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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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So wenig sich Belphegor diese Ehre wünschte oder auch sein Amt versehen konnte, weil er wegen der zerprügelten Fußsolen kaum ohne Schmerz aufzutreten vermochte, so wollte er doch lieber mit seinem Kommandostabe vor ihnen her hinken, als sich an die schöne, schattichte Eiche aufknüpfen lassen. Er stolperte also vor seiner Armee voran wie ein zweiter Ziska, mit dem gegenwärtig sein ganzer Körper große Aehnlichkeit hatte. Der Marsch gieng unter einem unaufhörlichen Ausrufe der Freiheit auf das Schloß des Junkers los, dem sie ihren Besuch zugedacht hatten. Sie kündigten ihre Ankunft zuerst durch eine volle Ladung Steine den Fenstern an, erbrachen das Wohnhaus und liefen schon herum, um brennbare Materien aufzusuchen. Plözlich war der ganze stürmende Haufe von einem Truppe der Landesarmee umschlossen; man schrie, man fluchte, lief, stund, gieng; man warf Steine, Balken, Dachziegeln; man erschoß, man würgte, man raufte sich bey den Haaren; einige stachen mit Mistgabeln, andre metzelten mit Säbeln die Feinde nieder, und viele schlugen sie mit Knitteln todt; viele suchten den Ausgang zur Flucht, fanden ihn nirgends, öffneten sich ihn mit Gewalt und wurden mitten im Durcharbeiten daniedergetreten; der Vater tödtete unwissend den Sohn, und der Sohn erwürgte den Vater; sterbende Stimmen ächzten: »Freiheit!« und lebende riefen: »Rebell!« Abgerißne Füße, zerfleischte Arme, gequetschte Köpfe, verstümmelte Leiber, Waffen, Beute, Pferde lagen in dem schrecklichsten Chaos neben und über einander. Zweyhundert Bauern wurden auf dem Wahlplatze erschossen, von Pferden zermalmt, im Gedränge erdrückt, zertreten, eine viel größere Anzahl gefangen, und nur wenige entkamen, worunter auch Belphegor war, der in der Begeisterung des Treffens ritterlich gefochten und von einem sich davon stürzenden Schwarme mit fortgerissen worden war. Man sezte ihnen nach, die übrigen entkamen durch die Geschwindigkeit der Füße, doch den unglücklichen Belphegor nöthigten seine wunden Fußsolen zurückzubleiben und in die Hände der Nachsetzenden zu fallen. Eine lange Allee vor dem Stadtthore wurde sogleich mit vierhundert aufgehängten Bauern geschmückt, hundert wurden gerädert, andre lebendig eingemaurt und alle als Rebellen verflucht, ihre Namen in Stein eingehauen und ihr Andenken auf ewig mit der größten Schande gebrandmahlt. Für die Anführer, worunter auch Belphegor sich befand, wollte man bey größerer Muße eine Strafe aussinnen, die alle Strafen der ganzen polizirten Welt an Strenge und Grausamkeit überträfe.

Belphegor, der das gräßliche Schauspiel mit ansehn mußte, gerieth bald in Feuer; stark empfindende Herzen, wenn sie zu heftig angegriffen werden, wagen das Aeußerste: er faßte einen von den dastehenden Richtern bey der Knotenperucke. »Welches Recht«, sprach er, »habt ihr, Barbaren, diese Unglücklichen ohne alles Gefühl wie Rebellen niederzumetzeln? Sie wollten das Joch abwerfen, das schändlichste Joch der Unterdrückung, und ihr straft sie, daß sie eine Freiheit zu erkämpfen suchten, die ihnen die Natur so gut als euch gab und die ihr ihnen entrisset! Schande! ewige Schande für die Menschheit, daß sie ihr Wohlseyn auf den Untergang etlicher Schwachen aufbaut.«

Der Richter, der kaltblütigste Mann, der auf einem Richterstuhle gesessen hat, antwortete ihm zur Kurzweile ganz trocken: »Wer hat ihnen denn etwas unrechtes zugemuthet? Es blieb ja alles bey dem Alten.«

