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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 12
Quellenangabe
typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
correctorreuters@abc.de
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X. Zwischenspiel

(1804–1807)

Wie es ihrem Temperament entsprach, suchte Frau von Staël die Vergessenheit für ihren frischen Schmerz in um so regerem Verkehr mit ihren Freunden. Schlegel, das neue Mitglied des Hauses, Bonstetten und Sismondi, die im benachbarten Genf ansässig waren, bildeten von jetzt an und auf Jahre hinaus mit Constant das Stammquartett von Coppet, bekleideten in dem kleinen Hofstaat ihrer Königin ohne Land die vier Erzämter. Aber auch andere Freunde und Gäste kamen und gingen beständig, und Benjamin, dem seine Arbeit jetzt vor allem am Herzen lag, hatte Mühe, in dieser geistig absorbierenden und zerstreuenden Umgebung seine Gedanken zu sammeln, die durch die Unterbrechungen der langen Reise verlorenen Fäden wiederzufinden. Unter dem Vorwande, die Bibliothek in Lausanne benutzen zu müssen, zog er sich für eine Weile dorthin zurück; die Beflissenheit seiner Verwandten jedoch, ihm mit weisen Ratschlägen und Heiratsprojekten zuzusetzen – diesmal handelte es sich zur Abwechslung um seine zwanzigjährige Cousine Antoinette de Loys – trieb ihn bald wieder nach Coppet zurück, wo er sich vergleichsweise doch noch heimischer fühlte.

Das Tagebuch floriert um diese Zeit: nahezu die Hälfte des ganzen gedruckten »Journal intime« entfällt auf die Spanne vom Sommer bis zum Ende des Jahres 1804. Es füllt sich mit Notizen über eine erstaunliche Menge gelesener und exzerpierter Bücher, vorzugsweise griechischer Klassiker, mit Meditationen über den eigenen Charakter, über die Ehe, über die Menschen des näheren Umgangs, mit geistreichen Aphorismen, seufzenden Fragen, melancholischen Reminiszenzen an frühere Erlebnisse und wird so zum Seelenspiegel eines gegen sich selbst bis zur Grausamkeit aufrichtigen Menschen, den die eigene Unentschlossenheit stets nur von der Hand in den Mund leben, das Gestern dem Heute, das Heute dem Morgen opfern läßt. Einem mit wachen Sinnen liegenden Scheintoten gleich fühlt und beobachtet er genau, was in ihm vorgeht, ohne die Kraft zu finden, seine Lage zu ändern. Immer mehr zieht er sich in sich selbst zurück und gewöhnt es sich ab, anderen sein Inneres zu zeigen. Immer herbstlicher wird die Stimmung zwischen ihm und »Minette«, – wie das Journal die alternde Frau mit dem ihr von Necker einst gegebenen Kindernamen etwas ironisch nennt – und unter vier Augen fallen bittere, stechende Worte, die sich gelegentlich zu stundenlangen Gewitterszenen steigern und bis zum grauenden Morgen hinziehen. An solchen Tagen dünkt ihm in der Erinnerung selbst die Braunschweiger Zeit noch wie ein Paradies, zumal die letzten Jahre, wo er zwar die Aufregungen seines Scheidungsprozesses und die Gehässigkeiten der Gesellschaft auszustehen hatte, dafür aber wenigstens friedsame Stunden des Alleinseins mit seiner Arbeit genoß. Das späte Aufbleiben und lange Debattieren, das der Herrin des Hauses Bedürfnis war, zumal sie an Schlaflosigkeit litt und sich häufig mit Opium betäuben mußte, fällt ihm oft schwer genug. Seine ewig angegriffenen Augen leiden darunter noch mehr. »Es ist klar,« schreibt er mißvergnügt, »daß ich mich verheiraten muß, wenn ich beizeiten schlafen gehen will.« Er versteht nicht, daß man von ihm nach einem zehnjährigen Verhältnis und nachdem sie beide den Vierzigen nahe sind, immer wieder Frühlingsgefühle und Leidenschaft verlangt und empört ist, wenn er gesteht, sie nicht zu besitzen. »De l'amour pétrifiée« hatte Frau von Staël selbst schon in Weimar andern gegenüber ihr Verhältnis zu ihm im Tone resignierten Scherzens genannt. ... Aber wenn Frau von Staël jene ungemeine weibliche Sensibilität und Schmerzfähigkeit besaß, in der ihr von ihren Zeitgenossinnen keine so wie Rahel Varnhagen verwandt war, so besaß Benjamin Constant in ungewöhnlich hohem Grade die Gabe, diese Schmerzfähigkeit nachzuempfinden, und der Gedanke, das bloße Vorgefühl dessen, was er der ihm menschlich trotz erloschener Flammen nächst- und höchststehenden Frau mit einem endgültigen Bruch angetan hätte, hielt ihn immer wieder wie ein kategorischer Imperativ von dem letzten Schritte zurück. Unter solchen Umständen erschien selbst seiner weltklugen Tante Frau von Nassau, die bis dahin seinen Beziehungen zu Frau von Staël gegenüber immer eine ablehnende Haltung eingenommen hatte, die Legitimierung des Verhältnisses durch eine Heirat als der vergleichsweise beste Ausweg, und sie selbst gab dem Neffen jetzt den Rat zu dieser Lösung der Dinge. Benjamin lehnte auch den Vorschlag seinerseits nicht ab, er verlangte nur – seiner alten Diplomatie getreu – einen Aufschub von vorläufig sechs Wochen: dann, Mitte Oktober, gedachte Frau von Staël nach Wien zu reisen, ein halbes Jahr dort zu bleiben, und im Verlaufe dieser Trennungszeit würde sich, so meinte er, die Lage so oder so geklärt und es sich gezeigt haben, ob für sie und ihn auch dann noch eine Ehe wünschenswert erschiene. »Glauben Sie mir, liebe Tante,« schrieb er, »es lebt in dieser Frau viel mehr Wahres, Gutes und Tiefes, als sich ahnen läßt. Es ist wirklich nicht gewöhnliche Schwäche, die mich so lange schon im Bann hält. Unter ihrer temperamentvollen Unbesonnenheit birgt sich eine im tiefsten Wortsinne gütige Natur. Schwäche allein hätte nicht zehn langen Prüfungsjahren stand gehalten, und das vielfach unterbrochene, aber zeitweilig unendlich große Glück, das sie mir geschenkt, hat mir die Überzeugung von ihrem großen persönlichen Wert gegeben.«

