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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 18
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typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
correctorreuters@abc.de
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XVI. Die Hundert Tage

(1815)

Albertine, Herzogin von Broglie
Nach einem Gemälde von Francois P. Gérard (1823)

Bonaparte kannte keine Gefühlspolitik. Er hatte fast ein Jahr lang Zeit gehabt, als »Souverän« von Elba darüber nachzudenken, wodurch er sein hohes Spiel verloren hatte, und er war klug genug, auch von den Fehlern seiner Gegner zu lernen. Es war ihm klar, daß er die einmal gewährte Charte, mit der die zurückgekehrten Bourbonen ihren Kredit wiederherzustellen versucht hatten, dem Volke nicht wieder entwinden durfte, sie im Gegenteil mit erheblich stärkeren verfassungsmäßigen Garantien ausstatten mußte, um auch diesmal, wie schon fünfzehn Jahre früher, als Befreier der Nation zu erscheinen. Er mußte deshalb vor allem seine Stützung bei den Konstitutionellen und Liberalen suchen, zum mindesten so lange, bis er auf dem Schlachtfeld wieder den Sieg an seine Fahnen geheftet hatte. Durch nichts aber konnte er seine politischen Gegner schneller und sicherer entwaffnen, als dadurch, daß er ihnen offen die Hand zum Zusammenwirken bot. Es verschlug ihm gar nichts, daß Benjamin Constant, den er einst mit eisernem Besen aus dem Tribunat gefegt hatte, noch wenige Wochen vorher in Zeitungsartikeln mit allen Superlativen der Verachtung und herausfordernden Hohnes gegen ihn aufgetreten war. Die Zeit war zu kostbar und zu kritisch, um mit persönlichen Abrechnungen und Empfindlichkeiten verloren zu werden. Brauchte der Kaiser jemanden, so war ihm alles andere gleichgültig. Und er brauchte Benjamin Constant, dessen Name ein Programm war, wie er den alten Lafayette gebrauchte, den Cid Campeador der Liberalen, um sich das allgemeine Vertrauen in seine konstitutionellen Absichten zu sichern.

Constant hatte nach seiner allgemein überraschenden Rückkehr von der unterbrochenen Flucht bald Kenntnis davon erhalten, daß er keine Rachejustiz zu fürchten habe. Personen aus Napoleons nächster Umgebung, Joseph Bonaparte und Fouché, der jetzige Herzog von Otranto, gaben ihm beruhigende Versicherungen. Trotzdem lastete die ungeklärte Situation auf ihm, und er trug sich mit dem Gedanken, Paris endgültig zu verlassen und wieder nach Deutschland zu gehen, als ihn am 14. April der diensttuende Kammerherr des Kaisers in dessen Auftrag schriftlich einlud, sich unverzüglich zur Audienz in die Tuilerien zu begeben. Hier empfing ihn der Monarch zu einer langen Unterredung unter vier Augen, bei der er fast allein das Wort führte. Er sprach mit keiner Silbe von der Vergangenheit, nichts von Constants offen feindseliger Haltung. Ohne alles Pathos und mit vollkommener Offenheit erklärte er ihm, daß er durch die Verhältnisse gezwungen sei, sich die Unterstützung der Konstitutionellen zu sichern; wobei er keinen Zweifel daran ließ, daß dieser Entschluß nicht etwa einer Umwandlung seiner eigenen Sinnesart, sondern einfach der kaltblütigen Erkenntnis politischer Notwendigkeiten entspringe. Er war überzeugt, mehr denn je das eigentliche Volk hinter sich zu haben. Das Volk aber wolle keine Konstitution, das Volk wolle ihn. Er könnte demnach auf das Volk allein gestützt, regieren, aber es paßte ihm nicht, der König einer Jacquerie zu sein.

