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Ben Jonsons Volpone

Ben Jonson: Ben Jonsons Volpone - Kapitel 4
Quellenangabe
typecommedy
authorBen Jonson
titleBen Jonsons Volpone
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1982
isbn3596222931
firstpub1926
illustratorAubrey Beardsley
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140307
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Illustration: Beardsley

Zweiter Akt

Szene 1

Zimmer Volpones. Gleicher Tag.

Mosca vorsichtig hereinlugend, zu Leone

Herein, herein, aber nicht mit den Sporen geklirrt. Still und behutsam wie ein Tanzmeister! Hier nebenan ist ein Gang, da wartet, könnt alles hören. Aber nicht eher heraus, bis ich rufe. Also still gehalten: Euer Väterchen hat's eilig, wird nicht lange auf sich warten lassen. Und klinkert nicht so mit Eurem Metzgermesser, seid nicht wider die Türken, sondern in einem christlichen Haus.

Leone

Ich gehe, ich gehe, aber wenn du mich nasführst, möchte ich nicht in deinem Fell stecken. Das löcher' ich dir wie ein Fischnetz, und kein Schneider flickt's wieder ganz!

Mosca

Schön, schön, flunkert mit Euch selber da drinnen, aber tut's leise; Volpone hat feine Ohren ...

Leone

Ich werde sie ihm kürzer machen, wenn er mit im Spiel ist, ich werde ...

Mosca

Gemach! Gemach! Schiebt ihn hinein, allein. Einen Narren wäre ich los, aber so sicher mir der Bart wächst, steht der nächste schon auf der Treppe: wo Geld, sind die Narren nie weit. Mein Gott, ich habe nur Angst, daß ich vor lauter Lügen einmal die Wahrheit sage, mir wirbelt's selber schon im Mund ganz sprudlig durcheinander, sollt' mir eigentlich die Zunge festbinden: man wird ja selber zum Narren an all diesen Narren!

Volpone tritt herein

Endlich! Wo steckst du so lange: wieder den Weibern nachgerannt, auf der Piazza gestrichen, indes mir die Ohren brennen vor Ungeduld! Hast du sie mürb, hast du sie happig gemacht? Erzähle, erzähle!

Mosca

Einen Becher Wein zuerst. Ah, gut! Es klappt, es klappt! Sie haben beide die Angel in den Kiemen ...

Volpone

Beide! Prächtig, mein Mordsjunge, bist keine Schmeißfliege, nein, eine brave Stechfliege, eine wackere Bremse, du verstehst zuckrig gut, sie alle toll zu machen. Bringt er das Testament, bringt er Colomba?

Mosca

So sicher wie der Morgen den Abend. Ah, ich habe ihn fest geschüttelt, den alten Flederwisch und einen Kuppler herausgeholt aus dem Doppeltürken, daß alle alten Weiber von ihm zutreiben lernen könnten; gleich werden sie vortanzen. Und darüber weg hab' ich noch ein Extrastückchen geleistet ...

Volpone

Was? Was noch?

Mosca

Eine kleine Überraschung für Euch, ein Feuerwerk, das ich erst am Schluß abbrenne, einen Brander, den ich erst zünde, wenn sie alle flott unter Segel sind – bei meiner Nase, ein Springfeuerwerk mit Donner und Raketen steckt noch in der Kiste, gut eingesperrt, eine Überraschung ...

Volpone beim Fenster, laut lachend

Mosca, haha, da bringt er sie schon ... herrlich, herrlich ...

Mosca leise Verdammt. Jetzt ist Corvino früher da als der Alte, hab' ihm doch gesagt, erst in einer Stunde!

Volpone

Wie er sie schleift, dieser Corvino, wie er sie pufft! Es scheint, das Weibchen will nicht recht – Gott beschenkt oft die Einfältigen mit Ahnungen – aber er, haha! Donner, wie er sie jetzt gestoßen hat, zwei Zoll noch und sie läge im Kanal – entzückend, dieses Pärchen! Nicht erwarten kann er seine Hörner, aber schnurgerade werd' ich sie dir aufsetzen, und ganz Venedig soll wissen von deinem Geweih!

Mosca

Jetzt schleift er sie ins Haus. Also fort mit Euch ins Bett, wieder wacker gejammert, gut gestöhnt ...

Volpone

Ich werde sie gleich anders stöhnen lassen in meinem Bettchen!

Mosca

Nur kein Lärmens gemacht, daß die Diener nichts hören, kleben ohnehin schon genug Ohren an den Türen. So, jetzt Sterbemusik, schön geröchelt, herzbrechend gehustet und mit den Händen gezittert, wenn ich den Vorhang wieder hebe. Er drückt sich zur Seite.

Corvino stößt Colomba herein, sich allein glaubend

Endlich ausgeplärrt! Was sollen die Leute denken ...

Colomba weinend

Ja, was sollen sie denken! Ich habe Angst vor dem fremden Mann!

Corvino

Was, fremder Mann! Das ist längst kein Mann mehr, ein armselig Bündel Kränke und Gebrest, mehr verwest als lebendig; solltest Mitleid mit ihm haben. Bist für ihn Arznei ...

Colomba

Aber wenn er mich nimmt?

Corvino

Dann nimmt er dich eben! Jetzt schon genug gefackelt und gegackert, herunter das Tuch und nicht mehr geheult, sanft dagestanden, züchtig den Blick in den Schoß, kein Wort mehr geredet.

Colomba

O mein, was wird meine Mutter sagen.

Corvino

Hüte Gott, daß die's wüßte, die plätschert's gleich aus über alle Waschtröge Venedigs. Maul gehalten, du Gackhenne, und mir keine Schande gemacht!

Mosca tritt vor, mit Verbeugung

Gegrüßt Corvino ... gegrüßt Monna Colomba, so schön wie züchtig, das Kleinod Venedigs.

Corvino

Schweig, du Schwätzer!

Colomba ängstlich

Ist es der? Aber der ist ja noch jung und dünkt mich gar nicht krank.

Corvino wütend

Du Närrin, du ausgepichte, das ist sein Windhund nur, sein Scharwenzler – daß du dir nicht einfallen läßt, mit ihm zu sprechen! Kein Wort, keinen Blick, der hat den Teufel im Leib! (Zu Mosca) Habt Ihr Volponen berichtet? Und wie nahm er es auf? Wie geht's ihm?

Mosca

Das Arcanum läßt nach, er liegt wieder müd und schwach. Aber Eure Gattin macht ihn vielleicht noch einmal lebendig ...

Corvino

Und dann Apoplexia, walt' es Gott!

Mosca

Aber wie er Euch dankbar war: so opferte Isaak sein Kind, sagte er, die Tränen liefen ihm zollbreit über die Backen. Er hat Euch eingesetzt mit Siegel und Brief, seht nur, ganz feucht noch das Wachs. Doch hört selber. (Laut) Messer Volpone, Euer Freund Corvino ist gekommen ...

Volpone

Ah ... guter Freund ...

