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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 13
Quellenangabe
typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
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XI. Charlotte

(1807–1808)

Charlotte Constant, geb. v. Hardenberg
Nach einem Pastell im Besitze der Baronin E. Nolde geb. v. Marenholtz (Wirgen in Kurland)

Nach Benjamins endgültigem Abschied von Braunschweig hatte die junge Frau Charlotte von Marenholtz für ihre enttäuschten Hoffnungen ziemlich schnell einen Tröster gefunden. Einer der zahlreichen nach der Welfenresidenz verschlagenen Emigranten, der um mehrere Jahre jüngere Vicomte Alexander du Tertre, gewann ihr Herz und bald auch ihre Hand, nachdem der legitime erste Gatte mit weltmännischer Höflichkeit auf seine Rechte verzichtet hatte. Mit diesem zweiten Gemahl, der zu der weniger erfreulichen Sorte der von sich selbst durchdrungenen Provinz-Emigranten gehörte und überdies bigott-katholisch war, siedelte die nunmehrige Madame du Tertre nach der Herstellung des Kaiserreiches in die französische Hauptstadt über, und da auch die neue Ehe ihr die innere Befriedigung nicht gebracht hatte, fühlte sie sich bei der Wiederbegegnung mit Benjamin Constant – Ende 1804 – von neuem und in verstärktem Grade zu diesem hingezogen.

Mehrere Jahre hindurch war es von seiner Seite bei gelegentlichen freundschaftlichen Besuchen und Begegnungen geblieben; nun aber, im Frühjahr 1807, während Frau von Staël noch in Acosta weilte und er selbst sich durch sein verschlimmertes Augenleiden besonders anschlußbedürftig fühlte – die Gefahr einer völligen Erblindung war nicht ausgeschlossen – begann plötzlich der Zauber von Charlottens sanfter und anpassungsfähiger Persönlichkeit stärker zu wirken. Sie erschien ihm jetzt trotz ihrer fast vierzig Jahre anmutiger als je, und seine Umwerbung wurde bald so ungestüm, daß sich eines Tages Charlotte bereit fand, ihm auf einige Zeit in der ländlichen Einsamkeit von Les Herbages Gesellschaft zu leisten. »Sie ist ein Engel von Güte und Liebenswürdigkeit,« schwärmt er in seinen Aufzeichnungen, »und ich muß sie von Tag zu Tag lieber haben. Welch böser Geist hat mich vor zwölf Jahren dazu getrieben, sie von mir zu stoßen! Wie verrückt war ich mit meinem Unabhängigkeitsbedürfnis, das mir doch weiter nichts genützt hat, als mich von dem herrischsten Geschöpf der Welt unterjochen zu lassen!«

Verglichen mit der Scirocco-Temperatur von Frau von Staëls Leidenschaft und dem allezeit tropischen Klima ihrer Seele, mußte ihm die duldsame, zartfühlende, hingebende Weiblichkeit Charlottens wie das milde, klare Licht des Mondes erscheinen, und unter dem Eindruck der so entstandenen partiellen Sonnenfinsternis faßt er aufs neue revoltierende Entschlüsse. Die Kontrastwirkung beider Frauen steigert seine Empfindungen, er glaubt einen ganz neuen Frühling seines illusionslosen Herzens zu erleben und nimmt sich vor, Charlotten zu heiraten, sobald ihre Scheidung sich ermöglichen läßt. Die Herrschaft der eisernen Hand, die Frau von Staël – »l'homme-femme« nennt er sie wohl in solcher Stimmung bissig – seit zehn Jahren über ihn ausgeübt, muß und will er abschütteln. Aber wie es seiner Zweiseelen-Natur entspricht: der Zweifel streift ihn schon jetzt, ob seine neue Leidenschaft lange von Bestand sein werde. »Sollte es nur ein vorübergehendes Fieber sein,« fragt er sich nach einem der mit Charlotte verbrachten Abende, »und die Ernüchterung schon beginnen? Ich habe eine Heidenangst davor. Sie hat wohl vielen Charme, aber eigentlich wenig Wandlungsfähigkeit und eine große Unruhe des Empfindens.« Doch schon ein paar Tage später widerruft er sich selbst: »Nein, ich tu ihr Unrecht: sie ist doch ein Engel!«