»Wenn es Mittel gibt,« meinte er, »mit einer Konstitution zu regieren – à la bonne heure! ... Früher strebte ich nach der Weltherrschaft, und um sie mir zu sichern, war mir eine unbegrenzte persönliche Willensmacht vonnöten. Um über Frankreich allem zu regieren, ist möglicherweise eine Konstitution der bessere Weg. ... Ich wollte die Weltherrschaft, und wer an meiner Stelle hätte sie nicht gewollt? Die Welt forderte mich ja förmlich zum Herrscher. Souveräne und Untertanen stürzten sich geradezu unter mein Szepter! ... Sehen Sie also zu, was Ihnen tunlich erscheint; bringen Sie mir Ihre Vorschläge! Zensurfreiheit, Wahlfreiheit, Ministerverantwortlichkeit, Preßfreiheit, alles das will ich geben. ... Besonders Preßfreiheit, – es ist Unsinn, sie unterdrücken zu wollen. ... Ich bin der Mann, den das Volk wünscht; wenn es diese Freiheiten will, bin ich sie ihm schuldig. ... Ich hatte große Pläne: das Schicksal hat anders entschieden. Heute bin ich kein Welteroberer mehr, kann es nicht mehr sein. Ich weiß jetzt, was möglich ist und was nicht. Ich habe jetzt nur noch die eine Mission, Frankreich wieder hochzubringen und ihm die Regierung zu geben, die ihm zusagt. ... Das Werk von fünfzehn Jahren ist zerstört, es kann nicht noch einmal von vorne anfangen. Ich sehe einen schwierigen Kampf, einen langwierigen Krieg voraus. Um ihn zu führen, bedarf ich der Unterstützung der Nation, aber als Preis dafür wird sie ihre Freiheit haben wollen. Und soll sie auch haben. ...Die Situation ist neu für mich: ich nehme gerne aufklärenden Rat an. Ich werde alt. Man ist mit fünfundvierzig nicht mehr derselbe wie mit dreißig. Die größere Ruhe, die ein konstitutioneller Fürst genießt, wird mir zustatten kommen. ...«

Es war sicher der höchste und kritischste Moment in Benjamin Constants Leben, als er sich so plötzlich vor die Möglichkeit gestellt sah, der Marquis Posa dieses größten aller lebenden Selbstherrscher zu werden. Konnte, sollte, durfte er ein Anerbieten frostig oder mißtrauisch ablehnen, das die Verwirklichung aller seiner von jeher vertretenen politischen Forderungen und Maximen in sich schloß? Er hatte sich freilich in seinem tollkühnen Eifer, Madame Récamiers Beifall zu verdienen, durch den viel beachteten Débats-Artikel vom 19. März scheinbar selbst den Weg verrammelt, der ihn auf Napoleons Seite führte. »Je n'irai pas, misérable transfuge me traîner d'un pouvoir à l'autre!« hatte er mit der denkbar schärfsten Betonung vor aller Welt erklärt, und Freund und Feind nagelten ihn jetzt auf dieses Gelöbnis fest. Aber war er wirklich ein Überläufer, wenn er den Auftrag des Kaisers übernahm? Nicht er kam damit dem Absolutismus entgegen, den er auf das bitterste von jeher befehdet hatte, der Absolutismus kam ihm, kam in ganz unerwarteter Weise seinen und seiner Gesinnungsgenossen konstitutionellen Forderungen entgegen, und nur eine unfruchtbare und haarspaltende Politik hätte ihm in diesem Moment die loyale Unterstützung versagen können. Auch wenn man das Moment der persönlichen Eitelkeit ganz außer acht läßt und von der faszinierenden Wirkung absieht, die Napoleon im persönlichen Verkehr ausübte, wenn er wollte, darf man heute ruhig sagen, daß es an sich keineswegs ein Beweis von Charakterlosigkeit und Willensschwäche war, wenn Constant sich gewinnen ließ. Er mußte sich gewinnen lassen, auch wenn er vorerst Zweifel an des Kaisers liberalen Absichten hegte, er hatte im nationalen und liberalen Interesse geradezu die Verpflichtung, die ihm angebotene Aufgabe zu übernehmen. Wie scharf er auch in all den voraufgegangenen Jahren Bonapartes Selbstherrschaft und Militärmonarchie als die hassenswerteste aller Regierungsformen erst offen bekämpft, später privatim kritisiert hatte: in dem Augenblick, da der Kaiser sich selbst mit einer konstitutionellen Teilung der Gewalt einverstanden und parlamentarisch regieren zu wollen erklärte, war es ein Gebot realpolitischer Einsicht, eine nicht länger stichhaltige Opposition aufzugeben und sich an der positiven Arbeit der Verfassungsreorganisation zu beteiligen.

