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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Zweytes Buch

Der ehrliche, treuherzige Magister Medardus war gegenwärtig der Besitzer dieser einsamen, ländlichen Wohnung – ein Mann, der alle Menschen Brüder nennte und als Brüder behandelte, der ärmste und doch der freygebigste, gastfreyeste Seelenhirte des ganzen Landes, der mit Unglück und Gefahren gekämpft hatte und noch täglich von ihnen herausgefodert wurde, sieben lebendige Kinder besaß und eine Vorsehung glaubte.

Zween Unglückliche bedürfen keiner Mittelsperson, in Bekanntschaft oder Vertraulichkeit zu gerathen; bey dem guten Medardus war sie noch viel weniger nöthig. Ein Krug voll Apfelwein, das sein täglicher und liebster Trank war, vertrat die Stelle derselben und wurde häufig unter beiden gewechselt; Belphegor klagte und jammerte dabey über den Neid und die Unterdrückung der Menschen, und Medardus ermahnte ihn, mit der Welt zufrieden zu seyn, so lange es noch Apfelwein und eine Vorsicht gebe.

»Brüderchen, iß und trink heute noch! Morgen ists vorbey; morgen muß ich fort«, sprach er.

»Morgen fort! warum das?«

»Die Leute sind böse darauf, daß mir mein Apfelwein so gut schmeckt. Du weißt, Brüderchen, daß Bauernkrieg ist –«

»Ja, leider weis ichs!« unterbrach ihn sein Gast mit einem tiefen Seufzer. »Ja, Freund, der unglückliche Belphegor –«

»Was? Bist du Belphegor, Brüderchen? der Belphegor, der dem Richter die weiße Knotenperücke schüttelte? – Du bist ein braves Kerlchen! Der brave Belphegor soll leben!« Und dabey that er einen herzhaften Schluck. »Siehst du, Brüderchen? die Bauern haben Unrecht behalten, das weißt du! Ich bin einer von ihren Pfarrern; morgen muß ich fort.«

»Aber was hat denn der Pfarrer mit dem Baurenkriege zu schaffen?«

»Je, Närrchen, ich habe ein Wörtchen fallen lassen – nicht viel! gar nicht viel! darüber sind sie böse geworden; und weil sie denken, sie könnens, so plagen sie mich so lange, bis ich fortgehe. Meine Kinder sind versorgt; mein Apfelwein ist diesen Abend alle; und morgen geht die Reise fort. Die Vorsicht ist überall. Meine Frau ist vor Kummer gestorben –« Hier hielt er schluchzend inne. Sogleich heiterte sich sein Gesicht wieder auf: »Aber die Vorsicht lebt noch«, sezte er ruhig hinzu. »Es war eine herzensgute Frau« – er weinte –, »gar ein goldnes Weibchen.« – er weinte noch mehr. – »Da, Brüderchen!« fuhr er auf einmal auf, indem die Thränen noch über sein erheitertes Gesicht herabliefen, »da Brüderchen! Ihr Andenken!« – und brachte ihm den Krug zu.

»Ach, Akante! du grausame Akante!« rief Belphegor, indem er den Krug dem Munde näherte.

»Brüderchen, ist das deine Frau?« rief Medardus.

»Nein! aber – kennst du das grausame Felsenherz?«

»O, Närrchen, mehr als zu wohl! Ich habe als Jesuiterschüler dreyhundert wohlschmeckende Hiebe um ihrentwillen bekommen.«

»Um Akantens willen? Auch da war sie schon eine Wölfinn?«

»O, Kind, sie war schön! tausendmal schöner als meine Frau, aber nicht den hunderttausendmaltausendsten Theil so gut; so gut kann aber auch keine auf der Welt seyn als das liebe Weib.« – Die Thränen stunden schon wieder in den Augen, und der Ton wurde weinerlich. – »Ihr Andenken, Brüderchen!« sagte er frölich und trank. »Hui!« fuhr er fort, »also kennst du Akanten, Brüderchen?«

»Und meine Hüfte noch mehr! die Barbarinn! Sie ist die Urheberinn alles meines Unglücks«, sagte Belphegor.