Im Laufe des Sommers hatte er sich wieder in Genf selbst eingemietet und zur Schonung seiner Augen einen Sekretär genommen, dem er nun, so schwer ihm das fiel, an seiner Arbeit weiter diktierte. Ohne das hemmende Augenleiden glaubte er sie im Laufe des Winters endlich fertig stellen zu können, aber es ging mit diesem ewigen religionsgeschichtlichen Werke ähnlich wie mit dem Teppich der Penelope: was er an einem Tage geschrieben hatte, stieß er oft am nächsten wieder um. Ungefähr zwanzig verschiedene Grundpläne dafür lagen damals schon in seinem Pulte. Frau von Staël war um dieselbe Zeit mit der Biographie ihres Vaters beschäftigt, die Constants wärmste Bewunderung erregte und die er noch in späteren Jahren für das Beste erklärte, was ihrer Feder entstammte. Von den Weimarer Freunden erschien während des Sommers mehrfach Johannes von Müller in Coppet als Gast. Friedrich Schlegel, der damals gleichfalls längere Zeit zu Besuch dort weilte, erregte durch sein pfauenhaft eitles Gebaren Constants lebhaftes Unbehagen: er fand, daß seine philosophischen Anschauungen »ebenso absurd« seien, wie die seines Bruders, und daß beider Überzeugungen alle mehr in rein persönlichen und egoistischen Motiven wurzelten, besonders ihre Neigung für den Katholizismus, in dem er selbst jetzt und immer den Hort aller Reaktion zu sehen gewohnt war. Dabei blieb sein ästhetisches Urteil durch solche Anschauungen doch so wenig getrübt, daß er beispielsweise Tiecks »Sternbald«, den er auf Schlegels Empfehlung las, trotz dem katholisierenden Einschlag höchst eigenartig und anziehend fand. Auch hinderte ihn seine Meinung von Friedrich Schlegels Charakter nicht, dessen geistiger Bedeutung gerecht zu werden, ebenso wie der seines Bruders August Wilhelm, mit dem er in Coppet oft und lange über religionsphilosophische und andere Fragen zu diskutieren pflegte.