Die Gerechtigkeit verlangt es, Constants vielgeschmähte Handlungsweise unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten, mag man immer zugeben, daß ihn, den passionierten Hasardspieler, der hohe Einsatz und das Vabanque gereizt haben mag. Aber jedenfalls, wenn es hier einen Tag von Damaskus gab, so war nicht er es, der ihn erlebte, viel eher der Kaiser, der nach fünfzehn Jahren des unumschränkten Absolutismus jetzt mit seinen bisherigen Gegnern zu paktieren wünschte. Die Zeitgenossen freilich sahen es meist anders an, und als Constant nach einer zweiten langen Unterredung mit Napoleon am 17. April die Ernennung zum Staatsrat erhielt und annahm, sah er sich bald da, bald dort geschmäht, als Abtrünnigen gemieden, des Renegatentums geziehen. Der Herzog Victor von Broglie, damals schon der Verlobte Albertinens von Staël, erzählt in seinen Memoiren, daß er am Tage nach Constants Ernennung diesen in seiner Wohnung aufgesucht habe: im Vorzimmer lag auf einem Sofa eine blitzend neue, goldgestickte Staatsratsuniform, im Salon saß Wilhelm von Humboldt im Austausch politischer Belehrung mit dem Hausherrn. Beim Weggehen habe Humboldt in seinen Bart (?) gelacht und sich die Hände gerieben, und der Herzog von Broglie gewann den Eindruck, daß der deutsche Diplomat an der »Bekehrung« Constants keinen unwesentlichen Anteil gehabt habe.

Als eine Bekehrung im charakterschädlichen Sinne des Wortes faßten in der Tat die maßgebenden Kreise Constants plötzliche Umwandlung aus einem unabhängigen liberalen Publizisten in einen persönlichen Ratgeber der Krone auf. Er mußte sich eingestehen, daß er die öffentliche Meinung gegen sich hatte, und nicht nur diese, auch die seiner Verwandten, Rosalies insbesondere – Frau von Nassau war hochbetagt im Jahr vorher gestorben – und der Hardenbergschen Familie. In der royalistischen Umgebung Madame Récamiers brach man vollends den Stab über ihn, und er klagt in seinen Briefen an sie bitter über die Ungerechtigkeit, die man ihm allenthalben widerfahren lasse. Ein gereizter Wortwechsel, den er in ihrem Salon mit einem ihrer politischen Freunde, Herrn von Montlosier, provozierte, führte zu einem Zweikampf, bei dem der andere kampfunfähig auf dem Platze blieb. Man ließ sogar seinen letzten Artikel aus den »Débats« als Flugblatt drucken und verbreiten, was ihn nötigte, dem Kaiser freiwillig briefliche Erklärungen zu geben. Im übrigen hatte er in diesen Wochen fast täglich Gelegenheit, den Monarchen zu sehen und zu sprechen, nicht nur in den häufigen Staatsratsitzungen, auch unter vier Augen in vertraulichen Unterredungen, denn Napoleon fand bei näherer Bekanntschaft Gefallen an der geistvollen Konversation und staatsmännischen Klugheit des Mannes, den er einst wegwerfend zu den Ideologen und Metaphysikern gerechnet hatte, und Constant wiederum lernte der Größe seines früheren Gegners im persönlichen Verkehr gerechter werden, als ehedem in der durch Frau von Staël genährten Emigrantenstimmung.

