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Ben Jonsons Volpone

Ben Jonson: Ben Jonsons Volpone - Kapitel 5
Quellenangabe
typecommedy
authorBen Jonson
titleBen Jonsons Volpone
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1982
isbn3596222931
firstpub1926
illustratorAubrey Beardsley
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140307
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Illustration: Beardsley

Dritter Akt

Bei Volpone. Gleicher Tag, nachmittags.

Volpone auf dem Bette reglos liegend.

Mosca hastig herein

Ach, da seid Ihr schon, Messer Volpone, heil und herrlich heim vom Triumphzug! Einen Becher Weins zuerst, mir brennt die Zunge vom Lügen wie Leonen sein Buckel in der Sonne. So! – Aber jetzt, Meister der Lüge, auf, auf, wir wollen zweistimmig das Jubilate anstimmen, und die Dukaten sollen dazu tanzen!

Volpone stöhnend

O weh ... bin krank ... müde, müde ...

Mosca

Aber Herr, die Türen sind verschlossen, laßt die Maskerade vom Sterben: wollt doch nicht am Ende Eurem Mosca das Tänzlein vom Tode vorspielen? Hussa, auf die Beine, die Glieder gereckt! – Wollen jetzt pokulieren und fröhlich sein und die Richter Venedigs leben lassen, das weiseste aller Tribunale. Haha, das war ein Spaß!

Volpone mühsam aufstehend

Saurer Spaß für mich; nein, Mosca, du irrst dich, ich schauspielere nicht, hundeelend ist mir noch und ganz wirbelig im Magen. Wahrhaftig, mir taumeln noch die Knie: haben mir den ganzen Saft aus den Adern gesoffen, die verfluchten Blutegel! Nennt das einen Spaß, der Narr: für dich vielleicht, nicht für mich! Kannst mir glauben, wie der Leone, der Lümmel, mit dem Dolch fuchtelte, um mich aufzukitzeln, da gab's mir – ruck! – einen bösen Riß vom Magen herauf, hätte keiner Hundsgalle bedurft, um käsfarben zu werden! Mein ganzes Leben lang hat keine Angst sich mir so auf die Därme gesetzt – ich hatte allein mehr Angst als eine ganze Armee, wenn das Schießen angeht. Da, von den Fersen fuhr's herauf bis in die Gurgel, daß die Zähne nur so klapperten ...

Mosca

Ja, mir fiel's auf, wie wunderbar natürlich Ihr geklappert habt, alle Doktores der Fakultät hätten's vereidigt, Ihr seid auf dem Sprunge, aus dem irdischen Jammertal zu scheiden.

Volpone sich schüttelnd

Diese Angst! ... diese Angst! Das ist eine gräßliche Erfindung! Das ist noch ärger als Armsein!

Mosca

Aber dafür kriegtet Ihr dann auch legaliter bescheinigt vom Gericht, daß Ihr ein Ehrenmann seid.

Volpone

Meiner Treu, ich war selbst überrascht. Sollt' mir eigentlich das Attest schriftlich ausfertigen lassen und über den Spiegel hängen. Und immer, wenn ich meine ein Schurke zu sein, schau' ich drauf hin, und sieh: Was steht dann dort mit Brief und Siegel vorn Amt? ... ›Volpone, du bist ein ehrlicher Mann!‹

Mosca

Aber leicht hat sich das nicht gewerkelt: einen ganzen Bandwurm von Lügen hab' ich auspurgieren müssen. Und die drei Schacher haben gut musiziert, besser ihre Lügen heruntergefiedelt als die Violaspieler in San Samuele.

Volpone

Diese Schurken, ah, diese Banditen!

Mosca

Haben Euch doch ausgebalgt, wacker Euch geholfen? Was nennt Ihr sie Schurken?

Volpone

Nun, war's nicht Erzschurkerei, daß sie mir geholfen haben, statt mich in der Tunke zu lassen? Ich gerbe ihnen das Fell, löchere ihnen die Taschen, und sie helfen mir dafür: ist das ehrlich, ist das nicht siebenmal schurkischer als ein grader Dolchstich in den Rücken? Oh, diese Hunde, ihr sollt noch die Staupe von mir kriegen!

Mosca

Ich glaub', die Hundegalle würgt Euch noch den Magen. Kommt, trinkt! Seid fröhlich, seid munter!

Volpone trinkend

Ah! Wunderbar! Noch eins! Springt auf. Ist mir wieder ordentlich! Ah, Wollust, auf zwei gesunden Beinen zu stehen, ein ehrlicher Mann mit Gerichtsattest. Zur Truhe hin. Ist wieder bei euch, euer Väterchen, ihr guten Zechinen, bleibt bei euch, hütet euch gut! Auf und ab gehend. Wird mir wohl schon, wird mir warm, spüre schon wieder den alten Volpone unter der Leichenhaut. Ah, Wollust, seine Kraft zu spüren und seinen Witz!

Mosca

Werdet ihn gleich brauchen, Meister der Lüge; gleich kommen sie geflattert, Geier, Habicht, Krähe mit offenen Krallen. Haben es alle hitzig, vor allem Voltore, daß Ihr ihn zum Erben macht.

Volpone

Einen Wind werd' ich ihm machen, dem Windmacher!

Mosca

Aber habt's ihm doch zugeschworen, habt ihm die Hälfte bei Lebzeiten versprochen!

Volpone

Nichts hab' ich versprochen! Meine Angst hat ihm was versprochen, ich weiß nicht mehr, was.

Mosca

Sind aber tollwütig alle drei und mißtrauisch, sind müde der Reden, fordern Brief und Siegel, wollen das Testament sehen, wollen's haben.

Volpone

Sollen's sehen, sollen's haben, alle drei! Ist ja dankbar, der gute brave Volpone, gibt jedem seiner Freunde, was er begehrt. Mache für jeden ein Testament, gern, gerne, drei, dreizehn, dreiundzwanzig, dreihundert – kostet jedes mich nur eine Halbunze Tinte und ein Stück Eselshaut. Kriegt jeder mit Brief und Siegel seine alleinige Erbschaft fein säuberlich bescheinigt, jeder die seine, kann sich's jeder nach Hause tragen, seinen Flederwisch, darf dann beruhigt warten, bis ich sterbe – sofern freilich, als er's erlebt!

Mosca

Herrlich! Ist ja wahr: zeigt's keiner dem andern. Geben wir jedem so ein Pflästerchen gegen das Erbfieber, dann lassen sie uns in Frieden. Herrlich: gleich Tinte her und Feder!