Aus der für Oktober geplanten Reise Frau von Staëls nach Wien wurde allerdings vorläufig nichts, dafür verwirklichte sie nun einen lange gehegten Lieblingswunsch und schickte sich im November zu ihrer ersten Italienfahrt an. Benjamin hatte mit wachsender Nervosität den Zeitpunkt herbeigewartet, der ihm die seit einem Jahr entbehrte Möglichkeit ungestörten Arbeitens und Alleinlebens zurückgeben sollte; er benutzte die letzten Wochen ihrer Reisevorbereitungen, um seinen Vater in seinem Juradorfe zu besuchen und ihm Rat und Tat in seinen stets entwirrungsbedürftigen Angelegenheiten zu leihen, und traf sich dann noch einmal mit Frau von Staël in Lyon, wo sie ihm vor der voraussichtlichen langen Trennung Lebewohl sagen wollte. Sie hatte Camille Jordan als Begleiter zu gewinnen gehofft, der aber ungalanterweise ablehnte: so blieb Schlegel ihr und ihrer Kinder alleiniger Reisemarschall. Vor der Abreise aus Coppet hatte sie für alle Fälle ihr Haus bestellt und auch an Benjamin ein Kodizill in Briefform gerichtet, das ihm ihren letzten Willen ans Herz legte. »Freuen Sie sich für mich,« begann das Schriftstück, das die ergriffene Stimmung seiner Verfasserin deutlich spiegelt, »wenn die Vorsehung mich vor Ihnen sterben lassen sollte: nach dem Tode meines Vaters wäre es mir unmöglich, auch noch den Ihrigen zu überleben.« Und weiter hieß es: »Nehmen Sie sich meiner Kinder an! Ich habe auch sie brieflich gebeten, in Ihnen den Mann zu sehen, den ihre Mutter aus Herzenstiefe geliebt hat. Ach, dies Schicksalswort ›geliebt‹ – was mag es in der andern Welt noch zu bedeuten haben?« Sachlich bestimmte der Brief, daß ein Haus der Rue neuve des Mathurins in Paris, das Frau von Staël und Constant zu gleichen Teilen gehörte – seine Tante Frau von Nassau hatte ihm durch ihre finanzielle Beteiligung den Ankauf ermöglicht – für seine Lebensdauer sein alleiniger Besitz sein, dann aber an ihre Tochter Albertine übergehen sollte. Zöge er vor, es zu verkaufen, so sollten die Zinsen des Kapitals ihm allein, dieses selbst nach seinem Tode Albertine gehören. Und die Schlußworte lauteten: »Leben Sie wohl, mein lieber Benjamin, ich hoffe zu Gott, daß Sie wenigstens bei mir sein werden, wenn ich sterbe. Meinem Vater habe ich die Augen nicht selber schließen dürfen – wollen Sie dafür die meinen schließen?«