Diese selbst hatte sich bei der plötzlichen Rückkehr Bonapartes aus Elba in fluchtartiger Eile aus Paris nach Coppet begeben und sich Constants politischem Frontwechsel gegenüber zunächst skeptisch verhalten. Sie reagierte auch auf die jetzt wesentlich freundlichere Haltung des Kaisers ihr gegenüber nur kühl und stolz, trotzdem sogar einer ihrer ergebensten langjährigen Freunde, der Historiker Sismondi, sich jetzt gleich Constant zum Kaiserreich bekannte und für den Acte additionel öffentlich in mehreren »Moniteur«-Artikeln eintrat. Für alle Fälle hatte sie ihren älteren Sohn Auguste in Paris zurückgelassen, um an ihrer Statt die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten, denn ihr Interesse an dem abermaligen Regierungswechsel war jetzt nicht nur politischer, mehr noch vermögensrechtlicher Natur. Noch immer harrten jene zwei Millionen der Rückzahlung, die ihr Vater Necker bei seinem Ausscheiden aus dem Finanzministerium als vorläufige Bürgschaft für die Richtigkeit seiner Verwaltung hinterlegt und von keiner der sich folgenden Regierungen wieder erhalten hatte. Frau von Staëls Schritte während des Kaiserreichs waren, wie sich früher ergab, sämtlich erfolglos geblieben, erst Ludwig XVIII. hatte sich zu dem Versprechen der Rückerstattung bereit finden lassen, das dann durch den Gang der Ereignisse wieder illusorisch geworden schien. Wie jetzt die Dinge lagen, durfte Frau von Staël von Napoleon eine wohlwollendere Behandlung dieser Angelegenheit erwarten, und sie stellte an Benjamin das Verlangen, daß er seinen Einfluß an höchster Stelle in dieser Richtung geltend machen sollte. Er vermittelte auch in der Tat eine Audienz Augustes von Staël beim Kaiser, in der sich dieser entgegenkommend zeigte. Ihre endgültige Erledigung und Begleichung jedoch sollte die ganze, nun seit fünfundzwanzig Jahren schwebende Angelegenheit erst Anfang 1816 unter der zweiten Restauration finden.