Mosca

Und hat seine Gattin Colomba mitgebracht, daß sie Euch pflege.

Volpone

Welch ein Freund! ... Aber zu spät ... wie ein welkes Blatt zum Grünen bringen? ... Wie Menschen helfen, die Gott gefordert? ... Schon wieder dahin, meine Kräfte ... aber Frau sehen ... zeigen wenigstens die süße Arznei ... sehen Colomba ...

Corvino zu Colomba

Komm doch! Du siehst, er kann kein Bein mehr strecken!

Colomba

Ach, der arme, kranke Mann, er tut mir leid.

Corvino

Siehst du, wie einfältig du warst. Zu Volpone Hier meine Gattin Colomba, ich habe sie gebracht, daß sie Euren Schlaf behüte.

Colomba

Ich will zur Madonna beten, daß sie Euch gesunde.

Volpone

Schönes Kind ... sanftes Kind ... ja, bleibt, bleibt bei mir ... O glücklicher Corvino, seid gesund, habt ein sanftes Weib ... ich ganz allein, alter, sterbender Mann ... habt Mitleid, nicht mich verlassen ... nicht mich allein lassen in meinem Tod ...

Colomba

Nein, ich bleibe bei Euch ... ich will Euch pflegen, Ihr Armer, will Euch die bösen Gedanken wegscheuchen. Zu Corvino Dieser arme Mann, wie er mich dauert!

Mosca leise zu Corvino

Gehen wir!

Corvino

Bleib nur, mein Täubchen, sei sanft mit ihm und erschrick nicht, wenn ein Fieber über ihn kommt; verstehst nun, daß ich Mitleid mit ihm hatte; ich komme gleich wieder, lebt wohl, teurer Freund, meine Gattin wacht bei Euch! Ab.

Colomba will sich vom Bette wegsetzen.

Volpone

Nein, bleibt, laßt mir Eure Hand! Wie das wärmt, schöne junge Hand, warmes junges Blut. Hat König David getan, als er alt war und fror: tut wohl das Warme.

Colomba

Ja, meine Großmutter in Fusina, wie sie alt war und Fußreißen hatte, legte sie auch immer Kaninchen auf die Beine, hat ihr immer geholfen. Wartet, ich bring' eine Decke, wird Euch wohl tun ...

Volpone

Keine Decke – Eure Hand. So wollt Ihr, daß ich gesunde?

Colomba

Ei freilich will ich's und gleich den Haussegen beten und drei Vaterunser dazu.

Volpone

Willst du's wirklich?

Colomba

Ich sag's ja.

Volpone

Dann werde ich gleich gesund sein. Gibt einen Zauber: legt einem eine tugendhafte Frau die Hand aufs Herz und sagt dreimal: sei gesund, so kann er aufstehn und ist genesen.

Colomba

Bei Gott, das hab' ich noch niemals gehört.

Volpone

Steht im Decamerone oder sonst einem heiligen Buch. So versucht es – seid doch tugendhaft, an den Augen les' ich's, mein Täubchen – leg' mir das Händchen aufs Herz, da ... so ... ah ... gut, und jetzt sag' dreimal: ›Sei gesund, Volpone!‹

Colomba ängstlich

Aber wie ... Sei gesund, Volpone!

Volpone

Ja, so ... noch zweimal!

Colomba

Sei gesund, Volpone! ... Sei gesund, Volpone! ...

Volpone wirft alle Decken ab, springt auf.

Colomba zurückweichend

Ein Wunder! Madonna! Ein Wunder!

Volpone

Ah, gesund, gesund ... und du hast es vollbracht ...

Colomba

Unglaublich ... da muß ich doch gleich weg, Corvino suchen, ihm das erzählen.

Volpone

Nein, bleib nur, der wird noch sein hellblaues Wunder rechtzeitig sehen! Ah, ich spüre mich jung, frisch, könnte tanzen.

Colomba

Oh, guter Herr, gebt acht, daß Ihr Euch nicht verkältet, so heraus aus dem warmen Bett, und, Gott verhüt's, wieder krank werdet.

Volpone

Nie mehr, so lange du bei mir bist. Fühl diese Hand da! Nun, ist sie schwach, ist sie kalt? Er umfaßt sie. Diese Arme da, haben sie kein Mark, keine Muskeln? Umschlingt sie. Diese Lippen, sind sie nicht heiß? Küßt sie.

Colomba

O Gott, was tut Ihr ... Ihr fiebert ja ... ich bitt' Euch, legt Euch wieder nieder ... mich hat's mit der Angst ...

Volpone

Keine Sorge, keine Sorge, mein Täubchen, bin gesund wie zwei Lastenträger, bin springlebendig und frisch, ein vollmunterer Mann: kannst es fühlen. Umfaßt sie wieder. Da ... faßt dein Corvino dich fester, wenn er dich begehrt? ... So, greift er besser zu? ... Heda, sag's, mein Täubchen ...

Colomba

Ja, ja, ich glaub's schon ... laßt mich nur wieder los, lieber Herr, ich bitt' Euch.

Volpone

Niemals mehr. Hast mich erweckt, mich gesundet, das muß ich dir danken, und will's so gut tun, als je ein Mann einer Frau gedankt hat, will dir danken auf die beste, die natürlichste, allerälteste Art – nicht bloß einmal will ich dir danken, zweimal, dreimal ... komm, mein Täubchen, gib mir dein Schnäbelchen ...

Colomba

Um Himmelswillen, was wollt Ihr? Laßt mich los? Corvino, wo ist mein Gemahl ... Corvino ...

Volpone

Der ist weit, und wäre er nebenan, er stopfte sich die Ohren mit Watte. Glaubst du, er weiß nicht, wozu ich dich wollte – hat dich verkauft, hat dich verschachert, mein Täubchen ...

Colomba

Oh, was Ihr sagt ... so schändlich kann er nicht sein ...

Volpone

Nicht wahr? Ein Halunke; aber komm, wir wollen uns rächen an ihm, wollen ein Hirschkalb aus ihm machen, komm, Colomba, tun wir's ihm an.

Colomba

Laßt mich los! ... ich schrei' um Hilfe ...

Volpone

Verdammt, du Zimperling! Aber schrei nur, wenn's dich freut, ist niemand da, alles verriegelt und verschlossen. Also her da, oder ich brauche Gewalt!

Colomba

Laßt mich ... Um Himmelswillen ... ich schreie ...

Volpone

Zum Teufel: vorwärts, dummes Kalb. Er packt sie und wirft sie aufs Bett.

Colomba gell

Zu Hilfe! Zu Hilfe!

