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Ben Jonsons Volpone

Ben Jonson: Ben Jonsons Volpone - Kapitel 3
Quellenangabe
typecommedy
authorBen Jonson
titleBen Jonsons Volpone
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1982
isbn3596222931
firstpub1926
illustratorAubrey Beardsley
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140307
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Erster Akt

Szene 1

Zimmer Volpones in einem Venezianer Palazzo, weiträumig und prunkvoll eingerichtet. Zur Linken eine breite, üppige Lagerstatt, das Krankenbett Volpones, das durch einen Vorhang den Blicken der andern entzogen werden kann, doch derart, daß es dem Publikum auch dann sichtbar bleibt, während es für die Mitspieler verborgen ist.

Früher Morgen, die Vorhänge halb niedergelassen wie in einer Krankenstube.

Mosca, Venezianer, jung, schlank, schwarz gekleidet, übermütiger, beweglicher Bursche, stürmt von der Seitentür herein, klatscht in die Hände

Heda! Holla! Das Frühstück bringt, der Herr ist aufgestanden!

Diener im Durcheinander hastig herein.

Mosca

Dort zum Bette hin! Der Herr ist müde, der Arme hat wieder schlecht geschlafen, ach, er hat eine böse Nacht verbracht, ich fürchte, ich fürchte, er wird nicht mehr oft die Glocken Venedigs schlagen hören. Aber laßt euch's nicht merken, hängt lustige Mienen um, hört vorüber, wenn er klagt, ihr wißt, er mag das Mitleid nicht, sputet euch, seid flink und heiter. Und du, nimm die Mandoline und spiel' ihm sein Lieblingslied. Also frisch, tut arglos und unbesorgt, tummelt euch munter um, ich führ' ihn indes herein.

Wieder ab in das Zimmer.

Der erste Diener das Frühstück bringend

Glaubst du, daß Messer Volpone wirklich so krank ist? Ich glaub's nicht, bei den sieben Löwen, ich glaub's nicht. Vorgestern erst war diese Canina da, die ganze Nacht, da haben sie das Bett über meinem Kopf tanzen lassen, daß die Dielen krachten und ich mir die Decke übers Ohr ziehen mußte.

Der zweite Diener

Ach, das wird wohl der Schmarotzer gewesen sein, der sich mit ihr vergnügt hat. Er sauft seinen Wein, er greift in seinen Beutel, er schmatzt an seinem Tisch, warum sollte er nicht mit seinen Weibern schlafen? Ich glaub's schon, daß Messer Volpone krank ist, er hat's mit der Galle, und unter der Galle sitzt der Tod.

Der dritte Diener, der Musikant, hat sich in Positur gestellt und singt zur Mandoline:

Das Geld, das Geld vernarrt die Welt,
Ein Narr, der Geld für sich behält,
Ein Narr, der's leiht und liegen läßt,
Schön breit auf Zeit und Zinsen preßt,
Und doppelt Narr, wer es verpraßt,
Ein Narr, der's liebt, ein Narr, der's haßt!
Ach, wie man's tut, es ist nicht gut,
Ob man's verflucht, ob man's verehrt,
Wie man's versucht, es ist verkehrt.
Mach's klug: das Geld ist klüger noch,
Erkenn den Trug: er narrt dich doch.

Das rechte Gold ist rund geprägt,
Damit es rollt und sich bewegt.
Vergrab's in Erd', versteck's im Haus,
Es macht sich fort, es fährt doch aus.
Mag einer noch so hurtig sein,
Er kriegt's nicht still, er holt's nicht ein,
Denn selbst wer's hat, der wird nicht satt
Und rennt sich neu die Beine quer
Nach mehr und mehr und mehr und mehr,
Und hat er sich dann müd getan,
Gleich fangen hundert andre an.

Das Geld, das Geld regiert die Welt,
Kein Kaiser, der so Hofstaat hält,
So herrisch heischt, daß man ihm schranzt
Und strack nach seiner Pfeife tanzt.
Weiß Gott, so lang die Welt besteht,
Hat sie sich nur ums Geld gedreht
Und so wie heut bleibt's allezeit
Und allerorts und jederlands
Der gleiche Pfiff und Tölpeltanz,
Der alle Welt zum Narren hält,
Der Tanz ums Geld, der Tanz ums Geld.

Volpone reich gekleideter, massiger Mann, scharfen Gesichts, ist, von Mosca gestützt, währenddessen eingetreten und schleppt sich mühsamen Ganges zur Bettstelle hin

Dank, meine Lieben, und Dank dir, mein Musikus! Wär's doch wahr, daß Musik die Kranken gesundete, wär's doch wahr! Aber welche Nacht, ich glaubte nicht mehr, den Morgen zu erleben! Ach, mich müdet's, vielleicht kann ich noch Ruhe finden. Dank für eure Sorge, meine Lieben, und laßt mich allein.

Die Diener mit Verbeugungen ab.

Volpone, sich von der Bettstelle herumwendend

Sind sie fort?

Mosca zur Türe hin So! Abgeriegelt! Und nun laßt Euch's wohl sein. Fort die Gebreste, und die gute Laune heraus!

Volpone aufspringend, zum Fenster hin, die Vorhänge aufreißend

Ah, Sonne, Morgenlicht auf den Kanälen,
Komm, bad' mein Angesicht mit deinem Gold.
Da: über Arm' und Hände streu mir's aus,
Mit allen Adern laß mich's gierig saugen,
Denn Gold ist alles, ist das Elixier,
Das Nerv' und Pulse unsrer Welt erneut.
Gib, gib dich mir, allseliges Metall,
Vom Himmel rauschend auf die arme Erde,
Gib, gib dich mir!

Plötzlich sich abwendend und den Vorhang sinken lassend

Doch nein, was brauch' ich dich,
Du matter Glanz, den jede Nacht verdunkelt,
Du gibst dich jedem ja, der geile Hände
Dir zitternd zureicht, machst dem ärmsten Narren
Sein Kupferstück im lockern Truge glänzen,
Schenkst Schein an alle, unbedankt von allen;
Doch selig ist nur, wer allein besitzt.
Leih nur den andern deine goldne Lüge,
Ich brauch' dich nicht: mir glüht mein eignes Licht.

Zur Truhe hingehend, die er aufschlägt und in der Gold und Kostbarkeiten gehäuft sind, tiefatmend

Du aber, meine Sonne, strahl' mich an,
Geliebtes Auge, aller Welt verschlossen,
Nur aufgetan dem Herrn des eignen Himmels,
Glüh' auf, glüh' auf, du goldene Pupille,
Dein Meister kniet vor dir, du Stern der Welt.
Gold, Gold, du meine Sonne, Gold, mein Gold,
Da, meine Hände, füll' sie mir, erkling,
Musik der Münzen, funkelt, Edelsteine,
Faßt mich, ihr Spangen, tanzt in euren Ketten! –
Ah, ah, ich fühl' dich schon, gehorsam Wesen,
Und ahn' in deiner Gegenwart den Gott.
O Reichtum, großer Gott, du Herr der Erde,
Du All und Nichts, du stummes Alphabet,
Drin alle Worte dieser Welt verborgen,
Wer dich zu nützen weiß, ist Herr des Lebens,
Denn Ehre, Liebe, Ruhm und jede Lust
Erschafft er sich aus deinem goldnen Zeichen
Und höchste so: dir selbst, du Gott, zu gleichen!

Er steht auf, wendet sich zu Mosca um, der gleichgültig zusieht.

Doch, Mosca, du? Was grüßt du nicht mein Gold?

Mosca

Ach, Herr, es tut mir leid.

Volpone

Dir leid? Weshalb?

Mosca

Weil es gefangen ist da in der Truhe.

Volpone

Und du, was tätest du? Du gäbst es frei?

Mosca

Hätt' ich die Macht, ich schenkt' ihm Flügel –

Volpone

Du Narr! Dem Gold willst du Freiheit geben, dem Gott, der die Welt bindet? Man muß schon straff die Muskeln spannen, um es zu halten, dies quecksilberige Wesen, daß es einem nicht zwischen den Fingern zerrinnt, man muß ihm schöntun, daß es einem nicht durchbrennt, und schon gar, wie muß man darauf brüten, daß sich's mehrt! Und du, du gäbst es frei. Darf ich fragen, was du, nimm an, ich schenkte dir sie, dann tätest mit diesen goldenen Schwalben, mit diesen seltenen Paradiesvögeln?

Mosca

Was ich täte? – Laßt mich nachdenken. Ich würde erst mich einmal erinnern, was ich mir jemals wünschte, und dann müßten die runden Dukaten so lange laufen, bis sie mir's vor die Stiefel legten; das ganze Alphabet des Vergnügens, wie Ihr sagt, ließ' ich mir vordeklamieren. Da – er greift hinein und läßt ein paar Münzen klirren – das wäre eine Liebesnacht mit Donna Maria – da – er greift wieder hinein – das wäre eine Nacht mit lockeren Gesellen, blau und schwül – da – neuer Griff – ein brokatnes Gewand, wie's der Kaiser von Frankreich trägt, um die Weiber zu kirren – da: ein Gedicht des Aretin, das mir Geist schenkt, Witz und mich berühmt macht bis zum Papst – da: mein Bild von Messer Tizian gemalt, Unsterblichkeit – da: hundert krumme Rücken, die sich vor mir bücken – da: ein Dolch, der meinem Feind in die Eingeweide fährt – da, da, da, ein Dutzend Schmarotzer, lustige, liebe, weinfrohe Jungen, wie ich selber einer bin – da: eine Lustfahrt bis zu den Türken auf bekränzter Caravelle, da: der Adel vom Papst ... da ...

Volpone

Halt, halt, du wärst schon am Grunde und dann wieder nichts als ein ausgelachter, erbärmlicher, mausarmer Bursche mit zwei zerfransten Hosen um die Beine, wie sie neunzig Dutzend täglich über die Piazza streichen und warten, bis sie ein altes Weib ins Bett nimmt oder ein Kapuziner ihnen ein Süppchen schenkt. Ach, Mosca, du kluger Hundejunge, was bist du für ein Narr, wie wenig hast du gelernt bei mir! Glaubst du wirklich, man muß die Dukaten fliegen lassen, um das alles zu haben? Nein, du Narr, laß sie still beieinander sitzen, laß sie blinken, dann kommen die Menschen schon selbst und bieten dir alles an: die Frauen kriechen in dein Bett, und die Männer ducken sich, die Krämer leihen dir, und die Dichter umschmeicheln dich. Lern' doch endlich, wie groß die Magie des Geldes ist: sein Geruch schon macht die Menschen trunken. Nur riechen brauchen sie's, schon' kriechen sie her auf den Bäuchen, schon strecken sie die Hälse, schon dreht sich ihnen der Verstand – nur riechen brauchen sie's, und nur riechen darf man sie daran lassen, diese Schurken, und sie werden trunken und fallen dir in die Hand wie Mücken ins Feuer. Acht Wochen schmarotzt du bei mir, du dummer Schüler – hast du gesehen, daß ein einziger Goldkäfer indes aus der Truhe gekrochen ist?

Mosca

Niemalens, Herr! Es haben sich sogar eine ganze Menge neue hineingesetzt.

Volpone

Und lebe ich schlecht? Schmeckst du Wasser in meinem Falerner, sind meine Teppiche dünn, meine Silberschalen leicht, stinkt wo nur ein Bläschen Armut in meinem Haus?

