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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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In diesem Aemtchen nahm ich meine verstorbne Frau.« – Die Thränen standen ihm schon in den Augen, als er sie nur nennte; und er fuhr schluchzend fort: »Ach, Brüderchen, das beste Weibchen unter der Sonne! Ich möchte heute noch sterben, um sie wiederzusehn: sie war so gut! so treuherzig! wahrhaftig, ich bin nur ein Schurke gegen sie. Daß doch die guten Leute so frühzeitig sterben! das herzeliebe Weib!« Hier brach er in eine Fluth von Thränen aus, die nicht in Tropfen, sondern in Einem Gusse über die Backen herabschossen. Der Strom war noch in vollem Laufe, als der ganze Horizont seines Gesichts sich schon wieder aufklärte. »Ihr ewiges Andenken, Brüderchen!« rief er mit thränenvollen Backen und frölicher Mine und trank.

»O Akante«, murmelte Belphegor, »könnte ich so dein Andenken bey mir erneuern! Aber, du undankbare Schlange –«

»Brüderchen, das Herze springt mir wie ein Lamm, wenn ich nur an einen Buchstaben von ihrem Namen denke.« – Die Thränen ergossen sich von neuem. – »Kein Wunder«, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »daß ich um ihrentwillen so viel ausstehn mußte! Mein benachbarter Amtsbruder hatte schon lange um sie geworben, und nun nahm ich ihm Hoffnung und Frau auf einmal weg. Er wurde neidisch; er schwärzte mich bey unserm Superintendenten an und machte mich abermals zum Ketzer. Meine päbstlichen, jesuitischen Meinungen sollten mir noch anhängen; tausend Ungereimtheiten dichtete er mir an, an die ich niemals gedacht hatte. Siehst du, Brüderchen? ich sollte in Untersuchung kommen; es geschah auch. Ich focht mich ritterlich durch oder vielmehr der Superintendent half mir durch, weil er ein Feind vom Präsidenten war, und meine Gegner diesen auf ihre Seite gebracht hatten, weswegen jener gleich zu meiner übergieng, um nur den Mann zu überstimmen, den er tödtlich haßte, weil er Präsident und eine ganze Stufe über ihn war.

Aber, Brüderchen, es war doch nicht zu dulden: ich wurde auch bey meiner Gemeine wegen großer Irrlehren verdächtig gemacht; ich nahm kurz weg meine Partie, bewarb mich um ein ander Amt und kam hieher. Meine gute Frau ließ ich hier begraben; siehst du, Brüderchen? hier in der Ecke starb sie – sieben Kinder –« Er stockte vor Wehmuth. – »Doch die Vorsicht lebt noch«, fuhr er erheitert fort, »meine Kinder sind versorgt; morgen wandre ich fort: meine Möbeln sind voraus. – Siehst du, Brüderchen? wie ich dir sagte, ich ließ ein Wörtchen zu viel fallen; und ich bin geplagt worden! ich bin geplagt worden! Ich dachte, lange sollt ihr mich nicht plagen; ich fand ein andres Aemtchen, und so lebt wohl! Morgen geh ich; aber trink, Brüderchen! der Apfelwein muß heute alle werden. – Ich habe erzählt; nun, Brüderchen, erzähle du! Willst du mit mir, so steht dir mein künftiges Haus offen. Nu, erzähle!«

Belphegor erzählte ihm darauf seine ganze tragische Geschichte von Akantens unbarmherziger Verweisung bis zu seiner Einquartirung zwischen Himmel und Erden. Den Beschluß machte eine klägliche Apostrophe an Akanten, die er ein Demantherz, einen Feuerstein, eine Tigerinn, Löwinn schimpfte, und versprach ihr als ein ehrlicher Mann, sie von Herzen zu hassen und, wenn es seyn könnte, gar zu vergessen.

Des Morgens darauf wanderte Medardus mit Belphegorn aus, um ihre Reise bis an den Ort zusammen zu thun, wo jener sein neues Amt antreten sollte. Belphegor gieng mit schwerem Herzen und traurigen Ahndungen wieder in die offne Welt aus und würde vermuthlich noch tausendmal unmuthiger diese Ausflucht unternommen haben, wenn er nicht einen so wohlmeinenden, gutherzigen Freund an seinem Begleiter gehabt hätte. Medardus nahm von der Wohnung und dem Orte, wo er sein Liebstes zurückließ, mit den weichmüthigsten Thränen Abschied, und ehe er noch ausgeweint hatte, kehrte er sich um, faßte seinen Reisegefährten bey der Hand und sagte mit lebhafter Frölichkeit zu ihm, als er seine verstörte Mine erblickte: »Brüderchen, sey gutes Muthes! Die Vorsicht ist überall.«