Ende 1804, der Festrausch der Kaiserkrönung war eben verflogen, befand sich Benjamin wieder in Paris und teilte seinen Aufenthalt zwischen der Stadt und der Stille von Les Herbages. Die winterlich-öde Erstarrung der Natur auf dem Lande bedrückt ihn nicht, tut ihm eher wohl und kommt seinem Bedürfnis nach Einsamkeit und Sammlung entgegen. Er sieht dort draußen niemanden bei sich, als hin und wieder den Ortsgeistlichen oder einen Gutsnachbar. In Paris dagegen – wo er übrigens trotz seiner offenkundigen Verbündung mit der verfehmten Frau von Staël keinerlei Belästigungen seitens der politischen Polizei erfährt – kann er sich einem regen freundschaftlichen Verkehr mit den früheren Bekannten nicht entziehen. Seiner mittäglichen Tischgenossenschaft gehört hier unter anderen der Publizist und Literaturkritiker Hochet an, ferner der junge Prosper de Barante, mit dem ihn fortan trotz dem Altersunterschied eine mehr als flüchtige Freundschaft verbindet, und der Lothringer Charles de Villers, der begeisterte Herold Kants und des deutschen Geistes überhaupt in Frankreich, der im Winter vorher in Metz mit Constant und Frau von Staël auf deren Reise nach Weimar zwei Wochen lang zusammen gewesen war. Er hatte seine Adoptivheimat bald nach der Revolution in Lübeck gefunden und war dort der intime Freund von Dorothea Rodde, geborenen Schlözer geworden und geblieben, deren Andenken sich weniger durch das Phänomen ihrer frühen Gelehrsamkeit, als durch Trippels Marmorbüste lebendig erhalten hat. Constant, der mit ihm auch in der Folge in Briefwechsel blieb, schätzte ihn aufrichtig hoch und lebte später in Göttingen mit ihm jahrelang in fast täglichem Verkehr. Weniger nahe standen ihm von Frau von Staëls Freunden die beiden Lyoner Camille Jordan und Degérando, denen er jetzt wieder begegnet. Von bedeutenden Ausländern treten zu dieser Zeit Alexander von Humboldt – Wilhelm war damals in Rom Frau von Staëls Berater – und der Däne Baggesen in seinen Gesichtskreis: diesen lernt er im Salon der noch immer schönen Madame Condorcet kennen, mit der, wie schon erwähnt, sein Freund Claude Fauriel liiert war. Außer bei ihr bewegt er sich öfters in den Salons von Madame Pourrat, derselben, um deren Tochter willen er achtzehn Jahre früher seinen mißglückten Selbstmordversuch gemacht, von Sophie Gay, die ihrem späterhin, berühmten Töchterchen nach Frau von Staëls Romanheldin den Namen Delphine gegeben hatte, von Madame Récamier, die ihm damals noch nicht gefährlich zu werden vermag, während die pikante Irländerin Madame Lindsay, bei der er sich noch dann und wann sehen läßt, längst wieder aufgehört hatte, ihm gefährlich zu sein. Folgenreicher sollte sich bald die Erneuerung der Bekanntschaft mit seiner einstigen Braunschweiger Freundin Charlotte von Hardenberg erweisen, die er jetzt in Paris als Gattin eines Vicomte Dutertre wiederfand und alsbald aufsuchte, nachdem er schon in den Jahren vorher verschiedentlich, zuletzt noch durch seine Cousine Rosalie, dies und jenes von ihr gehört hatte.

Von all diesen Frauen besah vorläufig keine seine Sympathieen in annähernd gleichem Grade, wie Julie Talma, die er zu seinem Schmerz diesmal schon in sehr leidendem Zustande wiedertraf. Sie hatte während der letzten drei Jahre rasch nacheinander ihre drei Söhne verloren: der Tod des letzten, bei dessen Pflege sie sich aufrieb, hatte ihrer schwankenden Gesundheit den Todesstoß versetzt, und sie lag nun, von den Ärzten aufgegeben, monatelang in langsamer Auflösung. So oft er konnte und ihr Zustand es erlaubte, weilte Benjamin, manchmal halbe Tage und Nächte, in ihrem Krankenzimmer, denn ihr klares Bewußtsein verließ sie bis zur letzten Minute nicht, und als sie seine Hand in der ihrigen, ihr Leben verhaucht hatte, war er im tiefsten Grunde seines Wesens erschüttert und von Schmerz zerrissen. »Wenn zufällig jemand lesen sollte,« bemerkt sein Tagebuch, »was ich hier früher gelegentlich über diese wundervolle Frau geschrieben habe, wird er sich keine Vorstellung davon machen, welchen grausamen und unersetzlichen Verlust ich erlitten habe. Es ist wahr, ich beurteile meine Freunde mit großer Strenge, aber ich bin ihnen dafür auch so treugesinnt, wie nur irgend wer. Ich kann mich besser aufopfern und mehr Anhänglichkeit bewähren, als alle die Menschen, die sich so viel auf ihr Gefühl zugute tun und sicher andern keine bessere Stütze in Not und Unglück zu sein vermögen, als ich. Nun habe ich selbst die beste, treueste, selbstloseste aller Freundinnen verloren!« Und der frische Schmerz beseelte seine Feder zu der einst berühmten »Lettre sur Julie«, die er als Immortellenkranz der toten Freundin auf den Sarg legte. Nie wieder fand er seiner eigenen Versicherung nach eine ihn in gleichem Grade verstehende, ebenso richtig wie nachsichtig beurteilende Seele, von der ihn vielleicht nur eine einzige tiefere Verschiedenheit trennte: ihre absolute Irreligiosität, an der sie als Enthusiastin der Revolution (oder doch dessen, was die Revolution erstrebt hatte) ebenso bis zum letzten Atemzuge festhielt, wie an ihrem Haß gegen die neu errichtete Militärmonarchie.