Mosca

Ich wünsche mir nie besser zu leben. Ihr seid üppig wie ein Armenier, wollüstig wie ein Hänfling, habt eine Freude an allen saftigen Dingen und vergeßt nicht die Weiber.

Volpone

Und müh' ich mich? Geh' ich mit den Maklern auf dem Rialto feilschen, leih' ich Geld auf Zinsen, laß ich die Burschen in den Schwefelbergwerken gelb werden wie das ekle Element? Schreien hinter mir die Witwen: Zinsgeier! und die Taglöhner: Menschenschinder!? Heult's, wenn ich in der Gondel fahre, hohl aus den Schuldtürmen: Gnade! Gnade!?

Mosca

Im Gegenteil, alles ehrt Euch, alles umringt und besucht Euch, wie Rennhengste wetteifern sie, rascher bei Euch zu sein.

Volpone

Und wie mach' ich's, du Verschwender: mit Luft, mit ein bißchen Luft, die ich ausblase, mit ein paar dünnen Worten, einem trockenen Husten und sieben Seufzern. Die fliegen fort, und das Geld, ja, mein gutes, warmes Geld bleibt da.

Mosca

Ihr narrt sie eben prächtig. Ich staune nur so, wie Ihr sie immer wieder an der Nase herzieht.

Volpone

Was, du schnellschwätziger Verleumder, ich ziehe sie her? Erlogen, erlogen! Das Geld zieht sie her. Ich tu' nichts, als daß ich sage, ich bin reich: schon krümmen sie den Buckel voll Ehrfurcht. Und dann lass' ich sie wissen, ich hätte nicht Frau und nicht Kind: da kriechen ihnen schon die Hälse hoch und werden lang. Und dann stell' ich mich sterbenskrank: ah, da rinnt ihnen schon der Geifer von der Zunge, und sie fangen an zu tanzen um mein Geld. Ach, wie sie mich lieben: Freund Volpone! geliebtester Freund! Wie sie mir schmeicheln, wie sie mir dienen, wie sie kalfaktern und schwänzeln: zertreten möchte ich diese Kobras, diese Giftschlangen, aber sie tanzen nach meiner Pfeife. Sie bringen Geschenke, sie beteiligen mich an ihren Geschäften, die Männer bringen Geld und die Weiber ihre offenen Beine – wer hat, frag' ich, ein besser Geschäft in Venedig und dazu noch einen saftigeren Spaß? Was trug es gestern?

Mosca

Drei Fässer Wein hat Euer Nachbar gesandt, frisch eingetroffen auf seinem Schiff von Cypern: zur Genesung sagte er. Hundert Dukaten als Anteil vom Kaufmann Battista, zwei Schüsseln von Giovanni, dem Goldschmied, und eine Lizenz vom Segretario, die Ihr um tausend Dukaten verkaufen könnt.

Volpone

Und all dies mit zwei Stündchen Husten und Dünnreden und einem Herz voll saftiger Niedertracht! Ah, mein Mosca, was sind die Goldminen Ophirs gegen die Dummheit der Menschen, gegen ihre Habsucht und Erbärmlichkeit, wenn man sie gut zu pflügen weiß! Und dabei wird mir das Herz warm, wenn ich sehe, wie sie die Augen verdrehen nach meinem Geld und lechzen nach meinem Abscheiden, indes ich ihnen das Mark aus den Knochen sauge. Erbärmlich doch alle Komödianten auf der Szene gegen einen einzigen Menschen, wenn ihm die Habsucht mit den Krallen die Eingeweide wirklich umrührt: ah, die tanzen besser als die Marionetten und singen rührender als die Kastraten; jeden Tag erfinden sie mir neue Szenen, daß ich mich wälze vor Lachen. Ich freue mich schon auf ihren Aufmarsch. Hast du brav ausgesprengt, ich sei elend, ich sei sterbend?

Mosca

Mit vollen Backen wie ein Trompeter.

Volpone

Dann werden bald die Truppen anrücken. Aber ich bin bereit, sie zu empfangen: ich werde eure Hoffnungen niederkartätschen, eurer Gier die Hände absäbeln und vor allem eure Bagage plündern, ihr Marodeure, ihr Freibeuter.

Es klopft.

Heda! Der Vortrab schon eingetroffen? Früh aus den Federn – es scheint, man schläft nicht gut mit der Habsucht, sie soll ein altes Weib sein, so alt wie die Welt. Sieh vorsichtig, mein Bursche, wen's so zeitig aus dem Bett gejuckt.

Mosca geht hinaus, bald zurück

Herr Voltore, der Notarius. Ich hab' ihm bedeutet, Ihr nehmet gerade Medizin zu Euch, er solle warten. Aber jetzt abgeräumt die Schmackhaftigkeiten, hier den Rhabarber hergestellt, die Tinkturen und Mixturen. So – da, Euren Pelz zieht an, und jetzt (beschwörend): Gebrest falle auf Euch und alles Ungemach!

Volpone den Pelz anziehend

Wirst du ihnen aber einheizen? Wirst du sie dörren und braten? Wirst du ihnen brav die Galle aufrühren und ihnen die Zunge herausfischen, daß der Geifer auf den Boden tropft? Wirst du sie wacker zwacken?

Mosca

Wie ein Folterknecht der heiligen Inquisition.

Volpone

Und ausgiebig plündern?

Mosca

Wie Soldaten eine Stadt, vor der sie acht Monate im Dreck gelegen sind.

Volpone sich auf das Lager streckend

So, jetzt leg' ich mich hin, daß sie meinen, es ginge zur letzten Ölung. Aber euch werde ich salben mit Senf und Widerwurz, daß euch der Buckel noch Jahre brennen soll: ihr seid an euren Meister gekommen, ihr Schurken! Zu Mosca, der Voltore entgegen will. Halt! Ah – ich muß erst noch einmal lachen, fest lachen – sonst fährt's mir heraus, während sie ihr Mitleid tanzen. So! Ah! Und jetzt den Vorhang herab! Er läßt den Vorhang, der die Bettstatt unsichtbar gegen die andern macht, herab. Das Spiel kann beginnen.

Mosca führt Voltore herein, Notarius, schwarz gekleidet, würdig, etwas pathetisch

Welche Großmut von Euch, Herr Notarius, daß Ihr Eure Zeit – oh, Venedig weiß, wie sie kostbar ist! – unserem armen Herrn opfert! Aber seid gewiß, er weiß diese Ehre zu werten: immer ist Euer Name auf seinen Lippen. Wie geht es meinem Freunde Voltore? Immer seine erste Frage: Was macht mein Freund Voltore? Ach ja, wenn man so einsam ist im Tode, nicht Weib und Kinder hat wie er, so allein, dann denkt man nur an seine Freunde. Plötzlich leise, vertraulich. Habt Ihr das Testament mitgebracht, daß ich's ihn ausfüllen lasse?

Voltore gleichfalls leise

Ich vergesse niemals. Hier: Alles ausgefüllt, nur sein Signum fehlt ...

Mosca

Das wird gegeben: zweifelt nicht.

Voltore

Und dann ... ja hier ... ich habe den Namen des Erben freigelassen, denn wißt Ihr, hätte ich den eignen eingesetzt mit eigner Hand ... die Welt steckt voll Mißtrauen, man hätte meinen mögen, ich habe ihn dazu veranlaßt. Aber signiert und paraphiert er selbst, so kann kein Tribunal dies Blatt anfechten.

Mosca

Verlaßt Euch auf mich!

Voltore

Aber macht es nicht zu dringlich ... ich weiß, oft verdrießt es Sterbende, wenn man sie an den Tod erinnert, und ein Testament ist ja ein instrumentum mortis ... darum behutsam, nicht zu ungestüm ... Ich habe da einen goldenen Becher mitgebracht, den zeigt ihm und sagt, ich hätte ihn gespendet ...

Mosca

Oh, wie Ihr das menschliche Herz kennt: aber ist es ein Wunder bei Eurer Erfahrenheit, Illustrissimo? Wie wird er sich freuen, aber seht es selbst: ich wecke ihn auf. Zum Bette, den Vorhang hebend. Messer Volpone, der Herr Notarius ist gekommen, wie allzeit der Erste, Eurem Befinden nachzufragen ...

Volpone schwach

Dank ... vielen Dank.

Mosca

Und denkt, einen goldenen Becher hat er Euch gebracht, Ihr möget daraus Gesundheit trinken.

Volpone

Oh, ein edler Freund ... ein großmütiger Freund ... sag' ihm, will ihn oft sehen ...

Mosca zu Voltore

Hört Ihr: habe ich wahr berichtet?

Volpone

Bring ihn her ... meine Augen zwar dunkel ... aber Hand noch fassen ... Hand ...

Mosca ihm den Becher reichend

Nehmt erst den Becher!

Voltore näherkommend

Wie fühlt Ihr Euch, verehrter Freund?

Volpone

Gold ... ah ... schwer, schwer ... gutes Gold ... ah, guter Freund ... denkt eines Sterbenden noch ...

Voltore

Könnt' ich statt Goldes Euch doch Gesundheit kaufen!

Mosca beiseite

Die wird Euch noch viel kosten!

Volpone

Wie wahr, wie wahr! ... Was hilft mir jetzt mein Geld ... Drei Häuser ... vierhunderttausend Zechinen ... Schiffe ... Edelsteine ... was hilft's dem armen, verlassenen Volpone ... Ah, Ihr verlaßt mich nicht ... hab' nur mehr Euch ...

Mosca leise

Hört Ihr?

Volpone

Kann nicht mehr lange mit mir dauern ... möge mir nur Gott meine Sünden verzeihen ... oh, ich habe zuviel am Gelde gehangen, nun erdrückt's mir die Seele ... ich habe Menschen betrogen ...

Voltore

Ihr? Nie! Ihr seid der erste Ehrenmann Venedigs.

Volpone

Wie gut Ihr's meint ... aber werde Eurer gedenken ... werdet sehen ... nur laßt dann Messen lesen für meine arme Seele ... ah, müde ... müde.

Mosca läßt den Vorhang herab, zu Voltore

Ihr seht, ich habe Euch ehrlich berichtet.

Voltore

Ach, wäre es wahr! Wäre es nur schon so weit.

Mosca

Es ist so weit. Gleich wenn er zu Kräften kommt, reich' ich ihm Euren Becher mit Wein und laß ihn den Namen ausfüllen.

Voltore

Du bist ein braver Bursche.

Mosca

Ach, das sagt Ihr jetzt. Aber morgen, wenn mein armer guter Herr tot ist, jagt man mich aus dem Haus: Ihr habt Weib und Kind, da ist kein Platz mehr für mich! Oh, wenn Ihr mich doch dulden wolltet als Türsteher, als Diener, als Küchenjunge: nur nicht fortjagen aus Eurem Haus, nicht fortjagen den armen Mosca!

Voltore

Du sollst gehalten werden wie mein eigen Kind. Da – er gibt ihm Geld – dies als Angabe meines Worts.

Mosca küßt ihm die Hand

Oh, großmütiger Herr! Heute noch bring' ich Euch das Inventar, damit Ihr Euren Besitz kennt, und will's hüten: kaum der letzte Atem ihm vom Munde fährt, sause ich zu Euch ...

Es klopft.

O weh! Es klopft. Das wird der Arzt sein oder der Priester, mag sein auch ein Störenfried. Besser, Ihr geht, damit sie Euch nicht sehen, sie möchten sagen – was erfindet nicht die Niedertracht der Menschen – Ihr hättet Euch zugedrängt zum Erbe. Geht lieber hier hinab und sprecht mit niemandem im Haus, sind alles Türsteher und Tellerlecker.