Leone hat mit einem Stoß die versperrte Tür durchgedrückt, schlägt Volpone mit der Faust nieder, daß er taumelnd auf das Lager fällt

Da, du levantinischer Lump, eine um die Ohren, ich will dich lehren, venezianische Weiber schänden und Söhne bestehlen, ich will deine Krankheiten heilen! An den Galgen mit dir! Stürzt zum Fenster, reißt es auf. Heda! Ruft die Sbirren herbei! Notzucht! Der Levantiner will Notzucht üben an einer Venezianerin! Her mit den Sbirren, ruft sie sofort! Zu Volpone. Jetzt hast du ausgespielt! Zu Colomba, sie zu einem Sessel führend Ruht Euch aus hier und fürchtet nichts mehr.

Mosca hereinstürzend

Du Lümmel, was fällt dir bei: hast du nicht geschworen, still zu bleiben?

Leone

Still bleiben: jawohl, das paßte euch! Aber ich werde schreien, daß man's über alle Kirchen Venedigs hört, ich werde mir nicht den Mund sperren, während ihr Taschen räubert und Weiber schändet: an den Galgen muß der Levantiner, an die Garota, aber gepeitscht, gestäupt, gegeißelt zuerst, er soll so viel Hiebe kriegen, als er Zechinen hat ...

Canina hereinstürzend

Ist er tot? Oh, er hat ihn ermordet, meinen Bräutigam ...

Leone

Dein Bräutigam?! Hätt' ich die alle in meinem Regiment, so wollt' ich Indien erobern mit ihnen!

Canina den hingestürzten Volpone betreuend

Er lebt! Gott sei Dank!

Leone

Für den Galgen.

Oberster der Sbirren mit zwei Sbirren, tritt hastig ein

Hier wurde Hilfe gerufen ...

Leone

Gegen einen Schandbuben! Kommt nur, kommt.

Canina

Gegen den Mörder!

Mosca zuspringend

Ach, ihr Herren, nichts ist geschehen, ein Irrtum, ein bedauernswerter Irrtum, eine kleine häusliche Unstimmigkeit, gar nichts von Belang ... bitte, bemühen sich die Herren nicht ... alles ist bereits bereinigt ...

Leone

Ihr bleibt! Sich vorstellend. Leone, Capitano der Flotte. Ich habe um Hilfe gerufen gegen diesen Levantiner; er hat versucht, Gewalt anzutun einer Venezianerin, ich fordere Gericht gegen ihn.

Oberster sich verbeugend

Euch zu Diensten, Capitano. Also dieser Mann da hat versucht, diese Frau da (zeigt auf Canina) zu vergewaltigen ...

Leone

Nicht die da: bei der tun's fünf Zechinen; hier die Gattin des Bürgers Corvino hat er unzüchtig gefaßt, ich bezeuge dies mit meinem Eide.

Oberster zu Colomba

Ihr bezeugt es gleichfalls?

Colomba weinend

Oh, oh, diese Schande ... diese Schande ...

Canina

Schämt Euch nur. Das kommt, wenn man Männern ins Haus läuft ...

Oberster zu Mosca

Und Ihr bezeugt gleichfalls ...

Mosca

Gott behüte ... ich weiß von gar nichts ... habe geschlafen im andern Ende des Hauses ... weiß von gar nichts ...

Oberster

Sonst war niemand zur Stelle?

Corvino ist eingetreten, Mosca rasch auf ihn zu.

Mosca leise zu Corvino

Stellt Euch verwundert! Ihr wißt von nichts.

Corvino erstaunt zu Colomba

Ei, du noch hier, mein Täubchen, ich warte ungeduldig auf dich. Komm gleich nach Hause ...

Oberster

Dageblieben! Alle dageblieben! Keiner rührt sich: erst muß alles klar werden: der dort liegt, also das ist der Levantiner. Fort mit ihm zu Gericht, und ihr alle mit, dort wird entschieden.

Leone

Ja, fort nur, dort werden die Gauner Venedigs ihren Meister von Antlitz sehen und hoffentlich bald mit dem Strick um die Gurgel. Er bringt die Männer um ihr Geld, die Weiber um ihre Ehre, meinen Vater hat er beschwatzt, mich zu enterben.

Corbaccio ist eben stolpernd eingetreten, ein Papier in der Hand.

Leone wie ein Tiger auf ihn los, reißt ihm das Blatt aus der Hand.

Corbaccio

Ai ... ai ... Zu Hilfe ... Zu Hilfe ...

Canina

Den Vater ermordet er, der Wüterich! ... Parricida ... Parricida!

Leone das Blatt durchlesend

Da ... da ... da ist das Zeugnis. Da sieht der Richter den Bubenstreich. Hier ist geschriebenes Zeugnis seiner Prellereien ... An den Galgen muß Volpone, an den höchsten Galgen Venedigs ... oh, du Bockskerl, du Dieb, du Einschlucker ... da ... da ... jetzt haben wir dich ...

Oberster

Ereifert Euch nicht, Capitano ... der Prokurator wird Recht sprechen. (Zu allen) Vorwärts! Alle fort zum Tribunal!

Leone

Kommt, Colomba! Sie gehen alle bis auf Mosca und Volpone, von den Sbirren begleitet.

Oberster zu Mosca

Ihr gleichfalls und der, der Beschuldigte, vor allem!

Mosca

Ich weiß von gar nichts, und Messer Volpone, Ihr seht's, keines Schritts ist er fähig.

Oberster

Dann laßt ihn tragen. Und fackelt ihr lang, laß ich euch in Ketten holen.

Oberster mit allen andern ab. Einen Augenblick Pause.

Mosca zu sich selbst

Man soll doch keine Feuerwerke zu sich ins Haus nehmen, so ein Zünder fährt voreilig los und verbrennt einem die Finger. Eine saubere Überraschung hab' ich da ausgeklügelt mit diesem Lümmel, diesem Leone: jetzt würgt er uns beide am Halse, ich spür' schon etwas wie ein hänfenes Gurgeltuch. Zu Volpone hin, der ganz in sich verkrümmt und zitternd liegt So rafft Euch doch auf!

Volpone schaudernd vor Frost und Angst

Ich gehe nicht, nein, ich gehe nicht ... sie werden mich foltern, unter die Bleidächer legen ... hinab in die Brunnen ... ich gehe nicht zum Tribunal ... mein Geld werden sie mir nehmen, mein Leben, mein Geld ... O ich Narr ... selbst möchte ich mich erwürgen ... statt mein Geld zu genießen, statt baß mich zu vergnügen, reitet mich der Teufel, diese Wanzen zu peinigen ... Was brauchte ich die Erbschaft Corbaccios, was dieses Kalb Colomba, hatte nicht Lust auf sie eine Handvoll ... nur Bosheit, nur Bosheit, nur Feuerzünden und Heißmachen, und jetzt brennt es mir selbst in den Nieren ... Oh, wenn ich da herauskomme, will ich's mir gut gehen lassen ... für die Kirche stiften ... Gott danken ... den Armen zwiefach geben und Almosen tun ... Mosca, Mosca, hilf mir, sie werden mich foltern, sie werden mich hängen, ich bin fremd, bin Levantiner, da kennen sie keine Gnade ... hilf mir, Mosca, hilf mir!