»Aber auch die Welt!« unterbrach ihn Belphegor. »O Fromal! daß du Recht hattest, als du mich lehrtest, überall sey Krieg. Ich Elender trage die traurigsten Beweise, daß du die Wahrheit sagtest. Doch dies sollen die lezten seyn. – Freund«, rief er, indem er den Medardus hastig ergriff, »Freund, wo ich bey den häßlichsten Ungerechtigkeiten mehr als mitleidiger, traurender Zuschauer bin, wo ich nur Ein strafendes Wort über meine Lippen kommen lasse, so löse, reiße, schneide, senge mir meine Zunge von der Wurzel aus, wie du willst! Mag die ganze Erde sich um mich in Faktionen zertheilen und sich um das elendeste Nichts, um Seifenblasen herumschlagen – ich schweige, ich hülle mich nach deinem Rathe, Fromal, in die dickste Unempfindlichkeit und – sehe zu.«

»Ja, Brüderchen«, sagte Medardus, »ich lasse auch gewiß kein Wörtchen wieder fallen, und wenn die Stärkern die Schwächern lebendig äßen.«

Ihr Weg war viele Tagereisen lang, deren Anzahl um so viel stärker wurde, da sie jeden Tag nur langsam ein Paar Meilen fortgiengen. Bey ihrer zweiten Einkehr fanden sie einen heftigen Krieg in dem Wirthshause, der einen großen Trupp Zuschauer herbeygelockt hatte. Ein Mann von ehrbarem Ansehn mishandelte einen Juden auf das härteste, dem er unaufhörliche Vorwürfe machte, aus welchen man schließen konnte, daß ihn der Hebräer betrogen haben mußte.

»Freund«, zischelte Belphegor seinem Gefährten leise ins Ohr, »siehe! wo der Mensch nicht mit Gewalt unterdrücken kann, da unterdrückt er mit List, da betriegt er. Immer Mensch wider Menschen!«

Als der thätlichste Theil des Streits vorüber war, ließ sich der Zorn in Worte aus: man legte die Waffen nieder und kehrte sich zu einem mündlichen Prozesse.

Der Mann, der den Juden mishandelte, war der Statthalter und Justizpfleger des Orts. Nachdem er dem Israeliten, der izt mit den empfangenen Schlägen noch zu viel zu thun hatte, um seine Einreden anders als in den Bart zu murmeln, seine Titel und Macht umständlich explicirt und ihm dabey begreiflich gemacht, daß, obwohln er anbefugter Maßen ihn mit härterer Strafe hätte belegen können, er doch sich nicht entbrochen habe, ihm die Ehre anzuthun und seinen Rücken in eigner, hoher Person den tragenden Richterzepter empfinden zu lassen. Schließlichen sezte er hinzu, daß er aus Christenpflicht schon verbunden gewesen wäre, ihn für seine Betriegerey so kurz weg zu bestrafen, da er ohnehin so bettelarm wäre, daß es nicht die Mühe belohnte, ihn in der gehörigen Form zu bestrafen. – »Du Hund von Juden! Du Betrieger!«

»Was?« rief der Jude mit seinem jüdischen Tone, »hott der Herr nit mich zuerst betrogen? Hott er mir nit ä Pfärdel verkoft, ä Pfärdel, das war blind, das war steif, das hotte ein angeleimt Schwanz, das war nit zwä Thäller werth, und hobe gegäben dem Herrn, hobe gegäben achzig Reichsthäller! achzig Reichsthäller, so wahr ich leb!«

»Nachdem und alldieweiln du ein Jude bist, als kann dir mit einem solchen Traktamente nicht Unrecht geschehen.«

»Nu, wohl! weil der Herr ä Christ ist, so dorf mirs der Herr nit übel nähm, daß ich ihn wieder betrieg: der Herr hott mich betrogen zuerst. Wir sind beede Betrieger.«

Der Andre war wegen der großen Anzahl der Anwesenden etwas betroffen. – »Ihr Christen«, fuhr der Jude, der deswegen Herz schöpfte, in der nämlichen Sprache fort, »ihr seyd saubere Leute; wenn ihr einen armen Juden anführt, so glaubt ihr, ihr habt noch so viel gethan; und wenn wir uns rächen, so bestraft ihr uns als Missethäter. Ihr habt uns doch das Beispiel dazu gegeben. Ihr verachtet uns als die elendesten Kreaturen, und wenn ihr Geld braucht, sind wir doch die liebsten, schönsten Leute. Sind wir nicht Menschen? Wenn ihr immer an uns zapft, so müssen wir euch betriegen, um beständig voll zu seyn, wenn ihr zapfen wollt.«

Da er sahe, daß sein Gegner immer verschämter wurde, so wuchs sein Herz zusehends. Er drohte, ihn bey einem halben Dutzend Excellenzen und ein Paar Durchlauchten zu verklagen, die er insgesamt sehr genau, wie Brüder, kennen wollte und doch weiter nicht als jeder unter den Anwesenden – dem Namen nach – kannte; und da er in der größten Hitze seinen Gegner zur Thür hinausgedonnert hatte, so wandte er sich mit ruhiger Höflichkeit zu Belphegorn: »Hat der Herr nicks zu schackern? zu schackern?« fragte er und nannte ihm eine Menge Materialien her, mit welchen er zu schackern wünschte. Da er aber keine Antwort erhielt, so that er an andre noch etlichemal ähnliche vergebliche Anfragen und begab sich fort.