Voltore geht hastig.

Volpone aufspringend

Du bist ein süßer Schurke, mein Mosca, ein trefflicher Papagei, hast gut gelernt bei mir. Ah, dieser lahmbeinige, gravitätische Gesetzdreher, gut versteckt er seine Gier unter dem schwarzen Talar: aber ein paar goldene Schüsseln wirst du noch zu dem Becher herausholen müssen, und dann kannst du darauf meinen Dreck fressen und mein Wasser saufen. Zu Mosca Welcher Schuft wartet draußen?

Mosca

Corvino.

Volpone

Der hat wenigstens kein Mäntelchen um, das ist ein splitternackter Schurke: aber dem will ich das Nackte striemen, daß es farbig wird wie ein Affenpelz. Zieh ihm die Haut ab, Mosca, reiß ihm die Nägel von den Fingern, er hat eine schwere Hand, der Bursche, und wir haben ihn schon weidlich geplündert. Also brav gearbeitet ...

Mosca

Und Ihr: brav gehustet und kreisrund die Augen verdreht, stöhnt wie ein Blasebalg, es wird sich lohnen! Nimmt den Becher, stellt ihn auf den Tisch. Da stell' dich her und mehre dich! Dann zur Tür, Corvino hereinführend. Leise, leise, er schläft gerade einen kürzen Schlaf.

Corvino

Ich wollte, er schliefe schon den allerlängsten.

Mosca

Gemach, gemach, was seid Ihr ungeduldig! Wißt Ihr doch, daß alles Euch zugedacht ist und ich für Euch wache!

Corvino

Aber sicher ist sicher. Geht's bald zu Ende?

Mosca

Die ganze Nacht hat er gestöhnt vor Schmerzen und gefleht, Gott möchte seinen Qualen bald ein Ende machen.

Corvino

Das sollte er wahrhaftig tun! Aber hör', Mosca, ich habe da ein Fläschchen mitgebracht, der Arzt hat mir's gegeben, er sagt, man schliefe darauf vortrefflich ...

Mosca beiseite

Um nicht mehr zu erwachen.

Corvino

Das gib dem armen Volpone in den Wein, wenn er dürstet. Wozu soll er sich quälen?

Mosca

Das wird schwierig sein, Messer Corvino, denn er hat ein arges Mißtrauen gegen Arznei und die Ärzte; ich wollte immer schon einen vortrefflichen beiziehen ...

Corvino

Nur keine Ärzte! Manchmal helfen sie doch. Wütend Wenn man sterben soll, soll man sterben, nur keine Verlängerungen, nur nicht quälen. Das sollte verboten sein vom Staat, verdammt diese Quacksalber, die Gott ins Handwerk pfuschen! Daß dir's nicht einfällt, einen von den schwarzen Lateinschwätzern jetzt noch herbeizuholen: das Testament ist doch gemacht ...

Mosca

Ei, da stinkt's ja eben: wollte gerade zu Euch hinüberlaufen und Euch aufmuntern, ihn zu besuchen. Geschrieben ist's wohl, doch nicht gefertigt und der Name des Erben noch nicht eingesetzt ...

Corvino

Himmel, Donner und Kanonen, noch nicht gefertigt das Testament, und jetzt verreckt er vielleicht! Sofort einen Arzt geholt, sofort, er muß ihn aufpulvern, er muß ihn noch einmal zum Bewußtsein bringen! Nicht das Testament gefertigt, – so eine Niedertracht, und der Tod reißt's ihm vielleicht noch aus der Hand! Nicht das Testament gefertigt, Donner und Hölle! Aber ich sah doch gerade den Herrn Notarius die Treppe herunterkommen.

Mosca

Der Herr Notarius ... ja, ja, der Herr Notarius ... das ist ein sonderlicher Kauz ... hat sich früher nie bekümmert um Messer Volpone, und jetzt ist er mit einmal so bemüht um ihn ... ganz von selbst kam er, ihm das Testament zu verfassen, ganz umsonst hat er es geschrieben, gesiegelt, intabuliert ...

Corvino

Umsonst?! Dieser geizigste aller Schurken: ah, der will auch noch hastig an die Krippe, dieser Geizkragen!

Mosca

Ei nein, Ihr irrt! Ist ein gar großmütiger, freigebiger Herr: seht nur den schweren goldenen Becher da, den hat er heute Messer Volpone als Geschenk gebracht.

Corvino

Um erbzuschleichen!

Mosca bescheiden

Das weiß ich nicht.

Corvino zornig

Aber ich weiß es. Ah, er wittert das Aas, diese Hyäne, dieser ausgelernte Leichenräuber: immer wenn's wo zu stinken anfängt, da flattern sie schon her, diese Rechtsverdreher. – Und Volpone, hat er ihn gejagt? Was sagte er?

Mosca ein wenig einfältig

Ach, Herr, sind doch so sonderbar, die alten Leute! Seht, da liegt er, hat nicht Atem mehr über die Nase weg, und statt an Gott zu denken und ans Jüngste Gericht, was meint Ihr: da freut er sich wie ein Kind über den Becher. »Schwer«, sagt er, »schweres Gold, gutes Gold, guter Freund.« Sind ihm eben die Sinne wirr, hält nur den für seinen Freund, der ihm was schenkt, und wär's seines Vaters Mörder. Alte Leute – ganze Narren, Ihr wißt ja.

Corvino zitternd vor Wut

Verdammt, alle schenken sie, diese Erbschleicher, diese Halunken, und haben Geld. Aber wenn ich in den Schuldturm komme, ich muß diesen Rechtsverdreher noch ausstechen, er ist der gefährlichste. Zu Mosca Glaubst du, ich hätte Volponen nichts mitgebracht? Hab' ihn beteiligt an meinen Geschäften, sag' ihm, ich will teilen fortan mit ihm: fürs erste da diese dreihundert Zechinen.

Mosca

Ei, das nenn' ich eine treffliche Medizin, die einzige, die ihn munter macht. Ich will's ihm gleich um die Ohren klingeln: wenn der alte Geizkragen Dukaten klimpern hört, sprengt er, glaub' ich, noch den Sargdeckel. Paßt auf, ich krieg' ihn noch einmal munter. Zum Bett hin, laut schreiend Messer Volpone, Euer Freund Corvino ist hier.

Volpone rührt sich nicht.

Mosca mit dem Gelde klirrend

Da ... Zechinen ... Geld ... Dreihundert Zechinen ... Messer Corvino hat sie Euch gebracht.

Volpone wach werdend

Ah, Corvino ... dreihundert Zechinen ... dreihundert, sagst du ... viel Geld. Hustet. Ah ... guter Freund ... edler Freund ... ihm danken.

Mosca

Seht: Guter Freund, das hat er noch keinem gesagt. Jetzt hurtig, schmiert ihm ein paar süße Worte auf die Dukaten!

Corvino

Ach, Messer Volpone, wie mich's schmerzt, Euch so leidend zu sehen! Könnt' ich mit meinem eigenen Blut Euch gesund machen, ich gäb's willig her! Meine Frau betet für Euch den ganzen Tag, und wenn ich Geschäfte mache, denk' ich an Euch und schaff nur für Euch. Diese wenigen Dukaten sind ja ein Erstes nur, Ihr könnt mir trauen.

Volpone ergriffen

So viel Güte (hustet), so viel Freundschaft für mich armen Kranken (hustet), seht, mein Leben huste ich mir heraus (hustet), Mosca, das Tuch!

Mosca leise

Die Tränen kommen ihm schon.

Volpone

Aber ich will's Euch danken (hustet), werdet noch einmal gut sprechen vom armen toten Volpone (hustet), werdet sagen: hat an mich gedacht noch ... oh, oh! (hustet) ... an seinem Sterbebett ...

Es klopft.

Corvino auffahrend

Verdammt, wer kommt da! War alles gerade im besten Zug – zwei Minuten noch, und ich hätte ihm die Feder in die Hand geschoben.

Diener

Herr Corbaccio ist unten, kann die Treppe nicht allein herauf, die andern helfen ihm schon.

Mosca

Bringt ihn, in Gottes Namen!

Corvino

Was will dieser verdammte Wucherer, dieses fünfundsiebzigjährige Gerippe hier? Seit fünfzig Jahren hat er noch nicht den Fuß gerührt ohne Profit – was will der hier?

Mosca

Ach, er kommt, die Juwelen schätzen, Eure Juwelen, möchte gern noch was kaufen und schachern: geht jetzt, Messer Corvino, Ihr ermüdet sonst Messer Volpone, und ich will ihn doch ordentlich aufzäumen.

Corvino

Nein, mein guter Mosca, ich rühr' mich nicht von der Stelle: ich will sehen, was das Gerippe hier treibt. Glaubst du, ich werde mir von diesem Zinsgeier die Leber abfressen lassen? Ah, ich bleibe, ich bleibe.

Volpone vom Bett her, hustet erbärmlich, ruft

Mosca!

Mosca hinspringend, leise

Der Schurke will nicht fort, und wir müssen doch noch Corbaccio ein paar Goldfedern ausreißen.

Volpone

Jag' ihn fort. Er muß fort! Er verdirbt unser Geschäft: geschwitzt hat er, jetzt schütt' ihm kaltes Wasser über.

Mosca

Paßt auf, ich bring' ihn fort. Ich werd' ihm schnell ein paar Flügel über dem Steiß wachsen lassen. Er ist eifersüchtig wie ein Doppeltürke, an dem Schwänzchen will ich ihn zwacken. Zu Corvino Und nun einmal, verehrter Freund, ein Wort von edleren Dingen: Wie befindet sich Eure schöne Gattin, der Ruhm Venedigs?

Corvino unangenehm berührt

Wer sagt, daß sie schön ist? Wieso Ruhm Venedigs? Was ist das für ein Geschwätz!

Mosca

Ei, die ganze Stadt kennt doch die schöne Colomba: nie ist San Marco so voll denn Freitag morgens, wenn sie zur Predigt geht, nie gibt's so viele Kavaliere unter den Frommen. Haben mir oft den Mund wässerig gemacht, meine Freunde, sie zu bewundern.

Corvino stammelnd vor Wut

Was hast du dir sie anzusehen, du Lump! ... In der Predigt, sagst du? ...

Mosca

Allen Freitags, das weiß doch die ganze Stadt: bei der Predigt ...

Corvino

Bei der Predigt ... ah, ich werde ihr predigen lehren ... die ganze Stadt ... ganz Venedig ... ah ... ich werde da selbst sehen.

Mosca

Ich gehe mit Euch.

Corvino ihn wegstoßend

Das fehlte noch, du Lump! Ich schlag' dir die Knochen im Leib entzwei. – Hier bleib bei deinem Herrn ... ah, ich werde selbst meine Predigt halten.

Er rennt fort, bei der Tür trifft er mit Corbaccio zusammen.

Corvino zu Corbaccio höhnisch

Der Herr Corbaccio in persona, ei, so lebt Ihr noch? Hatten mir erzählt, Ihr hättet die Beine gelähmt, könntet Euch nicht rühren, und nun tanzt Ihr munter die Treppen herauf: muß ein gutes Geschäftchen sein, ein hundertprozentiges Profitchen, wenn Ihr Eure Truhen allein laßt für eine Stunde. Da wünsch' ich Glück, da wünsch' ich Glück!