Volpone

Mit eigner Hand schreib' ich's ihnen aus, laß mir noch Sporteln zahlen dafür, eins für den lieben Voltore, eins für den trauten Corbaccio, eins für den butterweichen Corvino: ah, ich will euch kälbern! Mit eurem Blättchen im Schubfach könnt ihr dann passen, bis ich sterbe, fürchte, wird sich nur um paar Jährchen verzögern. Wird rasch wieder rote Bäckchen kriegen, der kranke Volpone, wird immer gesünder werden, bis ihr selber die Kränke kriegt vor Habsucht und Galle kotzt.

Mosca

Aber wenn Euch, Gott verhüte, etwas Irdisches zustößt, dann sind sie doch wirklich die Erben.

Volpone

Aber alle zugleich: das wär' doch das Lustigste, Mosca. Was für ein Tänzchen das gäbe, denk dir's aus, kein Herzog hätte derlei Totenmusik. Die Schädel würden sie einander einschlagen. Kämen geschlichen erst, listig, die Wonne im Bauch: ich bin der Erbe! Und hahnreihen sich einer den andern. Ah, wie wütig werden sie zu Gericht rennen, alle drei Esel mit ihren Eselshäuten, haha, ich sehe sie schon abziehen mit langen, grauen Ohren ...

Mosca

Aber Messer Volpone, wie wollt Ihr's sehen: der Sargdeckel hat keine Löcher.

Volpone

Mord's, das ist wahr: das wird mich im Leichenlaken noch wurmen, daß ich meinen Meisterstreich nicht erlebe, nicht seh', wie diese Schurken sich querüber in die Haare fahren. Gottes Zorn, den schönsten Spaß hab' ich da ausgesonnen, und gerade bei der Kirchweih, wo sie sich die Schädel einschlagen, soll ich fort sein: verdammt.

Mosca

Nicht geflucht! Habt früher versprochen, fromm zu werden. Aber vordem, eh' Ihr verklostert, seid noch fröhlich: kommt, kitzelt Euch auf, seid lustig.

Volpone

Aber du weißt doch, ich kann – Gott straf mich – nicht lustig sein, ehe ich nicht einem Narren eins über den Pelz gebrannt, das wärmt mich besser als eine Frau und muntert mich stärker als Wein: aber daß ich diesen Hauptspaß nicht sehen soll, wie ein Fieber frißt das an mir! Mein bester Schurkenstreich, gerade er wird zunichte, ich soll sterben, ohne das Schönste gefühlt zu haben, ganz wie ein Weib, das als Jungfer stirbt. Verdammt, verdammt, daß ich nicht zusehen kann, wie sie über meiner kalten Nase sich balgen – möchte mich dem Teufel verschreiben, wüßt' ich, daß er mir ein Stündchen Urlaub gibt, um den Spaß als Toter noch zu erleben. O verdammt, verdammt! Er geht wütend auf und ab.

Mosca

Hat man schon so einen Kauz erlebt: kaum aus dem Wasser, zündelt er wieder mit dem Feuer: alle Heiligen mögen mich schützen, seine Galle zu erben.

Volpone plötzlich aufjappend

Ich hab's! Haha, ich hab's. Ich werd's erleben! Herrlich! Herrlich! Ah, das ist das Rechte, haha!

Mosca

Was beißt Euch? Springt ja wie der Flohkönig!

Volpone begeistert

Mosca, Mosca, was war in dem Wein? Da hat der Teufel einen göttlichen Gedanken hineingetropft: mir brennt's schon durch alle Adern. Ah, was für ein herrlicher Spaß! Welch eine Orgie von Heiterkeit erwartet mich da! Horch' auf: du jagst die Diener herum, sie sollen aussprengen, ich sei tot, ich, Volpone, steinstarr, gestorben, verwest. Ich setz' dich ein im Testament als den Erben, du liest es ihnen vor, und ich steh' derweil – da! – hinter dem Vorhang, höre zu, blicke zu: ich will sehen, wie der Geifer ihnen vom Maul tropft, ehe er Essig auf ihren Lippen wird, ich will's sehen, wie ihre Gesichter länger werden und länger. Und wenn sie dann auf dich losfahren und keifen und schreien – dann spring' ich vor aus dem Fuchsloch und will sie laufen lassen, daß ihnen die Ohren fliegen; ich will sie gerben und verledern diese Schurken, bei lebendigem Leib. Ah, welcher Spaß, vom eigenen Totenbett aufzustehn gegen die Erben und Erbschleicher!

Mosca

Ein trefflicher Spaß, gut für ein andermal: ich schreib's in den Kalender. Aber nicht heute!

Volpone wie besessen

Heute! Noch heute! Sofort!

Mosca

Seid doch besonnen! Habt den Schweiß noch im Haar und die Hundsgalle in den Därmen! Reitet Euch schon wieder der Teufel in neue Teufelei?

Volpone

Ich brauch's, wird mir nicht früher wohl.

Mosca

Narrheit! Ich rat' Euch, macht sie nicht toll, tretet nicht auf ihre Giftzähne!

Volpone

Zertreten will ich das Gewürm, sie sollen sich so vor Bosheit krümmen wie ich mich vor Lachen. Aber vorwärts jetzt – so (er schreibt etwas in das Testament). Da habe ich deinen Namen geschrieben: »Meinem treuen Diener Mosca«, jetzt ist das Folterinstrument bereit, aber mach' gute Musik darauf, hörst du: nicht zu rasch, nicht zu hitzig, ich will's sehen, wie sie mit der Zunge schmatzen, wie ihre Fratzen sich allmählich auseinanderschieben, ehe ihnen der Hammer auf den Schädel fällt. Laß mir keinen Ton aus, keinen Übergang: ich will sie erst grinsen sehen und Vergnügen glucksen über meiner Leiche, ich will sie zittern sehen und zappeln mit der Angel im Maul und ungeduldig werden nach dem Testament und dann erst, wie sie erschrecken, schauern, wüten, sich erbosen, sich erhitzen. Dann brech' ich heraus mit der Peitsche, und das Herz wird dir tanzen, wie ich ihnen die Beine peitschen werde: wie die Kreisel werden sie sich drehn, ehe sie zur Tür hinauskollern.

Mosca

Herrlich, Herr – aber macht es allein. Ich hab' genug, ich habe für heute Gottesfrieden gemacht mit allen Kreaturen: mir steckt das Wasser noch warm im Leib vor Ängsten, ich habe genug! Tut's allein, Euer Späßchen!

Volpone

Wie soll ich's allein tun? Ich spiel' doch den Toten! Vorwärts, Schmeißfliege, brumm!