Belphegor, der eine Heldenstärke gebraucht hatte, um seine Zunge und seinen Unwillen zurückzuhalten, faßte seinen Freund bey dem Arme und bat ihn, mit ihm an die frische Luft zu gehn. – »O«, rief er, als sie in einem kleinen Baumgarten angelangt waren, und schlug mit Bewegung die Hände zusammen, »ist das der Mensch, der edle, freundschaftliche, gesellige Mensch, dies empfindende, denkende, mitleidige Thier, wie ich mir ihn sonst abmahlte? So viel ich ihrer bis hieher gesehn habe, alle waren Raubthiere; alle laurten auf einander, sich mit List oder Gewalt zu schaden: einer war, wo nicht der Feind des andern, doch nur so lange sein Freund, als er unter ihm war, und gleich weniger, so bald er über ihn stieg. Alles misbrauchte seine Stärke zur Unterdrückung. Bedenke, wie ungerecht war dieser Mann, einen Elenden zu mishandeln, weil er zu einer Nation gehörte, die wir zum Ziele unsrer Verachtung und Eigennützigkeit hingestellt haben, die wir gezwungen haben, Betrieger zu werden, weil wir ihnen alle Mittel abschneiden, ehrlich sich zu erhalten, weil wir sie zu einer Geldquelle bestimmen, aus welcher jedermann schöpfen will, und verlangen, daß sie nie versiegen soll.«

»Siehst du, Brüderchen?« antwortete ihm Medardus, »das ist immer so gewesen. Die Christen, die sich über alle Völker des Erdbodens, über die weisesten Griechen und Römer erhoben haben, weil diese kein Wort von der Nächstenliebe sagen – die barmherzigen, sanftmüthigen Christen, die es bis auf diese Stunde den Heiden vorwerfen, daß sie ihren Feinden nicht, wie Theaterhelden, großmüthig vergaben, sondern Beleidigungen auf der Stelle ahndeten –, diese Christen haben von jeher es für ihre heiligste Pflicht gehalten, die armen Hebräer zu peinigen, zu quälen, auszusaugen, und noch izt, in unserm lichthellen Jahrhunderte, sieht es ein großer Theil als eine Wohlthat an, diesem irrenden Volke menschlich zu begegnen.«

»Die Nation hat sich freilich selbst unter die Würde der Menschheit herabgesezt –«

»Siehst du, Brüderchen? durch unsre Schuld! Wir schwatzen an allen Enden und Orten von Mitleid und edlen Empfindungen und hassen die armen Israeliten auf den Tod. Wir haben angefangen zu hassen; das kann ich ihnen nicht übel deuten, daß sie ein Geschlecht, das sie haßt, nicht lieben. Weil wir die Mächtigern waren, unterdrückten wir sie. Da sie sich durch die Stärke nicht vertheidigen konnten, führten sie den Krieg mit uns durch Haß und Betrug. Jedes Menschengeschöpf ergreift zu seiner Selbstvertheidigung die Waffen, die es erhaschen kann. Mit Schauern denke ich noch daran, Brüderchen; betrachte nur! Ein König von Frankreich trat einem Juden in höchsteigner Person einstmals seine Zähne aus, um Geld von ihm auszupressen, und ließ sich für die Operation eines jeden Zahns eine ungeheure Summe bezahlen. Man ließ die Juden Geld entrichten, weil sie Juden waren, und strafte sie um Geld, wenn sie Christen wurden. – Höre, Brüderchen, wie hieß denn der Graf – bey den Kreuzzügen? – Ach, Graf Emiko! Der Barbar ließ ihnen die Bäuche aufschneiden, ließ die armen Teufel vomiren, purgiren, um zu sehen, ob sie ein Paar elende Goldstücken in sich zurückgelegt hatten. Siehst du, Brüderchen? In Spanien ist kein Auto da Fe Gott angenehm, wenn nicht ein Jude dabey lodert; und am Ende sollen sie gar, wie die Aliden ihnen prophezeihn, auf den Türken, wie auf Eseln, in die Hölle traben. – Siehst du, Brüderchen? Ich liebe zuweilen so etwas aus der Historie; wenn wir nur ein Glas Apfelwein hier hätten, so wollt' ich dir manch Anekdotchen von der Art erzählen.«

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