaltenen Reden ab und zu Notizen oder unterhielt sich mit den ihn umdrängenden Abgeordneten, und wenn er sich dann schließlich selbst zum Worte meldete und auf seine Krückstöcke gestützt, – auf die er seit einem unglücklichen Sturz im Jahre 1818 dauernd angewiesen war, – zur Tribüne begab, hatte er sofort das Ohr des Hauses. Seine Reden begann er leise, stockend, fast monoton, mit trockenem Organ und einer etwas lispelnden Sprechweise allmählich aber erwärmte, steigerte sich sein Vortrag, seine hohe Gestalt mit dem flatternden weißen Haar schien zu wachsen, seine eckigen Gesten gewannen Schwung und Größe, seine Stimme schwoll an, die blasse Stirn rötete sich, und ob er gleich stets die Anschauungen der Minderheit im Hause vertrat, konnten sich auch die Gegner der unmittelbaren oratorischen Wirkung seiner Ausführungen selten entziehen. Die Überlegenheit seines weitverzweigten Wissens kam ihm dabei vor allem zu statten: kein Gegenstand von einiger Wichtigkeit stand zur Beratung, zu dem er nicht das Wort ergriff. Seine Reden, deren wichtigste gesammelt erschienen sind, hatten Hörner und Klauen, und einer der von ihm am schärfsten bekämpften Minister, der Kabinettschef Villèle hat ihm das Zeugnis ausgestellt, niemand verstehe so wie er die schwache Seite seines Gegners auszuspüren und ihn so grausam zu verwunden. Sein Pfeilgift war eine mit der vollkommensten Wahrung höflicher Formen verbundene Ironie, die tödlich wirkte.

Daß er selbst in der Öffentlichkeit beständigen Anfeindungen und Schmähungen standzuhalten hatte, focht seine Kampfnatur nicht an: waren doch um jene Zeit die Liberalen alle noch mehr oder weniger von Proskriptionsluft umwittert. In welchem Grade er überall von den Organen der Regierung insgeheim überwacht und beobachtet wurde, hat erst die kürzlich erfolgte Veröffentlichung der ihn angehenden Aktenstücke aus dem National-Archiv gezeigt: ihre Zahl beträgt für ein einziges Jahr mehr denn vierzig. Aber trotz dieser angstrengten Tätigkeit ministerieller Spione und Agenten bot sich kein Anlaß, dem lästigen Führer der Opposition zuleibe zu gehen; denn so schroff und rücksichtslos Constant für die liberale Sache kämpfte, so unbedingt hielt er sich von allem fern, was mit Geheimbündelei und Karbonarismus zu tun hatte. Nur einmal kam auch er als Publizist mit der Gerichtsbarkeit in Konflikt. In zwei Flugschriften hatte er 1823 einige Verwaltungschefs besonders heftig angegriffen und sich eine Beleidigungsklage zugezogen: das Urteil lautete auf drei Monate Gefängnis und wäre vollstreckt worden, hätte sich nicht auf Constants Ersuchen Madame Récamier, die mittlerweile ihr stets vergeblich bestürmtes Herz endgültig dem alternden Chateaubriand geopfert hatte, an diesen als den Minister des Auswärtigen gewandt und damit bewirkt, daß die Freiheitsstrafe in eine Geldbuße verwandelt wurde.

Unangenehmer drohte es ihm zu werden, daß man ihm im Frühjahr 1824, um ihn parlamentarisch unschädlich zu machen, seine französische Staatsangehörigkeit bestritt, wie schon einmal, ein Vierteljahrhundert früher, zur Zeit des Direktoriums. Seine Gegner hatten beim Studium seiner Genealogie herausgefunden, daß jener Augustin de Constant, der unter und mit Heinrich IV. gekämpft hatte, aus einem Teile von Artois stammte, der damals noch zum österreichischen Belgien gehört habe. Zur Entkräftung dieser spottkleinlichen Zettelung, die wochenlang die Zeitungen und eine besondere Kommission der Kammer beschäftigte, mußte Constant selber mitten in der Session die Reise nach Lausanne machen, um sich an Ort und Stelle nochmals die urkundlichen Nachweise zu verschaffen, auf Grund deren seine französische Nationalität ein für alle Mal unangetastet blieb.

