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Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens

Josef Ettlinger: Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens - Kapitel 10
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typebiography
authorJosef Ettlinger
titleBenjamin Constant - Der Roman eines Lebens
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
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VIII. Das Tribunal

(1799–1802)

Gleich nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt hatte Frau von Staël ihre Salons – vorläufig noch immer in der schwedischen Gesandtschaft in der Rue de Bac – dem gewohnten gesellschaftlichen Verkehr geöffnet und ihre politische Sibyllentätigkeit mit unvermindertem Eifer wieder aufgenommen. Sie sah jetzt die jüngeren Brüder des in Italien weilenden Generals Bonaparte, Joseph und Lucien, bei sich, von denen der erste ihr seitdem, auch in den späteren Zeiten der Verfolgung, freundschaftlich gesinnt blieb. Auch Camille Jordan tauchte auf, der Abgeordnete Lyons im Rat der Fünfhundert, der bald zu den Intimen ihres Kreises gehören sollte. Den Weg Bonapartes selbst hatte sie noch nicht gekreuzt, aber ihre Begeisterung für den Sieger von Lodi war bereits entflammt und ließ sie mehrfach Briefe voll der höchsten Bewunderung nach Italien an ihn richten.

Man stand in der konfliktschweren Zeit vor dem 18. Fructidor. Die Wahlen waren unerwartet schlecht ausgefallen, und die Direktorialregierung sah sich dem Staatsbankrott und einem Parlament gegenüber, in dem sie keine Majorität besaß. Constant, der sich immer entschiedener zum reinen Republikanismus bekannte, vertrat die Seite der Regierung im Kampfe gegen die Kontrerevolution und stand besonders mit Barras in näherer Fühlung. Als Talleyrand das Auswärtige übernommen hatte, bot er ihm das Sekretariat in seinem Ministerium an, doch Constant schlug es wie überhaupt jeden Posten aus, um sich seine Unabhängigkeit zu erhalten oder auch, weil ihm die Lage der Regierung zu unsicher erschien. Er gehörte denn auch, ebenso wie Frau von Staël, zu denen, die den Staatsstreich vom 4. September nicht nur billigten, sondern auch vorher darum wußten, denn den Vorabend des Ereignisses brachten beide gemeinsam mit Talleyrand bei Barras zu. Aber die Hoffnungen, die sie an eine solche Aktion geknüpft hatten, erfüllten sich nicht, und die skrupellose Parteiwirtschaft, das grausame Rachewerk der Verfolgung, zu dem Barras und die anderen Direktoren ihren Sieg alsbald mißbrauchten, mußten alle diejenigen auf das bitterste enttäuschen, die sich von diesem Sieg den Beginn einer streng republikanischen Ära und das Ende der Revolution erhofft hatten. Die Entmutigung und Ernüchterung war allgemein, und Constant, der im Klub der Konstitutionellen den Staatsstreich zunächst noch als Mittel zum Zweck verteidigt hatte, mußte sich heftige Angriffe und Vorwürfe deshalb gefallen lassen. Er zog sich verstimmt aus dem politischen Treiben bis auf weiteres zurück und ließ sich zu Anfang 1798 wieder auf seiner Eremitage in Hérivaux nieder, um seine Akazien zu pflanzen und seinen Büchern zu leben.