Mosca

Aber ich mag nicht. (Herausbrüllend) Ich hab's satt. Bin kein Hundehetzer, kein Leuteschinder, kein Galgendreher – bin als redlicher Schmarotzer zu Euch gekommen, Wein zu trinken, Weiber zu haben, zu lachen und lachen zu machen. Laßt die Dukaten springen, aber nicht die Menschen, gebt Frieden, genießt Euer Geld und kühlt Euch die Galle: ich spiel' nicht länger mit! Ist mir heute eine kalte Zugluft über den Nacken gefahren bei Gericht; hab's satt, mich gruselt's auf Wegen, wo der Galgen am Ende steht. Sucht Euch einen andern für Eure Späße.

Volpone

Nur dies eine Mal noch: ist mein letzter, mein bester Streich.

Mosca

Nein, ich will nicht. Guten Dank für Speis' und Trank, aber mehr als alles andere lieb' ich meinen graden Hals, da will ich mir nichts Hänfenes herumspaßen.

Volpone

Was, du willst nicht, du Tischwanze, du verweigerst mir den Dienst? Hast wohl vergessen, daß ich dich für zweihundert Zechinen aus dem Schuldturm gelöst habe: wollt' einen Spaßmacher, und jetzt mag der Tölpel nicht spaßen! Vorwärts: oder ich lass' dich wieder hineinwandern! Du Fliege, mit meinem Schuldschein zerquetsch' ich dich an der Wand. Willst du oder nicht?

Mosca verbissen

Muß ja wollen! Soll mich dafür bei Euch noch bedanken? Aber meinen Schuldschein fordere ich für den Spaß: bin Euch dann nichts mehr schuldig und geh' meiner Wege.

Volpone ihm den Schuldschein gebend

Zum Teufel geh, wenn's dich lüstet: brauch' dich nicht mehr, langweilst mich schon! Diesen Spaß, meinen besten, hab' ich doch mir selber ausgewitzt. Und jetzt los: die Diener gerufen! Klatscht in die Hände und kriecht hinter den Vorhang zurück.

Die Diener kommen, stehen wartend.

Mosca ungeschickt, mehrfach ansetzend

Lauft zu Herrn ... zu Herrn Voltore, Corbaccio, Corvino, sagt ... sagt, es stünde übel mit dem Herrn ... er könne jeden Augenblick verscheiden ... eilt jetzt ... eilt ...

Die Diener ab.

Volpone den Kopf heraussteckend

Du Schurke, warum hast du nicht gesagt, daß ich tot bin?

Mosca

Wollte Euch noch Zeit lassen. Ist mir unbehaglich: würgt mich im Halse, will mit dem Lügen nicht mehr munter heraus. Warn' Euch noch einmal: ist doch ein glatteisiger Spaß, könnt' Euch die Rippen ausrenken.

Volpone

Und wenn ich daran sterbe, ich muß diese Giftschlangen tanzen sehen.

Mosca

Wenn Ihr daran sterbt? ... Wißt Ihr, Messer Volpone, wer dann Euer Erbe ist? Ich!

Volpone

Du Schmeißfliege? Du Narr!

Mosca

Hier, hier steht's auf dem Blatt.

Volpone

Und das, meinst du, werd' ich dir lassen? Wirst auch schon, scheint mir, wirr, und tanzest mit den Narren! Aber jetzt zum Tisch gesetzt, das Inventarium zur Hand: so empfang mir die Gesellen, und je hitziger sie tun, um so gemächlicher sei. Tropfen auf Tropfen trauf's ihnen ein, langsam, ganz langsam dreh' ihnen den Bratspieß im Leibe um. Erst schmalze ihre Hoffnungen, streich ihrer Habsucht den Bauch, den geblähten, wart' schön, bis sie alle traulich beisammen sind und einander mit den Blicken fressen; ich sag' dir's: laß sie nur lang, recht lang darren und rösten und braten, bis sie gar werden für mich! Ich horche inzwischen hier hinter der Falte, kann von da auch ab und zu ein frohes Blickchen tun auf ihre vertrauerten Leichenbittermienen. Aber dann, aber dann, wenn sie recht heiß sind, recht wild tun, dann beiß' ich hinein mit den Zähnen: die Fetzen will ich euch aus dem Fleisch reißen und die Knochen knacken! Wie die Vogelscheuchen sollt ihr nach Hause schwanken und wanken ... ah ... ah ... mir wird schon ganz wohlig. Und du, spielst du's gut, noch fünfzig Zechinen, dann magst du in die Hölle fahren.

Mosca höhnisch

Schönen Dank, könnte dort zu vielen Eurer Art begegnen!

Volpone aufschreckend

Ich höre jemand kommen! Hingesetzt und angefangen! ... Ich fasse sie schon rechtzeitig an der Gurgel. Stellt sich hinter den Vorhang des Bettes und sieht gierig zu, alle Worte Moscas mit Gesten verstärkend.

Voltore hastiger herein als bisher.

Mosca hat sich an den Tisch gesetzt, scheinbar ganz in die Papiere vertieft. Schreibend und laut sich vorsagend

Sieben Teppiche aus Ispahan ...

Voltore

Ist er tot? ...

Mosca

Ein Porphyrtisch ... zwei marmorne Truhen ...

Voltore

Ist er tot? ... Ihn anfassend. Lieber, guter Mosca ... sag', ist er tot? ...

Mosca

Ihr seht, Illustrissimo, ich fertige schon das Inventar.

Voltore

Gib gleich das Testament!

Mosca

Es liegt bereit ... (schreibend) vier Onyxschalen und sechs künstliche Kandelaber aus gehärtetem Gold ...

Corvino herein mit seiner Frau Colomba

Der Rabe ist schon da. Wo diese schwarzen Mäntel wehen, gibt's eine Leiche ... gewiß, er ist tot.

Colomba

Der arme Herr Volpone! War doch noch kräftig und stark ...

Mosca gleichmütig weiterschreibend

Zwei Kästchen aus Ebenholz, verschlossen und versiegelt, schweren Gewichts.

Corvino zu Voltore

Seid wohl als Amtsperson berufen zur Eröffnung des Testaments?

Voltore hochmütig abwehrend

Wird sich weisen ... wollt Ihr Zeuge sein und Beistand?

Corvino

Haha ... bloß Zeuge? ... Je nun, wie Ihr meint.

Corbaccio hastig herein

Sagten mir unten: tot ... hehe ... hab's gleich gewußt, steht nicht mehr auf ... hehe ... Geht herum, klopft an die Truhen. Klingt gut ... klingt voll ... hehe ... beste Musik ... Schöner als in der Kirche ...