Noch ein anderer Zwischenfall heischt Erwähnung, weil Constant durch ihn beinahe der unfreiwillige Urheber einer innerpolitischen Krise in Preußen und eines Kabinettswechsels geworden wäre. Im März 1821 ließ er eine Schrift erscheinen, die den Titel führte: »Du triomphe inévitable et prochain des principes constitutionel en Prusse; d'après un ouvrage imprimé traduit de l'Allemanand de M. Koreff, consiller intime de régence avec un avant-propos et des notes de M. Benjamin Constant.« Koreff, von dessen Persönlichkeit und merkwürdigen Schicksalen uns Varnhagen ein biographisches Porträt hinterlassen hat, war um jene Zeit der Vertraute und die rechte Hand des alten Staatskanzlers Hardenberg und schon während des Kaiserreichs durch seine frühere jahrelange Tätigkeit als gefeierter Modearzt der Pariser Gesellschaft auch mit dem Kreise der Frau von Staël bekannt geworden. Die unter seinem Autornamen von Constant übersetzte Schrift erregte in Berlin, wo man Koreffs nahes Verhältnis zum Staatskanzler kannte, das peinlichste Aufsehen. Dieser selbst fand sich aufs übelste bloßgestellt, der König war (nach Varnhagens Schilderung) aufs äußerste aufgebracht, alles schrie über Unverschämtheit, Verrat, sprach von Dienstentlassung und gerichtlichem Einschreiten, denn die sogenannte Konstitution für Preußen, obschon feierlich versprachen und immerfort in Aussicht gestellt, war in Wahrheit den Gewalthabern des Tages ein Greuel und Entsetzen. Erst allmählich ergab es sich, daß die Schrift nichts weiter war als die Übersetzung einer anonym erschienenen Broschüre über Hardenbergs Staatsverwaltung, als deren Verfasser man in Berlin den Rheinländer Benzenberg bereits kannte, und daß Koreff sie von sich aus an Constant geschickt hatte, der deshalb ihn für den ungenannten Verfasser hielt und als solchen in seiner französischen Ausgabe auch nannte. Durch öffentliche Erklärungen aller drei Beteiligten fand die vielbesprochene Angelegenheit ihre Beilegung.

Was ihm die Kammer zu sagen übrig ließ, setzte Constant mit der Feder fort: ein halbes Dutzend großer Pariser Zeitungen und Wochenschriften zählten ihn ständig zu ihren gesuchten Mitarbeitern, erst der »Mercure« und der »Constitutionnel« dann die von ihm mitbegründete »Minerve«, dann die »Renommée«, später vor allem der »Courrier français« und die »Revue de Paris«. Häufig verwickelte ihn diese Tätigkeit in Preßfehden, in Prozesse und vor allem in nicht wenige Duelle, deren eines er körperlichen Leidens halber in einem Fauteuil sitzend zum Austrag bringen mußte. Solche Zwischenfälle und Aufregungen schien jedoch seine allezeit der Emotion bedürftige Natur eher zu suchen, als zu meiden. Die Abende verbrachte er in den verschiedensten Salons, bei Madame Sophie Gay, Madame Degérando, hin und wieder noch bei Madame Récamier in der Abbaye-aux-Bois, bei seinen Parteifreunden Lafayette, Lafitte und anderen; und an bestimmten Tagen war auch sein eigenes Haus in der Rue d'Anjou St. Honoré befreundeten Gästen geöffnet. Zu denen, die darin verkehrten, zählten nicht nur alle Häupter der liberalen Opposition wie Lafayette, Foy, auch gefeierte Ausländer wie Alexander von Humboldt, Fürstlichkeiten wie der Prinz Paul von Württemberg, Dichter wie Béranger, Künstler wie Horace Vernet, Gelehrte wie Villemain und viele andere, denen allen sich Constant als stets gleichmäßig liebenswürdiger und unermüdlicher Wirt erwies. Sein getreuer Eckermann aus den letzten Lebensjahren, der elsässische Advokat und Deputierte J.J. Coulmann (der später auch sein Straßburger Abgeordnetenmandat erben sollte), hat Szenen und Gespräche aus solchen Abenden in Constants Hause in seinen Lebenserinnerungen überliefert, der junge Victor Aimé Huber darüber in Briefen an seine Mutter Therese berichtet, die dem alten Freund ihrer jungen Tage durch den Sohn noch mehrmals Grüße sandte. Als interessante Einzelheit darf es erwähnt sein, daß bei einem dieser Gesellschaftsabende im Hause Constant der alte Talma noch kurz vor seinem Tode Adolf Müllners Schicksalstragödie »Die Schuld« in einer ungedruckt gebliebenen Übertragung Coulmanns vorlas und dem darob beglückten Übersetzer den wohlwollenden Rat gab, das Stück in Verse zu bringen und dann der Comédie française zu übergeben.