Für Constant waren die Wochen vor ihrem Tode auch sonst von mancher Trübnis beschattet. Ein ihm und Frau von Staël nahestehender alter Bekannter, der Marquis de Blacon, der 1789 Deputierter des Dauphiné gewesen war, nahm sich fast vor seinen Augen durch einen Pistolenschuß das Leben, durch Schulden und Familienzerwürfnisse zur Verzweiflung getrieben. Ein paar Monate vorher war in Ulm auch Ludwig Ferdinand Huber gestorben: seiner Witwe Therese berichtet Constant jetzt schmerzerfüllt von den neuen Verlusten, die er erlitten, und fügt melancholisch hinzu: »Ich bin der Menschen völlig müde und lebe nur noch mit meinen Erinnerungen und meinen Toten.« Und seinem Tagebuche klagt er: »Die Welt entvölkert sich; die Guten sterben, die Monstra bleiben leben. Mir ist, als habe die Natur jeden Reiz verloren, und das Leben auf dem Lande, das ich so liebte, sagt mir nichts mehr. Für wen soll ich meine Bäume weiter pflanzen! Wer soll künftig in ihrem Schatten ruhen! Alle meine Freunde sterben weg, und doch kann ich mich nicht erinnern, jemals auch nur einen einzigen meiner Feinde haben sterben zu sehen.«

Als er dieses schrieb, war auch seine Stimmung für die in Italien weilende Frau von Staël nichts weniger als freundlich. Je länger die Trennung währte, desto mehr Vorwürfe mußte er sich seiner angeblichen Gleichgültigkeit wegen gefallen lassen, die sie in seinen Briefen oder in deren Spärlichkeit zu finden glaubte. Schließlich nahm er sich vor, ihr gar nicht mehr zu antworten. »Diese ewigen Vorwürfe von ihrer und die ewigen Rechtfertigungen von meiner Seite wachsen mir zum Halse heraus.« Aber der Sommer führte ihn doch wie gewöhnlich nach der Schweiz zurück, Hochet und Prosper de Barante machten diesmal die Reise mit ihm, und der Juli fand sie alle drei in Coppet, wo kurz vorher Frau von Staël wieder eingetroffen war. In Lausanne hatten ihn die Seinen festhalten und ihn abermals mit einer seiner beiden Cousinen Antoinette oder Adrienne de Loys verloben wollen, von denen jede über die annehmbare Rente von dreißigtausend Francs verfügte, aber er entglitt auch diesmal den ausgeworfenen Netzen. ... »Je suis repris par Madame de Staël,« meldet das Tagebuch mit einer Kürze, die etwas von moralischem Katzenjammer verrät. Noch mehr Unzufriedenheit mit sich selbst läßt es erkennen, wenn er die Bilanz seiner letzten beiden Jahre zieht und feststellt, daß er von siebenhundertvierzehn Tagen zweihundertneunundfünfzig arbeitslos verbracht habe. Und so fand er sich im Grunde noch oder wieder genau an derselben Stelle, wie im Sommer vorher, noch immer vom Schatten der eigenen Gefühle im Kreis herumgeführt. ...