Corvino höhnisch

Kommt schon kaufen und schachern? Werdet Euch irren!

Corbaccio

Kaufe nichts ... hehe ... brauche nichts ... hab' jetzt genug ... aber wo Testament? ... lest Testament ...

Corvino

Sperrt nur die Ohren gut auf, daß Ihr nicht daneben hört ... haben ähnliche Namen wir beide, Corvino, Corbaccio ... Aber lest, Illustrissimo, lest seinen letzten Willen!

Voltore feierlich

Da sei Gott vor, könnte angefochten werden, ginge nicht alles legaliter. Da muß erst ein Zeuge hier sein vom Gericht.

Mosca erschreckt

Zeugen vom Gericht? Laßt die Formalitäten! Wir senden das Testament lieber später hinüber ... später ... später.

Voltore

Wäre nicht legaliter. (Läutet, zum Diener) Ruft den Richter vom Amte, sagt, der Notarius erbitte seine Zeugenschaft. Streng legaliter, alles legaliter.

Mosca hat vor Schreck die Feder fallen lassen

Der Richter ... hierher, hierher, der Richter? ...

Ist doch nicht vonnöten ... sind zwei Zeugen zur Stelle ... ehrenwerte Venezianer ...

Corvino

Nein, nein, ganz des Notarius Meinung: legaliter, streng legaliter.

Corbaccio

Vortrefflich ... bestehe darauf ...

Mosca zur Seite schleichend

O weh, jetzt wird's unbehaglich: das stand nicht in Volpones Kalender! Da wisch' ich aus! Vertrag's nun einmal nicht, hab' eine Antipathie gegen alles, was Amt ist und gar in so einer Art Bruderschaft mit dem Henker! Diese Suppe wird mir zu heiß, löffelt sie allein, Messer Volpone, mir verschlägt's den Appetit.

Drückt sich zur Tür hin.

Voltore

Heda! Wohin, Mosca?

Mosca

Stehn im Keller noch allerlei Kisten und Truhen, will nachsehen, ob sie verschlossen sind!

Voltore

Später, später! Keiner verläßt das Zimmer: wäre wider das Gesetz.

Corbaccio

Alles legaliter ... streng legaliter!

Mosca

Verdammt! Wie komm' ich aus? Oh, mich juckt's immer schärfer im Finger!

Canina hereinstürmend

Mosca, mein Junge! Er ist tot? Ist es wahr? Oh, was tu' ich da, was fang' ich an, hilf mir doch! ... Sag', ist er wirklich tot, ganz tot?

Mosca

Ich fürchte ... ich fürchte ...

Canina

Ganz tot? sag'! ... Vielleicht wacht er noch einmal auf, für fünf Minuten nur ... ich hab' einen Pfarrer zur Hand ... vielleicht wacht er noch einmal auf, gibt ja Schlagflüsse, daß man meint, ist eine Leiche und kriegt wieder Atem. Führ' mich hin, will's selber sehn, kenn' mich aus mit Männern, ob sie tot sind oder lebendig.

Corbaccio

Sehr wahr ... sehr wahr ... gibt auch Scheintote ... besser nachsehen ... immer Sicherheit, hundert Prozent Sicherheit.

Mosca

Nein, nein, ein Blick wird Euch überzeugen ...

Volpone hat sich hurtig hingelegt und liegt reglos.

Mosca hebt flüchtig den Vorhang, läßt ihn wieder fallen

Ihr seht; ganz reglos und starr.

Corbaccio

Kann täuschen ... besser doch, Kerze nehmen und unter Füße brennen ...

Corvino den Dolch ziehend

Sicher ist sicher ... einen kleinen Herzstoß zur Probe sollte man doch probieren ... dem Toten wär's ohne Schaden und dem Scheintoten ein guter Dienst. Ach was, ich tu's jedenfalls. Geht entschlossen auf den Vorhang zu.

Volpone hat sich zitternd zusammengekrümmt vor Schrecken.

Mosca wirft sich Corvino entgegen

Nein, nein ... es könnten die Diener dann Blut sehen und sagen, wir hätten ihn beseitigt ... laßt die Leiche in Frieden ...

Voltore

Sehr richtig: nie einen Leichnam berühren, erst das Amt abwarten, immer erst das Amt, bei allem das Amt zuerst, bei Leben und Sterben, bei Geburt und Bestattung.

Der Richter tritt ein, alle drängen ihm entgegen, nur Mosca drückt sich scheu in eine Ecke.

Richter zu Voltore

Ich habe soeben von dem Verscheiden des unglücklichen Volpone vernommen ... Möge nicht die Erregung über die ungerechtfertigte Beschuldigung daran Teil haben, denn sonst müßte die Strafe Leones noch gemessene Verschärfung erfahren.

Voltore

Nein, Eccellenza, geruht es bei der Verfügung bewenden zu lassen: Messer Volpone war siech seit langer Frist und der Tod nur Erlösung.

Richter

Wie Euch dünkt. Ihr habt mich, ward ich recht berichtet, berufen, um bei der Eröffnung des Testaments gegenwärtig zu sein.

Voltore

Ich vermeinte es ersprießlich, um allen Weiterungen vorzubeugen, und bringe die Bitte vor. Ihr selbst möget es eröffnen.

Mosca beiseite, zitternd

Mein Gott, wo schlupfe ich unter?

Richter das Testament nehmend

Es sind vier Zeugen zur Stelle, Bürger Venedigs. Ist der Tod obgenannten Volpones bezeugt durch Augenschein dieser Zeugen?

Voltore

Alle haben es einhellig gesehen, so entfällt der Medikus.

Richter

Erkennt ihr dies Testament an als mit dem Siegel Volpones verschlossen?

Voltore

Mosca, bezeugst du dies Siegel als das deines Herrn?

Mosca

Ja, ja ... ich glaube ... ich bin nicht erfahren darin ... glaube es wohl. (Beiseite) Wäre ich nur schon in Padua!

Voltore

Ich, Voltore, Notarius, erkenne dies Testament an als ausgefertigt von meiner Hand, ihm überreicht an seinem Krankenbett: nur der Name des Erblassers und Erben war frei geblieben nach dem Wunsche des Verblichenen: Ihr werdet sie eingezeichnet finden von des Verstorbenen Hand.

Richter

So breche ich das Siegel und lese ...

Volpone hat sich hinter dem Vorhang aufgerichtet, späht gierig durch die Falten nach ihren Gesichtern.

Mosca ist zitternd aufgestanden und sucht sich zu bergen.