Eine andere Geldaffäre führte während der Hundert Tage nach einmal eine vorübergehende scharfe Spannung zwischen Benjamin und Frau von Staël herbei. Wie früher erwähnt wurde, war im Jahre 1810 zwischen beiden ein notarielles Abkommen getroffen worden, wonach sich Constant zu einer Gesamtschuld von achtzigtausend Francs aus den voraufgegangenen Jahren bekannte, die er aber auf Frau von Staëls ausdrücklich protokollierten Wunsch bei seinen Lebzeiten nicht zurückzuzahlen verpflichtet sein, sondern nur testamentarisch ihrer Tochter Albertine vermachen sollte. Deren beabsichtigte Vermählung mit dem jungen Herzog Victor von Broglie, der selbst kein beträchtliches Vermögen besaß, nötigte sie jetzt, zu Mitgiftzwecken eine größere Summe aufzubringen. Um das ihr Fehlende zu ergänzen, wandte sie sich an Constant mit dem Ersuchen, ihr die Hälfte jener achtzigtausend Francs jetzt schon zurückzuerstatten, da sie sonst ihren der Familie Broglie gegenüber übernommenen Verpflichtungen nicht nachkommen könnte. Es war just der Augenblick, da er zum Staatsrat ernannt worden war und sich gesteigerten Repräsentationspflichten gegenüber, auch sonst nicht in der Lage sah, eine solche Summe zu entbehren. Er mußte also ihren Wunsch abschlagen, zumal er Frau von Staëls Darstellung, als ob Albertinens Heirat und ganzes Lebensglück durch diesen Bruchteil ihrer Mitgift in Frage gestellt sei, reichlich übertrieben finden durfte, und erregte sie mit dieser Weigerung in einem Grade, daß sie ihrer Empörung in den ausfallendsten Worten Ausdruck gab, ihn der egoistischen Herzlosigkeit Albertinen gegenüber beschuldigte und ihm drohte, nur noch durch ihren Advokaten weiter mit ihm zu verhandeln, was ihn wiederum dazu reizte, ihr die Veröffentlichung von Korrespondenzen in Aussicht zu stellen, die den Beweis ihres Anrechts liefern sollten. Zwei Monate lang gingen erbitterte Briefe in dieser peinlichen Angelegenheit zwischen Paris und Coppet hin und her, dann scheint Frau von Staël nachgerade zu der Erkenntnis gelangt zu sein, daß Constants Ablehnung nicht in egoistischen oder unedlen Motiven begründet war, denn sie ließ ihre so plötzlich geltend gemachten Ansprüche freiwillig fallen und nahm die Korrespondenz in dem alten freundschaftlichen Tone wieder auf, dem sich auch Albertine mit unverminderter Herzlichkeit anschloß. Noch in einem ihrer exaltiertesten Briefe vom 12. Juni erging sie sich in heftigen Vorwürfen gegen ihn, dem sie ihre ganze Jugend hingegeben und der dafür ihr Leben mit Füßen getreten habe, und verglich ihn mit dem »Erfinder der Folter am langsamen Feuer«, – fünf Wochen später hofft sie, ihm den Beweis geben zu können, daß ihr Verhalten gegen ihn »korrekt und gesetzmäßig« gewesen sei, ohne auf die Angelegenheit selbst nochmals einzugehen, und wünscht ihm alles Glück und Gelingen seiner Pläne. Und am 11. August gesteht sie ein: »Ihre Rechtfertigung ist vollkommen, und ich fühlte mich bedrückt, als ich sie las. Gesetzlich läßt sich Ihr Verhalten nicht angreifen.« Man darf also annehmen, daß er sie von der Berechtigung oder mindestens von der Entschuldbarkeit seines Standpunktes und seiner Handlungsweise überzeugt haben muß. Man darf es um so eher, als nichts in Constants Leben, Briefen und Selbstbekenntnissen auf die Möglichkeit hindeutet, daß er einer niedrigen Denkweise fähig oder im Punkte der Ehre nicht die volle Empfindlichkeit eines Gentleman besessen hätte. Schwerlich hätte er auch in seinen Briefen an Rosalie den ganzen Handel erwähnt und ihr von Frau von Staëls Verzicht auf ihre finanziellen Ansprüche mit Genugtuung berichtet, wenn er dabei die schäbige Rolle gespielt hätte, die ihm mißgünstige Beurteiler zuschreiben.

Jahre später hat Benjamin Constant in den »Mémoires sur les Cent-Jours« sein so viel angefochtenes Verhalten dialektisch geschickt und überzeugend begründet. »Man hat mir,« schrieb er, »einen Vorwurf daraus gemacht, daß ich mich nicht an den Stufen des Thrones habe töten lassen, den ich noch am 17. März kämpfend verteidigt hatte: tatsächlich fand ich, als ich am Morgen des 20. März die Augen aufschlug, daß dieser Thron über Nacht verschwunden war, indes Frankreich ruhig weiterbestand. Sich Bonapartes neuem Regierungskurse gegenüber ablehnend verhalten, hieß in jenem Augenblicke das Land drei gleichermaßen verhängnisvollen Gefahren aussetzen: der Rückkehr zur Militärdiktatur in ihrer schroffsten Form, der Auslieferung Frankreichs an die fremden Mächte oder endlich der Konterrevolution mit all ihren Schrecken. Diese Gefahren abzuwehren, gab es nur den einen Weg, sich mit dem neuen Regime zu verbünden, es zu unterstützen, aber ihm gleichzeitig auch Grenzen zu ziehen: sicher kein leichtes Opfer für diejenigen, die Bonaparte dreizehn Jahre lang bekämpft hatten oder zum mindesten nichts mit ihm hatten zu tun haben wollen!« Und er tat in seiner neuen Stellung, was er irgend vermochte, um den liberalen Forderungen verfassungsmäßige Geltung zu sichern. Sein sehr weitgehender Entwurf eines »Acte additionel«, der die Verfassung des Kaiserreichs in liberalem Sinne ausgestaltete, fand nach mehreren Umarbeitungen Napoleons Zustimmung, wurde nach der Erledigung im Staatsrat am 21. April veröffentlicht und erhielt schließlich bei der Volksabstimmung mehr als anderthalb Millionen Stimmen. Noch im Laufe des Mai veröffentlichte Constant gleichsam als Kommentar zu der neuen Verfassung seinen binnen acht Tagen geschriebenen, umfangreichen Traktat »Principes de politique«, in dessen zwanzig Kapiteln er Punkt für Punkt sein ganzes konstitutionelles Glaubensbekenntnis niederlegte: eine noch heute durch ihre Klarheit und überzeugende Logik eindrucksvolle Schrift, in der sich schon so manches ausgesprochen findet, was ein volles Menschenalter später ein Stuart Mill, ein Alexis de Tocqueville an politischen Theorieen entwickelten.