In dieser Zeit, der zweiten Hälfte des Jahres 1805, die er teils bei ihr in Coppet, teils im nahen Genf verbrachte, schrieb Frau von Staël unter den Eindrücken, die sie in Italien empfangen hatte, an ihrem Roman »Corinne«, für den ihr selbst alsbald ein großer Teil der entzückten Mitwelt die Dichterlorbeerkrone reichte. Im übrigen hatte ihre Situation sich um nichts gebessert, und all ihre gelegentlichen Versuche, den Kaiser durch Vermittlung Dritter zur Milde zu stimmen, blieben ergebnislos. Die Sorge um die Zukunft ihrer heranwachsenden Kinder zwang sie jetzt auch, eine Geldangelegenheit mit größerem Nachdruck zu betreiben, in der sie aus Diplomatie, um sich nicht noch mehr zu schaden, bis dahin Zurückhaltung bewahrt hatte: die Rückerstattung der zwei Millionen Francs, die Necker im Jahre 1790 bei seinem Rücktritt freiwillig dem französischen Staate als Bürgschaft für die Korrektheit seiner Finanzverwaltung hinterlegt hatte. Ihre Rückzahlung war in den seither verstrichenen fünfundzwanzig Jahren von keiner der wechselnden Regierungen zu erlangen gewesen, und auch Napoleon gefiel sich darin, die Angelegenheit in der Schwebe zu lassen, zumal die Forderung mit etwas Rabulistik angefochten werden konnte, denn Necker hatte zeitweise auf der Liste der Emigranten gestanden, deren gesamtes Hab und Gut der Einziehung verfiel. Diese allmählich dringlich werdende Vermögensfrage und die Unmöglichkeit, ihren Kindern in Paris selbst die gewünschte Erziehung geben zu können, ließen sie ihr Exil nur um so bitterer empfinden. Eine ihrer Hoffnungen war und blieb die unveränderliche Freundschaft Madame Récamiers, die in Paris noch über manchen wichtigen persönlichen Einfluß verfügte, aber der unerwartete Zusammenbruch des Bankhauses Récamier im nächsten Jahre bedeutete auch im Leben der schönsten aller französischen Frauen eine einschneidende Wendung. Die Passiva in diesem – von Napoleon mit Absicht nicht verhinderten – Bankrott betrugen nach Constants Angaben, der in einem Briefe an Frau von Nassau dieser Katastrophe mit großem Mitgefühl für das ihm befreundete Ehepaar gedenkt, etwa siebenundzwanzig Millionen.

Der Rest des Jahres 1805 brachte so wenig Erfreuliches wie sein Anfang. Benjamins Augenleiden kehrte dank dem feuchtkalten Herbstwetter und dem Wehen der am Genfersee gefürchteten Bise in solcher Verstärkung wieder, daß er wochenlang unfähig war, etwas zu lesen, und genötigt war, eine grüne Schutzbrille zu tragen. Nachrichten von seinem Vater, den einer seiner zahlreichen und endlosen Prozesse an den Rand des finanziellen Ruins zu bringen drohte, hielten ihn in Unruhe. Und kurz vor Jahresschluß traf ihn auch noch die Nachricht vom Tode Frau von Charrières, die nach den mancherlei Verlusten der beiden letzten Jahre und bei seiner melancholischen Grundstimmung starken Eindruck auf ihn machte und viele wehmütige Erinnerungen an glücklichere und jüngere Tage wieder wachrief. Er hatte sie, der er seit sieben Jahren nicht mehr begegnet war, in Colombier besuchen wollen, als er hörte, daß ihr Ende zu erwarten sei, es dann aber unterlassen, da sich bei der Schwäche ihres Zustandes jede Aufregung von selbst verbot.

»Wenn es, wie ich hoffe, ein Wiederfinden im Jenseits gibt,« schrieb er noch fünf Jahre später an Frau von Nassau, »so ist sicher Frau von Charrière einer von den ersten Menschen, die ich dort suchen gehen werde.« Und nochmals nach drei Jahren heißt es in einem Briefe an dieselbe Adresse: »Ich zähle die Zeit, die ich mit ihr verbracht habe, zu den zwei oder drei Epochen meines Lebens, an die ich stets mit Sehnsucht zurückdenke.« Er durfte es ohne Selbstvorwürfe; denn daß für seine siebenundzwanzig Jahre dereinst Frau von Staël der stärker anziehende Pol gewesen, konnte er sich so wenig im Ernst als Schuld anrechnen, wie daß Frau von Charrière sich mit dieser Wendung nicht mehr abzufinden vermochte. Er hatte redlich versucht, durch sein späteres Verhalten und durch manchen Freundschaftsdienst, den er ihr noch erwies, gut zu machen, was ohne sein Wollen verletzend und verbitternd gewirkt hatte, und seine Dankbarkeit, die auch auf den ersten Seiten des »Adolphe« noch ihren Ausdruck finden sollte, ehrte ihn um so mehr, als er sich je später, je deutlicher bewußt ward, daß der geistige Einfluß, den er in und aus Colombier empfangen hatte, ihn auf die Dauer niemals zu höheren Lebenszielen geführt haben würde.