Freilich wurde es ihm nicht eben leicht gemacht, sich der ungewohnten Flitterwochenstimmung zu freuen. In der Gesellschaft, der seine Beziehungen zu Madame du Tertre nicht lange verborgen blieben, begannen schon die bösen Zungen ihr Geschäft zu Ungunsten der armen Charlotte, die sich als doppelt geschiedene Frau einem drohenden Boykott gegenübersah. Der Vicomte du Tertre seinerseits gefiel sich darin, einstweilen noch den Othello zu spielen, offenbar nur, um sich seine Einwilligung zur Scheidung möglichst teuer abkaufen zu lassen. Benjamins Vater, dessen Prozeßangelegenheit er nebenbei in Paris wahrzunehmen hatte, verlangte dringend nach seinem Kommen. Eine Erkrankung seiner Tante und einstigen Pflegemutter Frau von Nassau rief ihn an deren Lager nach Lausanne. Und aus Coppet, wohin Frau von Staël Anfang April auf scharfe Weisungen von oben her wieder hatte zurückkehren müssen, kam Brief auf Brief, worin im höchsten Diskant der Erregtheit seine Rückkehr verlangt wurde. »Du hast keine Idee von diesen Briefen,« schreibt er erbittert an Rosalie: »in ihrem Übermaß an ausfallender Ungerechtigkeit ersticken sie allemal jedes wärmere Gefühl im Keime, das sich in mir regen will. ... Sie schreibt mir Dinge, die man keinem überführten Raubmörder sagen würde, und nicht nur an mich, auch an gemeinsame Freunde, bei denen sie mich meines Charakters wegen verdächtigt. Und das, nachdem ich sie wieder fast ein Jahr lang von Gasthof zu Gasthof begleitet, mich ihretwegen in eine Lebensweise geschickt habe, die meinen Neigungen so zuwider wie meiner Gesundheit schädlich ist, und ritterlich genug war, mich von aller Welt falsch beurteilen zu lassen, einzig und allein, weil ich sie verbannt und unglücklich wußte!«

Er verließ Paris Ende Juni 1807, um seinen kränkelnden Vater in Dôle aufzusuchen, fest entschlossen, vorerst nicht nach der Schweiz zurückzukehren. Aber ein plötzlich einlenkender, ruhig und resigniert gehaltener Brief Frau von Staëls, in dem sie ihn um eine letzte und entscheidende Aussprache bat, damit sie wenigstens Freunde bleiben könnten, machte ihn noch einmal wankend. Mitte Juli war er wieder in Coppet – der Empfang, den er dort fand, erschütterte ihn, und der Anblick des konvulsivischen Schmerzes, als dessen Ursache er sich fühlte, spannte ihn von neuem auf die Folter des alten Dilemmas. Jeder Versuch einer ruhigen Auseinandersetzung erwies sich als vergeblich: sie wollte von nichts anderem hören, als daß er ihr bleiben müsse, was er ihr bisher gewesen, und schwor, sich sofort den Tod zu geben, wenn er noch einmal den Versuch unternähme, sich von ihr loszureißen. Sie machte das ganze Haus, ihre Kinder, ihre Freunde zu Zeugen dieser Drohung, derart, daß er in den Augen aller derer, die an ihr hingen, und nicht zuletzt in seinen eigenen als ein wahres Scheusal an Herzlosigkeit erscheinen mußte, wenn er diesem Übermaß einer vom Schmerz geheiligten Liebe gegenüber noch egoistisch an seine eigenen Interessen denken wollte. Ratlos, fassungslos gegenüber ihrem neuen Ansturm auf sein Herz und seinen Hochsinn, wandte er sich an Rosalie und bat sie, ihm ihr Gewissen zu leihen, da das seinige durch all das Erlebte nachgerade stumpf und taub geworden sei, und ihm zu sagen, was er tun sollte.