Richter liest

»Ich, Volpone, ehemaliger Kaufherr von Smyrna, Levantiner, unbeweibt und ohne Kind, erlasse hiemit, von Krankheit bedroht, doch klaren Sinns, die folgenden Verfügungen über mein Erbe, bezeugt mit meinem Signum und Siegel. Eingedenk der innigen Freundschaft, die er mir erzeigt hat, sowie des unumstößlichen Beweises seiner Anhänglichkeit und Liebe ...

Corvino stößt Colomba an

Du siehst ...

Richter

... und gewillt, diese Freundschaft dankbar und würdig zu vergelten, ernenne ich zu meinem alleinigen Erben, zum unumschränkten Besitzer meiner Habe an Gut, Geld und Liegenschaften meinen geliebten Freund, den Venezianer Mosca ...«

Voltore auffahrend

Mosca! Was heißt das?

Corvino

Mosca ... dieser Schurke?

Corbaccio

Mosca? ...

Canina

Mosca! Herrlich! Ach, du süßer Silberjunge!

Richter

Ich muß um Ruhe bitten ... »Meinen andern teueren Freunden, die mir gleichfalls zahlreiche Beweise ihrer Anhänglichkeit geboten ...

Corvino

Ah ... doch!

Richter

... hinterlasse ich die Versicherung meiner innigsten Dankbarkeit und die Bitte, meiner in unverbrüchlicher Liebe zu gedenken. Gegeben zu Venedig mit eigener Hand. Volpone.«

Voltore aufspringend

Das ist Betrug. Er hat es gefälscht, Mosca, der Bandit.

Corbaccio

Betrüger! ... Beide Betrüger! ... Wo meine zwanzigtausend Zechinen? ...

Corvino

Eine Erzschurkerei: dies Blatt ist erschlichen, erlogen, gefälscht, ungültig ...

Voltore

Es ist ungültig: ich erhebe Protest.

Richter erstaunt

Ihr habt dies Testament doch eben erst als gültig erkannt. Ist's denn nicht von Euch geschrieben?

Voltore

Aber nicht für ihn!

Corvino

Da ist Betrug im Spiel. Ich beschwöre, Eccellenza, mir selbst hat Volpone und dieser da gestern und heute zugesagt, ich sei der alleinige Erbe!

Corbaccio

Nein, nein, mir ... heute morgen!

Volpone hinter dem Vorhang von einem Bein auf das andere hüpfend vor Freude.

Richter

Seltsam! Höchst sonderbar und höchst verwirrt. So hat, verstehe ich recht, dieser Levantiner jedem von euch versprochen, ihn zum alleinigen Erben einzusetzen?

Voltore

Nein, mir nur, mir allein!

Corbaccio

Lüge! ... Mir auch ... war Vereinbarung zwischen uns.

Corvino

Nein, mir allein, nur mir!

Richter

Sonderbar! Sonderbar! (Zu Voltore) Ihr seid doch rechtskundig: habt Ihr irgendwelche besonderen Ansprüche zu führen, die eine solche Erblassung an Euch wahrscheinlich machten?

Voltore

Ich war sein Freund, sein bester Freund ...

Corvino

Lüge ... ich war es ... mir ... mir sagte er es immer.

Corbaccio Mir ... mir ... »guter Freund« ... »bester Freund« ...

Corvino

... Ich führte seine Geschäfte ... ich sorgte für ihn ... ich stand ihm am nächsten ... ich machte ihm Geschenke ...

Corbaccio

Geschenke? Armseligkeiten! ... schlechter Kram ... ich ... ich ... ich (stotternd vor Aufregung) Geld ... bares Geld ... goldene, unbeschnittene Zechinen ihm gegeben ... vierzehnhundert Zechinen ... ein Ring, tausend Zechinen wert ...

Corvino

Du Wucherer ... hast's andern abgeschwatzt, deinen Mäusedreck. Aber ich ... tausend Zechinen ... meine silbernen Schalen, meine Becher ... ein Grundstück habe ich verkauft ... Ihr seid reich ... konntet schenken ... ich allein habe ihm alles gegeben ... ich allein tat's aus Freundschaft!

Corbaccio

Nicht wahr ... Lüge! ... Lüge ... Ich habe auch alles gegeben, alles vererbt, meinen Sohn enterbt ... Ich habe Anrecht vor allen ... ich ... ich ...

Corvino wütend ihn wegstoßend

Du? ... Weg, Gerippe, in deine Gruft! ... mein ganzes blutiges Geld habe ich ihm hingeworfen. Was? Du willst dich vergleichen, meine Freundschaft mit deiner, du Wucherseele? ... Ich habe alles, alles geopfert ... Meine Frau habe ich ihm gebracht, um ihm Genesung zu schaffen ...

Richter auffahrend, mit der Faust auf den Tisch schlagend

Was redet Ihr da? Was fährt Euch da aus? So hat Leone heute richtige Aussage getan, und Ihr habt mich getäuscht?! (Er läutet die Glocke, Sbirre tritt ein.) Sofort eilst du und holst Leone vom Pranger: ich befehle es im Auftrage des Gerichts. Welche Schmach für das Tribunal, wenn sich all dies als wahrhaft erweist: ein Unschuldiger, ein tapferer Soldat am Pranger ohne Schuld! Das werdet Ihr zu verantworten haben!

Volpone, der verzückt in heimtückischer Freude die Wutausbrüche der drei Erbschleicher verfolgte, ist unruhig geworden, hört aufgeregt und zitternd zu.

Voltore

Verzeiht, Eccellenza ... er hat uns alle wirr gemacht ... ich fand ihn morgens im Bette, sterbend vor Angst, er bat mich, ich möchte für ihn sprechen ... Einem Sterbenden glaubte ich helfen zu müssen, ich ahnte nicht, Eccellenza, was für ein Betrüger er war ...

Corvino

Der Schurke aller Schurken ... nicht genug, daß er mein Geld mir geplündert ... meine Frau hat er überfallen ... oh, sie war zu keusch, es zu gestehen ... er hat mich ausgeraubt wie ein Strauchdieb, ich bin, ich schwör's, Eccellenza, durch ihn jetzt ein bettelarmer Mann.

Corbaccio

Geplündert hat er mich ... Jede Woche Geld, Schmuck. Hunderte ebenso ... den Goldschmied Battista, den Segretario ... ganze Gassen, allen hat er versprochen, aber ich hatte einen Schein ... hatte mir's gezeigt: 20 000 Zechinen ... und jetzt alles Lüge ...