Corbaccio, uralter, zitteriger Mann, lahmbeinig, verknöchertes Gesicht

Dank ... lebe ... Dank ... Kenne Eure Gesinnung ... Nicht besser als Euer Kredit ... Würde nicht zehn kupferne Soldi dafür leihen ...

Corvino

Brauch' Euer Leihen nicht, ist noch keiner lebend davongekommen, dem Ihr die Zinshand um die Gurgel gelegt. Nur raffen, nur Geld raffen: aber hütet's gut, könnt' Euch einmal ausfahren.

Corbaccio

Keine Angst ... Hüte es gut ... So wie Ihr Eure Frau.

Corvino

Verdammt! Was geht Euch meine Frau an?!

Corbaccio

Was Euch mein Geschäft?!

Corvino

Meine Frau ... was reden sie alle. Zu Corbaccio Der Teufel brech' Euch den Hals! Stürmt weg.

Corbaccio zu Mosca

Ein unangenehmer Mensch. Viel Bosheit, wenig Geld. Was will er hier?

Mosca verwundert einfältig

Was er will? Ei, Erbschleichen natürlich. Wer kommt denn sonst zu einem reichen sterbenden Mann zwischen Arzt und Totengräber?

Corbaccio

Ich ..., hehe, ich ..., hehe ... Seh' mir gern Sterbende an. Hab' schon so viele gesehen, seh's immer lieber. Bin fünfundsiebzig ... vier Brüder gestorben vor mir, Schwestern, Freunde, Feinde, und ich lebe noch immer ... überleb' sie alle ... Hab' manche als Säuglinge gekannt, wachsen auf und liegen dann einmal da, blau, kalt, tot, hehe ... und der alte Corbaccio steht dabei und hat's noch warm im Mund ... Blut in den Fingern ... kann gehen, arbeiten, Geld machen, hehe ... tut wohl, das immer wieder zu sehen ... überleb' sie alle ... Und jetzt den noch ... hehe ... hat lustig gelebt, jung, könnt' mein Sohn sein, und schon geht's an das Sterben bei ihm ... will's mir anschaun ... hehe ... Wie steht's heute?

Mosca

Schlecht, sehr schlecht.

Corbaccio

Gut meinst du ... hehe ... geht zu Ende ... Puls?

Mosca

Dünn wie ein Fliegenbein.

Corbaccio

Gut ... Atem?

Mosca

Pfeift wie eine Orgel.

Corbaccio

Gut ... hehe ... der Harn?

Mosca

Rot wie Burgunder.

Corbaccio händereibend

Schön, schön ... die Zunge?

Mosca

Dick, gelb, hart: eine Schuhsohle.

Corbaccio

Ah, trefflich ... Schweiß: heiß oder kalt?

Mosca

Kalt wie ein Schlangenschwanz.

Corbaccio

Hehe, dann kommt's bald ... kenn' ich ... oft gesehn ... jetzt wird's bald lustig ... dann keine Luft, pumpt ... pumpt ... pumpt ... kriegt's nicht mehr herauf ... blau dann, blaß ... hehe, jetzt kommt's bald ... dann starr, spürt nichts mehr ... Ohren dumpf, Lider gelb ... hehe, kenne das ... ist bald soweit.

Mosca

O weh, so weit ist's schon, wie Ihr's schildert! Liegt ja ganz stumpf da, Messer Volpone, seit heute morgen, genau wie Ihr's vormacht, hört nichts, fühlt nichts, merkt nichts ... Seht, daß Ihr's glaubt. Schreit laut auf Volpone los He, du levantinischer Schuft, bist du schon verreckt? Bin ich dich endlich los, du Hurentreiber, du Geldschlucker, du pappiges Großmaul, du stinkiger Geilbock? Zu Corbaccio Seht, Ihr könnt alles sagen, er hört's nicht, ihn anfassen, er fühlt's nicht.

Corbaccio höhnisch heran, Volponen mit dem Stock antappend

Heda, steh doch auf, Kadaver, vor dem alten Mann ... bist ja jünger, hast bessere Beine ... Steh doch auf ... hehe ... Hast oft genug gespottet über den alten Corbaccio, daß er geizig ist, sich nichts gönnt und den andern ... Hehe, wer spottet jetzt, du Wohlleber, du Prasser, du Fresser, du Lustbube ... überlebt euch alle, der alte Corbaccio ... hat dickeren Atem, sein Geld, als das eure ... wird euch alle noch aussacken und auf euren Decken liegen, in euren Häusern wohnen ... hehe, Kadaver ... hehe ... kannst nicht mehr lachen ... hast früher gelacht ... hehe ... jetzt lache ich ... Läßt den gehobenen Vorhang fallen; zu Mosca Leg' das Testament gleich bereit ... will rasch wieder mein Geld haben ... vierzehnhundert Zechinen eingesetzt, mit Zinsen dreitausend ... hehe ... aber gewußt, ich überleb' ihn ... macht keine unsichern Geschäfte, der alte Corbaccio ... war mir gute Bürgschaft ... hehe.

Mosca sich hinter dem Ohr kraulend

Das Testament ... ja ... aber wißt Ihr nicht ... Messer Volpone hat für heute nochmals den Notarius berufen, er will noch ... wie sagte er ... ein Codicillum machen ...

Corbaccio aufgeregt stammelnd

Neues Testament? ... Warum Codicillum ...? Hätte ich's nicht gesehen, daß er mir zwanzigtausend Zechinen vermacht ... mit eignen Augen gesehen ... nie ihm Geld gegeben ... mache nur sichere Geschäfte ... Hab es als Schuldschein, wie kann er's ändern ... nachträglich ändern?

Mosca

Seht, der Herr Notarius hat ihm diesen goldenen Becher geschenkt und Herr Corvino dreihundert Zechinen, die will er noch bedenken.

Corbaccio

Und mich verringern am Ende? ... darf nicht sein!

Mosca

Ach, der arme Narr mißt die Freundschaft eben an Geschenken! Wär't Ihr klug, Ihr legtet noch rasch etwas zu, dann könnte ich für Euch noch ein kräftig Codicillum durchdrücken.

Corbaccio

Diese Verschwender, (antastend) Gold, echtes Gold ...

dreihundert Zechinen ... ich habe nichts mehr ... bin arm ...

Mosca

Vielleicht diesen Ring ...

Corbaccio

Ring! ... Dreißig Karat ... Tausend Zechinen wert ... Selbst hab' ich hundertzwanzig dafür gegeben ... nein ... nein ... zu viel ... zu viel.

Mosca leise schmeichelnd

Ist doch nur für ein paar Stunden. Kaum, daß er kalt ist, zieh' ich ihn ab von der Leiche!

Corbaccio hinstarrend

Wahr ... ist ja schon dreivierteltot ... da nimm, zeig' ihn, wacht er noch auf ... und stirbt er, bringst ihn zurück ... da ... da hast du, (gibt ihm Geld) gleich zurück ... gleich vom Finger, ehe ihn einer sieht ... da, nimm ihn ... (Ängstlich) Schöner Ring, schön, blank, Feuer ... warte, warte ... ich tausch' ihn noch aus ... bring' nachmittags andern mit Sprung ... er merkt's ja nicht mehr ...

Mosca

Ist ja stumpf wie ein Mühlstein schon. Aber geht jetzt, sonst merken's die andern.

Corbaccio

Wär' das beste, stürbe gleich ... regt mich auf ... Wieder tausend Zechinen ... schöner Ring ... schwere Geschäfte ... schwere Geschäfte ... Murmelnd ab.

Volpone vom Bett sich aufrichtend

Ist er fort?

Mosca

Der Geizteufel hat ihn geholt.

Volpone

Verschließ die Tür! (Aufspringend, die Decken von sich werfend.) Ah, das war höchste Zeit, daß du sie fortjagtest, der Bauch platzte mir schon vor Lachen. Wacker, mein Bursche, du solltest Barbier werden, famos hast du sie eingeseift und die Schröpfköpfe angesetzt, brav sie an der Gurgel gewetzt und zur Ader gelassen – wir haben schöne Morgenarbeit getan, bequemer, als eine Kirche zu räubern oder mit Makrelen zu handeln. Laß mal sehen: den Becher da, Herrn Voltores Gabe, den schenk' mir voll mit Wein, komm, mein Ringchen, gleich an den Finger, daß dich nicht friert, und ihr, meine muntern Zechinen, macht klimprige Tafelmusik, denn nun, Mosca, Zuckerjunge, wollen wir frühstücken nach getaner Arbeit; wir wollen schmausen wie Römer, trinken wie Deutsche und faul sein wie Spanier: ach, das Leben tut sich doch leicht, solang der liebe Herrgott die Dummköpfe wachsen läßt wie die Disteln.

Mosca hat den Tisch herangerückt, sie setzen sich nieder

Daß Ihr nur endlich einmal guter Laune seid und Euch's wohl sein laßt: jetzt habe ich erst mein Behagen, bei Euch Schmarotzer zu sein.

Volpone

Du weißt ja, Junge, mir schmeckt's erst, wenn ich mir die Kehle gesalzen habe: so eine pfeffrige Bosheit vorher, so eine saftige Schurkerei, dann erst hab' ich den rechten Appetit. Gibt's einen bessern Trunk als aus gestohlenem fremden Becher? Eure Gesundheit, Meister Voltore! Und sorgt Euch nicht zu sehr um die meine: ich will euch alle noch siebenundsiebzigmal so krank machen, als ihr mich vermeint. Oh, ich werde euch noch Skorpione in die Stiefel stecken, die Zähne werd' ich euch ausbrechen und die Zunge den Hunden zu fressen geben: Ihr sollt Volpone noch kennen lernen! (Zu Mosca) Seit Wochen hat's mir nicht so gemundet: es gibt doch kein besser Gewürz als den Neid. Auf mein Wohl, Messer Corvino, auf mein Wohl, Messer Corbaccio!

Mosca

So hab' ich Euch gern! So seh' ich Euch gern!

Volpone

Ja du, mein Junge, ich weiß, du wünschst mir auch nicht Würmer in den Leib und den Sargdeckel über den Kopf. Du bist mein Mitsaufer, mein Mitfresser, mein Mithurer, mein Mitschwindler. Aber daß die mich nicht pokulieren sehen können, das wurmt mich eigentlich. Diese Aasjäger, diese Leichenfledderer, diese verlogenen Hunde, wenn ich ihnen nur noch eins auf den Pelz brennen könnte, daß ihnen die Knochen knacken! Ah, diese Schufte!

Mosca

Trinkt, trinkt, hitzt Euch mit Wein und nicht mit der Galle. Das wißt Ihr doch längst, daß sie Schufte sind ...

Volpone

Aber warum sind sie nicht ehrliche Schurken? Warum kommen sie nicht herein und sagen (er verbeugt sich vor der Truhe) Ich liebe dich, Geld des Volpone, ich will dich, Geld des Volpone! Warum betteln sie nicht bei mir, warum beschenken sie mich und lügen mir das Zimmer voll, diese Schurken, diese Roßtäuscher, diese ausgefeimten Süßlügner, diese ... diese ...

Mosca

Aber Herr, Ihr ärgert Euch ja schon wieder! Wir wollten doch fröhlich sein: wartet, ich lasse den Musikus aufspielen und Weiber holen ...