Rosalies Briefe aus jenen Tagen an ihren Bruder Charles, die die Bibliothek zu Genf noch aufbewahrt, sind denn auch die beste Quelle für die tumultuarischen Auftritte, die sich in den Augustwochen abspielten. Rosalie war die einzige von all den Zeugen dieses langjährigen Herzensdramas, die beide Teile genau kannte und die deshalb, obwohl sie Benjamin seine Schwäche oft genug vorwarf, doch begriff, daß und warum er aus dem Irrgarten seiner einstigen Liebe den Ausgang nicht finden konnte. Sie erzählt, daß er Anfang August aus Coppet nach Lausanne förmlich flüchtete, um einige Zeit bei Frau von Nassau zu verbringen: aber schon wenige Tage später kam Frau von Staël angereist, mietete sich in Lausanne für einen Monat ein Haus und brachte in ihrer Begleitung Madame Récamier mit, die kurz vorher auf Besuch in Coppet eingetroffen war. In einer langen Unterredung mit Rosalie de Constant suchte sie diese für sich zu gewinnen und zu bestimmen, auf Benjamin zu ihren Gunsten einzuwirken. Rosalie nahm kein Blatt vor den Mund und sagte ihr gerade heraus: vor Jahren sei es wohl ihr Wunsch gewesen, daß sie beide einander heirateten; dadurch, daß sie es damals nicht getan, hätten sie sich gegenseitig einen unwiderruflichen Beweis der Nichtachtung gegeben, und Frau von Staël habe Benjamin überdies durch ihre offen gezeigte Vorliebe für andere Männer – die Anspielung ging vor allem auf Prosper de Barante – in eine schiefe Stellung der Welt gegenüber gebracht. Benjamin habe etwas Besseres verdient, und sie könne es ihr, seiner nächsten Verwandten und schwesterlichen Freundin, nicht verdenken, wenn sie jetzt vor allem sein Glück und seinen guten Ruf im Auge habe. Frau von Staël beschwor dasselbe von sich und erklärte sich zu einer Heirat noch jetzt bereit, wenn Rosalie ihr dazu ihre Bundesgenossenschaft leihen wollte. Aber diese ließ sich nicht erschüttern. »Wie wird, wie soll das enden?« schreibt sie ihrem Bruder Charles. »Frau von Nassau und Madame de Loys (gleichfalls eine Schwester von Benjamins Mutter) verabscheuen und verachten die Dame und wollen einen vollständigen Bruch. Ich selber bin in großer Sorge um den armen Benjamin. Wenn er auch alles sich selbst zuzuschreiben hat, und wenn auch sein Charakter an allem die Schuld trägt, er bleibt darum nicht weniger des Mitleidens wert!«