Um dieselbe Zeit war auch Frau von Staël wieder in Coppet bei ihrem Vater eingetroffen, dessen Person sie durch die Entwicklung der politischen Dinge für bedroht halten mußte. Zuvor aber hatte sie noch die für ihr Leben so denkwürdige wie verhängnisvolle persönliche Bekanntschaft Napoleon Bonapartes gemacht, in dem sie einen Zweiten Szipio zu sehen geneigt war. Glühend vor Ungeduld und Enthusiasmus war sie auf Talleyrands Einladung herbeigeeilt, als dieser den General am 6. Dezember, dem Tag nach seiner Rückkehr aus Italien, bei sich sah, um mit Betroffenheit die Erfahrung zu machen, daß sie von dem ersehnten Retter der Republik gleich bei der ersten Vorstellung kaum beachtet, beinahe übersehen wurde. Wenige Tage später befand sie sich mit der übrigen offiziellen Welt im Luxembourg, als der Gefeierte den Direktoren das Friedensinstrument von Campo Formio überreichte und Gegenstand frenetischer Huldigungen war. Das beklemmende Gefühl, daß an diesem undurchdringlichen Manne ihr Einfluß verloren war, überfiel sie vom Moment der ersten Begegnung an, wenn sie auch weiterhin nichts unversucht ließ, Fühlung mit ihm zu gewinnen und ihn für sich einzunehmen. Weniger verletzte Eitelkeit als gekränkte Liebe für den Genius dieser Persönlichkeit, deren welthistorische Größe sie seherisch vorausempfand, ließen die an geistige Siege gewöhnte Frau unter der kühlen Nichtbeachtung leiden, ohne daß sich ihre durchaus ehrliche und impulsive Bewunderung dadurch verringerte. Aber sie war nun einmal nicht sein Genre, sie mißfiel ihm von vornherein. Er liebte von allen Frauen die ehrgeizigen, hochfliegenden, geistig anspruchsvollen am wenigsten und machte nie ein Hehl daraus. Er brauchte keine Egeria. Er liebte es auch nicht, beobachtet, interviewt, in seinen Ansichten sondiert, in seinen Absichten durch Blicke oder Worte erforscht zu werden. Um ihres Vaters willen, den er damals noch schätzte, behandelte er sie bei den verschiedenen Begegnungen in Gesellschaft höflich, aber frostig; und als sie im Januar 1798 Paris verließ, um nach Coppet zurückzukehren, nahm sie das Gefühl mit, daß sie dem Manne, zu dem sie wie zu einem Heros, einem Halbgott aufsah, keinen Zoll breit näher gekommen war. Daß sie wenige Jahre später in ihm ihren schlimmsten und unversöhnlichsten Feind kennen und fürchten lernen sollte, ahnte sie noch nicht.

In der Schweiz spielten sich jetzt in rascher Folge die Ereignisse ab, die zur Erklärung der Helvetischen Republik und zur Angliederung Genfs an Frankreich führten. Frau von Staël, die in diesen kritischen Zeiten ihren Vater aus Sorge um sein Leben nicht verließ, kehrte nur einmal im Laufe des Jahres nach Paris zurück, um die Streichung Neckers von der Emigrantenliste zu erwirken, nachdem er durch die Einverleibung Genfs französischer Untertan geworden war. Benjamin benutzte inzwischen die Muße seines Landaufenthalts unter selbstgepflanzten Obstbäumen zur Abfassung einer neuen politischen Flugschrift ›Des Suites de la Contre-Révolution en Angleterre 1660‹, worin er mit deutlicher Spitze gegen die verhaßt gewordene Direktorialregierung aus den Ereignissen nach den englischen Bürgerkriegen die Nutzanwendung auf die derzeitige politische Situation zog und vor einem Rückfall in monarchische Anwandlungen warnte. Der November fand ihn dann wieder in Coppet und Lausanne, und von hier aus suchte er auch noch ein letztes Mal das verlorene Paradies von Colombier auf, elf Jahre, nachdem er dort seine erste glückliche Zeit genossen hatte.

Frau von Charrière, die ihn seit seiner Übersiedlung nach Paris bisweilen im Interesse ihrer schriftstellerischen Arbeiten in Anspruch zu nehmen pflegte, konnte ihn jetzt ohne die frühere Bitterkeit erscheinen, aber auch ohne Schmerz wieder gehen sehen. Für sie war sein kurzer Besuch nichts weiter, als eine kleine Abwechslung in der Eintönigkeit ihres hereingebrochenen Lebenswinters. »Er unterhält mich mit seinem Plaudertalent, er ermüdet mich einigermaßen mit seinem Unruhigsein, und er tut mir auch wieder halb und halb leid, weil ich auf dem Grunde seines Wesens eine verborgene Traurigkeit wahrzunehmen glaube,« schreibt sie nach seiner Abreise an Huber nach Tübingen, dem sie auch ein paar Tage später von dem umlaufenden Gerüchte Mitteilung macht, Frau von Staël beabsichtige sich scheiden zu lassen, um Benjamin heiraten zu können. »Auf seiner Seite läge ja das Motiv klar genug, das Geld nämlich, von der ihrigen aber könnte es doch nichts weiter sein, als die Sucht nach Skandal, die sie vielleicht als Würze für andere, schon etwas abgestandene Liebhabereien nötig hat.«