Volpone immer mehr sich erbitternd

Nein ... mir wird nicht wohl, ehe ich diesen Aasjägern noch eins ausgewischt habe. Ich war noch zu gut zu ihnen, zu sanft: nur gezwickt haben wir sie, nur gekitzelt, aber die muß man stäupen und brennen wie die Galeerensträflinge. Ich muß das Gerippe noch schütteln, das an mir gerochen hat, ob ich schon faule, und dem andern für sein Schlafmittelchen ein paar Träume geben, die ihm ein Fegefeuer in den Nieren aufzünden! Mosca, Zuckerjunge, denk nach, was könnte man ihnen noch antun, denk nach ...

Mosca

Erst muß ich mir den Mund mit Wein von den vielen Lügen spülen. Laßt ihnen Atem für heute ...

Volpone

Nein, mir wird erst wohl, wenn ich weiß, daß ihnen die Gurgel brennt. Denk nach, Junge, du bist ja ein gerissener Halunke, und darum mag ich dich. – Da sieh! Corbaccios Zechinen, da ... zehn ... nein, zwanzig goldene Ochsenaugen sind für dich, wenn du was findest ... aber etwas, das wie Pfeffer brennt ...

Mosca

Hallo: Zwanzig Zechinen! Wartet, das schmiert gleich die Maschinerie da oben ... Laßt sehen ... Corbaccio also und Corvino ... Corvino, wo faßt man den? Dort, wo er am kitzligsten ist, natürlich. Geld – nein! – Die Würmer haben wir ihm schon aus der Nase gezogen, aber eifersüchtig ist er, ich sagt's ja, wie ein Doppeltürke ... wartet ... wie wäre es, wenn man ihn so lange narrte, bis er selbst Euch die Frau zur Hornung brächte ...

Volpone

Seine Frau? ... Unmöglich.

Mosca

Meint Ihr? Ich krieg's zustand. Der ist ja so bocksgeil auf Euer Geld, daß er seinen Vater in die Galeeren verkaufte: warum nicht die schöne Colomba Euch leihen für eine Nacht? Was gilt's, er bringt sie, bitten wird er Euch, sie zu nehmen, bis aufs Bett schiebt er sie hin ...

Volpone

Herrlich! Herrlich! Zwanzig Zechinen noch, wenn du den Lumpen dafür köderst! Und Corbaccio: irgendeine Erzschurkerei gegen das Gerippe, daß es aus den Fugen geht ...

Mosca

Corbaccio? Laßt mich nachdenken! Geld ist aus ihm keines mehr zu holen, er ist zäh wie Kuhfleisch mit den Zechinen ... Aber wartet! Ja, ich hab's! Er meint Euch todkrank, er hofft Euch zu überleben, dieser Kirchhofsanwärter, dieser ausgeborgte Leichnam: da müßte man ihn packen. Was dächtet Ihr, ihm einzureden, er solle Euch zum Erben einsetzen, um der Eure zu werden: da sackt Ihr dann alles ein auf einen Ruck, und sein Sohn, der Capitano, dieses Großmaul, mag Werg fressen und trockene Heringe.

Volpone

Laß dich umarmen! Kriegst du's zustand, schenk' ich dir die Hälfte, und du kannst dir selbst Schmarotzerchen halten, so kluge, hurtige, wie du einer bist. Herrlich, herrlich – so eine saftige Bosheit wärmt besser als Branntwein. Ah, die Menschen, die reden immer von der Bosheit wie die Türken vom Wein, sie verachten sie, weil sie zu feig sind dazu: wenn die wüßten, wie das die Sinne kitzelt, wie's einem in die Füße fährt, daß man tanzen möchte. Ah, prächtig, prächtig! Aber jetzt flink, mein Junge, flink gelaufen ...

Mosca

Wie denn? Doch nicht heute morgen! Heute haben wir, weiß Gott, schon genug gescheffelt.

Volpone

Nein, nein: sofort. Ah, mich juckt's schon, das Gelbe in ihren Augen zu sehen und ihnen die Galle herauf zukitzeln. Sofort, sofort! Ich mal' mir's schon aus, haha, der eifersüchtige Narr, wie er mir die Frau ins Bett schiebt: vor seinen Augen will ich ihm die Hörner anprobieren. Herrlich, herrlich, mir ist so sauwohl jetzt, ich könnte tanzen ...

Mosca

Und ich soll wieder springen. Habt doch Mitleid mit mir, Mitleid mit ihnen!

Volpone

Hätte ich je Mitleid gehabt, so hätte ich kein Geld. Mitleidige Menschen enden im Armenhaus, und bei guten Leuten trinkt man keinen so guten Wein wie du bei mir. Vorwärts: Beine gemacht!

Mosca gähnend

Oh ... schon wieder fort ... wieder lügen ... oh ...

Volpone wütend

Vorwärts, habe ich gesagt! Vorwärts: Schmeißfliege, brumm! Oder ich mache dir Beine!

Mosca faul

Oh, wann werde ich einmal ausruhen können! Gott gebe Euch eine neue Galle, oder mir einen neuen Gönner!

Es klopft.

Volpone

Wer ist es schon wieder? Sieh nach!

Mosca sieht hinaus

Gleich, gleich! Ich gebe ihm nur noch ein Klistier!

Kommt höhnisch grinsend zurück.

Volpone

Wer ist es?

Mosca

Euere hochedelgeborene Braut Canina.

Volpone

Meine Braut – diese Hure.

Mosca

Ei, sie will Euch doch ehelichen: Hat mehr getan für Euch als alle andern. Hat dreimal umsonst geschlafen mit Euch, was sie niemals getan hat seit ihrem zwölften Jahr.

Volpone

Ich will sie nicht sehen, das zudringliche Luder, schick' sie weg.

Mosca

Versucht's doch selbst, ein heiratswütiges Weibsbild wegzuschicken, so tüchtig sind keine neunzig Teufel.

Volpone aufstampfend

Ich will sie nicht, diese Klette!

Mosca

Ach, ärgert Euch nur ein wenig, damit Ihr wißt, wie die Wut den andern schmeckt. Da kommt sie schon herauf; rasch auf Euer Lager!

Volpone

Du Lump, du machst dir deinen Spaß mit mir. Aber sie wird sich irren. Ich stell' mich schlafend und sprech' kein Wort, bis sie fortgeht. Legt sich wütend auf sein Lager, zieht die Vorhänge zu.

Canina, üppige, geschmückte Hure, einschmeichelnd zutraulich, tritt hastig ein

Guten Morgen, Schmarotzerchen!

Mosca

Guten Morgen, Hürchen!

Canina

Wie geht's unserem Gebieter?

Mosca

Lausig, lausig! Er schläft jetzt. Ihr kommt vergeblich.

Canina

Ach was, dann warte ich, bis er aufwacht. Unsereins hat Geduld gelernt bei den Männern.

Mosca leise

Das gönne ich ihm. (Laut) Aber sag' einmal, eifrige Dienerin der Aphrodite, was ist dir eigentlich in den Schopf gefahren, daß du diesen alten, mürrischen, todkranken Kujon durchaus heiraten willst? Bist doch reich, hast Geld wie Heu, jeden Abend drei andere zärtliche Gäste, ein Geschäft, besser als der Papst – was reitet dich der Teufel, den Trauring zu tauschen mit einem solchen Murrkopf, wird dir doch todlangweilig sein.

Canina

Ach, Schmarotzerchen, das verstehst du nicht, langweilig – hab' auch erst gedacht, muß langweilig sein, immer denselben Mann zu haben. Aber siehst du, wenn man so seine zwölf Jahre immer andere hat, jede Nacht, und jeder will und sagt und tut dasselbe, das wird auch langweilig mit der Zeit. Ich hab' genug davon. Und da dacht' ich mir, versuchst es einmal mit einem Mann, am besten mit einem, der krank ist, der gibt einem Ruh in der Nacht, aber schläft doch bei einem – und ans Alleinschlafen kann ich mich nicht gewöhnen – und lang lebt er auch nicht, der arme, gute Volpone, warum soll ich's nicht einmal probieren?

Mosca

Nicht so übel gedacht!

Canina

Und dann, dir sag' ich's, Schmarotzerchen, ich bin nicht ganz in Ordnung. Vor drei Monaten, du erinnerst dich, wie die siegreiche Flotte kam von Cypern und wir hatten die Türken hingemacht, da war so ein Wirbel, so eine vaterländische Begeisterung, und da hatten wir alle den Kopf verloren – na, und ich glaube, ich bin da um ein Endchen zu begeistert gewesen und zu wenig vorsichtig: ein paar Monate, und der Staat wird einen kleinen Soldaten mehr haben. Siehst du, und meine Großmutter war ein uneheliches Kind und meine Mutter wieder und ich schon wieder: das muß einmal ein Ende nehmen. Nicht wahr, du verstehst mich und hilfst mir, daß er mich heiratet – weißt du, nur so so, nicht wahr, du redest ihm zu?

Mosca

Aber gewiß.

Canina

Du darfst dann auch ein bißchen schmarotzen bei mir, bist ein hübscher Junge, und wenn du ihm beim Wein hilfst, kannst ihm auch bei der Frau nützlich sein. Aber nicht wahr, du drängst ihn, denn was tu ich, wenn er vorher stirbt – war zwar ganz rüstig, als er bei mir schlief, aber jetzt: mein Gott, was tu ich, wenn er vorher stirbt?

Mosca

Kriegst hundert andere.

Canina

Ich weiß keinen.

Mosca

Ich werde dir einen sagen: den alten Corbaccio, ist reich wie eine Elster, alt wie Methusalem und noch scharf auf die Weiber. Geh jedenfalls auch zu dem, zeig' ihm deinen Schmuck, das macht ihn munter – hast dann zwei Eisen im Feuer ...

Canina

Du bist ein süßer Junge, ich hab' dich lieb – glaub' mir's, du wärst der erste, mit dem ich's umsonst tät' seit zwölf Jahren. Ausgezeichnet, ausgezeichnet: ich lauf' von Volpone gleich hin zu Corbaccio. Und du kriegst einen Kuß als Aufzahlung, und wenn du mehr willst, auch mehr ...

Mosca

Muß leider weg! Hab' Dienst! Dringende Geschäfte, nicht so süß wie deine Lippen.

Canina

Und ganz allein soll ich dableiben?

Mosca

Setz' dich zu ihm ans Bett.

Canina nähert sich dem Bett

Aber er rührt sich ja nicht. Er wendet mir den Rücken zu. Er schläft. Hör', wie er schnarcht. Soll ich da so sitzen und warten, bis er aufwacht, der träge Gesell – oh, wie er schnarcht! ...

Mosca schon bei der Tür

Bleib sitzen, bleib sitzen, gewöhn' dich nur still zu bleiben, während der andere schläft, gewöhn' dich beizeiten – so hast du wenigstens einen Vorgeschmack vom Ehestand mit einem alten Mann.

Illustration: Beardsley

Szene 2

Corvinos Haus. Einfach eingerichtetes Zimmer.

Colomba, Gattin Corvinos, hübsche junge Frau, sitzt am Stickrahmen und näht.

Corvino kommt herein, von rückwärts leise heranschleichend, plötzlich auf Colomba los

Wo warst du heute morgen?

Colomba aufschreckend

Herr Jesus!

Corvino

Aha, du erschrickst! Ganz blaß bist du geworden. Faßt sie an. Wo warst du, du Betrügerin? Mit wem warst du, du Kirchenstreicherin, du Erzhure?

Colomba

Um des Himmels willen ... wo sollte ich gewesen sein, denn hier im Hause ...

Corvino

Haha, hier im Hause! Und da wirst du so blaß? Dein Erschrecken hat dich verraten.