Sein Tagebuch weist die Spuren seiner zerwühlten Stimmung auf. Durch die Trennung verklärt, erschien ihm Charlotte jetzt vollends wie eine Licht- und Huldgestalt gegenüber »dieser Furie, die mich verfolgt, Schaum vor dem Munde, den Dolch in der Hand.« Der Dolch war allerdings nicht gegen seine, sondern gegen ihre eigene Brust gerichtet, denn mit der Drohung, sich zu töten, hielt sie ihn jetzt alle Augenblicke im Schach, sodaß einmal sogar Schlegel sich bei Constant ins Mittel legen zu müssen glaubte, weil er ein Unglück befürchtete. Vielleicht wäre ihm trotzdem die Entschließung zum Bruch leichter geworden, wenn nicht gleichzeitig auch seine beabsichtigte Heirat mit Charlotte bei seinen Angehörigen auf Widerspruch und Abraten gestoßen wäre, da man sich von einer zweimal geschiedenen Frau nichts Gutes versah. Er plante eine heimliche Abreise, um sich alledem durch die Flucht zu entziehen, fand aber die Energie dazu nicht, blieb und spielte die Komödie weiter. Nicht nur die eigene; auch als Akteur einer von Frau von Staël in Lausanne arrangierten Aufführung von Racines »Andromaque«, worin sie die Hermione, Madame Récamier die Titelrolle, Sabran den Orest, Benjamin den Pyrrhus tragierte. Nach dieser Vorstellung reisten die Gäste aus Coppet dorthin zurück, Benjamin blieb noch in Lausanne mit dem Versprechen, ein paar Tage später nachzukommen. Da er zögerte, schickte Frau von Staël Wagen, Pferde und Dienerschaft aus Coppet, die ihn abholen sollten. Neue Aufregung, neue Besorgnisse, neue Beratschlagungen mit den Seinigen, die schließlich das einzige Heil für ihn darin sahen, Frau von Staël zwischen einer sofortigen Heirat oder einem endgültigen gütlichen Auseinandergehen die Wahl zu lassen. ... Mit dieser Losung fuhr er auch ab, aber nur um schon am folgenden Vormittag nach dritthalbstündigem Ritt zu Tode erschöpft unverrichteter Dinge wieder in Lausanne einzutreffen. Sobald er ihr sein Ultimatum gestellt hatte, war sie aufgesprungen, hatte Schlegel und ihre drei Kinder herzugerufen und zu diesen gesagt: »Da seht euch den Mann an, der mich vor die Wahl stellt, entweder zugrunde zu gehen oder eure Existenz und euer Vermögen aufs Spiel zu setzen!« Dann hatte sie sich auf die Erde geworfen, laut geschrieen, sich mit dem Taschentuch zu erdrosseln versucht und sich so irrsinnig gebärdet, daß Benjamin gar nicht anders konnte, als ihr wieder gute Worte zu geben und sie durch Zärtlichkeiten zu beruhigen. Über Nacht aber war er zum Bewußtsein seiner beschämenden Lage gekommen und im Morgengrauen ohne Abschied Hals über Kopf davon geritten.

Seine Erzählung von diesen Vorgängen war noch nicht zu Ende, als auf dem Treppenflur erregte Stimmen laut wurden und von draußen Frau von Staël zitternd, aufgelöst, mit fliegendem Haar und derangierter Toilette ins Zimmer stürzte: »Wo ist er? Ich muß ihn wiederfinden!«, dann Benjamin an den Hals flog, an ihm niederglitt und ihn schluchzend mit Vorwürfen überhäufte, alles in Gegenwart seiner Tante und Rosalie. Das Ergebnis des für alle peinvollen Auftritts war, daß sie ihm sein Wort abzwang, noch sechs Wochen in Coppet zu bleiben bis zu ihrer für den Winter geplanten großen Reise nach Wien. Und wehrlos wie ein Gefangener ließ er sich in ihrem Wagen wieder mit entführen – denselben Weg zurück, auf dem sie einander vor genau dreizehn Jahren zum ersten Male begegnet und den sie damals nach Lausanne gemeinsam gefahren waren. Rosalie wurde von den Aufregungen dieses Tages krank, erklärte, Frau von Staël nie im Leben wieder sehen zu wollen, und ließ monatelang auch Benjamins Briefe ohne Antwort.