Am 1. Juni fand dann auf dem Marsfelde unter ungeheurem Zulauf des Volkes und mit einer Ansprache des Kaisers, in dessen unmittelbarem Gefolge sich Constant befand, das sogenannte Champ du mai, die feierliche Proklamation der neuen Verfassung statt, die dem Volke Preß- und Religionsfreiheit, Geschwornengerichte, Ministerverantwortlichkeit und die sonstigen konstitutionellen Forderungen verbürgte. Es war die letzte große öffentliche Schaustellung des ersten Kaiserreichs, und nach dem Zeugnis derer, die ihr anwohnten, lag. das unbestimmte Vorgefühl einer nahenden Katastrophe vielen schon beklemmend auf der Gruft. Wenige Tage nachher reiste der Kaiser mit dem ganzen Stab seiner bewährtesten Marschälle zur Armee an die Nordgrenze ab. Der erste Erfolg bei Ligny schien der Auftakt neuer Siege zu sein; aber schon der zweitnächste Sonnenuntergang besiegelte mit der vernichtenden Katastrophe von Waterloo das Schicksal des ersten Kaiserreichs für immer. Am 20. Juni bereits, spät abends, war Napoleon wieder in Paris, wo er sofort den Ministerrat ins Elysée berief. Auch Constants offenen Rat wollte er nochmals hören: er empfing ihn im Garten des Elysée allein am nächsten Tage abends in dreistündiger Audienz und erwog in ruhelosem Auf- und Abschreiten mit ihm die letzten Möglichkeiten. Die unerschütterliche Gefaßtheit und eiserne Ruhe, die der Kaiser auch jetzt noch bewahrte, während draußen in der Avenue Marigny die das Parkgitter belagernde Menge frenetische Hochrufe auf ihn ausbrachte, so oft er sichtbar wurde, machten auf Constant einen großen und unvergeßlichen Eindruck. Aber zu retten war nichts mehr. Die Kammern zeigten sich gänzlich abgeneigt, das Land noch weiter in kriegerische Abenteuer reißen zu lassen: sie versagten dem vom Kriegsglück verlassenen Cäsar weitere Kredite und zwangen ihn am 22. Juni zur zweiten und letzten Abdankung. »Die Elenden!« ruft Constant empört im Journal intime aus, »sie waren begeistert seine Knechte, so lang er die Freiheit mit Füßen trat: jetzt, wo er sie achtet, lassen sie ihn im Stiche!«