Mosca

Nur Mut, jeder Prozeß ist ein Kartenspiel; hat man eine flinke Hand, so kann man die Volte schlagen. Corbaccio und Corbino hängen mit uns am gleichen Seil, ich zieh' sie schon herüber ... man muß sie nur einfädeln mit goldener Wolle. Nur Mut – das wäre doch ein sonderbar Gericht, wo gerade der Ehrliche Recht bekäme ...

Volpone

Nein ... ich gehe nicht zum Tribunal ... ich weiß, wie sie inquirieren ... die Folter ... der Strappado ... hab's einmal gesehen, wie sie die Winden aufgezogen, wie's da knackte und knirschte in den zerbrochenen Gelenken ... die Daumschrauben, die Zangen, die glühenden Zangen an den Nägeln ... wie es pestete von verbranntem Fleisch, uh, uh ... nein, ich gehe nicht ... Mosca, komm ... raff mir Geld zusammen, da, Juwelen, Perlen, die Diamanten (greift gierig in die Truhe) eine Gondel her, eine verschlossene ... in Genua hab' ich noch ein Schiff, voll mit Waren, fahr' heim nach Smyrna zu meiner Frau, zu meinen Kindern, hab' dort mein Haus, will dort still leben ... ah ... ah, kein Gericht ... nur die Folter nicht, die Folter ... sag', ich hätte mich in den Kanal gestürzt, daß sie mich nicht verfolgen, spreng' aus, ich sei tot ... nein, nicht zu Gericht, nicht diesen Buben zum Spott sein O ... nur die Folter nicht, uh, die Folter ... Er wirft sich den Mantel um.

Voltore tritt ein

Was ist geschehen? Ich höre bei Gericht ...

Mosca

Oh, Herr Notarius, Euer Geld ist verloren, rettet Euer Geld! Eure Dukaten fressen die Hunde. Leone hat uns verklagt, er wird gestäupt, Volpone, er wird gehängt, und Euer Haus, Euer Geld sackt der Staat, helft Ihr ihm nicht heraus ...

Volpone auf den Knien

Helft mir, Illustrissimo, kennt alle Finten und Paraden. Ich mach' Euch zum einzigen Erben und geb' Euch die Hälfte zur Lebzeit ... nur die Folter nicht, den Strappado ... Helft mir ... zum einzigen Erben, ich schwöre es und die Hälfte bei Lebzeit ... da ... da ... da ... alles für Euch.

Voltore gravitätisch

Vertraut mir – werde Eure Causa führen, Turpis causa freilich, aber seid unbesorgt, ist ja unsere Wissenschaft, Wirrnis zu machen und alles Klare so lang umzurühren, bis die Wasser trüb sind. (Zu Mosca) Doch was fiel dir bei, diesen Lümmel, den Leone, ins Haus zu führen?

Mosca leise

Tat's um Euretwillen. Corbaccio hatte ihn enterbt und Volponen eingesetzt, um Euch auszustechen. Da dacht' ich: setzt ihm den Sohn auf den Nacken, aber der Brüllhund fuhr zu früh los. Doch Ihr renkt's wieder ein, Illustrissimo, nicht wahr?

Voltore

Ich kenne die Gesetze: kein Gesetz ist derart, daß man es nicht umgehen könnte. Sind leider unbestechlich, die Richter unserer Republik, leider, leider, aber man muß ihnen so viel Argumente vor der Nase flimmern lassen, daß sie nicht mehr gerade schauen können und rechts und links vertauschen: vertraut einem Praktikus. (Zu Volpone) Ihr redet kein Wort, bleibt stumm. Und Ihr (zu Mosca) adjustiert ihn dermaßen, daß er mehr tot scheint als lebendig, brauch' den Anschein, als hätte Leone ihn geschädigt. Rückt bald nach, ich eile, vordem die Zeugen zu fassen, müssen gut zusammenklingen wie die Orgelpfeifen, dann können wir bald das Te Deum laudamus auf ihnen anstimmen. Ab.

Volpone noch zitternd

Ich habe Angst ... ich habe Angst ... Glaubst du, er wird mir helfen?

Mosca

Gewiß, gewiß, er ist dumm und listig zugleich: die beste Mischung für einen Advokaten. Und dann meint er, es ginge um sein Geld: da werden selbst die Esel klug. Zum Tisch mit den Mixturen. Aber jetzt nicht gezögert mehr. Müßt Blutegel ansetzen, bis Ihr bleich werdet wie eine Wasserleiche. Da – (er reicht ihm einen Löffel voll) – Hundegalle, dreht den Magen um und macht Euch grünfarben ...

Volpone nehmend, ausspuckend

Brr ...

Mosca

Seht, so schmeckt die Galle, merkt es Euch, und trinkt in Hinkunft lieber Lacrimae Christi. Jetzt noch die Blutegel an, aber ein Halbdutzend gleich, daß Ihr recht elend scheint; ich lauf voraus, Corbaccio und Corvino ein wenig die Gurgel zu seifen, daß die Lügen leichter durchrutschen, Ihr kommt dann auf der Trage nach. Nur Mut jetzt, Mut! Gott steht zu denen, die Geld haben, und das wär' doch ein sonderbar Gericht, wo ein reicher Mann nicht schließlich recht behielte! Hastig ab.

Illustration: Beardsley

Szene 2

Scrutineo des Senats. Richtertisch, Zeugenstühle.

Voltore im Gespräch mit Corvino

Ihr habt also verstanden: Ihr müßt sagen, daß Eure Frau mitleidigen Gemütes zu Volpone gegangen sei, ohne daß Ihr sie veranlaßt ...

Corvino

Aber ist das nicht eine Schande vor den andern? Werden sie nicht mit den Fingern zeigen auf mich, daß meine Frau ohne mein Wissen zu einem fremden Manne geht? ...

Voltore

Das ist längst keine Schande mehr in Venedig. Schande wäre nur, hättet Ihr sie gesandt oder kupplerisch Geld dafür genommen. Aber Ihr könnt doch beeiden, nichts von Volpone empfangen zu haben?

Corvino

Empfangen? Wütend. Zum armen Mann hat er mich gemacht, ich habe ihm Geld gegeben, meine Ringe und Silbersachen, alle Taschen hat er mir geleert!

Voltore

Also seid Ihr ein Ehrenmann, ein fleckenloser Ehrenmann. Nur keine Sorge. Also hört nochmals: falls man Euch befragt ... Er geht mit ihm gegen den Hintergrund ab.

Mosca mit Corbaccio von der andern Seite

Ich sage Euch nur, hütet Euch vor Eurem Sohn, er hat geschworen, Eure Truhen aufzusprengen und Euch kaltzumachen, weil Ihr ihn enterbt hättet ...

Corbaccio

Meine Truhen ... mein Geld ...