Fürs erste trat nun Beruhigung ein. Um sich abzulenken, nahm er eine französische Bearbeitung von Schillers »Wallenstein« in Angriff, wozu ihn teils Frau von Staël, die damals schon die Vorstudien zu ihrem Buche über Deutschland begonnen hatte, teils seine darstellerische Beschäftigung mit den französischen Klassikern angeregt haben mochte: nachdem er so viele Alexandriner memoriert und rezitiert hatte, reizte es ihn, sich selbst in dieser Verssprache zu versuchen. Die Arbeit wurde mit Feuereifer gefördert und im Verlaufe weniger Wochen zum größten Teile fertig gestellt, unter ständiger Anteilnahme Frau von Staëls. »Benjamin,« schrieb diese am 13. Oktober an die Großherzogin Luise von Weimar, mit der sie in Korrespondenz geblieben war, »hat es unternommen, aus ›Wallensteins Tod‹ ein Stück für die französische Bühne zu machen und hat drei wundervolle Akte bereits fertig. Wir wollen das Drama auf dem Theater in Coppet spielen, bevor unsere Gesellschaft auseinandergeht und ich abreise. Benjamin will dann zusehen, ob er es in Paris zur Aufführung bringt.« Zu einem Gastspiel von Schillers Helden auf der kleinen Schloßbühne kam es allerdings nicht mehr, dafür wurde in diesen Herbstwochen desto fleißiger allerhand anderes gespielt: von den Tragödien des vorhergehenden Jahres »Mérope«, »Mahomet« und »Phädra«, dazu Racines »Plaideurs« und die in Lausanne schon dargestellte »Andromaque«, worin Benjamin wieder den König Pyrrhus von Epirus spielte und damit in Genf zu dem malitiösen Wortspiel Anlaß gab: »On ne sait pas si c'est le roi d'Epire (des pires), mais c'est bien le pire des rois.« Auch ein Genovefa-Drama von Frau von Staël, in dem ihre Kinder mitspielten, kam jetzt zur Aufführung.

Coppet erlebte überhaupt in diesem Spätsommer und Herbst 1807 vielleicht seine interessanteste Zeit während der Verbannungsjahre seiner Herrin. Außer den Getreuen des Hauses, in deren Orden noch, ergeben der Gebieterin, der junge Graf Elzéar de Sabran eingetreten war, und außer Madame Récamier, die im ganzen volle fünf Monate blieb, war zur selben Zeit auch deren glühender Verehrer Prinz August von Preußen sechs Wochen lang Gast des Hauses; Prosper de Barante mit seinem Vater, dem Präfekten von Genf, erschien regelmäßig; der jugendliche François Guizot, der künftige doktrinäre Staatsmann, zollte der Verfasserin der »Corinne persönlich den Tribut seiner Bewunderung. Inmitten dieses an- und aufgeregten Treibens, das die Frau von Staël feindliche Madame de Genlis fünfundzwanzig Jahre später in ihrem Roman »Coppet en 1807« zu schildern versucht hat, spielte sich der bekannte Liebesroman zwischen dem ritterlichen Hohenzollernprinzen und der »beauté sans égale en Europe« Juliette Récamier ab, der bis zum Austausch schriftlicher Treuschwüre gedieh, um dann an Juliettes moralischen Bedenken gegen eine Scheidung zu scheitern. Constant aber langweilte sich bei alledem innerlichst und hatte nur noch Interesse für seine Wallenstein-Nachdichtung, die er unter allen Umständen jetzt fertig stellen wollte. Der Gottesfriede zwischen ihm und Frau von Staël hielt dabei leidlich stand: während sie sich ihres augenblicklichen Sieges freute, vertröstete er sich immer wieder auf ihre bevorstehende Abreise, die ihm die Möglichkeit gab, nach Paris und zu Charlotte zurückzukehren.