Eine reiche schriftstellerische Tätigkeit ging in diesem Jahrzehnt neben der parlamentarischen einher. Schon 1819 hatte er eine Auswahl seiner politischen Schriften von der ersten Zeit an zu einer Sammlung vereint herausgegeben, die ihrem Titel nach eine Art »Cours de politique constitutionelle« bilden sollte und später noch öfters neu aufgelegt wurde. 1820 erschien der erste, 1822 der zweite Teil seiner halb autobiographischen, halb historischen »Mémoires sur les Cent-Jours«, die nicht nur eine überzeugend beredte Selbstverteidigung enthalten und Constants bewunderte stilistische Vortragskunst auf ihrer Höhe zeigen, sondern auch darstellerisch mit zu dem besten gehören, was über jene so kurze wie denkwürdige weltgeschichtliche Episode geschrieben worden ist. Dann, 1824, konnte endlich der erste Band jenes für seine Freunde nachgerade zur Mythe gewordenen Werkes »De la religion, considérée dans sa source ses formes et ses développements« die Druckpresse verlassen, ein volles Menschenalter, seitdem es in Colombier und Braunschweig im ersten wagemutigen Anlauf begonnen worden war. Damals noch ein eingeschworner Schüler Voltaires, Holbachs, Diderots, Lamettries und ganz vom skeptischen Geiste der Aufklärungszeit angesteckt, hatte er nicht zuletzt unter dem Einflusse der deutschen Philosophie im Laufe der Jahre durchgreifende Wandlungen durchgemacht, und jede dieser Wandlungen hatte zu den immer neuen Umarbeitungen und Revisionen geführt, zu deren Zeugen uns die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe so häufig machen. Dutzende von Malen war das bereits Geschriebene wieder ganz oder teilweise verworfen, von vorne begonnen, der Gesamtplan neu und abermals neu angelegt worden, und mit der ungeheuren Zahl der durchgearbeiteten französischen, deutschen, englischen Werke religions- und sagengeschichtlicher, philosophischer, theologischer, ethnologischer Natur wuchs die Schwierigkeit des Zusammenfassens, Gruppierens, Gliederns ins Ungemessene, ohne doch jemals abschreckend zu wirken. In allen guten und bösen Tagen seiner Mannesjahre hatte diese vielverzehrende Arbeit ihren Verfasser begleitet, von Land zu Land, von einer Lebensetappe zur andern, oft vernachlässigt, nie aufgegeben, ein Amulett gegen die Verzweiflung an sich selbst, ein beständiger Ansporn für den Ehrgeiz nach einer einzigen großen literarischen und wissenschaftlichen Tat, die seinen Namen überdauern sollte. Tragisch genug, daß das Ergebnis einer vierzigjährigen Lebensarbeit heute längst vergessen im Staube der Bibliotheken begraben ruht. Tragisch genug, daß Constant selbst dieses Schicksal noch mit Sicherheit voraussehen mußte. Zwar der erste Band, dem in Abständen von Jahren die vier anderen folgten, hatte noch den Erfolg, daß eine zweite Auflage nach Jahresfrist nötig war. Aber im ganzen war das Interesse, mit dem er die Frucht unendlicher Studien in der Öffentlichkeit empfangen sah, gering, fast so gering, wie er es ehedem in seinen Briefen gelegentlich sarkastisch vorausgesagt hatte. Das Pulver hatte – nach einer treffenden Bemerkung Sainte-Beuves – allzulange im Schuppen gelegen: es war feucht geworden.

