Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

From.: »Alles dieß besitze für Dich, zu Deinem Gebrauche, um Dich in Deinem eignen Verhalten davon leiten zu lassen, und danke der Natur und dem Schicksale, daß sie sich beide vereinigten, Dich zum warmen, gefühlvollen, denkenden Manne, zum Kenner und Verehrer des Guten und Rechtschafnen zu machen! daß sie unter Deinen übrigen Mitgeschöpfen nur wenigen diese Wohlthat erzeigten, ist das Dein Werk? oder kannst Du das ändern? Es ist im Laster und in der Thorheit eine gewisse Fatalität – hier in Virginien zwischen zween Freunden kann ich dieß sagen –, die Erfahrung lehrt es, man folgre daraus, so viel schädliches man wolle: was kann ich dafür, daß die Erfahrung mich eine Wahrheit lehrt, die aus schädlichen Folgen beschwängert ist? – Mein eignes Beispiel lehrte mich sie. Ich habe zwo Hauptvergehen in meinem Leben begangen: ich habe Dich, Belphegor, meinen Freund, hintergangen und bin ein Unterdrücker geworden. Ich war es – ich gestehe dieß, Freund –, ich war es, der Akanten antrieb, Dich aus ihrer Liebe und ihrem Gesichte, obgleich nicht mit der gebrauchten Härte, zu verbannen; allein die Liebe riß mich hin, sie überwältigte meine Freundschaft für Dich so ganz, daß ich Dich unmöglich ohne Neid in ihren Umarmungen die süßeste Wohllust genießen sehen konnte. Die Freundschaft kämpfte wider die Eifersucht, und ich war blos ihr Tummelplatz: ich konnte nichts wollen und nichts beschließen; die Leidenschaft siegte, ich verdrängte Dich und wurde ein Falscher, um mir die Scham vor Deinen Vorwürfen zu ersparen, hintergieng Dich zweimal mit Lügen. Doch Akantens Treulosigkeit strafte mich dafür. – Freund, vergiebst Du mir einen Fehltritt, zu welchem mich alles hinriß? Ich war meiner nicht mächtig, ich mußte ihn thun, in meiner Lage war er unvermeidlich, nothwendig.«

Belph.: »Meine Freundschaft vergab Dir ihn, ehe Du ihn thatest. Umarme mich! Verzeihung geben und empfangen ist die Geschichte des Menschen. Jeder dieser Fehltritte ist mir begreiflich; allein wie Du, ein so entschloßner Feind aller Unterdrückung, verleitet werden konntest, Handlungen zu begehn, die Du jederzeit verabscheutest, das, das ist mir unerklärbar.«

From.: »Nicht unerklärbarer, als da Du über den Tod eines einzigen Schwarzen einen Krieg mit mir, Deinem Freunde, anfangen konntest –«

Medard.: »Oder da ich eine Mauer um Niemeamaye ziehen und allen Einwohnern ihr Gold abnehmen ließ. Siehst Du, Brüderchen? dazu wird man Dir durch die Gelegenheit so hingerissen, daß man hinter drein sich nicht einmal erzählen kann, wie es zugieng.«