Diese war inzwischen bei der ganzen Entwicklung der Dinge recht eigentlich der leidende Teil gewesen. Es war ihr gelungen, nach Benjamins Abreise aus Paris und auf sein Drängen hin sich mit Herrn du Tertre dahin zu einigen, daß er gegen eine Abfindungssumme und die notarielle Zusicherung einer lebenslänglichen Rente in eine Scheidung wegen »unbezwinglicher Abneigung« willigte; und sie saß nun welt- und gottverlassen in Paris, von dem zweiten Gatten geschieden, mit dem dritten noch nicht vermählt, ein gesellschaftliches Ding der Unmöglichkeit. Auf die Dauer konnten ihr die wahren Gründe von Benjamins andauerndem Fernbleiben nicht entgehen, sie litt entsetzlich darunter, doch es entsprach ihrer weichen nachgiebigen Gemütsart nicht, ihn mit Vorwürfen zu überfallen; sie versuchte vielmehr, seine Lage zu verstehen und zu entschuldigen, so lange es irgend ging, und rührte ihn durch ihr duldendes Vertrauen mehr, als durch Anklagen und Beschuldigungen. Aber schließlich wurde ihre Lage unerträglich, und da sie es in Paris nicht mehr aushielt, kam sie nach Besançon, wo er schon Ende Oktober mit ihr hatte zusammentreffen wollen, wenn er nach dem benachbarten Dôle zu seinem Vater reiste. Dessen Krankheit nahm er nun zum Vorwand, um sich Ende November in Coppet zu beurlauben, wenige Tage bevor das Haus sich von seinen Gästen leerte und Frau von Staël mit Schlegel und den beiden jüngeren Kindern ihre Reise nach Wien antrat. Es war hohe Zeit, daß er in Besançon eintraf: er fand Charlotte ernstlich krank vor Aufregung, in Fieberphantasien, und empfand bei diesem Wiedersehen ehrliche Reue darüber, durch sein wankelmütiges Zaudern beinahe ein anderes Menschenleben aufs Spiel gesetzt zu haben. Dank seiner Anwesenheit und Fürsorge erholte sie sich verhältnismäßig rasch, und beide verbrachten fast zwei Monate bei seinem Vater in Brevans bei Dôle, der die ihm zugedachte Schwiegertochter mit um so größerer Sympathie willkommen hieß, als er in Frau von Staël bis dahin stets Benjamins bösen Geist gesehen hatte.

Während die gefeierte Verfasserin der »Corinne« sich in der Kaiserstadt an den Huldigungen der dortigen Gesellschaft für die Bitternisse ihrer Verbannung schadlos hielt, kehrte Benjamin im Februar 1808 aus Dôle – das um jene Zeit auch der ständige Wohnsitz Charles Nodiers war – in Charlottens Begleitung nach Paris zurück. Die nächsten Monate sollten vor allem der Arbeit am »Wallenstein« gehören, der sich für die praktischen Bedürfnisse des Theaters noch als beträchtlich zu lang erwies und auch sonst noch manche durchgreifende Änderung erforderte. Gleich nach seiner Übersiedlung in die Hauptstadt hatte Constant in Madame Récamiers Salon sein Werk vor zahlreichen Zuhörern, – darunter auch Talma, der für die Titelrolle interessiert werden sollte – selbst vorgelesen, aber der Erfolg entsprach keineswegs seinen hochgespannten Erwartungen. Talma, der sich nur an die Hauptrolle hielt, fand diese nicht dankbar genug, und die anderen urteilten ähnlich, was Constant nicht wenig schmerzlich war und ihm für eine Woche die Laune gründlich verdarb. »Ich sehe jetzt ein,« schreibt er an Prosper de Barante, »daß ich überhaupt nicht für die französische Bühne arbeiten kann. Diese verlangt nun einmal so bestimmte Richtlinien und so ausgesprochene Farben, wie meine Natur sie nicht zu geben vermag. Für mich beruht die Naturwahrheit einzig und allein in den Nüancen, in Frankreich aber kennt man für das Theater nur eine bestimmte Zahl von Charaktermodellen; ein Despot muß so gezeichnet sein, ein Verschwörer so, und so weiter. Nicht Menschen hat man zu schaffen, sondern einfach gegebene Rahmen auszufüllen. Bestimmte Lokalfarben will man auch nicht, und die Sitten aller Jahrhunderte sind für die Konvention des Theaters ein und dieselben. ... Dieses Kulturvolk ist so alt, daß es von der Natur nichts mehr kennt, als ein paar herkömmliche Gefühle, von denen ihm gesagt worden ist, sie existierten angeblich in einer Gegend, die man das menschliche Herz nennt.«