In fünfzehn Büchern baut sich das Gebäude seiner Deduktionen auf, an das sich nachher noch das aus dem Nachlaß erst herausgegebene zweibändige Werk »Du Polythéisme Romain« als ergänzender Nachtrag anschloß. Den Ausgangspunkt bildet der Gedanke, daß das religiöse Bedürfnis – das von den verschiedenen Religionsformen aller Zeiten und Völker begrifflich scharf unterschieden wird – dem Menschen von Natur inhärent, in seinem Wesen inbegriffen, ein Element seines Menschentumes sei, wie die Vernunft, die Sprache, das Sozialgefühl. Gezeigt wird dann im einzelnen, welche Ausdrucks- und Kultusformen dieses religiöse Gefühl bei den Völkern des Orients und Occidents, vom Fetischismus der Naturvölker bis zum aufgeklärten Polytheismus der Griechen und Römer durchlaufen hat und in welchem Abhängigkeits- und Wertverhältnis diese Formen untereinander stehen. Die idée maîtresse dieser mit mehr Geist als persönlicher Wärme geschriebenen vergleichenden Religionsphilosophie ist eine unbedingte Rechtfertigung des Glaubens an eine höhere Gewalt und eine Absage an den Rationalismus der Aufklärungszeit; zugleich aber auch eine Ablehnung jeder kirchlichen Autorität, jedes Gewissenszwangs. Genau übereinstimmend mit seinem politischen Liberalismus, als dessen Vertreter er zuerst den Grundsatz von der absoluten Neutralität des Staates allen seinen Angehörigen gegenüber aufgestellt hatte, verlangte Constant auch die persönliche Religionsfreiheit des einzelnen, so wie sie nach seiner – heute nicht mehr haltbaren – Auffassung in Griechenland und Rom geherrscht haben sollte. Ohne mit Worten eine Konfession gegen die andere auszuspielen, stellt er damit den Protestantismus dem ganz auf Autorität gestellten Katholizismus gegenüber, allerdings einen Protestantismus im allgemeinsten Wortsinn, der schlechthin gegen jede Vorschrift einer bestimmten Glaubensrichtung, gegen jede organisierte Glaubensgemeinschaft protestiert. In dieser Tendenz sollte Constants Werk ursprünglich ein Gegenstoß gegen Chateaubriands von ihm absurd genannte Schrift »Der Geist des Christentums« sein, aber was bei dem katholischen Romantiker wirkliches rotes Blut war, ist hier in aller Kristallklarheit doch nur destilliertes Wasser, und man hat die Empfindung, daß das religiöse Gefühl, für dessen souveränes Recht das umfangreiche Werk mit einem so gewaltigen wissenschaftlichen Rüstzeug kämpft, dem Verfasser selbst allezeit mehr Gegenstand der Beobachtung, der Analyse und Spekulation, als eigenes persönliches Erlebnis gewesen ist.

Auf die Dauer wäre dem zermürbenden Beruf des Volksvertreters und Führers einer gegen die Übermacht großer Majoritäten kämpfenden Partei, den Anstrengungen der häufigen Wahl- und Agitationsreisen, einer unablässigen publizistischen Tätigkeit im Verein mit mancherlei körperlichen Leiden auch eine widerstandsfähigere Natur, als sie Constant besaß, nicht gewachsen gewesen. Der Verlust seiner freien Bewegung, der ihn schon als Fünfzigjährigen zum Sklaven seines Krückstocks machte, ließ ihn früh die Ohnmacht des Alters fühlen, und nur die angespannteste Tätigkeit und der unentbehrliche Reiz des Spiels vermochten der tiefen inneren Lebensmüdigkeit noch eine Zeitlang die Wage zu halten. Die langen Nächte, die er im Cercle des Etrangers an der Roulette oder in Privathäusern verbrachte, in denen sich die Matadore des Hasardspiels zu begegnen pflegten, trugen das ihrige dazu bei, die von so vielen Seiten attackierte Gesundheit zu untergraben. Mehrfach suchte er in den letzten Jahren an den Heilquellen Baden-Badens Linderung für seine Leiden, noch im Herbst 1829 hielt er sich ein volles Vierteljahr dort auf, wo ihm der Verkehr mit Ludwig Robert, Rahel Varnhagens Bruder, und dessen schöner Frau Friederike besondere Anregung verschaffte. An Ludwig Roberts bekanntes Tendenzstück »Die Macht der Verhältnisse« knüpfte noch der letzte literarästhetische Essai »Reflexion sur la tragédie« an, den er im Herbst 1829 der Revue de Paris übergab und an deren Schluß er das Drama der Romantiker als die Morgenröte einer neuen Kunst willkommen hieß. Ein paar Monate vorher hatte er eine Auswahl seiner früheren Essais, darunter die »Lettre sur Julie«, die Studie über Frau von Staël und die neubearbeitete Einleitung zum »Wallstein«, unter dem Titel »Mélanges de politque et de littérature« zu einem Bande gesammelt herausgegeben.