Richter

Welcher Schurke! Ich habe nicht so bald seinesgleichen gesehen. Daß er euch geplündert, ihr Narren, ist kein Schade – habt ihm wohl selbst die Hand in eure Taschen geschoben. Aber einen Soldaten an den Pranger, eine Frau um die Ehre, ein Tribunal um sein Urteil gebracht – welche Schurkerei! Einen guten Dienst hat diesem Verbrecher der Tod erwiesen, denn lebte er noch, ich schwöre euch's, so wäre keiner gepeitscht worden wie dieser levantinische Geselle, ehe er an den Galgen kam.

Volpone ist erblaßt, hat sich zitternd hingelegt.

Richter

Aber noch sein Leib muß Buße tun für sein Verbrechen: am öffentlichen Platz lasse ich den Leichnam hängen und die Zunge annageln an den Galgen, daß man zur Warnung sehe, wie Betrug und Schändung gestraft wird in Venedig. (Zu Mosca) Ihr werdet den Leichnam den Sbirren übergeben, er muß noch einige Tage Wind schmecken, ehe er den Schindanger ziert.

Corvino

Ich will ihn tanzen sehen, diesen Schurken, wie er mich tanzen ließ.

Corbaccio

Aber Geld ... mein Geld ... vierzehnhundert Zechinen.

Voltore

Und sein Testament zerreiß' ich ...

Richter

Nein, das nicht, Illustrissime, ist doch gefertigt, ehe der Spruch über ihn gefällt ward; hat seine Gültigkeit, da rechtskräftig verfaßt, bezeugt von Euch selber – es sei denn, Ihr könntet beweisen, es sei unterschoben oder gefälscht oder Eure Hand leugnet. Dann freilich verfiele, da der besagte Volpone ohne Nachfahren war, seine Habe den Armen ...

Voltore enttäuscht

Den Armen?

Corbaccio aufschreckend

Den Armen?

Corvino entsetzt

Den Armen!

Corbaccio wütend

Wozu brauchen die Armen Geld? Sind zu viele, werden immer wieder nur arm ... will meine Zechinen, vierzehnhundert, mit Zinsen dreitausend ...

Voltore erbittert

Lieber den Armen als Mosca ...

Corvino

Besser vor die Hunde! Nur ihm nicht! Nur keinem andern!

Richter

Doch solange rechtsgültiger Einspruch nicht erhoben ist, bleibt dies Testament in Kraft und Mosca, Bürger von Venedig, der Erbe.

Corvino

Eher der Teufel!

Corbaccio ganz irrwitzig

Vierzehnhundert Zechinen ... dreitausend ... Ring tausend ... viertausend und Zinsen ...

Mosca geschmeidig vorspringend

Wollet mir, Eccellenza, einige Worte verstatten. Messer Volpone, der verstorbene Messer Volpone, er war gewißlich – man soll den Toten nichts Böses nachreden – aber er war wohl der vollkommenste Schurke von der Ferse bis zum obersten Haar, so man in Venedig gesehen. Weiß nicht, ob Gott ihm die Galle größer wachsen ließ als den andern, aber eine schurkische Lust hatte er – wer kann es besser bezeugen als ich – hundsföttisch in andrer Haut zu beißen und Böses zu tun aus Freude, aus einer gallbittern Freude: hat sie wohl vom Satan geerbt. Habe ihm dienen müssen dabei, hab' ihn gewarnt, und Gott nur weiß, wieviel Schliche ich ihm gekreuzt, wieviel Salz ich ihm verwässert habe: könnte heut in des Teufels Küche Dienst tun nach dem, was ich bei ihm gelernt. Aber seht, Eccellenza, der Tod hat eine knöcherne Faust, bricht das stärkste Genick: vordem, wie er dalag auf dem Bett, kalt schon die Beine, da faßt' es ihn doch an. Er rief mich zum Lager: Mosca, röchelte er, ich habe schlecht gehandelt an meinen Freunden, hab' sie gewürgt und gequält, bin wie ein Aasgeier über sie gefahren, mach's wieder gut! Ich setz' dich zum Erben, aber mach's wieder gut! Wo ich Unrecht getan, stell's wieder her, gib alles Erschlichene heim meinen Freunden: sie mögen mir's vergeben. So, Eccellenza, sprach der Sündige: ich hab's ihm gelobt in die eiskalte Hand. Und sofern ich der Erbe bin, will ich allen Schaden ersetzen, den er in seiner wütigen Lust getan, Euch, Voltore – so ich der Erbe bin, – Euch, Corbaccio, Euch Corvino – so ich der Erbe bin – ich will Leone entschädigen, ich will – so ich der Erbe bin – tausend Zechinen geben zu Euren Händen, Eccellenza, für die Armen, will Messen lesen lassen in allen Kirchen Venedigs für den toten Volpone, ich will – so ich der Erbe bin – alles rückerstatten von Silberzeug, Gold und Juwelen, das er erschlichen – bleibt mir immer noch genug.

Richter

Ihr seid ein wackerer Mann, Mosca.

Corbaccio

Aber mit Zinsen ... dreitausend und Ring.

Mosca

Gewiß: und einen zweiten für Colomba.

Corvino

Und meine Zechinen wieder?

Mosca

Reichlich und überreichlich – so ich der Erbe bin.

Corvino

Aber Ihr seid es, niemand bestreitet's.

Corbaccio

Wir sind alle dafür Zeugen: es ist vollkommen rechtlich, das Testament, und gültig ...

Voltore

Ich habe keinen Einwand ... ist alles legaliter ... Ihr erstattet mir alles, sagt Ihr ...

Mosca

Doppelt, Illustrissimo.

Voltore

Keinen Einwand ... ist alles legaliter, ich bezeuge, daß Mosca der alleinige Erbe ist Messer Volpones.

Richter

So erhebt niemand Einspruch gegen die Verfügung Messer Volpones?

Voltore

Niemand, Eccellenza!

Richter

Dann bringt Euer Pergament: das Gericht wird es bescheinigen. Und nutzt Euren Reichtum besser als Herr Volpone!

Mosca

Nur eine Bitte noch, allergnädigster Herr! Erspart dem Leichnam die Schmach. Er hat bereut, der unselige Narr, und ich will seine Untaten sühnen – erspart der Leiche den Galgen! Erlaubt, daß ich die Leiche still versenken lasse in den Kanal.

Richter

Seid eine gute Seele! Also meinetwegen nur einen Stein um den Hals statt den Strick um die Gurgel: mögen die Fische Venedigs an ihm mehr Lust haben als die Menschen.

Canina

Und ich, mein Junge, allen schenkst du was, nur mir nicht?

Mosca

Dir kauf ich einen Mann; kenn' einen Schmarotzer, ist Spanier, hat einen Namen so lang wie der Canale Grande, sieben Vornamen, neun Zunamen und hält's nur mit Männern. Den kauf ich dir, der läßt dich in Frieden bei Tag und Nacht, und dein Kindchen wird adelig.