Mosca

Darum müßt Ihr sagen, es sei nur ein Scherz gewesen, ein argloser Scherz, um den Sterbenden zu erfreuen. Wolltet Volpone in seinen letzten Stunden glauben machen, er überlebte Euch, und ihm ein wertlos Blättchen zeigen – Euer wirkliches Testament sei zu Hause. Aber dies betont vor allem, Volpone hätte nichts gewußt, nichts, gar nichts, hört Ihr? Ich nur, schiebt's auf mich, ich hätte ein Späßchen mir erlaubt mit Leone; wissen ja alle, daß ich ein Spaßmacher bin ...

Corbaccio

Aber wie ... wenn ich sage, war bloß Scherz ... wird er mich nicht enterben, Volpone? 1400 Zechinen, mit Zinsen 3000 kostet er mich ... Will mein Geld, erst mein Geld wieder ...

Mosca

Alles, alles vererbt er Euch, nur helfen müßt Ihr ihm gegen Euren Sohn ... verurteilt man ihn, ist alles verloren, auch Eure dreitausend ... bedenkt's, und er macht Euch zum Erben!

Corbaccio

Verloren! ... Verurteilt ... nein, ich werde sprechen ... verloren dreitausend Zechinen ... was für Geschäfte, nie mehr auf Testament, nie mehr: nur gegen Pfand, nur gegen Schuldschein!

Der Richter tritt im Gespräch mit dem Obersten der Sbirren ein, hinter ihm Leone, Colomba, Canina und Sbirren.

Richter zum Obersten der Sbirren Höchst sonderbar, casus complicatus: gilt doch als wackerer Soldat und zuverlässig.

Oberster

Auch Colombas Leumund ist vortrefflich.

Richter

Aber Volpone, sagt Ihr, hättet Ihr reglos gefunden und die Diener beeideten, er sei krank?

Oberster

Die Diener und die Nachbarn.

Richter

Höchst sonderbar und höchst verwirrt! Nun, beginnen wir. Er setzt sich an den Richtertisch. Sind alle Angeforderten zur Stelle in Causa contra Volponen, beschuldigt von Leone, Capitano der Flotte, der versuchten Notzucht an einer venezianischen Bürgersfrau und vielfältigen Betruges.

Voltore sich erhebend

Sie sind's, nur ich spreche, verstattet Ihr's, an Volponens Statt, des Unglücklichen, der nicht seine Ehre, die ungerecht bedrohte, verteidigen kann, denn – möge Gott ihm verzeihen – jener Hitzige hat ihn, offenbar in einem accessus dementiae, in einer Trunkenheit der Sinne, dermaßen verletzt, ihn, dessen Faden des Lebens nur dünn mehr das Gehäuse der Sinne hält, daß die Ärzte nun seiner pflegen ...

Richter

Schafft ihn dennoch her, er möge Antwort stehen!

Voltore

Gerne hätt' ich's vermieden, denn sein Anblick ist schon Entwaffnung, seine reglosen, blassen Lippen schreien lauter Unschuld als alle Worte: er wird Euer Gemüt ergreifen, sein erbärmlicher Anblick, und Euch erschüttern. Wäre noch Scham in dem Anschuldiger, er schämte sich seiner Tat ...

Leone

Was verspricht er dir für jedes Wort? Drei Dukaten, nicht wahr? Aber spül' nur weiter, wird dich schon prellen um deine Spucke, spül' weiter, du Waschweib ...

Richter zu Leone

Ihr habt nicht das Wort. Zum Obersten der Sbirren Ehe der Angeschuldigte erscheint, berichtet erst Ihr den Hergang ...

Oberster

Ich und die da (zeigt auf die Sbirren), wir saßen im Weinhaus wie gewöhnlich ... ich meine, wir saßen unseres Auftrags gemäß bei den Verdächtigen, sie beim Trunk zu belauschen, ob sie nicht wider die Prokuratur und die Inquisition redeten ... da schreit's auf einmal wüst über die Gasse. Was ist los, denk' ich, irgendeiner prügelt sein Weib oder eine Hur' streitet mit der andern: bleiben also schön ruhig sitzen. Aber da schreit's von einem Fenster: Notzucht! Notzucht! Wir springen auf, denn das haben wir noch nie gehört, daß es in Venedig nötig wäre, einer Frau Gewalt anzutun, machen uns hitzig ins Haus, und da stand dieser da ...

Richter zu Leone hin fragend

Leone, Capitano der Flotte? ...

Leone

Zu Euren Diensten.

Oberster

Und fuchtelt mit dem Degen. Von Notzucht haben wir leider nichts mehr gesehen, nur die Frau da ...

Richter zu Colomba

Colomba, Gattin des Kaufmannes Corvino? ...

Colomba nickt schluchzend in ein Tuch.

Oberster

... Die weinte, aber man konnte nicht ausnehmen, ob ihr Gewalt geschehen war oder noch nicht geschehen war, es ist möglich, daß sie weinte, weil man's ihr getan hatte oder nur aus Angst, daß man's ihr hatte tun wollen ...

Leone

Es wäre geschehen ohne mich, hätte ich den Lüstling nicht um die Erde geschlagen.

Oberster

Ja, auf der Erde lag einer, der zuckte noch so hin und her wie ein Kalb, das man mit dem Mörser gehämmert.

Voltore

Volpone, das unglückliche Opfer dieses Trunkenbolds ...

Oberster

Und dann wischte noch der herum ...

Richter nachblätternd

Mosca, Venezianer: welchen Standes? ...

Leone

Zutreiber, Tellerlecker, Gelegenheitsmacher, sein Spülwasser, sein Schmarotzer und Mistkäfer, der Handschuh all dieser dreckigen Geschäfte ...

Richter

Mäßigt Euch und verunglimpft nicht den Zeugen.

Mosca demütig

Ich bin der Pfleger des armen, kranken Herrn!

Oberster

Der schmierte uns allen was Warmes ums Maul und wollt' uns, das merkt' ich, rasch fort haben.

Voltore

Vom Bett eines Sterbenden: höchst begreiflich!

Oberster

Da aber fuhr die da herein ...

Richter

Canina ...

Canina

Geehrt, von Euch gekannt zu sein!

Leone

Schöne Ehre! Für fünf Zechinen kann jeder sie innen und außen kennenlernen zwischen zwei Bettdecken!

Richter

Welchen Standes?

Canina

Private.

Leone

Haha, Private: das Öffentlichste vom öffentlichen! Die Kloake Venedigs!

Richter schon zornig

Schweigt!

Oberster

Ja, die fuhr herein; und dann kamen die da und schrien aufeinander und mir in die Ohren, daß mir's wirr wurde. Da dacht' ich: packst sie alle zusamm', und schaffte sie her.

Richter

Ich dank' Euch! Höchst unklar dies alles und höchst verwirrt. Aber nun berichtet Ihr, Leone, Ihr seid der Anschuldiger.

Voltore

Der Angeschuldigte ist er, Eccellenza, ich schuldige ihn an vor dem Senat der Verleumdung, des Hausfriedensbruches, der gröblichen Verletzung; ja ich bange – noch ist sein armes Opfer nicht zur Stelle – ihn anschuldigen zu müssen des Mordes.