»Und auch des meinigen!« fiel ihm Medardus ins Wort. »Dreyhundert gute, gesunde Hiebe brachte sie mir zuwege. Sie gefiel mir und ich ihr, und zwar mehr als mein Lehrer, der ihr mit aller Gewalt gefallen wollte. Siehst du, Kind? das machte ihm die Leber warm; weil er der Stärkre war, so durfte ich ihm meinen Rücken nicht verweigern; ich bekam zu Heilung meiner Liebe dreyhundert baare Hiebe und wurde in ein Kloster gesteckt. Wir erhielten darinne zuweilen heimliche Besuche von etlichen artigen Puppen, die uns die Einsamkeit erleichtern sollten. Bey meiner Schlafmütze! ich war so unschuldig wie ein Sechswochenkind: ich hatte nichts Böses im Sinne und konnte auch nicht; purer Naturtrieb! die Kinderchen gefielen mir, es war mir wohl, wenn ich bey ihnen war, und schlimm, wenn ich sie entbehren mußte. Auch mir waren sie herzlich gut, und die übrigen Schlucker bekamen kaum einen Kuß, wenn ich schon sechse zum voraus hatte. Siehst du, Brüderchen? Sie wurden neidisch: Bruder Paskal versteckte sich, und da ich im Dunkeln vor ihm vorbeygehe, faßt er mich bey den Ohren und will mir beide Ohren abschneiden, aber das Messer war zu stumpf; so kam ich mit einem hübschen, langen Schnitte davon, den ich wieder zuheilen ließ. Damit war aber der Groll nicht vorüber: wenn ich nur einen Blick mehr bekam als ein andrer, so mußte ich leiden; und ob ich gleich izt mit ihnen nur in gleichem Schritte gieng, so blieben sie mir doch feind und suchten alle Gelegenheit, mir zu schaden, mich zu verfolgen.

Einige beschlossen, mich zu entmannen, doch Bruder Paolo widersezte sich ihrem Anschlage. Er konnte an sich selbst abnehmen, wie schrecklich ein solcher Zustand seyn müßte. Aus christlichem Mitleiden empfahl er seinen Mitbrüdern in einer zierlichen Rede die Barmherzigkeit als eine der Kardinaltugenden und beredete sie, mir lieber, um ihr Gewissen vor Grausamkeit zu bewahren, im Schlafe alle Flechsen am ganzen Leibe zu zerschneiden. Zum Glücke erfuhr ich diesen schönen Plan, als er eben geschmiedet wurde, und ehe sie ihn ausführen konnten, war ich unsichtbar.

Ich änderte Land und Religion zugleich und studirte. Siehst du, Brüderchen? nun gieng eine neue Noth an. Der Superintendent *** hatte viel Liebe für mich; er erhielt mich und war auf eine Versorgung für mich bedacht. Indessen bekam auch die Mätresse ** eine kleine Liebe für mich; es lag ihr an weiter nichts, als einen Hofprediger zu haben, der ihr alles zu danken hätte und ihr darum aus Dankbarkeit das Wort reden müßte; in kurzem war ich Hofprediger, ohne daß vorher jemals einer gewesen war. Nun war alles wider mich; alles was ich sagte, war heterodox, alles Irrlehren, ich war ein dummer, unwissender, unwürdiger Mann, ob sie sich gleich alle vorher über meine Wissenschaft gewundert hatten, meine Sitten, mein Betragen war unanständig, man streute die ärgerlichsten Erzählungen von meinem ehmaligen Wandel aus, ob ich gleich von einem jeden meiner Neider und vormaligen Patrone schriftliche und mündliche Zeugnisse für mich hatte, die mich wegen meiner Aufführung als ein Muster lobten und priesen. Ich wurde von Tage zu Tage verhaßter; die Beschuldigungen von Irrthümern wurden immer häufiger und angreifender, daß ich endlich aufgefodert wurde, mich in einer öffentlichen Unterredung zu rechtfertigen. Ich mußte darein willigen oder mich meinen Feinden überwunden geben. Meine Gegner fochten wie Seeräuber; alles verdrehten sie, sie schrieen auf mich los, um mich aus der Fassung zu bringen, und der Superintendent, der nicht sonderlich frisch Latein reden und auch nicht sonderlich frisch denken konnte, hustete, stotterte, wußte nichts zu sagen und gab mir endlich mit der geläufigsten Zunge von der Welt alle Ketzernamen, die er aus Rechenbergs Kompendium gelernt hatte. ›Quid volumus plus?‹ sagte er; ›ut finiamus controversiam, er ist ein Pelagianer, Samosatenianer, Cerinthianer, Nestorianer, Eunomianer, Arrianer, Socinianer, Eutychianer‹; und alle stimmten in einem Tutti zusammen: ›–aner, –aner, –aner!‹ Ich versammelte die Kräfte meiner Lunge und bombardirte, da sie erschöpft waren, mit einem solchen Schwalle Jesuitenlatein auf sie los, daß sie schwizten, stammelten und bestürzt sich umsahen. Meine Beförderinn und Beschützerinn, die dem Wettstreite in eigner Person beywohnte, nüzte diesen günstigen Zeitpunkt, erhub ein lautes Gelächter, alle Damen und Herren hinter drein, denen endlich das ganze anwesende Publikum beytrat, meine Gegner wurden ganz außer sich gesezt und konnten kein Wort hervorbringen, weil jedes, das sie versuchten, durch ein neues Gelächter erstickt wurde. Der Sieg war mein; ich hatte bey jedermann Recht. Siehst du, Brüderchen? ich hatte Recht, weil ich die Oberhand hatte.