Auch sonst lassen ihre Briefe an Huber erkennen, daß in den großen und kleinen Nestern der Westschweiz der gesellschaftliche Klatsch sich fleißig mit dem Paare Staël-Constant beschäftigte. »Constant soll diesmal, wie man mir schreibt, nicht nach Coppet gegangen sein,« heißt es im Januar 1799, »seine Schöne hat ihn in Nyon getroffen. Das Heiratsprojekt wird jetzt wieder bestritten ... der Gatte soll, so glaubt man, Schwierigkeiten machen und der Vater von diesem neuen Skandal nichts wissen wollen.« Ende Februar: »Constant ist nach Paris zurückgekehrt und seine Donna in Genf geblieben, wo sie fortfährt, die Welt durch ihr Benehmen und durch ihren Geist zu verblüffen... Man erzählt sich, daß Constant und Frau von Staël große Anstrengungen machen, seine Wahl zum Vertreter von Genf in den Rat der Fünfhundert durchzusetzen, aber Barras arbeite ihnen entgegen. Ich würde es an seiner Stelle auch so machen: die Konfusion ist auch ohne die beiden gerade schon groß genug« ... Am 27. April: »Benjamin und seine Donna sind also durchgefallen, obwohl sie Himmel und Erde in Bewegung gesetzt hatten, übrigens finde ich den Schiffbruch, den sie erlitten haben, für einen Schiffbruch nicht gar so schlimm. In Genf selbst wenigstens stand man zumeist auf ihrer Seite. Aber ich kann den Ärger der Dame darüber begreifen, daß sie jetzt nicht sagen kann: Benjamins Freunde, sein Vater und seine Verwandten sind wahrlich recht dumm, wenn sie noch immer nicht einsehen, welches Glück es für ihn ist, daß er mich als Beraterin, Lobpreisenin, Fürbitterin, als treibende Kraft seiner Handlungen besitzt: wer von ihnen allen hätte es vermocht, einen Gesetzgeber der französischen Republik aus ihm zu machen?« –

So weit war es zwar diesmal noch nicht, aber schon der folgende Winter sollte Constants Eintritt in ein verantwortliches politisches Amt zur Tatsache werden lassen. Das Direktorium hatte, trotzdem zuletzt noch der konstitutionell gesinnte Sienes eines seiner Mitglieder geworden war, nach vierjähriger Lebensdauer endlich derart abgewirtschaftet, die Verwirrung und Anarchie im Lande einen solchen Höhepunkt erreicht, daß Bonapartes Staatsstreich vom 18. Brumaire (9. November) von aller Welt als segensreiche Naturnotwendigkeit und rettende Tat empfunden ward. Was er beseitigte, war nicht die Republik, war die Diktatur in ihrer korruptesten Form. Bei der allgemeinen Sehnsucht nach einem festen Regiment fiel ihm jetzt nach der Heimkehr von Egypten wie von selbst alles zu, und die Häupter neigten sich vor ihm, wie Halme vor dem Winde. Wenige Wochen nach dieser Umwälzung trat die neue Konstitution des Jahres VIII. in Kraft, die die alleinige Exekutivgewalt in die Hände dreier Konsuln legte und diesen in einem Senat von achtzig, einer Gesetzgebenden Körperschaft von dreihundert und einem Tribunat von hundert Köpfen beratende und beschließende Versammlungen zur Seite stellte. Die Machtvollkommenheiten dieser Faktoren waren so sinnreich verteilt, daß sie sich gegenseitig aufhoben und die eigentliche Entscheidung in allen Dingen der Erste Konsul behielt. Insbesondere bestimmte die Verfassung, daß das Tribunat die Gesetzentwürfe und Vorlagen der Regierung nur erörtern, aber keine Beschlüsse fassen durfte, während die Gesetzgebende Körperschaft nur abzustimmen hatte, ohne zu debattieren.

Am 25. Dezember 1799 trat der neue Mechanismus in Kraft, und unter den zuerst ernannten Mitgliedern des Tribunats befand sich Benjamin Constant, für den sich auf Frau von Staëls Veranlassung Joseph Bonaparte verwendet hatte. »Ich habe es mir sehr gewünscht,« bekennt er in einem Briefe an Frau von Nassau, »nicht als ein Glück – gibt es das überhaupt? – wohl aber als eine Beschäftigung, als Gelegenheit zur Erfüllung einer Pflicht, als Gegengewicht für alle die Ungewißheit, Unruhe und Erinnerungslast, die wir durch dieses triste und flüchtige Dasein mit uns schleppen. Menschen, für die der Lebensgenuß noch Reiz hat. für die es auf der Welt noch etwas Neues gibt und die die glückliche Gabe besitzen, sich noch für etwas interessieren zu können, haben keine feste Beschäftigung nötig; diejenigen aber, die jenseits ihrer physischen und moralischen Jugend stehen, bedürfen eines bestimmten Auftrags, einer Mission, das Gute zu tun, damit sie sich nicht ganz in Entmutigung und Apathie verlieren. Ich habe diese Berufung erhalten und will versuchen, ihr zu entsprechen.« Seinem Onkel Samuel Constant in Lausanne gegenüber, der ihn zu seiner Wahl beglückwünscht hatte, gibt er ebenfalls zu, daß ihm damit ein Herzenswunsch erfüllt worden sei, betont aber auch die Unsicherheit und Unberechenbarkeit der herrschenden Verhältnisse. »Was immer uns das Schicksal bringen mag: es gilt jetzt, an der großen Sache der Freiheit unter allen Umständen und in all ihren Formen festzuhalten, so viel als möglich davon unter Dach zu bringen und diesem Zwecke die äußeren Umstände und den Willen – oder die Willenlosigkeit – der Nation nutzbar zu machen ... Dem eigenen Gewissen zu folgen und ihm allein zu gehorchen, ist das einzige Mittel, sich vor jedem Gefühl der Unsicherheit zu schützen.«