Bald nachher begann die Natur ihr Recht zu fordern. Im Sommer 1830 mußte er sich einer schmerzhaften Operation des einen Beines unterziehen, und er befand sich noch zur Erholung davon auf dem Lande bei Paris, als hier die feurige Lohe der Julirevolution emporschlug, die er selbst so wenig wie seine nächsten politischen Freunde vorausgesehen hatte. Unter dem ersten Eindruck der Katastrophe sandte ihm Lafayette die lakonische Botschaft: »Hier spielen sich schlimme Dinge ab. Es geht um unsere Köpfe. Kommen Sie und bringen Sie den Ihrigen.« Am nächsten Tage schon war Constant zurück – kaum konnte sich sein Wagen noch den Weg durch die von Barrikaden erfüllten Straßen bahnen –, und er befand sich unter der Zahl der Deputierten, die am 29. Juli dem Herzog von Orleans die Regentschaft an Stelle des für abgesetzt erklärten Karls X. übertrugen. Als am 30. Juli Louis-Philippe, den an diesem Tage der Kuß des alten Lafayette zum König von Volkes Gnaden machte, seinen Einzug in das Stadthaus hielt, folgte seinem Wagen unmittelbar, von der Menge frenetisch begrüßt, die Sänfte Benjamin Constants, der noch nicht wieder imstande war, zu gehen oder zu stehen. Zwei Wochen später, am 12. August, ernannte ihn der mit republikanischem Öl gesalbte Bürgerkönig zum Staatsrat und zum Präsidenten des Komitees der Gesetzgebung, um mit dieser Ehrung der außerordentlichen Popularität des Namens Constant seine Reverenz zu erweisen.

Dieser aber durfte nur eben noch den Berg Nebo betreten, um einen Blick in das vermeintliche Land der liberalen Verheißungen zu tun. Eine zunehmende tödliche Schwäche, die die Arzte nicht so sehr einem ausgesprochenen Leiden, als einem allmählichen Versagen des total verbrauchten Nervensystems zuschrieben, ergriff Besitz von ihm. Zur Beschleunigung des körperlichen Verfalls trug eine letzte schwere seelische Erschütterung bei: die Akademie, in der ein Sitz durch des Historikers Grafen Ségur Tod frei geworden war, wählte am 18. November nicht Benjamin Constant, der seine Kandidatur schon mehrfach angemeldet hatte, sondern dank der Gegenwirkung seiner politischen Widersacher – Royer-Collard an der Spitze – den literarisch unbedeutenden dramatischen Vielschreiber Viennet. »Après douze ans d'une popularité justement meritée!« waren die bitteren Worte, mit denen er die ihn tief verwundende Nachricht empfing. Dann, am 25., sprach er zum letzten Male in der Kammer, und von da an ging es rasch dem Ende zu, das er mit stoischer Gefaßtheit erwartete. Am Morgen des 8. Dezember konnte ihm noch sein Sekretär die letzten Korrekturblätter vom fünften und letzten Bande des Werkes über die Religionen vorlegen: er sah sie durch, fühlte sich aber schon so schlecht, daß er nicht einmal mehr die gewohnte Vorlesung der Zeitungen hören wollte. Gegen fünf Uhr nachmittags tat er den letzten Atemzug.