Die vertrauten Briefe an Barante müssen uns auch sonst jetzt gelegentlich das »Journal intime« ersetzen, das mit dem Beginn des Jahres 1808 abbricht und erst nach mehr als drei Jahren noch einmal für kurze Zeit aufgenommen wird. Deutlicher noch als in den Lakonismen des Tagebuchs spiegelt sich in diesen ausführlichen Herzensergießungen der allgemeine ennui, die pessimistische Grundstimmung der damaligen Intellektuellen wieder, die der Keimboden für das bald so üppig wuchernde Kräutlein Weltschmerz werden sollte. Zugrunde lag ihr die tiefe Enttäuschung aller derer, die von der Götterdämmerung der Revolution ein neues glorreiches Zeitalter der Freiheit erträumt hatten und nun statt dessen den Cäsarismus und Absolutismus in seiner schroffsten Form über die halbe Welt triumphieren sahen. »Sie und ich, mein lieber Prosper,« heißt es in einem dieser Briefe, »sind nicht geschaffen, in diesem Jahrhundert zu leben und zu wirken. ... Es gibt keine Individuen mehr, nur noch Bataillone in Uniformen. Wir armen Teufel, die statt einer Uniform noch immer unsere eigenen Kleider tragen, wissen nicht mehr, wohin wir gehören.« Alles erscheint ihm reglementiert, schabloniert, kommandiert. »China! China!« ruft er bitter aus, »das ist das Ziel, auf das wir mit Riesenschritten lossteuern.« Als Symptom seiner zunehmenden Apathie dem Unabänderlichen gegenüber, führt er an, daß ihm selbst die Unterhaltung in geistig ebenbürtiger Gesellschaft nachgerade unmöglich werde, einfach weil ihm jede Diskussion zwecklos und unfruchtbar erscheint in einer Zeit, die alles selbständige und unabhängige Denken paralysiert. In der Einsamkeit von Les Herbages, wohin er sich im April für kurze Zeit zurückzog, überfiel ihn der Alpdruck seiner Erinnerungen, das Gefühl eines unerfüllten Daseins, der Gedanke an Tod und Vergehen mit noch nicht gekannter Gewalt. »Von Tag zu Tag verstehe ich das Leben weniger,« klagt er dem Freunde, »und ich möchte mich manchmal auf die Erde werfen, um ihr ihr Geheimnis abzulauschen. Hat denn jedermann dieses Gefühl und verbirgt es nur, wie ich es verberge? Trägt jedermann eine Maske und stellt sich charakterlos und gemein, nur um nicht für einen Narren gehalten zu werden? Wo gibt es wirkliche Menschen, denen dies Leben so wie es jetzt ist, zusagt, denen es als eine ganz selbstverständliche Sache erscheint: geboren zu werden, andere ringsumher sterben zu sehen, die unsichtbare Hand auf sich lasten zu fühlen, die ihre Gesichter furcht, ihre Stimmen zum Flüstern dämpft, – und schließlich selbst zu sterben?«