Leone

Was, du Pergamentenlaus, du mich anschuldigen, du Paragraphenkrümmler, du Lügenklauber, du ausgeschundene Perücke?!

Richter

Ihr verletzt den Anstand des Gerichts.

Voltore

Sagt' ich's nicht: ein Verleumder, bestenfalls entschuldigt durch Trunkenheit.

Richter ungeduldig zu Leone

Vorwärts! Zur Sache! Sprecht!

Leone

Ich kam in dieses Levantiners Haus ...

Voltore

Wozu? Hat er Euch eingeladen?

Leone zornig

Ich würde mich schämen, von solch einem Schurken eingeladen zu sein. Ich kam heimlich ...

Voltore

Hört Ihr, heimlich! Vermerkt's im Protokoll!

Leone noch wütiger

Schweig, Perücke! ... Was sagt' ich ... Ich kam heimlich, weil dieser andere Schurke da ...

Voltore

Ich vermerke: alle nennt er Schurken, nur er selber ist ehrlich.

Leone

Mir zugesteckt hatte – gegen Geld natürlich, gegen Geld – dieser alte Schwachkopf habe mich enterbt.

Voltore

Eccellenza, so nennt er den Vater, den eigenen greisen Vater: ward derlei je erhört vor Gericht?! ...

Leone

Gott sei's geklagt, einen Vater zu haben, der sich beschwatzen läßt von solchen Lausejungen, sein eigenes Kind zu enterben.

Voltore

Hat wohl Gründe gehabt, gewichtige Gründe ...

Leone wütend

Schweig! Erstick! (Zum Richter) Er verwirrt mich! Ja ... und wie ich warte, ihn abzupassen, da wuschelt 's plötzlich, ich höre eine Frau, die nicht will, aber ein Kuppler redet ihr zu, dann wird's wieder still. Und auf einmal höre ich sie um Hilfe schreien ...

Voltore

Im Rausch!

Leone

Da stürz' ich vor, gerade zurecht, er hat sie schon gepackt und überm Bett ...

Voltore

Der Todkranke ein junges Weib!

Leone

Ich schlag' ihm eine hinüber mit aller Gewalt ...

Voltore

Das erste wahre Wort aus seinem Munde!

Leone

Und rufe um Hilfe.

Richter

Bekräftigt Ihr, Colomba, diesen Sachverhalt? Ist an Euch Gewalt versucht worden von Volpone?

Colomba

O Gott ... o Gott ... laßt mich nach Haus ... ich habe ihm vergeben ... oh, ich schäme mich ... lassen mich Euer Gnaden nach Hause gehen ...

Richter

Edle Frau, ich verstehe Eure Beschämung. Doch das Recht will Klarheit. Hat jener Levantiner Gewalt gegen Euch geübt?

Colomba

Ich weiß nicht, Euer Gnaden.

Richter zornig

Wieso wißt Ihr's nicht? Wer sonst soll es wissen? Ich frage nochmals, hat er Euch angefaßt, hat er Euch unzüchtig berührt?

Colomba

Nein, ich habe ihn zuerst berührt ... ich habe ihm müssen die Hand auf die Brust legen ... und dann ist das Wunder geschehen ...

Richter

Welches Wunder?

Colomba

Dann ward er gesund.

Richter zum Obersten der Sbirren

Ich glaube, sie ist schwachsinnig. (Zu Colomba) Redet klar ... Hat Euch also der Levantiner angefaßt mit Gewalt, so ... so, wie Euer Gemahl Euch anfaßt, wenn ...

Colomba

Mein Gemahl? Corvino? ... Nein, da ist es anders ... da tu ich's doch selber ... das ist doch mein Gatte. (Weinend) Oh ... oh ... ich schäme mich ... lassen mich Euer Gnaden nach Hause gehn ...

Richter

Es ist nichts mit ihr anzufangen. Sprecht Ihr für sie, Corvino. Wie kam Eure Frau in Volpones Haus?

Corvino

Aus Mitleid, Herr! Hatte von mir gehört, daß er todkrank sei, mein armer, guter Freund Volpone, betete lang in der Kirche für ihn und ging dann mich holen, der ich den ganzen Tag saß an des Sterbenden Bett ...

Leone

Du lügst! Hingeschleppt hast du sie, ihm zugetrieben!

Corvino

Herr, den kenn' ich, ein Weintrinker, ein Saufaus ...

Voltore

Nein, ein Verleumder, ein böswilliger Verleumder!

Leone

Und ich schwör's bei der Fahne und den Gebeinen San Marcos: zugetrieben hat er sie ihm, die eigene Frau ...

Voltore

Der eifersüchtigste Mann Venedigs ...

Corvino

Er schmäht mich, Eccellenza, aber ich will ihm die Lüge umdrehn im eigenen Munde. Ich frage dich hier, Colomba, habe ich dich jemals zu jungen Männern geschickt und dir Umgang erlaubt mit einem von ihnen?

Colomba

O mein! Er ist ja so eifersüchtig, daß er mich einsperrt im Zimmer ...

Voltore

Ihr seht, die Lüge ist erwiesen!

Leone

Wer lügt, du Dummkopf? Ich hau' dich zu Scherben!

Richter

Leone, ich warne Euch zum letztenmal: Ihr schmäht die Zeugen ohne Grund und wahrt nicht die Würde des Gerichts. Zudem steht Ihr mit Eurer Aussage allein, es sei denn, daß Euer Vater Euch Beistand leistet ...

Voltore

Sein Vater? Ermorden hat er ihn wollen! Bezeug's, Sbirre ...

Oberster

Ja, losgefahren ist er auf ihn wie ein Teufel ...

Leone

Weil ich dies Blatt brauchte, den Erweis der Schurkerei. Da (er wirft das Testament auf des Richters Tisch), da ... wenn Ihr meinen Worten nicht glaubt, der unwiderlegliche, wasserklare Beweis seiner Schurkerei. Ward je unter der Sonne ein solches Diebsstück gewerkelt: mich, den Sohn, enterbt der eigene Vater zugunsten dieses hergelaufenen Levantiners. Nun, heda ... ist das Diebstahl? ... Ist das Schurkerei?

Mosca hat Corbaccio einen Puff gegeben

Vorwärts: jetzt geblasen!

Corbaccio erhebt sich hüstelnd

Verstattet, hehe ... liegt ein Irrtum vor ... ein wertloses Blättchen, ganz wertlos ... Hatte gehört, ginge ans Sterben mit meinem armen Freunde Volpone ... dacht' ich: munterst ihn auf ... gibst ihm Vertrauen ... läßt ihn glauben, den armen siechen Mann, würde mich überleben ... tust den frommen Trug, um einen Sterbenden zu erfreun ...