»Ja«, unterbrach ihn Belphegor, »bei der alten Unterdrückung! Unsre Vorfahren in dem unseligsten Stande der Wildheit überwältigten die Väter dieser Elenden und legten ihnen das barbarischste Joch auf; und wir, die wir jene Zeiten mit der stolzesten Verachtung unter uns herabsetzen, wir –«Nichts muß für einen Mann, der denkt und empfindet und also die mannichfaltigen Reste der Barbarey in unserm Zeitalter nicht ohne widriges Gefühl betrachten kann, aufrichtender seyn und seinen Blick in die Zukunft froher machen, als daß Monarchen und unter ihnen der größte seine Sorge dahin lenkt, die Unglücklichen, die das Schicksal dem Besten des Ganzen gewisser maßen aufopfert und sie arbeiten läßt, damit andre sich pflegen können, ihrer ursprünglichen Freiheit so nahe zu bringen, als es sich ohne Nachtheil des Staats thun läßt, und daß sogar diejenigen, denen eine verjährte Unterdrückung jene Lastträger unterwarf, großmüthig die Hände bieten, ihnen mit Entsagung ihres eignen Nutzens ihr Joch zu erleichtern, da es nun einmal nicht möglich ist, es ihnen ganz abzunehmen. – Wenn Joseph Millionen Soldaten in der besten Disciplin unterhielt, Taktik, die Künste des Angriffs und Rückzugs in den vollkommensten Stand sezte, Türken, Heiden und Christen überwänd, so wären in meinen Augen alle diese lorberreichen Thaten nicht zur Hälfte so viel werth als die einzige, daß er daran arbeitet, den böhmischen Bauern etliche Grane bürgerlicher Freiheit mehr zu geben, als sie vorder die Verfassung, das heißt, eine verjährte, zum Recht gewordne Unterdrückung genießen ließ; und diejenigen Herren, die ihren eignen Verlust nicht achteten, sondern die Absichten ihres Monarchen unterstüzten, sind meines Bedünkens mehr als Scipione und Türenne: denn sie besiegten den Eigennuz, den hartnäckigsten, schlausten Feind. – Ihr Dichter und Redner! für solche Handlungen allein solltet ihr Wiz und Beredsamkeit haben! Bis zum Anbeten kann ich den Monarchen lieben, der seinen Blick auf die niedere, verachtete Klasse der Menschheit wirft und ihnen zwar nicht Bequemlichkeiten, Ueberfluß, Verfeinerung geben will – eine schädliche Gabe! –, sondern von den vielen Einschränkungen der Freiheit, die sie zur Arbeit nöthigen, diejenigen hinwegnimmt, die ohne Revolution weggenommen werden können, den Herren einen kleinen, zu verschmerzenden Verlust, und dem Unterthan ungleich größern Vortheil verschaffen; wie ich hingegen nie ohne innerliche Erschütterung einen sonst guten Mann – im Durchschnitte genommen! – mit Ernst behaupten hören konnte, daß ein Bauer nichts mehr als gesunde Hände und Füße und zwey Löcher brauche, eins zum essen, das andre zum – d.i. ein instrumentum rusticum sey. Desto erfreulicher ist es, daß das Beyspiel des Oberhauptes es vielleicht noch in unserm Menschenalter dahin bringen wird, daß sich jeder einer solchen vom Eigennutze gestimmten Denkungsart schämt. – Izt, bey einem so guten Anschein solltest du leben, Belphegor! so würde dich die gute Hoffnung vor der Misanthropie bewahren!

»Das ist ja immer so gewesen!« fiel ihm der Richter ein. »Der Stärkere hat von Ewigkeit her den Schwächern zum Sklaven gehabt, ein Mensch hat beständig über den andern herrschen wollen, und wer den andern hat daniederwerfen können, der ist der Herr gewesen. Es war ja immer so, wie wir in Historienbüchern finden, daß der Schwache, wenn er so dumm war, sich von dem Mächtigen nicht alles gefallen lassen zu wollen, gehangen, geköpft, gerädert wurde.«