Meinen Feinden blieb die Leber lange warm; meine Beschützerinn fiel in Ungnade. Siehst du, Brüderchen? nun kam die Reihe an mich, Unrecht zu haben. Sie untergruben mich heimlich auf die listigste Weise, und ehe ichs dachte, ward mein Amt wieder aufgehoben und ich in eine andre Stelle versezt, wo die christliche Gemeine so klein war, daß meine Heterodoxie nicht viele verführen konnte. Siehst du, Brüderchen? izt hatte ich bey jedermann Unrecht, weil ich unten lag. Aber eben deswegen wurden der Superintendent und alle meine vorigen Gegner allmählich meine guten Freunde, und ich war in ihren Augen wieder so orthodox als ein symbolisches Buch.

Bald darauf wurde Krieg und ich Feldprediger. Mein Kollege war mir behülflich dazu und außerordentlich gewogen. Aber wenige hörten ihn gern und alle verlangten mich; wer es Umgang haben konnte, vermied seine Predigten, und in meine kamen sie haufenweise. Siehst du, Brüderchen? die Freundschaft war aus; und er wurde mir gar feind, als ich einen gewissen Fromal zum Tode bereiten mußte –«

»Was?« fuhr Belphegor auf, »einen gewissen Fromal zum Tode bereiten mußte! Ist Fromal todt?«

»Er sollte gehängt werden, aber er kam gelinde davon; er wurde nur mit nackten Rücken um das ganze Lager, bey Trommeln und Pfeifen, herumgeführt, und bekam alle zehn Schritte sechs Ruthenstreiche.«

»Fromal! mein Freund!« schrie Belphegor, »was hatte er denn gethan? Verdient kann er eine solche schimpfliche Strafe nicht haben.«

»Er wurde für einen Spion gehalten. Aber siehst du, Brüderchen? ich kam am schlimmsten dabey an. Fromal hatte mich ausdrücklich verlangt, ob es gleich meinem Kollegen zugekommen wäre; dadurch wurde der alte Haß wieder aufgerührt. Mit der Orthodoxie konnte er nichts ausrichten, wenn er mir gleich alle Ketzereyen auf den Kopf hätte schuld geben wollen. Er machte mich also auf einer andern Seite verdächtig; er klagte mich heimlich bey allen Offizieren eines großen Eifers für die feindliche Parthey an und überredete sie, daß mich nichts als die Furcht vor der Schande abhielt, sonst würde ich zu ihr übergehn und selbst mit ihr fechten. Er machte es ihnen sogar wahrscheinlich, daß ich über einem solchen Anschlage brütete. In kurzem kam es dahin, daß jedermann meine Predigten so ungern hörte als die seinigen; er genoß wegen seiner Entdeckung ein wenig Achtung mehr als ich; und wir waren wieder herzensgute Freunde. – Siehst du, Brüderchen? wird dir die Zeit etwa lang? – Siehst du? wer zu mir kömmt, muß einen Krug Apfelwein mit mir trinken und meine Geschichte hören; sonst laß ich ihn nicht von mir. – Da! Freund Fromal soll leben! –

Die großen Herren machten Friede, und bey mir gieng der Krieg an. Ich sollte zu einer ansehnlichen Stelle erhoben werden, und meine Patrone machten alle Anstalt dazu. Gleich war ich wieder ein Irrgläubiger; alles an mir, bis auf die Schuhschnallen, war heterodox. Ich mußte mich lange herumtummeln und richtete doch nichts aus. Ich behielt Unrecht; denn ich lag unter. Siehst du, Brüderchen? Ich mußte vorlieb nehmen, was sie mir gaben; die mich vorher, als ich über sie wollte, haßten und verfolgten, thaten mir izt Gutes – was ich bey meiner Einnahme sehr brauchte –, recht viel Gutes, weil ich unter ihnen war.

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