Mosca

Und ich machte mir – Gott sei's geklagt – das Späßchen und narrte Leone. Er hatte mich begossen mit Schmährede, die ihm doch allzeit vom Munde läuft wie Regen von der Traufe, da dacht' ich: machst den Dämling scharf, und holt' ihn herüber ... ein Späßchen war es, Eccellenza, ein Späßchen mit dem Testament ...

Leone

Ein schönes Späßchen: ausrauben habt ihr mich wollen, ihr Strauchdiebe, ich habe das Späßchen gesehen mit Colomba!

Volpone wird auf dem Bette von den Dienern hereingetragen, er ist ganz weiß und liegt mit geschlossenen Augen wie ein Toter.

Voltore pathetisch

Da seht, Eccellenza, den Verführer, den Wüstling! Seht diese erloschenen Augen, vom Tod schon gesiegelt, diese welke, zernichtete Hand, seht dieses Antlitz: spricht Wollust so kraß, atmet Sinnenglut so kalt, Gier so blutlos, Unzucht so matt? O mein Freund, mein, armer, mein ehrenwerter, du ringst mit dem Tode, und wir müssen noch kämpfen um deine Ehre: oh, daß das Wort dir nicht mehr gehorcht, deine Verleumder zu zerschmettern, daß du reglos liegst ...

Leone

Reglos, haha! Erlaubt, Eccellenza, ihn ein wenig mit dem Dolch zu kitzeln, und ich schwöre, er springt auf und tanzt wie ein savoyardischer Bär! Eine Wunderkur will ich an dem zustandebringen, wart', du Heuchler ... Er stürzt mit gezogenem Dolch auf die Bahre los, die andern werfen sich dazwischen.

Canina

Er will ihn noch einmal ermorden!

Richter zornig zu Leone

An Euren Platz sofort! Und die Waffe eingesteckt. Ihr seid hier nicht in einer Schenke!

Voltore

Schlepp' ihn auf den Strappado, vielleicht zucken ihm bei den Martern noch die Glieder, du Folterknecht, den selbst der Tod nicht Ehrfurcht lehrt! Verstellung, nicht wahr, dies Wachs seiner Wangen, diese blutleere Hand: so blicken die Lüstlinge, die Verführer, und so üppig ist ihr Lotterbett! Aber noch ist eine Zeugin zur Stelle, Canina, seine Braut: werft alle Scham von Euch, es gilt eines Sterbenden Ehre, bezeugt's, ob er jemals Unbilliges von Euch gefordert!

Canina geschämig

Ich erröte, hier vor Männern zu sprechen ...

Leone

Sie errötet ... haha ... kauf' dir bessere Schminke!

Canina

Obwohl ihm anverlobt, war ich ... wie sag' ich's ... nur seine schwesterliche Freundin ... seine Schwäche war groß, seine Nächte voll Mattheit ... ich kann es beschwören, nie ist er mir mannhaft genaht ...

Leone

Du würdest auch beschwören, daß du eine Jungfer bist.

Voltore

Eine Stimme, eine Stimme von allen, ein Zeugnis von allen wider die Lüge: Gottesstimme! Oh, wir können dir nicht Gesundheit geben, du Freund der Freunde, aber dein Grabmal soll marmorn schimmern, deine Ehre wollen wir dir blank fegen von allem Schmutz der Verleumdung. Ich frage euch alle, habt ihr Volponen anders gekannt denn ehrenwert?

Mosca

Der gütigste Herr war er!

Corbaccio

Trefflicher Freund ... gütig ... nie Geld geliehen ...

Corvino

Der Treueste der Treuen ...

Canina

Oh, was verlier' ich an ihm ... ach, ich Arme!

Leone

Der erbärmlichste Schuft!

Voltore

Ihr seht: in alle Winde die Verleumdung entflogen, kein Wort hat Bestand! Aber, eilt, Eccellenza, schon zögern seine Pulse, schon blassen ihm die Wangen, den Spruch, den Spruch, Eccellenza, den Spruch, schenkt ihm wieder die Ehre, gebt ihm das letzte der irdischen Welt, ehe der Priester ihn seinem Gotte versöhnt, laßt ihn in Ehren sterben, diesen Ehrenmann!

Richter steht auf und bedeckt sich

Da die Anschuldigung gegen Volponen, Levantiner, auf Aussage eines einzigen Zeugen gegründet war, derselbigen jedoch das Zeugnis aller andern Beigerufenen widerspricht, da ferners die Betroffene ihn keiner unziemlichen Handlung beschuldigt und ihr Gatte keinerlei Mißtrauen hegt, da ferners die Gebrestigkeit des Beklagten eine gewalttätige Handlung nicht wahrscheinlich macht und einhellig alle Zeugen, jeder ein Bürger Venedigs, inkludiert der eigene Vater des Anschuldigers, den trefflichen Leumund obgenannten Volpones hier bekunden, ist selbiger ungekränkt und ohne Makel unverzüglich zu entlassen. Möge unser notwendiges Verlangen, den Bresthaften vor uns zu fordern, seine Gesundheit nicht geschädigt haben und er die Ladung als Gebot unserer Pflicht entschuldigen.

Euch aber, Capitano, warne ich, in Hinkunft derart leichtfertige Anschuldigungen gegen ehrenwerte Männer vorzubringen. Vier ehrenwerte Zeugen haben hier ausgesagt ...

Leone wütend unterbrechend

Ehrenwerte Zeugen? Ein Rattenschwanz von Falschrednerei, zusammengefilzt, um die Wahrheit zu verdecken, Wucherer, Hure, Erbschleicher, Zutreiber, alle in seinem Dienst und Geldsack. Mein Wort – nein (er spuckt aus) da ... mein Speichel, meine Spucke ist mehr wert als ihre hündischen Aussagen, ihre abgekarteten Eide, ihre Hurenreden. Gekauft hat er sie alle und Euch wahrscheinlich dazu, daß sie ihn vom Galgen holen ...

Voltore die Hände zusammenschlagend

Gekauft, die Richter Venedigs!

Leone noch wütender

Was gelingt euch denn nicht, ihr Blutsauger, ihr Leuteschinder, ihr Rechtsdreher, mit eurem Geld? Damit kriegt ihr die Weiber, die Richter, die Ämter, damit kauft ihr die Ehre und das Recht und das Ansehn – ein Strick hält euch alle zusammen: oben hakt ihr ihn ein und unten dreht ihr dem Volke damit die Gurgel ab. Und wir opfern unser Blut für euch, wir Narren, statt die Türken über euch zu lassen, daß sie euch ausräucherten und diese Schandbude niederbrennten. Mein Zeugnis weniger als der stinkende Auswurf dieser Krummredner? Soll man da nicht mit dem Säbel dreinschlagen und mit der Faust euch Gesetze schreiben – ihr Wechselbälge von Lüge und Bestechung ...

Richter läutet, es treten die Sbirren wieder ein

Faßt diesen Mann: er hat ehrliche Männer geschmäht, falsches Zeugnis verbreitet und das Tribunal Venedigs käuflich genannt. Nach Fug und Recht gehörte er gestäupt und ihm die Hand abgeschlagen, da er aber als Soldat wacker die Republik verteidigt und erhitzt scheint vom Wein, lass' ich's dabei bewenden, daß er bis Sonnenuntergang am Schandpfahl stehe, eine Warnung für leichtfertige Verleumder.