Die Entschiedenheit, die aus diesen Zeilen spricht, hatte Constant, als er sie schrieb (20. Januar 1800), schon in die Praxis umgesetzt und den Beweis gegeben, daß er nichts weniger zu sein gedachte, als ein bequemer und fügsamer Opportunist. Am 5. Januar begann im Tribunat die Beratung der Geschäftsordnung für die drei neuen Körperschaften und ihre Beziehungen untereinander. Constant, der sich vollkommen klar darüber war, daß die neue Verfassung nur die täuschende Attrappe für die Diktatur des Ersten Konsuls sein sollte, war entschlossen, gleich in der ersten Sitzung gegen die beabsichtigte Entmündigung der Volksvertretung anzukämpfen, und er wußte genau, welche Konsequenzen er durch eine solche Opposition heraufbeschwor. Am Vorabend des Verhandlungstages befand er sich mit Joseph und Lucien Bonaparte, Talleyrand, Roederer und andern, die fast ausnahmslos auf seiten der neuen Regierung standen, bei Frau von Staël. In einem unbewachten Augenblick sagte er ihr leise: »Ihr Salon ist heute noch voll von Leuten, die Ihnen nahestehen: wenn ich morgen meine Rede halte, ist er morgen abend verödet, – überlegen Sie es sich!« »Handeln Sie nach Ihrer Überzeugung,« war ihre Antwort, die sie zu spät bereute, als es sich zeigte, daß sie damit unbewußt ihr eigenes Verbannungsurteil gesprochen hatte.

Am Tag darauf sprach Constant im Tribunat mit aller Schärfe gegen den Gesetzentwurf, der die Kompetenzen dieser Körperschaft festzulegen bestimmt war. Er erklärte das Gesetz für ein Maulkorbgesetz, durch das die ganze Bedeutung des Tribunats illusorisch werde, und behauptete, daß dieses sich vor Europa freiwillig lächerlich mache, wenn es die Vorlage gutheiße. Für denselben Abend hatte Frau von Staël Einladungen zu einer Gesellschaft ergehen lassen: bis fünf Uhr nachmittags waren zehn Absagen eingelaufen, darunter diejenige Talleyrands, der ihr seine Rückkehr aus der Verbannung, sein Portefeuille und eine Menge anderer Freundschaftsdienste dankte. Bonaparte selbst griff zur Feder, um in einem Artikel des »Moniteur« vom 8. Januar Constants Rede zu entkräften, und sprach ihn bei der nächsten Begegnung mit den Worten an: »Warum kommen Sie nicht lieber in mein Arbeitszimmer und unterhalten sich mit mir über diese Dinge, anstatt im Sitzungssaal zu deklamieren! Wir können das im Privatgespräch mindestens ebensogut erledigen.« Constant erwiderte respektvoll, daß die Verfassung eben dafür eine Tribüne geschaffen habe, damit die öffentlichen Angelegenheiten öffentlich verhandelt würden, und er nahm von da an fast täglich in den Sitzungen das Wort, um in meist sehr wirkungsvollen Reden die Gesetzentwürfe der Regierung anzugreifen.

Der Erste Konsul, der in dieser Opposition einzig das Werk Frau von Staëls zu sehen geneigt war, hatte ihr schon gleich nach Constants erstem Auftreten im Tribunal durch den Polizeiminister Fouché Vorhaltungen machen lassen, die sie indessen mit dem Hinweis ablehnen konnte, daß ein Mann von der geistigen Bedeutung Benjamin Constants nicht nötig habe, sich seine Überzeugungen von einer Frau soufflieren zu lassen. Um sie empfindlicher zu treffen, verbot er seinem Bruder Joseph den ferneren Verkehr in ihrem Hause und erreichte damit, daß auch ein großer Teil der sonst dort Zugelassenen sich vorsichtshalber zurückzog. Das Erscheinen ihres großen Werkes »De la littérature« im April 1800, in dem die Wechselwirkungen zwischen Literatur und Gegenwart dargestellt wurden, trug vollends dazu bei, seine Mißstimmung zu steigern, da er in der Verherrlichung der Republik und der Freiheit eine direkte Tendenz gegen seine Person und sein System argwöhnte.