Er selbst wurde mit Lafayette und vier andern Bevollmächtigten zum Mitglied einer Kommission ernannt, die mit den anrückenden Alliierten namens der provisorischen Regierung Friedensverhandlungen eröffnen sollte. In Laon traf man auf Blüchers Vorhut, aber die Bedingungen, die dieser an einen Waffenstillstand knüpfte, erschienen Constant und den übrigen Parlamentären so unannehmbar, daß sie unverrichteter Dinge die Rückreise antraten. Noch einmal trieb es ihn, den rasch vereinsamten Kaiser, der für die meisten schon der tote Löwe war, aufzusuchen und sich von ihm zu verabschieden, ehe dieser das Elysée und die Hauptstadt verließ. Er fand ihn gelassen, fast heiter in dem Gedanken an das ruhige Landleben, das er in Malmaison fortan zu führen hoffte: schon die nächsten Tage sollten auch diese letzte Illusion zerstören. ... Am 6. Juli war Paris in den Händen der Verbündeten, am 8. zog Ludwig XVIII. zum zweiten Male in den Tuilerien ein, und unmittelbar darauf begann das reaktionäre Rache- und Strafgericht, der »weiße Schrecken« der zweiten Restauration.

Mehr noch, als drei Monate früher bei Napoleons Rückkehr, hatte Constant jetzt für seine Freiheit und sein Leben zu fürchten, denn für die bourbonische Regierung war er nach allem Vorgefallenen nicht minder ein todeswürdiger Hochverräter wie der bedauernswerte Labedoyère – einst sein Partner bei den Theateraufführungen in Coppet –, wie Marschall Ney und so viele andere, die für ihren Übergang zu Bonaparte jetzt standrechtlich erschossen wurden. Trotzdem blieb er in Paris und zog es vor, anstatt zu fliehen, in einer Denkschrift an den König sein Verhalten offen zu rechtfertigen, was seiner glänzenden Dialektik so vollkommen gelang, daß der Monarch persönlich seinen Namen von der Proskriptionsliste strich. Einen wertvollen Rückhalt fand er dabei an Madame Récamier, die im Herzen stets royalistisch gewesen war und jetzt ihren Einfluß in diesen Kreisen für ihn nutzen konnte. Seine Liebesschmerzen hatten in der Zwischenzeit durch die politischen Auflegungen und Anstrengungen zwar eine Ablenkung, aber keine nachhaltige Linderung erfahren und kehrten in dem Grade mit der alten Heftigkeit zurück, in dem seine gefährdete Situation sie ihrem freundschaftlichen Interesse zeitweise wärmeren Ausdruck geben ließ. Seine wirklichen oder eingebildeten Folterqualen erneuerten und verstärkten sich, die Temperatur seiner Briefe und Huldigungen steigt wieder bis zur Fiebergrenze, seine Gedanken kreisen wieder Tage und Nächte lang nur um die Einzig-Eine und das nächste freundliche Wort, das er von ihr zu erhaschen hofft. Er selbst erklärt dies nun schon seit Jahr und Tag andauernde Gefühl, diesen Seelenzwang einer ans Mystische grenzenden Anbetung, für seltsam und einzigartig, für etwas anderes als Liebe: sie habe, schreibt er ihr einmal, den »point magique« in seinem Innern berührt.

In dieser Verfassung erregte er die Aufmerksamkeit der ihm von Coppet her aus früheren Tagen bekannten, mit Juliette befreundeten Frau von Krüdener, der bekannten pietistischen Mystagogin, die um dieselbe Zeit als Betschwester Kaiser Alexanders auf der Höhe ihrer bewegten Laufbahn stand. Ihrer seelsorgerischen Teilnahme erschloß er sein zerquältes Innere, und bei der Überreiztheit, in der er sich befand, gewann ihr religiöser Bekehrungseifer so viel Einfluß auf sein trostbedürftiges Gemüt, daß er begierig an den abendlichen Andachtsübungen in ihrer für jeden Heilsbedürftigen offenen Wohnung im Faubourg St. Honoré teilnahm und nächtelang im Gebet auf den Knieen liegend mit andern Neophyten bei ihr verbrachte. Indes, obgleich sogar einmal Juliette selbst an diesen Exerzitien teilnahm, konnte auf die Dauer das himmlische Manna seine irdischen Wünsche nicht stillen: mit Frau von Krüdeners Abreise aus Paris, Ende September, verflog der mystische Zauber rasch, und das Gebet hörte auf, ein brünstiger Genuß zu sein.