Canina

Du bist ein süßer Junge! Und damit du's weißt: immer und so oft du willst ...

Ein wirres Geschrei von außen.

Leone stürzt, die Tür aufkrachend, herein. Er ist ohne Rock, das Hemd aufgerissen, die Arme halb nackt, einen Dolch in der Hand

Wo ist er, der Schurke?! Ich muß ihn zerreißen! Ich muß Riemen schneiden aus seiner Haut, ich muß die Finger haben in seinen Gedärmen! Wo ist er?!

Richter

Leone, Ihr kommt zu spät, der Himmel hat ihn gerichtet, er liegt entseelt.

Leone rasend

Dann seine Leiche! Ich muß sie zerfetzen, ich muß, ich muß! Ich will ihm die Kaldaunen ausreißen und den Hunden zu fressen geben, ich will den Kadaver auf den Schandpfahl schleppen ... wo ist er ... wo? ...

Volpone hat sich in äußerstem Schreck zusammengekrallt, seine Angst hat nichts Lächerliches mehr, sondern wirkt schreckhaft.

Richter wirft sich Leone entgegen

Beruhigt Euch!

Leone

Beruhigen? ... Durch die ganze Stadt geschleppt wie einen Verbrecher wegen dieses Schurken ... an den Pfahl gebunden ... die Fliegen, die Mücken, die Sonne, ah, ah, entsetzlich ... Die Kinder haben sich ihre Läuse gejuckt aus dem Haar und auf mich geschmissen: oh, Bestien, die Menschen, alles Bestien! Keiner Mitleid, nur gehöhnt haben sie mich. Und immer die Sonne schärfer auf den Nacken, immer heißer, der eigene saure Schweiß rinnt in den Mund, und ich konnt's nicht hindern ... Und je mehr ich würge, um so mehr lachen sie, die stinkenden Weiber, und speien mich an, mich, den Soldaten! Alles um diesen Schurken! (Wutausbruch.) – Ich muß ihn noch einmal erwürgen. Los, laßt mich, mit den Fingernägeln muß ich ihm in die verfluchte Fratze fahren! (Alle halten ihn fest; plötzlich hinwankend) Oh, müde ... müde ...! Ich verdurste ... gebt mir zu trinken ...

Mosca hat Wein gebracht

Leone trinkt gierig

Ah ... ah ... diese Schande ... ah ... müde ...

Mosca

Ruht Euch aus, Leone, ich lass' Euch ein Lager richten und ein gehitztes Bad bereiten: ruht Euch aus, damit Ihr dann wacker zechen könnt beim Totenschmaus für Volpone!

Leone müde

Bist du auch da, du Schuft? ... Dir sollte ich eigentlich noch an den Kragen ... aber bin zu müde ... Ja, schlafen, eine Handvoll Schlaf nur (mit letzter Kraft), aber den Dolch nehm' ich mit, daß ich ihn niederstoßen kann, wenn er im Traum mir begegnet ... Oh, dieser Schurke, dieser levantinische Schurke! ...

Mosca

Hilf ihm, Canina, führt ihn hinüber.

Leone wird von mehreren in das nachbarliche Zimmer geleitet.

Mosca

Und nun, liebwerte Herren, erlaubt, daß ich euch alle in geziemlicher Weise lade zum Totenschmaus für den verblichenen Herrn Volpone! Wir wollen nicht allzu traurig sein, ich verspreche es euch, bei Tafel und Tisch; sein Lebtag hat er uns nichts schmecken lassen als seine saure Galle: dafür wollen wir jetzt seine süßen Weine trinken und sein Geld vertun. Bringt, Eccellenza, Kollegen vom Gericht, Ihr, Corvino, die Kaufleute, Ihr, Corbaccio, Eure Kunden – jedem in Venedig sei heute das Haus Volpones aufgetan zum Totenschmaus, und seine verblichene Seele soll die Teller klappern hören und die Becher klirren bis hinüber ins andere Reich. Wir wollen Musik herholen und schöne Frauen suchen, und wer mir sagt, er sei mein Freund, dem will ich's glauben, wer gut lacht, den will ich liebhaben, und wer mich bittet, den will ich beschenken: denn ich hab' gottlob nur Volponens Geld geerbt und nicht seine Galle. Hat er's versperrt, ich laß es springen, hat er euch gequält, ich will euch erlustigen, denn ich bin Schmarotzer gewesen und weiß, wie bitter die Krümel vom Tische sind: greift ins Volle munter zu, solange Geld im Haus ist, und spart nicht mit Fröhlichkeit. Also heute abend, Freunde, und dann wollen wir im Chorus lachen über alle Geizigen und Narren, die sich das Leben zur Trübsal machen, und einen Spaß haben, wenn wir uns der Späße des Herrn Volpone erinnern und zu allermeist an seinen letzten und besten, dem wir dies alles verdanken.

Richter

Ja, das war Volponens bester Gedanke, Euch zum Erben zu setzen.

Voltore

Und sein Tod die erste redliche Handlung seines Lebens.

Corvino

Amen! Einen Stein auf sein Grab und kein Vaterunser für seine arme Seele. Ihr seid ein wackerer Junge, Mosca, ich hab' Euch immer bemitleidet, daß Ihr einem solchen Schurken mußtet dienstbar sein.

Corbaccio

War't immer redlich ... Ihr allein ...

Voltore

Seid gewiß meiner aufrichtigen Freundschaft.

Mosca

Ich danke euch und glaub' davon, was ich glauben will: solange ihr munter seid, seid ihr mir lieb, Gott schütze mich, daß ich euch brauche, und auf meinen Tod bitt' ich euch nicht zu warten, denn ich fürchte, bei mir läuft das Geld schneller als meine eigenen Beine. Aber solange es da ist, wollen wir lustig sein, und solange ihr heiter seid, will ich euch Freunde nennen: heute abend also, ihr alle, die Kleider schwarz, daß man merke, wir trauern um Volponen, aber die Sinne hell und die Laune beschwingt: Lebt wohl!

Alle gehen mit Verbeugungen und Händeschütteln ab.

Mosca bleibt allein, sieht gespannt auf den Vorhang, hinter dem mit geballten Fäusten Volpone die ganze Zeit gestanden.

Volpone vorspringend, die Faust schwingend

Schurke!

Mosca sich verbeugend

Nur Euer gelehriger Schüler!

Volpone

Dieb! Erbschleicher!