Indessen ließen die großen Ereignisse der äußeren Politik, deren Etappen die Namen Marengo, Lunéville, Amiens bezeichnen, die Dinge in Paris noch nicht so bald zu einer Krise kommen. Constant widmete sich seiner parlamentarischen Aufgabe zuerst mit großem Eifer und nahm an den Debatten im Tribunat bis in den Sommer 1800 einen stark hervortretenden Anteil, zog sich aber dann zeitweise zurück, als der Beratungsstoff ihn nicht interessierte und die Sitzungen nur zweimal monatlich stattfanden. Der August fand ihn in Coppet und in Lausanne, wo in diesem Monat der alte Samuel Constant aus dem Leben schied; sonst verbrachte er seine freien Wochen und Tage in der ländlichen Stille von Hérivaux, um sich wieder intensiver mit seinem Werk über den Ursprung und die Entwicklung der Religionen zu beschäftigen. Daneben arbeitete er an einer Übersetzung des 1793 erschienenen, zweibändigen englischen Werkes »An Enquiring concerning Political Justice« von William Godwin – dem Gatten der bekannten ersten Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft – worin die Notwendigkeit des freiheitlichen Fortschritts in der Politik entwickelt wurde, und an einem größeren politischen Werke, das gegen Bonaparte und den Geist der Usurpation gerichtet war und deshalb vorläufig keine Aussicht auf Veröffentlichung hatte: es sollte erst vierzehn Jahre später nach Napoleons erster Abdankung seine polemische Bestimmung erfüllen.

Frau von Staël, seit dem Frühjahr in Coppet, kam erst im November wieder nach Paris, wo sie sich jetzt einer durch die politischen Verhältnisse gebotenen Zurückhaltung befleißigte und sich im Strudel der hauptstädtischen Geselligkeit, der Soireen, Bälle, Theatervorstellungen bewegte. Sie stand damals schon in den innigsten Beziehungen zu einer um elf Jahre jüngeren Frau, die ihrer präraffaelitischen Schönheit einen womöglich noch höheren Grad von Berühmtheit dankte, wie Frau von Staël ihrem Geist. Als diese ein paar Jahre zuvor im Auftrage ihres Vaters den Chef des Bankhauses Récamier aufsuchte, der Neckers Hotel in der Rue du Montblanc käuflich erwerben wollte, hatte sie auch dessen Gattin Juliette kennen gelernt und war von der süßen Anmut der jungen Frau gleich derart bezaubert gewesen, daß sie die engste schwesterliche Freundschaft mit ihr schloß. Eine gewisse Ähnlichkeit des äußeren Lebensgangs bestand zwischen beiden: auch Juliette Bernard war als einzige Tochter eines reichen bürgerlichen Hauses mit ihren Eltern aus der Provinz – Lyon war ihre Heimat – frühzeitig nach Paris gekommen, wo ihr Vater ein hohes Amt in der Finanzverwaltung bekleidete, war noch als halbes Kind an den beträchtlich älteren Bankier Jacques Récamier verheiratet worden und spielte in den Jahren während und nach der Revolution eine ähnlich gefeierte Mittelpunktsrolle in der Gesellschaft, wie die schöne Madame Tallien und die schwedische Gesandtin. Lucien Bonaparte, Bernadotte, Eugen Beauharnais, die Generale Moreau, Masséna und mancher andere Träger hoher Würden und Namen lagen mehr oder minder lange Zeit in ihren Banden und blieben ihr trotz der Hoffnungslosigkeit ihrer Wünsche auch weiterhin ergeben. Ihre getreuesten und selbstlosesten Freunde fand sie in dem Vetternpaar Mathieu und Adrien de Montmorency, ihren Lyoner Landsleuten Camille Jordan, dem schon erwähnten Übersetzer von Klopstocks »Messias«, und seinem Jugendfreunde, dem Philosophen M. de Gérando, sowie in dem jungen Prosper de Barante, die fast allesamt auch zu Frau von Staëls engerem Umgangskreise bereits gehörten oder noch gehören sollten.