»Aber diese Elenden wollten ja gern eure und der übrigen Menschheit Diener seyn, nur als Menschen behandelt werden, die zu ihrer Glückseligkeit so wohl als ihr auf diese Kugel gesezt sind.«

»Es ist ja immer so gewesen; was wollen sie denn neues haben? Die Menschen haben ja beständig einander gequält, und wer sich nicht quälen ließ, den schlug der andre todt, wenn er konnte. Es ist ja immer so gewesen; wenn dirs so nicht ansteht, so ändre das! Mache, daß du morgen nicht gehangen wirst; wenn dus kannst, so hast du Recht, aber bis hieher haben wir es.«

Belphegor, der durch den dehnenden, fühllosen Ton und die eiskalte Frostigkeit des Mannes ganz außer sich selbst gesezt war, biß vor Zorn und Wuth so heftig in seine Ketten, daß ihm zween Zähne blutig aus dem Munde sprangen, und gern hätte er das ganze Tribunal mit den übrigen zerrissen, wenn ihm nicht nach seiner ersten Invasion in die Knotenperucke, zu Verhütung alles Schadens, der Hals vermittelst einer dauerhaften Kette mit den Knieen zusammengeschnürt worden wäre.

Den Tag darauf wurde das Urtheil an ihm vollstreckt, das ihm der kaltherzige Richter prophezeiht hatte: er wurde an einem der ansehnlichsten Plätze der Stadt in Ketten aufgehangen, die man in Ermangelung derselben in Stricke verwandelte. Da man aber seinen Namen erfuhr und aus dem fremden Klange desselben schloß, daß er keines lettomanischen Ursprungs seyn könnte, so wurde beschlossen, ihm, als einem Ausländer, die schuldige Ehre anzuthun und ihn eine Viertelelle höher zu hängen als den Lettomanier, der neben ihm seine Stelle finden sollte, und dieser mußte ihm aus Höflichkeit die rechte Hand lassen. Der Lettomanier, der dies als eine Beleidigung gegen seine einheimische Abstammung und gute Geburt ansah, wurde neidisch auf Belphegorn: er bestach den Scharfrichter, diesen Nebenbuhler der Ehre so schwach zu befestigen, daß ein mäßiger Sturm ihn entweder in gleiche Linie mit ihm bringen oder ganz unter ihn daniederwerfen könnte. Es geschah. Kurz darauf entstund ein Erdbeben, der Himmel überzog sich mit fürchterlichen Wolken, es donnerte und blizte, regnete und stürmte – welches alles die Lettomanier nunmehr, da sie durch den Ausgang belehrt waren, wer Recht hatte, als einen Beitrag der göttlichen Rache zur Bestrafung der umgebrachten Rebellen betrachteten. Der Sturm warf den schlecht befestigten Belphegor herunter, der Blitz traf ein Haus in der Nachbarschaft, das sogleich in hellen Flammen aufloderte, das Feuer verbreitete sich von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse und verheerte fast die halbe Stadt. Während des Tumultes, da alles winselte, schrie, lärmte, lief und rennte, erwachte Belphegor, an dem der Scharfrichter sein Amt überhaupt schlecht verwaltet hatte, von seiner bisherigen Betäubung, da Blut und Lebensgeister wieder ihren ungehinderten Lauf bekommen hatten; er erblickte nicht so bald den Aufruhr und das allgemeine Schrecken, als er ohne Anstand die Entschließung nahm, die Gelegenheit zur Flucht zu nützen. In Eile arbeitete er sich los, so gut er konnte, und floh zur Stadt hinaus; niemand bemerkte ihn, und niemand wollte ihn bemerken.

Die ganze Nacht hindurch lief er, ohne ein einzigesmal auszuruhen, und kam in der Morgendämmerung mit der Angst eines Gehängten, der nicht gern eine zweite Erfahrung machen möchte, wie es sich zwischen Himmel und Erde wohnt, an eine Priesterwohnung, wo er mit so großer Verwunderung als Bereitwilligkeit aufgenommen wurde. Sein Gefährte war nebst Stricken und Galgen verbrannt, und weil man ihn gleichfalls in Asche und Staub verwandelt glaubte, so blieb er vor der Nachstellung desto sichrer.

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