Von solchen schien er allerdings jetzt wieder so weit denn je entfernt, da ihn Frau von Staëls Schicksal von neuem für viele Monate an Coppet und Genf gefesselt hielt. Nachdem ihre verschiedenen Gesuche um Pässe nach Frankreich abgeschlagen worden waren, versuchte sie auf jede mögliche Weise, sich für die entbehrten Anregungen der Großstadt Ersatz zu schaffen, und so verfiel man auf die Idee, sich mit der Einstudierung und regelrechten Aufführung ganzer dramatischer Werke die Zeit zu vertreiben, wobei die Herrin und die Intimen des Hauses sich in die tragenden Rollen teilten. Voltaire als der klassische genius loci wurde zunächst zum Hauspoeten erkoren, und seine »Mérope« war das erste Stück, das im Winter 1805/06 zur Darstellung kam, gefolgt von »Alzire«, »Zaire« und anderen. Frau von Staël, die hierbei ein nicht unbedeutendes Darstellungstalent entfaltete, spielte in allen diesen Stücken die Titelrolle, auch in Racines »Phädra«, an die man sich später wagte, und Benjamin, so zuwider ihm das Auswendiglernen großer Rollen war, mußte gute Miene zum eigenen bösen Spiel machen und mit probieren und agieren. Erst als Frau von Staël im April 1806 dank der Vermittlung des ihr wohlgesinnten Genfer Präfekten Barante, Prospers Vater, die Erlaubnis zur Abreise nach Frankreich erhielt – wo sie sich freilich stets mindestens vierzig Kilometer von Paris entfernt zu halten hatte – wurde die neuerwachte Theaterpassion durch wichtigere Interessen abgelöst.

Sie begab sich vorläufig nach Auxerre, nur um dem verbotenen Ziel ihrer Sehnsucht einstweilen näher zu sein, und schickte von dort ihre beiden Söhne mit Schlegel nach Paris, indes sie selbst an ihrem ältesten und treusten Freunde Mathieu de Montmorency einen ergebenen Gesellschafter fand. Benjamin war noch in der Schweiz zurückgeblieben und verbrachte wieder einige Zeit in Lausanne bei seinen Verwandten, wo sich das alte Spiel um seine Fesselung erneuerte. Diesmal bot man ihm die Hand seiner Cousine Antoinette direkt und offen an: er lehnte jedoch ebenso offen ab, obwohl sie ihm durchaus angenehm erschien und sich auch ihrerseits sehr für ihn eingenommen zeigte. »Wahrscheinlich werde ich es bereuen,« gesteht er sich ein. »Ach, wenn ich könnte! Dies wäre endlich die Ruhe....« Aber die Briefe, die Frau von Staël ihm schrieb, verscheuchten jeden Gedanken der Art. Daß er anstatt gleich zu ihr erst noch nach Dôle zu seinem Vater fuhr, reizte ihre nervöse Ungeduld und Eifersucht zu den wahnwitzigsten Drohungen: sie ahnte nicht, daß ihr gekrönter Todfeind diese Briefe dank der Tätigkeit seines schwarzen Kabinets zu lesen bekam und sich weidlich darob amüsierte. »C'est l'ébranlement de l'univers et le mouvement du chaos!« ruft Benjamin nach dem Empfang eines solchen geschriebenen Ungewitters aus; »und dennoch! – mit all ihren Fehlern steht sie für mich noch immer hoch über allen andern.«