Auch Benjamin Constant war schon während des Konsulats bisweilen unter den Gästen des Hauses Récamier, das für den splendiden Aufwand seiner Feste berühmt war, bevor der 1806 erfolgende Zusammenbruch der Firma einen Umschwung herbeiführte. Sein Verhältnis zu Frau von Staël dauerte inzwischen fort, denn wiewohl Gewohnheit, Pflichtgefühl und Schwäche bei ihm schon zu einem großen Teile die anfängliche Herzensneigung ersetzt hatten, erwies sich doch das intellektuelle Band, das ihre beiden Naturen verknüpfte, zu stark, um zerrissen zu werden. Ihre maßlose Eifersucht, ihr leidenschaftliches Temperament hielten ihn immer wieder im Bann, so oft er geneigt war, ein Ende zu machen. Versuchte er es dennoch, so reute ihn der Entschluß schnell, sobald er dessen tödliche Wirkung auf sie wahrnahm, und die Selbstvorwürfe mußten seinem Herzen als Vorspann dienen, um ihn wieder an ihre Seite zurückzuführen. Tumultuarische Auftritte und bittere Anklagen endeten mit Versöhnungsszenen, und war dann alles beim alten, so haderte er wieder unzufrieden mit seiner eigenen Schwäche und sehnte sich erst recht nach Unabhängigkeit. Seiner intimen Beziehungen zu einer Madame Lindsay um jene Zeit muß gedacht werden, weil man in ihr später das Urbild der schönen Ellénore in seinem Roman »Adolphe« wiederfinden wird. Sie war Irländerin von Geburt, hatte bis 1797 noch in London gelebt, wo ihr Salon besonders von französischen Emigranten besucht wurde – auch Chateaubriand, der sie in seinen Memoiren »la dernière des Ninons« nennt, hatte sie dort kennen gelernt – und war dann nach Paris übergesiedelt. In seinem Tagebuch führt Benjamin sie noch etliche Jahre später als eine von den Frauen an, die er zu heiraten imstande gewesen wäre, wenn nicht die Existenz zweier unehelicher Kinder und ihr beträchtlich höheres Alter ihn davon abgehalten hätte.

Ungleich mehr und tieferes bedeutete ihm jedenfalls eine andere Frau, die ihm freilich ebenfalls um ein Dutzend Jahre voraus war, deren ungewöhnliche Geisteshelle und Seelengröße ihn aber mit aufrichtiger Verehrung erfüllte. Auch diese, Julie Talma, die Gattin des berühmten Tragöden, war während der ersten Republik eine gefeierte Persönlichkeit gewesen, in deren Hause Künstler wie Méhul, David, Ducis, Dichter und Literaten, wie Marie-Joseph Chénier, Chamfort und andere verkehrten. Als uneheliches Kind eines reichen Parisers – ihr Mädchenname war Carreau – im Januar 1756 geboren, hatte sie sich glühend erst für die Revolution und Mirabeau, dann für François-Joseph Talma begeistert, mit dem sie längere Zeit in freier Liebe lebte, ehe es zur Heirat kam. Im Jahre 1801 wurde die Ehe geschieden, und aus dieser Zeit datiert die intime Freundschaft – »jamais que de l'amitié«, wie er selbst versichert, – die Benjamin Constant mehrere Jahre lang, bis zu Julies Tode, mit ihr verband und ihm in mancher schweren Stunde ein Trost und Rückhalt war, zumal sie eine Künstlerin des Briefschreibens war.

Noch einmal, im Februar 1801, lenkte Constant den besonderen Zorn des Ersten Konsuls dadurch auf sich, daß er die Errichtung von Ausnahme-Gerichtshöfen auf das nachdrücklichste bekämpfte und durch seine Opposition die Vorlage beinahe zu Fall brachte: ein geharnischter Artikel, den Bonaparte selbst im »Journal de Paris« erscheinen ließ, war die unheildrohende Antwort aus der Höhe. Indessen verstrich dieses Jahr vollends, ohne in Constants Situation etwas Wesentliches zu verändern. Zu Beginn des nächsten aber begann sich die innerpolitische Lage zuzuspitzen. Neckers letzte Schrift »Dernières vues de politique«, die sich unerschrocken gegen die immer deutlicher werdende Alleinherrschaft des Ersten Konsuls richtete und konstitutionelle Garantieen gegen ein absolutistisches Regiment verlangte, erregte Bonapartes Groll nicht so sehr gegen den Verfasser selbst, als gegen seine Tochter, von der er die Schrift inspiriert glaubte. Als sie im März 1802 nach fast einjährigem Fernbleiben wieder nach Paris kam, galt ihr Salon mehr denn je zuvor für die geheime Waffenschmiede der republikanischen Opposition. Die parlamentarische Gruppe, die diese Opposition im Tribunat vertrat, war nur klein, aber dank der Bedeutung ihrer Mitglieder dem Staatsoberhaupt lästig genug, das nicht mehr gewillt war, seine Kreise stören zu lassen. Ein Anlaß zum Einschreiten ergab sich bald genug. Als Constant im Verein mit Chénier im Tribunat dagegen auftrat, daß die französischen Staatsbürger mit dem republikwidrigen Worte »Untertanen« bezeichnet würden, verließ den Ersten Konsul die Geduld. »Da unten im Tribunat,« brach er mit zornigem Fußstampfen aus, »sitzt ein Dutzend Metaphysiker, die man ins Wasser werfen sollte! Aber ich werde mir dieses Raupenzeug von den Rockschößen zu schütteln wissen!« Das Abschütteln fiel ihm nicht schwer, denn die kleine Gruppe der Opposition, deren Wortführer Constant war, hatte in der öffentlichen Meinung fast keinen Rückhalt. Die Zeit der politischen Rhetorik war vorüber: in allen Kreisen war, man der Reden, Verhandlungen und Debatten müde und verlangte nach Taten. Die »Ideologen«, wie Bonaparte sie mit einem Lieblingsworte nannte, hatten nicht mehr auf die Gunst des Publikums zu rechnen, sie waren Parteiführer ohne Partei. »Men, not measures« war das Losungswort des Tages geworden, und Bonaparte brauchte keinen ernstlichen Widerstand mehr zu fürchten, wenn er eine parlamentarische Minorität einfach absägte. Ohne längeres Zögern führte er einen Senatsbeschluß herbei, der die Zahl der Tribunen von hundert auf achtzig reduzierte, und ließ auf diese Weise die zwanzig unbequemsten Störenfriede in der Versenkung verschwinden, »J'ai épuré le tribunat«, soll er befriedigt geäußert, Frau von Staël aber empört korrigierend ausgerufen haben: »Il veut dire écrémé«.