Colomba

Wie sollte ich nicht erschrecken, wenn Ihr wie ein Tiger auf mich losfahrt.

Corvino

Im Hause warst du ... und das soll ich dir glauben am Ende?! Schwöre es mir, sofort, oder ich erwürge dich ... Schwöre mir, da vor dem Kruzifix, daß du heute das Haus nicht verlassen hast. Her! Er zerrt sie hin.

Colomba

Aber was habt Ihr denn? Ich schwöre gern beim lieben Heiland und seinen schmerzlichen Wunden, ich schwör's bei der gütigen Madonna, daß ich das Haus heute nicht verlassen habe. (Weinend) Glaubt Ihr mir nun?

Corvino

Der Teufel soll euch glauben! Wenn der euch einmal im Leibe sitzt, dann schwört ihr auch Himmel und Erde zusammen. Aber mich belügt man nicht. Faßt sie an. Wann hast du Mosca zum letzten Male gesehen?

Colomba weinend

O weh, Ihr tut mir weh! Ich kenne ja gar keinen Mosca.

Corvino

Kennst ihn nicht! Haha! Nur frisch darauf losgelogen! Kennst ihn nicht! Aber wieso kennt er dich, mein Täubchen, nennt dich schön, weiß, daß du jeden Freitag in die Kirche gehst, dich herumtreibst bei der Predigt? Und wie der Kerl gezwinkert hat: er weiß noch mehr!

Colomba

Jesus, welche Verleumdung! Was habe ich ihm getan, dem fremden Mann, daß er meine Ehre erniedrigt! Möge Gott ihm verzeihen! Hier bin ich gesessen den ganzen Morgen, hier beim Fenster ...

Corvino neuer Wutausbruch

Beim Fenster! Ah – offen! Er schlägt es klirrend zu. Hab' ich dir nicht hundertmal verboten, dich beim Fenster zu zeigen?

Colomba

Es war so dumpf, da hab' ich es ein wenig aufgetan ...

Corvino

Um dich den Laffen zu zeigen, zu parlieren, Blicke zu schmeißen, Zeichen zu tauschen, Briefe zu angeln. Ah, ich weiß, das Geschmeiß setzt sich gern auf den Honig; wo eine Frau sich am Fenster zeigt, da klirren sie mit dem Degen vorbei und klimpern mit den Mandolinen, diese Müßiggänger. Und der Müßiggang macht sie geil, und weil sie geil sind, gefallen sie den Weibern. Daß es keine Galgen gibt für diese aufgeplusterten Strauchdiebe, diese Straßenräuber der Ehre, die müßig um die Häuser streichen, während ehrliche Männer ihr Tagewerk treiben! Hundertmal hab' ich dir's verboten, die Brüste beim Fenster hinauszuhängen! Sie wieder anpackend. Wie viele waren da? Hast du gesprochen mit einem? Haben sie dir Kupplerinnen hinaufgeschickt? Wie lange warst du beim Fenster?

Colomba

Aber Herr, nicht einen Blick habe ich hinausgetan, glaubt mir doch! Hier saß ich mit dem Nähzeug, hundert Zoll weit vom Fenster, so, wie Ihr mich gefunden habt.

Corvino

Hunderttausend Zoll tief sitzen euch die Lügen im Leibe, aber ich werde sie schon herauskriegen! Mein Gott, was soll man tun: zwei Augen sind zu wenig, um ein Weib zu überwachen! Ah, wenn ich Geld hätte, wenn dieser Volpone nur schon einmal verreckte! Reich muß man sein, reich, nur den Armen stiehlt man die Weiber! Geld muß man haben: dann lass' ich die Fenster vermauern, kauf mir ein Haus mit einem Garten nach innen, dort kannst du dann dein Lüftchen haben, und ich halte mir Diener und Eunuchen und Aufpasser, zwanzig Augen zu meinen zwei, die auf dich wachen, und ich werde ruhig schlafen können. Oh, dieser Volpone, wenn er schon endlich den Atem ausgeblasen hätte! Zu Colomba Noch einmal, wenn ich das Fenster offen finde, zerprügle ich dir alle Knochen: hur' mit deinen Gedanken, wenn du schon huren mußt, aber nicht mit deinen Augen! Eine Ehre hab' ich und die lass' ich mir nicht stehlen!

Colomba

Aber Herr, warum dieses Mißtrauen? Niemand kann ein Wort über mich sagen ...

Corvino

Er hat gelächelt ... er hat hündisch gelächelt ... und man darf nicht lächeln, wenn man von mir spricht ...

Es klopft.

Colomba

Soll ich öffnen?

Corvino

Hinein mit dir ins Zimmer! Fährst gleich los, ungeduldig, dich einem Mann zu zeigen. Hinein mit dir! Wart', bis ich dich rufe!

Colomba gekränkt in die Seitentür ab, Corvino öffnet.

Mosca tritt ein.

Corvino

Ist er tot?

Mosca

Im Gegenteil.

Corvino

Was heißt das? Willst du mich narren?

Mosca

Lebendig ist er, springlebendig sogar: Ich fürchte, der Teufel hat Eure Dukaten geholt.

Corvino stammelnd

Wie ... wie ist das möglich ... habe ihn doch heute selbst gesehen ... hatte doch nicht mehr Atem für einen Dreier im Halse ...

Mosca

Und jetzt geht's ihm gut, er strotzt, er prunkt, er prahlt, er platzt vor Lebendigkeit. Denkt Euch, er war schon ganz blau im Gesicht und fuhr mit den Augen um, daß ich glaubte, sie springen aus wie beim Ballspiel – da fällt's diesem Esel, dem Diener, bei, einen Arzt zu holen, einen jüdischen Arzt, und der läßt ihn ein Arcanum schlucken, murmelt dazu die halbe Cabbala, und auf einmal – klapp! – springt Messer Volpone auf, schreit und lacht und ist gesund wie Ihr und ich!

Corvino

Sag' ich's nicht immer, man soll sie brennen und austreiben, diese verdammten Juden! Überall müssen sie sich einmengen! Und jetzt ist ihm wirklich wohl?

Mosca

Sauwohl, sage ich Euch, er schmatzt nur so von Wohlbehagen. Und denkt Euch, kaum steht er auf, kaum springt er um, kaum hat er den Todesschweiß abgewischt von der Stirne, was meint Ihr, verlangt er? Nach einem Weibe verlangt er, sofort, sofort, er wolle seine Kräfte proben, es jucke ihn, er fühle sich lüstern und stark. Der jüdische Arzt, der alte, nimmt mich zur Seite und murmelt, das wäre gefährlich, sein Wohlbefinden stünde auf schiefen Beinen nach solcher Cura magica, und nichts schwäche dermaßen als der Genuß des Weibes, leicht würde er Apoplexia zur Folge haben, Schlagfluß, mein' ich, heißt das – aber der alte Geilbock gibt keine Ruhe, wiehert wie ein Hengst, heute noch müsse er ein Weib haben, und schon sagt er mir, ich solle ihm eines schaffen, ein sanftes, appetitliches Weibchen ...

Corvino

Verdammt! Aber wenn's ihm schadet, warum nicht! Apoplexia, habe ich auch gehört, befällt häufig die alten Männer gerade im schönsten Übereinander! Ja, hol' ihm eine ausgiebige, eine von der Merceria, eine ausgepichte, kämpferische Hure und möglichst eine, die die Franzosen hat ...

Mosca

Da braucht' ich nicht weit laufen in Venedig, um so eine zu finden! Aber Ihr kennt ihn ja, er ist geizig, umsonst möcht' er eine haben ...

Corvino

Umsonst ... da kann er lange warten.

Mosca

Ihr irrt ... Ihr wißt ja nicht, wie gierig, wie habsüchtig die Menschen sind ... Kaum hört's der Krämer nebenan, so läuft er schon zu, er wolle heute abend seine Tochter schicken, neunzehn Jahre alt, rassig wie ein junger Panther und eine von den sieben sichern Jungfrauen Venedigs ... heute abend will er sie ihm bringen, sanft und gefügig, gebadet und gesalbt, der eigene Vater, und dann ... deshalb kam ich Euch warnen ... dann ade, liebe Erbschaft. Denn Ihr wißt ja, der liebe Gott hat den Weibern ein Argument zwischen die Beine getan, das ist beredsamer als Demosthenes und hat schon mehr Dukaten geschluckt als alle Herzöge Mailands ...

Corvino wie betäubt

Donner ... Donner ... heute abend sagst du ... die Tochter, die eigene Tochter ...

Mosca ihn beobachtend, scheinbar gleichgültig

Ja, ja, das ist ein starker Hieb, der gute Krämer weiß, was er will, zieht mit einem Strich die ganze Erbschaft in seine Ladentruhe – besser kann man Freundschaft nicht beweisen ... Nun, ich meint', ich müßt's Euch eilig melden. Erleuchte uns der Herrgott, wie man diesem Schlaukopf vorausrennt.

Corvino noch immer betäubt

Donner ... Donner ... die Tochter ... die Erbschaft ... heute ... heute ... heute abend ...

Mosca noch immer ganz locker

Je nun, ich meint', ich müßt' Euch's sagen. Und jetzt lebt wohl!

Corvino hastig

Nein! ... Wartet! ... Bleibt! ... Einen Augenblick ... O Gott ... Sagt Herrn Volpone ... nein! ... wartet ... sagt ... sagt ihm ...

Mosca

So stammelt doch rascher! Hat ohnehin alles keinen Sinn – er denkt bloß mehr an die Weiber.

Corvino

Um Himmelswillen ... wartet ... habt Ihr nicht gesagt, meine Frau ... meine Frau ...

Mosca

Nun, Eure Frau, was ist's mit ihr?

Corvino

Die sei schön ... sie ist jung ... und Ihr wißt ja, ich bin der Freund Volpones, sein nächster Freund ... nicht wie dieser Krämer ... wäre es da nicht eigentlich meine Pflicht ... ich meine, um ihn zu genesen ..., daß ich ..., daß ich ...

Mosca

Was, daß ich ...?

Corvino

Daß ich sie zu ihm sende ... Was dieser Zudringling für den Fremden, das kann ich auch tun für meinen Freund ... besser er als so ein Edelbube, der alle achtunddreißig Kupfer Aretins mit ihr durchprobiert ... Volpone ist ein rechtschaffener Mann, er ist mein Freund ... sagt ihm, damit er sehe, wie sehr ich sein Freund bin, bringe ich ihm heute Colomba.

Mosca sich erstaunt stellend, ihn umarmend

Das wolltet Ihr tun? Oh, ein göttlicher Gedanke, unübertrefflich, Ihr seid der Listigste von allen! Ein ganzes Leben in Reichtum für eine Stunde – und die Toten reden nicht. Meisterlich! Aber eilt nur, eilt, damit wir den Krämer ausstechen!

Corvino

Gleich komme ich. He, du Erbschleicher, dein Jüngferlein wird verschlossene Türen finden.

Mosca

Oder ich übernehm's, meinen Herrn bei ihr zu vertreten.

Corvino

Also, lauft voraus und sagt ihm ... ja, sagt ihm, ich sei beglückt, von seiner Genesung zu hören, und mein erster Gedanke sei gewesen ...

Mosca

[Eine Zeile Text fehlt in Buch. Re]

Corvino

Das Teuerste, was ich habe, ihm anzubieten. Ihm alles zu geben ...