Leone sich gegen die Sbirren wehrend

Was, an den Schandpfahl, mich und nicht diese Schurken? Die Pest über euch! Den roten Hahn auf eure Dächer, Janitscharen über eure Weiber, Pulver unter diesen vermorschten, verrotteten Staat! ...

Richter

Rasch, führt ihn ab, er schreit sich sonst um seinen Kopf ...

Leone wird gewaltsam fortgeschleppt.

Corvino

Ein trefflicher Richter, gütig, gerecht.

Canina

Ich lauf hinüber, ihm Honig auf das Schandmaul schmieren, wenn er am Pranger steht, daß sich alle Wespen auf seinen Geifer setzen.

Richter

Und nun führt den bedauernswerten Kranken fort, möge ihn die Erregung nicht geschädigt haben. Die Sitzung ist geschlossen. Richter und Sbirren ab.

Alle drängen sich um Volpone, der mit geschlossenen Augen liegt.

Mosca

O mein gütiger Herr, Eure Ehre ist Euch wiedergegeben, blickt auf, kommt wieder zu Kräften!

Voltore

Eure Unschuld hat obgesiegt.

Canina

Mein Gemahl, blickt mich doch an!

Corbaccio

Freund Volpone ... Freund Volpone ... bin bei Euch.

Corvino

Hab' alles für Euch getan, ehrenwerter Freund, hätte mein Leben für Euch geopfert ... oh, werdet wieder gesund ...

Colomba

Der arme Mann ... wie er mir leid tut! Ich will für ihn beten.

Volpone schwach

Dank, meine Freunde ... so viel Liebe ... so viel Güte ... wie habe ich das verdient, ich armer, unwürdiger Mann?

Voltore

Ganz Venedig kennt nun Eure Tugend!

Canina

Mein Geliebter, mein Gütiger, du bist gerächt.

Corvino

Das Lästermaul büßt seine Schande!

Alle umringen ihn und helfen in einer Art Apotheose Volponen in seinem Bette hinaustragen.

Mosca sich den Schweiß abwischend

Jetzt kommst du, Schweiß, kannst endlich atmen. Bisher hatte ich nur nach innen geschwitzt. War eigentlich ein festlicher Tag: heute hat die Schurkerei ihren Adelsbrief bekommen von der Stadt Venedig, und das nächste Konzil wird Volponen noch heilig sprechen, Santo Volpone! Aber doch, mir beginnt's allmählich ein wenig schwül zu werden vor so viel Heldentaten, und dieser Lümmel am Schandpfahl tut mir im Grunde leid: aber wie unnötig dumm auch, die Wahrheit zu sagen! Wohin käme die Welt, wollte sich jeder das erlauben!

Voltore zu ihm tretend

Nun, was sagt Ihr: Wie habe ich geredet? Wie meistere ich das Recht?

Mosca

Herrlich gedreht wie ein Rad: von oben nach unten.

Voltore

Aber nun Schluß mit dem Zögern und Hinhalten! Gleich komm' ich wegen des Geldes! Bereitet alles vor, ich will's endlich schwarz auf weiß sehen, das Testament: jetzt habe ich Volponen fest in Händen und geb' ihn so leicht nicht mehr los!

Mosca

Kommt nur, kommt, Ihr seid der alleinige Erbe!

Voltore ab.

Canina von der andern Seite

Nun, wie habe ich ausgesagt? So daneben hat noch nie eine Frau geschworen vor Gericht! Aber nicht wahr, süßer Junge, jetzt heiratet er mich gewiß?

Mosca

So gewiß ich ein Ehrenmann bin, gewiß, gewiß.

Canina ab.

Corbaccio von der andern Seite

Mein armer Sohn ... am Schandpfahl ... welche Schmach für meine grauen Haare ... nicht zu bezahlen ... aber Ihr habt mir geschworen, erbe alles ... jetzt nicht mehr gefackelt ... will Besitzverschreibung, klar, deutlich ... in meiner Hand ... gültig, unwiderleglich, sicher ... sonst klage ich bei Gericht.

Mosca

Keine Sorge! ... Ist Euch sicher ... seid ja der einzige Erbe ... kommt nur, kommt zu Volponen! Wird Euch alles geben!

Corbaccio humpelt fort.

Corvino von der andern Seite

Diesen Leone haben wir gut geleimt! Aber jetzt, ehe Volpone abkratzt, will ich mein Papier, will's endlich sehen mit eigenen Augen, gestempelt und gesiegelt, daß ich der Erbe bin. Sagt Volponen, in einer Stunde soll er mich erwarten: kein Federlesens mehr, ich habe genug, sonst schlage ich drein.

Mosca

Fürchtet nichts, wird alles bereinigt, seid doch der Erbe, der alleinige Erbe, Ihr allein.

Gerichtsdiener

Den Saal geräumt! Neue Verhandlung.

Alle gehen ab, nur Mosca bleibt in Gedanken versunken zurück.

Mosca

O mein Gott, wie soll das jetzt werden, jetzt kommen sie alle mit ihren Schuldscheinen und alle um dasselbe, einer über den andern und alle über einen! Voltore, Corbaccio, Corvino, alle zupfen sie an der gleichen Geige! Und wenn sie diesen Leone vom Schandpfahl binden, möchte ich ihm lieber auch nicht allein an einer dunklen Ecke begegnen! Mein Gott, was für einen Wind werden die machen, und mein Witz wird langsam lahmbeinig, ich weiß schon nicht mehr, wie ihnen entwischen. Warum gibt's nicht Kramladen in Venedig, guten Rat zu kaufen: denn in Kirchen geh' ich nicht gern, und erst knapp vor dem Galgen nehm' ich mir einen Advokaten!

Gerichtsdiener ihn anfassend

Heda! Neue Verhandlung!

Mosca ganz in Gedanken versunken, mechanisch, ohne ihn anzusehen

Ja, Ihr seid der Erbe, der alleinige Erbe, Ihr allein.

Gerichtsdiener

Was? Wessen Erbe?

Mosca aufschreckend

Verzeiht! (Zu sich selbst) Ich bin schon ganz wirr, aber ist's auch ein Wunder? Im Wachen und Träumen, immer geht's nur: Sterben, Erben, Erben, Sterben, Geld, Geld, Geld. – Kein Papagei hat eine so lederne Zunge, als ich sie brauchte, um immer wieder sie sicher zu machen. Ganz wirr bin ich schon, und überdies juckt's mich da immer so im linken Ringfinger. Will doch ein altes Weib fragen, glaub' es bedeutet, daß ich bis heute abend ein reicher Mann bin oder am Galgen hänge. Nun – nur noch ein Endchen Geduld, ein kleines Endchen, und wir werden alles sehen!

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