Mosca falsch demütig

Euer eifriger Scolar. Aber sagt, wer seid Ihr eigentlich – habt so eine Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Volpone, diesem üblen Spaßmacher und Fuchs, der sich in der eigenen Falle den Schweif gezwickt. Was wollt Ihr denn hier in meinem Haus?

Volpone

In deinem Haus – du Dieb?! ... Hinaus mit dir, Schmarotzer!

Mosca

Ei, wie denn, warum denn? Werde mich schon gut vertragen mit Volpones Zechinen.

Volpone

Und du glaubst ... Du glaubst wirklich ... ich lasse dich all das behalten?! ...

Mosca

Ich denk' nicht dran: nichts will ich behalten, alles soll fort und frei sein, Flügel kriegen, in die Winde. – Werden schon mithelfen, die Schmarotzer Venedigs, Eure Dukaten tanzen zu lassen. Jetzt ist's zu Ende mit der Trübsal, mein Füchslein, jetzt wird gelacht und gepfiffen im Haus und Musik gemacht mit Eurem verschlafenen Geld ...

Volpone rasend

Bandit! Ich gehe zu Gericht ...

Mosca

Vorsicht, Vorsicht: könntet am Weg dem Galgen begegnen. Und übrigens: Stille, Stille, ein wenig mehr Stille: schläft nebenan ein lieber Freund von Euch, heißt Leone, möchte noch gern ein Wörtlein mit Euch reden – ich glaub', Ihr tut besser und weckt ihn nicht auf. Bleibt jetzt bei mir wohnen, Leone, will ihn drum bitten, und sollt' Euch noch einmal Lust anwandeln, da gespenstisch umzugehn, so ruf ich ihn her. Also stille, und macht Euch dünn, solang es noch Zeit ist ...

Volpone erschreckt auf die Tür starrend, dann zu Mosca, auf die Truhe deutend

Die Juwelen gib mir, die Perlen, und ich gehe.

Mosca

Ei, wie denn? Wäre ungerecht gegen den Erblasser: hat mich gelehrt, nicht ein Goldkäferchen dürfe aus der Truhe.

Volpone zitternd, gierig

Die Hälfte gib mir, die Hälfte!

Mosca

Habt Ihr mit jemand geteilt?

Volpone bettelnd

Ein Viertel! Ein Viertel, und ich gehe.

Mosca

Nicht eine Zechine, nicht eine lausige, verschimmelte Zechine, nicht ein Steinchen, nicht ein Perlchen! Meint Ihr, Ihr narrt mich wie die andern? Habt doch selbst erzählt, daß in Genua ein Schiff Euch noch eigne, voll mit Waren, und in Smyrna ein Haus mit Weib und Kind: geht sie grüßen und erzählt ihnen, es sei übel spaßen mit Venezianern. Genug jetzt die Galle gekitzelt mir und den andern, genug Späßchen ersonnen; hättet es leicht haben können und gut, habt die andern wollen zu Narren machen und seid's selber geworden. Nun lache ich, Volpone! Vorwärts jetzt! Troll' dich, geprellter Fuchs, oder ich hole die Peitsche!

Volpone

Lieber aufs Rad, lieber an den Galgen, als dir das Geld: ich bleibe, ich bleibe!

Mosca

So bleib, wenn dich's lüstet, und ich hole Leone! Er geht zur Tür des Gemachs, in das Leone geführt wurde, öffnet sie halb. Also, ich zähle – ich zähle bis drei! Dann ruf ich Leone.

Volpone verbissen

Ich bleibe. Mir wird der Galgen leicht, sehe ich dich daneben aufgezogen am gleichen Strick.

Mosca

Soweit wirst du nicht kommen, dafür bürgt mir Leone und sein Dolch! Also, ich zähle: Eins!

Volpone wütend

Ich bleibe! Dir zum Trotz bleibe ich! Mein Geld – oder ich bleibe!

Mosca

Zwei!

Volpone wütend, aber unsicherer

Die Hälfte – und ich gehe!

Mosca

Drei!

Volpone zitternd

Die Ringe nur und die Perlen!

Mosca zur offenen Tür hin rufend, laut

Le –

Volpone fährt bei dem lauten Ruf zusammen und wischt mit einem Ruck zur Tür hinaus.

Mosca lachend und leicht den Ruf vollendend, mit einer höhnischen Verbeugung dem Entflüchteten nach

Le – ben Sie wohl, Messer Volpone, Euer Spielchen ist zu Ende!

Eine Pause, dann wendet sich Mosca entschlossen der Truhe zu, reißt mit einem starken Griff die Riegel empor.

Auf nun, du Gold, du zauberisch Metall,
Du bist Natur und willst zurück ins All,
Ich weiß es wohl: es ist dein Sinn, zu fließen,
Und Narr darum, wer wagt, dich einzuschließen.
Denn wie dich, magisch wandernd Wesen, halten,
Das stet im Tausch der Formen und Gestalten
Die Welt durchströmt, im Fluß nur wahrhaft lebend,
Von Hand zu Hand sich lustvoll weitergebend,
Nie sich vermindernd, niemals sich vermehrend,
Im Lauf verschwindend, immer wiederkehrend,
Und wie das Blut die Adern warm durchglüht,
Das Leben hitzt und zu Bewegung zieht?!
So faß auch mich, daß ich dir ähnlich werde,
Ström' aus, fließ aus, du goldner Saft der Erde,
Gib hin dich, tausendförmig, tausendhändig
An selig Spiel: ich mache dich lebendig,
Daß deines Tanzes ich teilhaftig sei.
So tanze, tanze, Geld: ich geb' dich frei,
Nicht Herr dir mehr, doch auch nicht dein Vasalle:
Ich spiel' mit dir: ich schenke dich an alle!

Er wendet sich um, klatscht in die Hände.

Heda! Holla! Die Diener springen vor. Die Fenster auf, die Türen auf! Luft und Licht und Menschen herein! Es riecht noch nach Angst, es muffelt nach Geiz und Habsucht und bösen Reden. Bringt Blumen, zündet Lichter, wartet am Tor auf die Gäste, Musik! Musik! Musik! und kein Wort mehr von Geld! Wir wollen jetzt lustig sein, von Volponens Schüsseln schmausen, von seinen Weinen trinken, über alle Narren lachen und über die Geldnarren am meisten und dann zufrieden nach Hause gehn und jeder mit seinem Weibe schlafen! Also vorwärts! Munter! Musik! Musik!

Er schreitet zur Türe, dem eintretenden Leone entgegen, hinter ihm der Musikant mit der Mandoline, der das Anfangslied »Das Geld, das Geld regiert die Welt« wiederholt.

 

Finis comoedia

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