Mosca

Um alles zu kriegen ... verstehe. Ihr wißt, ich kann Worte setzen. Aber kommt nicht zu früh, ich muß noch hinüber, Corbaccio die Galle rösten. Ach, wenn Ihr wüßtet, was für ein Spaß das ist, diese habsüchtigen Erbschleicher zu prellen!

Corvino

Das glaub' ich!

Mosca

Und das Lustigste ist, daß keiner es merkt. – Also in einer Stunde mit Colomba! Ihr seid doch der Klügste von allen, Ihr scheffelt's ein! Lebt wohl.

Flink hinaus.

Corvino geht finster auf und ab. Endlich zur Zimmertür hin, sehr süß und zart Colomba hereinführend

Ach, Colomba, du weinst ja! Hab' ich dich gekränkt, mein Täubchen – verzeih mir's. Ist doch nur Liebe, wenn ich dich so quäle, und diese argen Menschen wissen's, wie herznah du mir bist, da zotteln sie mich auf und hetzen mich und verwunden mich, bis ich Narr lostölple. Und weiß doch immer dabei, ein wie sanftes, gutes Weibchen, welches Turteltäubchen ich an dir habe. Verzeih mir's, Colomba, wenn ich dich gequält habe.

Colomba

Daß Ihr nur wieder gut mit mir sprecht! Oh, wie oft habe ich zur lieben Madonna gebetet, sie möge Euch heilen von Eurer grundlosen Eifersucht.

Corvino

Ich – eifersüchtig! Da müßtest du andere Männer kennen, die sperren ihre Frauen ein, lassen sie bewachen und legen ihnen eiserne Gürtel zwischen die Beine, wenn sie über Land ziehen. Ich – eifersüchtig! Nun, du sollst sehen, ob ich eifersüchtig bin – diesen Wahn will ich dir nehmen. Du sollst nicht mehr meiner spotten – ich will dir eine Probe geben, mir selbst eine Probe geben, wie sehr ich dir vertraue, mein Täubchen! Komm, ziehe dich an, schmücke dich, mache dich schön – ich will dir beweisen, daß Corvino nicht der Eifersüchtige ist, für den du ihn nimmst. Komm!

Colomba ängstlich

Wohin soll ich gehen?

Corvino

Zu meinem Freund, zu Volpone. Du sollst ihn pflegen in seinem Gebrest – ich vertraue ihn dir an. Ah, du sollst erkennen, wie großmütig Corvino ist, wie wenig verwirrt von Mißtrauen und böser Sucht: allein lasse ich dich diesen Tag in seinem Haus, dann beschuldigst du mich wohl nicht mehr der Eifersucht.

Colomba

O heilige Dreifaltigkeit, ich soll allein bleiben mit einem fremden Mann.

Corvino

Er ist krank, er ist schwach, er ist mein Freund – ich vertraue euch. Du wirst ihn pflegen auf seiner Lagerstatt ...

Colomba

O weh, er liegt im Bett?! Meine Mutter hat mir gesagt, ich solle nie mit einem Mann allein bleiben in einem Zimmer, wo ein Bett steht oder eine Lagerstatt.

Corvino

Hol' des Teufels Mutter deine Mutter! Ich will, daß du gehst, und damit basta.

Colomba weinend

Aber zu einem fremden Mann in einem fremden Haus! Welche Schande!

Corvino

Schande ist nur, was die andern erfahren. Wo niemand nichts weiß, gibt's keine Schande.

Colomba Aber wenn er etwas tut gegen meine Ehre?

Corvino

Deine Ehre ist meine Ehre; wenn er sie verletzt, werd' ich mich schon wehren, kümmer dich nicht. Arme Leute haben keine Ehre. Wenn ich reich bin, werde ich mir Diener halten, Gondeln, Pferde, Silbergeschirr und eine Ehre: das ist ein Luxusartikel für reiche Leute. Aber zum Teufel mit dem Geschwätz: den Mantel um, so, den Busen offen, die Ärmel aufgestreift, da, noch ein paar Blumen, und das rate ich dir: mach' ein freundliches Gesicht, sonst wirst du meines wenig freundlich finden ... Und jetzt vorwärts zu Volpone! ... Er zieht die Geängstigte gewaltsam fort.

Illustration: Beardsley

Szene 3

Haus Corbaccios, einfache Einrichtung, Kästen und Eisentruhen.

Corbaccio, die Brille die Stirn hinaufgeschoben, zum Diener

Sie ist vornehm, sagst du, was will sie dann bei mir? Sie ist in einer Sänfte gekommen, dann braucht sie kein Geld. Vorsicht! Mag nichts Ungewisses! Ruf sie herein.

Diener führt Canina herein

Canina

Messer Corbaccio, ich hoffe, ich störe nicht Euren Schlummer.

Corbaccio

Keine Zeit zu schlummern ... Geschäfte ... Geschäfte ... Womit Euch dienen?

Canina

Erlaubt, daß ich mich setze, ich bin müde ... ach, ich bin müde dieses irdischen Lebens; was gilt das alles? Ich bin ja reich, aber es macht mich nicht glücklich. Ich bin schön, sagen sie, aber das vergeht. Verzeiht, daß ich von all dem rede – aber ich will meinen Schmuck abtun, ehe ich zu den frommen Schwestern eintrete, eine der ihren zu werden, will mir mit Wohltun ein Plätzchen im Paradies erkaufen. Und nun sagte man mir, die Juweliere Venedigs seien alle Preller und Beutelschneider, ich möchte vorerst einen redlichen Mann aufsuchen, der den Schmuck auf den Wert schätze, keinen Levantiner, keinen Griechen, keinen Juden, keinen von den Aasgeiern des Rialto, sondern einen ehrlichen, christlichen Kaufmann, und da nannten sie Euch.

Corbaccio

Nannten mich ... wundert mich ... wüßte gern, wer das gewesen ... Aber Euch zu dienen ... schätze gegen einhalb vom Hundert, aber schätze nur ... nicht daß Ihr meint, leihe dann vollen Betrag oder zahle ihn ... nein, nein ... höchstens auf Hälfte ...

Canina

Wie klug! Wie gerecht! Wie Ihr das alles klar zu machen versteht. Ja, die Erfahrung! Nur das Alter hat Reife. Also vorerst diesen Ring da legt ihm ihre Hand auf die seine ... Ach, was Ihr für kalte Hände habt, Ihr Armer, oh, keinen Pelz tragt Ihr – ich werde Euch meinen senden ... oh, ich sehe schon, niemand sorgt für Euch.

Corbaccio hat die Brille heruntergelassen, die Hand fühlend

Ah, weich, warm ... Sich besinnend, den Stein betrachtend Schöner Stein ... guter Stein ... echt ... reines Feuer ... indischer Demant ...

Canina bescheiden

Ist nur einer von den kleinen: morgen zeig' ich Euch die andern.

Corbaccio

Wertvoll ... wertvoll ... zweitausend Zechinen unter Brüdern ...

Canina sich erstaunt stellend

So viel Geld, o Jesus, dieser kleine Ring ... Seht nur einmal diese Rette. Sie öffnet sich das Kleid und entblößt den Busen, hält ihn ganz nahe hin.

Corbaccio taumelnd, stammelnd

Gold ... schweres Gold ...

Canina

Aber hier den Anhänger ... zieht ihn heraus ... komm, Vögelchen, aus dem warmen Nest! Sie zieht aus dem Busen den Anhänger.

Corbaccio auf den Busen starrend

Warm ... ah, warm ... weiß ... ah ... ah ... Er reißt sich das Halstuch auf, starrt wieder hin. Ah ... schön ... schön ...

Canina an ihn heran

Wie meint Ihr, Lieber? ... Findet ihn schön?

Corbaccio sich aufraffend

Dreitausend Zechinen die Kette ... achttausend das Geschmeide ... Wieder lüstern sich ihr nähernd. Darf ich zurückgeben?

Canina

Tut ihn nur wieder hinein, den Findling, zwischen die beiden Schwestern! Hält ihm den Busen hin, Corbaccio nestelt mit zitternden Händen den Anhänger zurück. Sind ja nur kleine Sachen, hab' viel Besseres zu Hause. Aber ich verkaufe alles, Ihr müßt mir helfen. Was tue ich mit dem Tand? Ist ja freudlos das Leben, wenn man niemanden hat, nicht Mann, nicht Kind, nicht Bruder, nicht Schwester, nur Geld, kaltes Geld ...

Corbaccio an sie heran

Und Ihr ... habt niemanden? Keinen Anhang ... nicht Verwandte, arme Verwandte ...?

Canina kläglich

Niemanden, niemanden!

Corbaccio

Und wollt ins Kloster?

Canina

Was sonsten? Wollten mich manche zur Frau, aber ich mag sie nicht, diese jungen Burschen, diese Flaumbärte, diese Prahlhänse, ich weiß, sie wollen alle nur mein Geld. Und ernste, ehrenwerte Männer, redlich, erfahren, wo findet man sie?

Corbaccio sich räuspernd

Findet sie schon: gehn nur nicht auf die Straße ... besorgen ihr Geschäft ...

Canina

Ach, wie wahr Ihr redet! Jedes Wort, das Ihr sagt, hat Korn, Euch kann man vertrauen. Nähert sich ihm vertraulich.

Es klopft.

Corbaccio wütend

Ei, der Daus ... Wer schon wieder? ... Schick' sie fort ... Später mit den Pfändern kommen! ... Wichtige Geschäfte ...

Diener

Herr, es ist Mosca, und sehr dringlich.

Corbaccio

Mosca ... ah, er tot ... ah, ah ... Zu Canina Verzeiht ... komme morgen ... wichtige Geschäfte.

Canina

Ich gehe schon ... Auf Wiedersehen, Ihr Lieber. Guter! Bei der Tür Mosca begegnend.

Mosca sich tief verneigend

Ah, Eccelenza, welche Ehre! Euer allerergebenster Diener!

Canina vornehm an ihm vorbeirauschend

Meldet meine Grüße Eurem ehrenwerten Herrn!

Ab.

Corbaccio

Du kennst die Dame?

Mosca

Wie eben unsereins die Vornehmen kennt. Sie ist höllisch reich und ebenso hochmütig: die schenkt einem bürgerlichen Venezianer kein freundliches Wort ...

Corbaccio

Hehe, meinst du? ... Euch Windhunden nicht ... hehe, hat recht. Aber sag' ... was Neues?

Mosca

Herr, ich hab' mir die Sohlen durchgerannt, Euch gut zu berichten: jetzt geht es ums Ganze. In zwei Stunden kommt der Notarius, der Arzt hat mir ein Pulver gegeben, das juckt noch einmal Volponen auf, daß er die Feder führen kann, alles ist bestellt, alles ist bereit – jetzt geht es ums Ganze ...

Corbaccio

Aber doch schon Ring gegeben ... meinen Ring, tausend Zechinen wert ...

Mosca

Und der Goldschmied Battista hat ihn gesehen und flugs noch eine Kette dazugelegt mit Perlen und Corvino fünfhundert Zechinen – oh, sie rennen wie die Hirsche jetzt, sie spüren, der Tod sitzt ihm schon hintenauf ...

Corbaccio

Kette mit Perlen ... fünfhundert Zechinen ... Diese Verschwender ... Was soll ich tun? Hilf mir ... was soll ich tun? ... Hab' nichts mehr ... bin arm ... 1400 Zechinen, mit Zinsen 3000 ... und der Ring ... kann nicht mehr ...