In Auxerre angelangt, traf er sie in sehr gedrückter Stimmung, da die lähmende Atmosphäre der kleinen Provinzstadt und die Enttäuschung ihrer Hoffnungen auf Begnadigung sie tief entmutigten. Um für sie tätig zu sein, begab er sich nun selbst nach Paris, suchte Joseph Bonaparte, den Minister Fouché und andere bei Napoleon einflußreiche Persönlichkeiten auf, aber ohne jeden greifbaren Erfolg. Mit welcher persönlichen Gefährdung solche Freundschaftsmühen für ihn immerhin verbunden waren, zeigt Napoleons Bemerkung in einem Brief an Fouché vom Juni desselben Jahres: »Behalten Sie auch Benjamin Constant im Auge. Sowie er sich in das Geringste einmischt, schicke ich ihn nach Braunschweig zu seiner Frau. Ich dulde von dieser ganzen Clique nichts und will nicht, daß sie Proselyten mache.«

Als er unverrichteter Dinge nach Auxerre zurückkehrte, begleitete ihn Madame Récamier, nach deren Besuch Frau von Staël sehnlichst verlangt hatte. Auch Camille Jordan und andere Freunde kamen hierher, der Verfolgten ihre Sympathieen zu bezeigen, vor allen aber Prosper de Barante, für den Frau von Staël um diese Zeit zweifellos andere als nur freundschaftliche Gefühle hegte. Ihre Briefe an Madame Récamier, von denen deren Biograph Eduard Herriot einige veröffentlicht hat, lassen deutlich erkennen, daß sie von einer ziemlich heftigen Leidenschaft für den einnehmenden jungen Mann erfaßt worden war, der sich seinerseits bald nachher für eine Weile durch die schöne Juliette in Fesseln geschlagen fand. Die Figur des Oswald in »Corinne«, die nach dem Zeugnis Madame Récamiers Prospers Züge trägt, – und nicht die Constants, wie behauptet worden ist – ist das literarische Beweisstück für die unglückliche Passion seiner Verfasserin, ein Beweisstück zugleich dafür, daß Benjamins Unentbehrlichkeit für Frau von Staël diese keineswegs hinderte, auch andere Flammen in ihrem Herzen zu nähren.

Im September siedelte sie von Auxerre zu längerem Aufenthalt nach Rouen und späterhin auf das ihr zur Verfügung gestellte Schloß Acosta in Seine-et-Oise über, wo außer Constant und August Schlegel jetzt auch wieder dessen Bruder Friedrich monatelang ihre nie versagende Gastfreundschaft genoß. Auch der junge Graf Elzéar de Sabran, den seine schöngeistigen Interessen in diesen Kreis geführt hatten, schloß sich ihm an und war in den folgenden Jahren ein ständiges Mitglied der kleinen Kolonie von Coppet. Benjamin selbst blieb bis nach Neujahr und verbrachte dann die ersten Monate des Jahres 1807 teils in Paris, aufs neue erfolglos bemüht, durch verschiedene Besuche bei dem allgewaltigem Fouché Vergünstigungen für Frau von Staël zu erwirken, teils in Les Herbages, um dort nach dem Rechten zu sehen. Zu wissenschaftlicher Arbeit fand er freilich jetzt so wenig wie während der ganzen vorangegangenen Monate häufigen Aufenthaltswechsels die Ruhe und Gelegenheit: dafür nahm nun eine andere Idee von ihm Besitz, die ihn längere Zeit nicht losließ. »Ich habe einen Roman angefangen, der meine eigene Geschichte sein wird,« notiert das Tagebuch, das schon nach weiteren zwei Wochen melden kann, der Roman sei fertig.

Indessen sollte der Roman »Adolphe«, dessen Geburtsurkunde hier vor uns liegt, erst volle neun Jahre später der Öffentlichkeit übergeben werden, für die er ursprünglich nicht bestimmt war. Ihn schon jetzt herauszugeben konnte und durfte seines Verfassers Absicht um so weniger sein, als um eben diese Zeit durch seine rasch intimer werdenden Beziehungen zu Charlotte du Tertre, der einstigen Frau von Marenholtz, die unabwendbare Krisis in seinem Verhältnis zu Frau von Staël in bedrohliche Nähe gerückt war.

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