In der Nation weckte sein Tod einen tiefen und starken Widerhall der Trauer: das Volk empfand, daß es den entschiedensten, wachsamsten Anwalt seiner Rechte verloren hatte, und in Paris selbst gab besonders die studierende Jugend ihrer einmütigen enthusiastischen Verehrung für den Hingegangenen Ausdruck. Die verschiedenen Hochschulen entsandten eine gemeinsame Abordnung in das Trauerhaus, um die Absicht der Studentenschaft anzukündigen, den Sarg nach der Einsegnung direkt ins Pantheon zu entführen. Coulmann als nächster Freund des Hauses begab sich im Auftrag der verwitweten Charlotte zum König, um ihm Mitteilung von der geplanten Demonstration zu machen; und da eine derart improvisierte Überführung ins Pantheon aus Gründen der Staatsraison nicht zugelassen werden durfte, legte die Regierung schon am nächsten Tage der Kammer einen Gesetzentwurf vor, der bestimmte, daß das Pantheon, das während der bourbonischen Restauration wieder die Sainte-Géneviève-Kirche geworden war, künftig wie unter dem Kaiserreiche dem Zwecke dienen sollte, die Gebeine der um das Vaterland besonders verdienten Männer aufzunehmen, jedoch jeweils nur kraft eines von der Kammer gefaßten Beschlusses und nicht früher als zehn Jahre nach ihrem Tode. Ausnahmsweise sollten die Gebeine der Generäle Foy und Manuel, und die von Larochefoucould-Liancour und Benjamin Constant bereits am folgenden 29. Juli 1831, als dem ersten Jahrestage der neuen Ära, in das Nationalheiligtum überführt werden.

Am 12. Dezember bewegte sich der ungeheure Trauerkondukt durch die Straßen des rechten Seineufers. Eine Schwadron Husaren, Nationalgarden zu Pferde und vier Bataillone Infanterie mit ihren Musikkorps eröffneten ihn, der Leichenwagen selbst wurde nicht von Pferden, sondern von Freiwilligen der Nationalgarden und Studierenden gezogen. Dem Sarge folgte der Wagen des Königs, alle Minister und höheren Staatswürdenträger, die fast vollzähligen Mitglieder der Kammern und zahllose Leidtragende zu Fuß oder zu Wagen, darunter viele Verwundete und Invaliden aus den Straßenkämpfen der Julitage. Die großen Boulevards waren mit Kies bestreut, viele Häuser schwarz dekoriert, und dichtgedrängte Menschenmassen hielten zu beiden Seiten den Weg besetzt. Die offizielle Trauerfeier fand in der protestantischen Kirche Sainte Marie in der Rue St. Antoine statt. In dem Moment aber, als der Sarg hier wieder auf den Wagen gehoben wurde, erscholl der Vielstimmige Ruf: »Au Panthéon! Au Panthéon!« und es bedurfte erst einer Ansprache des Seinepräfekten Odilon-Barrat und der Verkündigung, daß die Regierung diese Ehrung des großen Toten bereits selbst für einen nahen Zeitpunkt beschlossen habe, um die Menge von der beabsichtigten Demonstration abzuhalten. Auf dem Friedhofe Père-Lachaise sprach am offenen Grabe außer sechs anderen Rednern auch der greise Lafayette bewegte Worte, der es sich nicht hatte nehmen lassen, trotz der Last seiner Jahre dem Sarge des alten Kampfgenossen zu Fuß zu folgen und einen Zipfel des Bahrtuches zu tragen.

Unter den Zeugen dieser großen Trauerkundgebung befanden sich der junge Alfred de Vigny, der in seinem »Journal d'un Poète« bei diesem Anlaß Constants mit Respekt und Sympathie gedenkt, und der seit kurzem in Paris angesiedelte Ludwig Börne, der in seinen »Briefen aus Paris« über den empfangenen Eindruck ausführlich berichtet. »Vergangenen Sonntag,« schreibt er am 14. Dezember, »war Benjamin Constants Leichenbegängnis. ... Länger als zwei Stunden dauerte der Zug. Was mir an den Franzosen auffiel und gefiel, war, daß in der ganzen Feierlichkeit durchaus nichts Theatralisches war, sondern alles sah ernst, gesetzt und kleinbürgerlich aus. Die Masse gab den Pomp. So wurde noch kein König begraben. Ich sprach einen Mann, der vor vierzig Jahren Mirabeaus Leichenbegängnis mitangesehen: der sagte, so feierlich sei jenes nicht gewesen.«

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