Was schließlich die Ernüchterung vollends herbeiführen half, war die nicht mehr länger umgehbare Rücksicht auf Charlotte, die nun schon seit anderthalb Jahren, seit Benjamins Abreise aus Hannover, von ihm getrennt bei den Ihrigen in Deutschland lebte. Zuerst war sie zurückgeblieben, weil sie die Entwicklung der Dinge in Paris abwarten wollte, später hatten die fortwährenden Truppenbewegungen im Rheingebiet ihr Alleinreisen unrätlich erscheinen lassen und nachher die politischen Ereignisse der Hundert Tage neue Verzögerungen und Unterbrechungen der brieflichen Verbindung herbeigeführt. Jetzt endlich, im Herbst 1815, kündigte sie ihm ihr baldiges Eintreffen in Paris an, und Constant entschloß sich, halb aus Pflichtgefühl, halb in der Hoffnung, sich durch eine freiwillige Verbannung aus Juliettes Gesichtskreis von seiner Herzenskrankheit zu kurieren, ihr bis Brüssel entgegenzureisen, wo er zunächst noch einen vollen Monat auf ihr Eintreffen warten mußte. Das Wiedersehen der Gatten war einigermaßen kühl, denn Charlotte hatte sein Verhalten bei der Rückkehr Napoleons, wie sich schon zeigte, in Übereinstimmung mit ihren Angehörigen unbegreiflich gefunden und machte ihm jetzt den Vorwurf, durch sein politischem Hasardspiel sich und sie selbst in eine Ungewisse und kritische Lage gebracht zu haben. Tatsächlich sah er keine Möglichkeit, jetzt mit ihr zusammen nach Paris zurückzukehren, trotzdem er sich dort einige Zeit vorher von einem größeren Spielgewinn bereits ein Haus erstanden hatte: seine Rolle während der Hundert Tage ließ, es vorerst ausgeschlossen erscheinen, daß er sich aktiv am politischen Leben beteiligte, und er fürchtete zudem, erst halbwegs genesen, sich in Juliettes persönlicher Nähe einem Rückfall auszusetzen.

So entschied er sich, vorerst einen längeren Aufenthalt in England zu nehmen, und trat Mitte Januar 1816 von Brüssel aus mit Charlotte die Reise nach London an. Aber obwohl sich ihm, dem Träger eines nun schon historischen Namens, rasch zahlreiche Salons der englischen Hauptstadt öffneten, ließen ihn äußere Umstände mancher Art auf die Dauer hier nicht heimisch weiden. Die Londoner Geselligkeit mißfiel ihm, die Kosten der englischen Lebensführung überstiegen seine Verhältnisse; dazu kam, daß Charlotte das neblige Klima der Themsestadt nicht vertrug und in der einheimischen Gesellschaft als zweimal geschiedene Frau keinen Boden zu gewinnen vermochte. Aus seinen Briefen an Madame Récamier spricht seelische Zerschlagenheit und müde Resignation. Da Charlottens Befinden schließlich einen Ortswechsel dringend erheischte, verließen sie beide London Mitte Juli, um sich zum Kurgebrauch nach Spa, dem damaligen Modebade, zu begeben: von da gedachte Constant zunächst nach Brüssel und später, falls die dortigen Verhältnisse es zuließen, nach Paris zu gehen. Vorher aber hatte er noch in London den kleinen Roman im Druck erscheinen lassen, dessen Entstehung nun schon um volle neun Jahre zurücklag, den Roman, der als einziges Werk von allen, die er geschrieben, in den dauernden Besitz der französischen Weltliteratur überzugehen und seinen Namen der Nachwelt geläufig zu erhalten bestimmt war.

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