Den Ausgleich für diese innere Disharmonie suchte er teils in der Arbeit, teils in der Gesellschaft Charlottens, teils in den Sensationen des Spieltisches und anderer Dinge. Er interessiert sich, wie es um dieselbe Zeit auch Goethe tat, für die Experimente und Vorträge des Phrenologen Doktor Gall, der eben damals aus Deutschland nach Paris übergesiedelt war und mit seiner sonderbaren Schädellehre viel Aufsehen und Widerspruch erregte. Er probiert gleich Wallenstein sein Heil im Glauben an das Übernatürliche und sucht eine von der vornehmen Welt frequentierte Wahrsagerin auf, ähnlich wie er schon im Jahre vorher in Lausanne ein paar Mal an den mystischen Religionsübungen im Hause eines angeheirateten Vetters, des Chevalier von Langallerie, kuriositätshalber teilgenommen hatte. Aber weder Konventikel noch Hexenküche vermochten seine Selbstkritik zu narkotisieren, und je näher der Sommer heranrückte, der Frau von Staël nach Genf zurückführen und dann notwendig neue heftige Wirbelstürme heraufbeschwören mußte, um so mehr empfand er die Notwendigkeit, daß etwas geschehen müsse, daß er es sich und Charlotte schuldig sei, die Konsequenzen des letzten Jahres zu ziehen und sie zu heiraten. Auch sein Vater drängte zu diesem Schritt, von dem er sich Benjamins endliche Befreiung versprach, und dieser selbst gab sich dem Wahne hin, daß Frau von Staël einer vollzogenen und unwiderruflichen Tatsache gegenüber wohl oder übel ihre Ansprüche an ihn werde aufgeben müssen. Ende Mai reiste er mit Charlotte von Paris wieder nach Brevans bei Dôle ab, und hier wurde am 5. JuniProf. Eugène Ritter hat in seinen »Notes sur Mme. de Staël« (1899) einigen Scharfsinn auf den Beweis seiner Behauptung verwandt, daß die Vermählung erst im Dezember desselben Jahres stattgefunden habe. Er ist im Irrtum: die Heiratsurkunde, die mir im Original vorlag – sie befindet sich im Archiv der Familie v. Marenholtz in Groß-Schwülper – ist vom 8. Juni 1808 datiert, für die Vorgänge der nächsten Monate keineswegs gleichgültig ist. im Hause des zweiundachtzigjährigen Generals Constant der Trauungsakt durch einen befreundeten, protestantischen Geistlichen aus dem nahen Besançon vollzogen – allerdings, wie sich später ergab, nicht in rechtsgültiger Form, da einigen gesetzlichen Formalitäten damit nicht genügt war.

Der Rubikon war nun überschritten, aber wie wenig er sich dabei als Sieger über sich selbst fühlte, läßt ein wenige Tage nach der feierlichen Handlung an Barante geschriebener Brief erkennen, in dem er – ohne das Ereignis selbst mit einer Silbe zu erwähnen – auf die große Unentschlossenheit seines Charakters zu sprechen kommt und die Tragik seines Lebens in die Worte faßt:

»Ich habe oft und viel darunter gelitten, daß man aus dem, was ich sagte, auf das schließen zu dürfen glaubte, was ich hätte tun müssen.« Und er erläutert dies Bekenntnis dahin: »Die meisten Menschen, wenn nicht alle – denn es handelt sich dabei nicht um einen Mangel an Freundschaft oder Verständnis, sondern um ein Naturgesetz – sehen das, was die andern angeht, als etwas Bestimmtes, Geschlossenes, fest Umgrenztes an, weil sie nichts wahrnehmen, als die Tatsachen, obwohl nur selten unsere Schmerzen durch konkrete Tatsachen verursacht sind (sondern durch das, was dazwischen liegt). Das Herz ist ein unmittelbares Stück unsrer selbst. Es kennt Krankheiten, von denen es nicht geheilt werden will, obgleich es von ihnen geheilt zu werden vermag. Zufällige Umstände führen wohl diese Heilung trotzdem herbei; aber, wie gesagt, solange sie nicht stattgefunden hat, wünscht man sie sich nicht. Nur die guten Freunde wünschen sie, und was sie alles sagen, um darauf hinzuwirken, die Unzufriedenheit, die sie einen merken lassen, wenn sie sehen, daß man aus der Situation nicht heraus will, über die man sich beklagt, verschärfen nur den inneren Zwiespalt, anstatt ihn zu bessern. ...«

Glosters Frage drängt sich hier auf: ward je in solcher Laun' ein Weib gefreit? Und man fühlt ohne weiteres, daß aus solchen Reflexionen noch kein zur Entschlossenheit Geheilter spricht, daß der letzte Akt dieser Stella-Tragikomödie erst noch bevorstand.

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