Constant selbst hatte diese Maßregelung vorausgesehen und sie schon Mitte Januar in einem Briefe an Frau von Nassau als wahrscheinlich angekündigt. Er war nichts weniger als unglücklich über den Verlust seines Mandats, zumal er das Bewußtsein hatte, in seinen Überzeugungen konsequent und dem republikanischen Freiheitsideal bis zuletzt treu geblieben zu sein, und tröstete sich mit dem Gedanken, seine Zeit fortab ganz seinen wissenschaftlichen Studien widmen und in dieser Beschäftigung mehr Befriedigung finden zu können, als in einer politischen Tätigkeit, die doch nur noch Schlägen ins Wasser gleich kam. Aus den noch unveröffentlichten Briefen an Huber geht hervor, daß er sich um diese Zeit mit dem Plane trug, eine Geschichte der Regierungszeit Friedrichs des Großen zu schreiben, nicht unter politisch-militärischen, sondern unter rein philosophischen und kulturhistorischen Gesichtspunkten, eine Darstellung nicht des Siegers von Roßbach und Leuthen, sondern des Philosophen von Sanssouci, seiner Weltanschauung und seines Einflusses auf Deutschlands Geistesleben, von dem er selbst, der innerhalb des Trauerjahres für den großen König an den braunschweigischen Hof gekommen war, noch unmittelbare Wirkungen verspürt hatte, über die ersten Vorarbeiten scheint jedoch das geplante, später nie wieder erwähnte Werk nicht hinausgekommen zu sein.

Während er selbst nach seiner Ausschließung aus dem Tribunat keine weiteren Behelligungen erfuhr, richtete sich die Erbitterung des korsischen Gewalthabers immer schärfer und ausschließlicher gegen Frau von Staël. Besonders verübelte er ihr den nahen Verkehr mit Bernadotte, obwohl dieser als Joseph Bonapartes Schwager zu seiner näheren Verwandtschaft zählte; denn auf Bernadotte ruhte um diese Zeit eine letzte Hoffnung der republikanisch Gesinnten, die von ihm in Gemeinschaft mit einigen Generälen und Senatsmitgliedern die Organisation des Widerstands gegen die drohende Diktatur erwarteten. Aber bevor sie noch der Bannstrahl des künftigen Imperators traf, hatte ein anderes Ereignis sie genötigt, Paris zu verlassen. Baron von Staël, der in den vier Jahren seit der vollzogenen Trennung immer tiefer in Schulden geraten und zuletzt schwer erkrankt war, appellierte in dieser Lage an ihr Mitgefühl und ihre Hilfe: ohne Besinnen nahm sie sich seiner an und war mit ihm schon auf dem Wege nach Coppet, als auf der Reise ein Schlaganfall seinem Leben ein Ende machte. Auf ihren dringenden Wunsch hatte Benjamin diese Reise mitgemacht, allerdings mit Rücksicht auf den Kranken in einiger Distanz, aber auch so noch mit größtem innerem Widerwillen.