Mosca

Seht, deshalb lief ich her ... ich hätte einen Gedanken ... mindestens zwanzig Zechinen wert.

Corbaccio

Sag' ihn ... sag' ihn ...

Mosca

Ich sagte, er ist mindestens zwanzig Zechinen wert.

Corbaccio

Gebe sie dir ... sag' mir ... sag' ...

Mosca

Ich dächte, wenn ich etwas hätte, das Eure Freundschaft besser bezeugt, dann schöb' ich sie alle mit einem Strich unter den Tisch, diese Narren. Und das müßt Ihr mir geben: es kostet Euch nichts.

Corbaccio

Kostet nichts ... gut ... gut ...

Mosca

Nur zehn Zechinen für den Notarius, daß er wartet, bis ich's ihm bringe ...

Corbaccio

Was bringe?

Mosca

Ei nichts, ein Blatt Papier. Seht, Ihr macht nichts als ein Testament und setzt Volponen ein als alleinigen Erben beim Notarius ...

Corbaccio

Volponen? ...

Mosca

Und ich nehm's zu ihm, blas' die Backen auf und sage: seht das ist einmal ein Freund, seinen Sohn hat er enterbt um Euretwillen, seht, wie er Euch liebt! Und was wird er tun? Setzt Euch ein zum Erben fürs Ganze!

Corbaccio Ich verstehe ... gut ... sehr gut ... aber meinen Sohn enterben ...

Mosca

Ei, doch nur für zehn Stunden, dann ist Volpone tot, und Ihr habt Euren Sohn doppelt reich gemacht: tut's ja für ihn. Ihr überlebt doch Volponen.

Corbaccio

Will ich meinen ... hehe ... will ich meinen ... Oh, vortrefflich und kostet nichts ... ich eile gleich hin zum Notarius ... gleich bringe ich das Blatt ... gleich bringe ich's. Will forteilen.

Mosca

Ihr habt etwas vergessen!

Corbaccio

Vergessen?

Mosca

Die zehn Zechinen für den Notarius.

Corbaccio stöhnend

Viel Geld ... viel Geld ... Da hast du.

Mosca

Und die zwanzig für mich ...

Corbaccio

Später ... später ... gebe dir dreißig, wenn er tot ist.

Humpelt hastig ab.

Mosca ihm nachhöhnend

Klapper nur fort, du dürres Gerippe. Wie das Geld doch die Menschen narrt: wie die Hunde riechen sie einer dem andern am Steiß und bleiben läufig ihr ganzes Leben lang. Verkauft seinen Sohn und der seine Frau: würden den lieben Gott verkaufen, wenn er ihnen in die Finger käme, nur für Geld, Geld, Geld. Ah, überall Geld, da er klopft an die Truhe Geld, stinkend von Schweiß und Blut, eingesperrt, gefangen, da er schlägt an den Schrank wieder Geld, friert im Dunkel, wärmt keine Seele und so nebenan, straßüber, stockauf, stockab und alle Plätze lang, die ganze Stadt, die ganze Welt, überall Geld, Geld, eingesargt, vergraben, versteckt, die Habgier drauf wie ein Leichenstein und der Neid dahinter, tollwütig und mit offenem Maul. Oh, man kriegt schon Lust, euch die Schädel zusammenzuschlagen, ihr Narren, und euch einen Wirbel zu drehen, daß der Veitstanz euch faßt: hab' ich euer Geld nicht – ich pfeif drauf –, so will ich doch meinen Spaß an euch haben.

Leone, Capitano, groß, barsch, laut, tritt ein vom Nebenzimmer, Degen an der Seite klirrend, übertrieben martialisch. Mosca bemerkend

Was treibst du da, du Lump?

Mosca höhnisch höflich

Hab' nicht die Ehre, Euch zu kennen.

Leone

Um so besser kenn' ich dich, wie du siehst, würde dich sonst nicht Lump nennen. Bist doch der Schmarotzer Volpones, sein Ohrenbläser, sein Zutreiber, sein Fußwisch, sein Käsestreicher, sein Afterputzer. Was willst du hier? Hat dir wohl einen Tritt in den Hintern gegeben und suchst neue Krippe bei meinem Vater?

Mosca

Haha, bei Eurem Vater? Seid also Leone! Ein kluges Kind, ein gescheites Söhnchen fürwahr, hat einen Bart wie ein Wald, brüllt wie ein Stier, ist vierzig Jahre und kennt noch den eigenen Vater nicht. Weiß nicht, daß man eher Husten aus einem Toten holt und Samen aus einem Verschnittenen als einen Kupfergroschen aus Corbaccios Tasche!

Leone

Aber etwas willst du hier. Pack eurer Art tut nichts umsonst. Was willst du hier?

Mosca

Möchtet Ihr gern wissen. Aber recht geredet: ich tu' nichts umsonst, ergo sag' ich's nicht, und schon gar nicht, weil Ihr meinem Beruf keine Achtung zollt, der, weiß Gott, so redlich ist wie der Eure.

Leone

Was? Du vergleichst dich, du Speichelfresser, mit mir, dem Capitano, eingesetzt von der Republik? ...

Mosca

Und wir von Gott selber, daß das Geld nicht schimmelig werde, die Welt langweilig und der Sauerteig ins Stocken komme. Wären wir nicht, die Geldbeutel würden platzen, die Huren müßten's aus Liebe tun, die Wirte ihren eigenen Wein saufen und die Reichen ersticken in ihrem eigenen Schmalz: aber wir, wir sind der Aderlaß, wir sorgen, daß das Geld von den Dummen zu den Klugen kommt, aus der Truhe auf die Gasse; wenn wir nicht immer wieder sie aufjuckten, wir Verschwender, wir Schmarotzer – die Welt schliefe ein. Jedem seine Arbeit: Gott hat den Wein zum Trinken gemacht, die Pferde zum Reiten, die Armen zum Ausbeuten, die Weiber ... nun, Ihr wißt ja wozu, die Schafe zum Scheren: und das ist unser Amt, aber dazu muß man Grütze hinter der Stirn haben und nicht bloß drüber einen Federbusch.

Leone

Mir scheint, du wirst noch grob?

Mosca

Höflichkeit spar' ich für die Reichen: Ihr andern kriegt die nasse Brühe.

Leone

Bist kein dummer Junge! Wenn ich einmal reich bin, werd' ich mir ein paar deiner Art halten. Aber so klug bist du doch nicht, aus mir Geld herauszukriegen.

Mosca verächtlich

Aus Euch? Kinderspiel!

Leone

Haha! So spiel's, mein Kind! Da, schlägt auf die Taschen, da krieg' Geld heraus! Tanz' alle Kapriolen vor und schau, ob dir ein einziger Dukaten aus meinem Felleisen nachtanzt!

Mosca

Nun – zum Beispiel. Würdet Ihr mir nicht todgern fünfhundert Zechinen geben, schaffte ich Euch dreihunderttausend?

Leone

Verschaff sie dir doch selbst! Sind doch besser dreihunderttausend als fünfhundert. Bist ein dummer Bauernfänger: kenne diese Späße vom Lager, vergrabener Schatz, haha, kennen wir, wir Soldaten ...

Mosca

Bleibt beim Geschäft. Gebt Ihr mir die fünfhundert am Tag, da Ihr die dreihunderttausend kriegt?

Leone

Ha – warum nicht?

Mosca

Bei Eurer Ehre und Soldatenwort?

Leone

Bei meinem Eid! Aber ehrlich wird das nicht zugehn. Gewiß planst du irgendeine Lumperei?

Mosca gekränkt

Wie tölpisch Ihr fragt! Natürlich eine Lumperei – wie denn anders? Habt Ihr je gehört, daß man so breite Geldpatzen auf ehrliche Art verdiente? Arbeitet den Tag von früh bis nacht, und sie stecken Euch zwei Soldi in die Hand, drei Soldi, und man krepiert auf dem Mist: könnte man solches Geld ehrlich verdienen, würde keiner mehr Maurer sein wollen oder Stadtschreiber. Natürlich nur durch Lumperei.

Leone

Soll dir wohl jemand zur Seite bringen?

Mosca

Wie plump! Brauch' Euch gar nicht dazu. Ist eine ganz unblutige, beintrockene Lumperei: muß Euch nur ein Geheimnis verraten. Aber Ihr schwört, daß Ihr's nicht voreilig nützt.

Leone

Ich schwör's, obwohl man deiner Art nicht schwören soll.

Mosca

Nun, Ihr glaubt, Euer Vater ist reich, das ist wahr; diese schäbigen Truhen lügen mich nicht an, ich riech' das Gold heraus, ich weiß, er ist der Großvezier aller Wucherer, der Papst aller Gurgelzudreher. Aber Ihr glaubt, wenn er stirbt, der Alte, so fällt das Euch zu ...

Leone

Wem denn sonst?

Mosca

Doch da irrt Ihr: er ist gar nicht Euer Vater!

Leone

Was? Willst du meine Mutter verunglimpfen?

Mosca

Wohl Euer Vater – aber Ihr seid nicht mehr sein Sohn. Er hat Euch enterbt. Gerade von hier weg ist er zum Notarius gelaufen und hat einen Erbschleicher zum Erben eingesetzt.

Leone

Einen andern? Mich enterbt? Welcher Halunke hat das zu Wege gebracht!

Mosca

Wie Ihr immer gleich losfahrt! Ich natürlich – im Auftrag meines Herrn, der ihn beerben will. Aber wie Ihr richtig bemerkt habt, ich bin ein Lump und sag's. Euch, damit verdien' ich fünfhundert Zechinen ...

Leone

Das ist nicht möglich: dann soll er in die Hölle fahren, der alte Geizkragen, und ich geb' ihm selbst den ersten Tritt auf die Rutsche. Das ist nicht möglich.

Mosca

Ihr mißachtet eben unsere Kunst: ah, wir haben ihm lustige Kuckuckseier unter die Hirnschale gebrütet. Ist mein Lieblingsspiel, die Geizigen an der Nase zu fassen.

Leone

Aber wenn du gelogen hast und ich meinem Vater zu Unrecht geflucht, renn' ich dir den Degen in die Rippen!

Mosca

Spart Euren Bratspieß für die Türken, könnt's ja selber mit Augen und Ohren sehen und hören. Kommt, ich führ' Euch in Herrn Volpones Haus, versteck' Euch in der Kammer, da könnt Ihr alles belauschen. Aber daß Ihr nicht losfahrt, Ihr habt mir's geschworen. Nun, vorwärts, kommt!

Leone

Ich komme schon und werde Beine machen. Warte, ich hol' nur mein Zeug! Für einen Augenblick in den Nebenraum.

Mosca

Ich glaube wirklich, ich habe da eine kleine Niedertracht begangen, ich weiß nur nicht genau, ob gegen Leone oder Volpone oder Corbaccio, aber sie sollen sich nur an den Haaren fassen. Was geht's mich an: ich werf das Salz in die Suppe, sie sollen sie auslöffeln, und wenn man nur einen rechten Wirbel macht, kommt immer noch der ungebetene Tänzer, der Zufall, und dreht links nach rechts und rechts nach links. Irgendeine freundliche Ahnung sagt mir, daß sie einander nichts Liebes tun werden, aber sie haben recht, jeder von seiner Seite, und ich an ihnen allen meinen Spaß. Also vorwärts, Leone, Ihr werdet allerlei hören und sehen, was noch nicht im Traumbuch steht. Kommt doch endlich, kommt.

Ab mit Leone.

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