»Ich habe ihr die Bitte nicht weigern können,« schrieb er von unterwegs seinem Freunde Claude Fauriel nach Paris, »ihr in geringer Entfernung zu folgen, weil sie mit ihrem kranken Mann reiste und den Wunsch hatte, mich in leicht erreichbarer Nähe zu wissen, falls ihm unterwegs etwas zustieße. Aber ich gestehe offen, daß ich ihr noch nie ein Opfer gebracht habe, das mir aus den verschiedensten Gründen in ähnlichem Grade peinlich gewesen wäre. Wenn ich Ihnen schildern wollte, was ich dabei empfinde und wie hassenswert mir das Leben erscheint, ich würde Ihnen, der jetzt seine Ruhe und sein Glück genießt, wahrscheinlich auf die Nerven fallen. Ich genieße weder das eine noch das andere und bin von beidem gleich weit entfernt. ... Es gibt Komplikationen des Geschicks, die sich nicht entwirren lassen, und von denen man gegen den eigenen Willen vorwärts gerissen wird, ohne dazwischen auch nur einmal festen Fuß fassen und einen Blick um sich her werfen zu können. Am Ende ist das Glück vielleicht überhaupt ein unerreichbares Etwas, wenigstens für mich, da ich es nicht einmal an der Seite der besten und geistreichsten aller Frauen finde.«

Die Frage trat jetzt an ihn heran, ob der Platz an der Seite dieser Frau dauernd und vor aller Welt der seine werden sollte. Aber die allgemein bestimmt gehegte Erwartung, daß Frau von Staëls Witwenschaft nur den Übergang zu ihrer baldigen Heirat mit Benjamin bilden würde, erfüllte sich nicht. Die Scheu davor war beiden Teilen gemeinsam. Bei Benjamin bedarf sie nach allem bisher Durchlebten keiner Erklärung mehr: was er von einer Ehe erträumte, war in allem das Gegenteil dessen, was Frau von Staëls stürmisches und impulsives Naturell ihm zu bieten hatte. Aber es kennzeichnet ihn, daß er sich trotz dieser Überzeugung für moralisch verpflichtet hielt, ihr jetzt, da sie frei war, seine Hand anzubieten: vielleicht auch, daß er ihrer Ablehnung genügend gewiß war, um diesen Schritt tun zu können, und sich damit einen leichteren endgültigen Rückzug zu ermöglichen hoffte. Kurz, die Ablehnung erfolgte wirklich, sei es, daß Frau von Staël aus Form und Ton des Antrags schließen konnte, daß er nicht von Herzen kam, sei es, daß sie – wie behauptet wurde – an eine Heirat die Bedingung der Geheimhaltung knüpfte, damit sie ihren in Europa schon berühmten Namen auch weiterhin beibehalten könnte, was Constant als eine verletzende Zumutung empfand. Wenn auf seiner Seite nur der Verstand ein bedingtes Ja sagte, das Herz aber Nein, so stand es umgekehrt bei ihr. Sie täuschte sich schwerlich darüber, daß sie bei einer Ehe mit ihm mehr zu verlieren, als zu gewinnen hatte, und die Furcht vor dem Unabänderlichen war stärker, als der Wunsch nach einer engeren Zusammengehörigkeit. So war man aus verschiedenen Gründen der gleichen Meinung, und doch blieb ein Stachel der Verstimmung auf beiden Seiten zurück.

Manches von den seelischen Erfahrungen und Reflexionen, die Frau von Staël in dieser Zeit durchlebte, ging in ihren großen psychologischen Briefroman »Delphine« über, der im November desselben Jahres 1802 erschien. In der Nebenfigur des protestantischen, in England herangebildeten Geistesaristokraten Henri de Lebensei hat sie dort ein leicht erkennbares, wiewohl idealisiertes Porträt Benjamin Constants gezeichnet, ihr eigenes in der Heldin selbst mit all ihrer edlen Unvorsichtigkeit, ihrer Unfähigkeit zur Verstellung oder Berechnung, ihrer passionierten Herzensgüte. »Ich bin eine Person, mit der oder ohne die man nicht leben kann,« schrieb sie gelegentlich acht Jahre später an Madame Récamier, »nicht weil ich despotisch oder angriffslustig bin, sondern weil ich ein gewisses für die Menschen fremdartiges Etwas an mir habe, was mich je nachdem im guten oder schlechten Sinne außerhalb der gewöhnlichen Lebensgemeinschaften stellt.« In diesem Stückchen Selbstcharakteristik liegt der Schlüssel zu dem scheinbaren psychologischen Rätsel, zu dem sich Benjamins Verhältnis zu Frau von Staël in der Folge mehr und mehr, gestalten sollte.

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