From.: »Als Sklave verkauft, kam ich unter den weißen Knechten nach Amerika, in die Pflanzung eines Tyrannen, der uns das Joch seiner Gewalt bis zur Uebertreibung fühlen ließ. Ich wurde durch eine solche Behandlung gewissermaßen wild und grausam gemacht: ich faßte oft den Entschluß, den Mann umzubringen oder selbst zu sterben und ein qualvolles Leben zu endigen. Während daß ich unentschlossen mit diesem Gedanken umgieng, entstund ein Aufruhr auf der Insel: man hatte sich allgemein zu dem Untergange des Befehlshabers verschworen, dessen Bedrückungen und Kränkungen alles Rechts schon längst unerträglich geworden waren. Man stürmte sein Haus, man nahm ihn gefangen, man steinigte ihn, und er wurde im Getümmel erdrückt. Diesen Tumult nüzten einige Banden weiße Knechte, setzten sich in Freiheit, erschlugen ihre Herren, und unter diesen Streitern der Freiheit war auch ich. Da das Volk sich selbst einen Befehlshaber wählen wollte und doch in zwo Parteien getheilt war, so stellte ich mich mit meiner Bande an die Spitze der mächtigern, half ihr siegen, und ihre Wahl, weil sie keinem unter sich einen so wichtigen Vorzug gönnten, fiel auf mich: ich wurde ihr Befehlshaber und blieb es so lange, bis mich die Kabalen eines Nichtswürdigen befürchten ließen, daß ich, da mir die Bestätigung des Hofs fehlte, zulezt unterliegen würde. Mein Sklavenstand und die rohe Behandlung darinne hatten mir einen Theil meiner Menschlichkeit genommen: drücken und bedrückt werden, hatte sich mit mir so familiarisirt, daß es mir nicht mehr wie sonst einen Schauer abnöthigte, sondern ich konnte es mit kältern Blute sehen und denken, weil es mein täglicher Anblick und mein tägliches Gefühl gewesen war. Ich kam mit dieser verminderten Menschlichkeit in meine Würde, erhielt einen weitern und freyern Wirkungsplatz, mehr Gegenstände der Begierden und mehr Gewalt, meine Begierden wuchsen, wuchsen über meine Kräfte hinweg und – Freunde, soll ichs euch weiter erzählen? Meine Geschichte ist die Geschichte aller Menschen. Ich wurde die Marionette meines Eigennutzes und meiner Eigenliebe; und Belphegor, Du weißt es, wie sehr ich unter ihrem Befehle stund, als Du mir Deine freundschaftliche Hülfe zur Besserung anbotest. Wegen dieses einzigen glücklichen Erfolgs laß Dich alle Wunden und Beulen nicht gereuen, die Dir Dein zu feuriger Eifer für Recht und Gerechtigkeit geschlagen hat. Du hast mich zum Menschen wieder umgeschaffen, Dir bin ich mehr als mein Leben – meine Rückkehr zur Vernünftigkeit schuldig. Freunde! laßt uns unsre Erfahrung nicht umsonst mit dem Verluste unsrer Tugend eingesammelt haben! Wir haben bewiesen, daß man nie gut genug seyn kann, um es beständig und in allen Vorfallenheiten zu seyn, daß der Sauerteig des Neides und der Herrschsucht in jedem Herze liegt und bey stärkrer oder schwächrer Veranlassung die ganze Masse unsrer Begierden durchsäuert, daß Freundschaft, Rechtschaffenheit und selbst die Religion zu schwach ist, seiner beißenden Schärfe zu wiederstehen. Wir wollen es nicht ohne unsern Nutzen bewiesen haben. Hier auf diesem Flecke laßt uns in froher Einsamkeit und ruhiger Eintracht den Rest unsrer Tage hinleben und unsern Begierden jeden Sporn, jeden Reiz benehmen, die sie aufwiegeln könnten, diese schöne Ruhe zu stören. Wir wollen diesen Flecken Erde, der unser Eigenthum geworden ist, zu gleichen Theilen besitzen; unsre Bedürfnisse können nicht über unser thierisches Selbst hinausreichen, und sie werden uns nicht entzweyen, so lange uns nicht gänzlicher Mangel um Leben und Nahrung kämpfen läßt. Wir wollen uns von unserm Geschlechte trennen, damit nicht ein neidischer Anfall von ihnen unsre Glückseligkeit unterbricht. So sind wir von innen und von außen verschanzt und machen für uns allein eine Welt aus – eine Welt, wie wir sie in den ersten Jahren unsers Lebens träumten, Belphegor – eine Gesellschaft, die Freundschaft, Liebe, Sympathie des Kopfs und des Herzens zusammenknüpft, die so arm ist, daß keine neidische, habsüchtige Begierden sie zu trennen vermögen, und so reich, daß sie außer sich selbst nichts weiter bedürfen.«

Alle billigten den schönen Plan, und Belphegor fiel seinen beiden Freunden vor Entzücken um den Hals, segnete und preiste sie, daß sie ihm das goldne Alter seiner Jugend wieder zurückführten. »So werden wir«, sezte er hinzu, »die einzigen Glücklichen auf der Erde seyn, die im Himmel sind, während daß alles außer unsrer Gesellschaft im Aufruhr der Leidenschaften herumgetrieben –«

»Ja«, unterbrach ihn Fromal, »wir können es seyn, so lange nicht die Menschen uns unsre Freude misgönnen. Du weißt, Belphegor, in dem Rausche unsrer frühen Jahre schufen wir uns ein Ideal von Glückseligkeit, womit wir aus Mangel an Erfahrung die Wohnung des Menschen ausschmückten: ich suchte sie, als ich in die Welt trat, allenthalben und erblickte sie nirgends. Je mehr ich von der Erde kennen lernte, je mehr mußte sich meine Vorstellung von der menschlichen Glückseligkeit verengern, und zuletzt schrumpfte sie gar bis auf das magre Etwas zusammen – Abwesenheit wirklicher Leiden; wer diese errungen hat, der ist menschlich glücklich. Die Freuden des Lebens sind dünne wie die Frucht eines sandigten Ackers, verstreut: es gehört zu beiden gute Oekonomie. Freiheit, dieses hauptsächlichste Ingredienz einer positiven Glückseligkeit, wie wenige genießen sie! Die meisten müssen sich mit dem Schatten und dem Worte begnügen. Macht die Rechnung und ziehet die Summe, und unter allen Völkern der drey Welttheile unsrer Halbkugel werdet ihr nicht bey dem zehntausendsten Theile die Illusion der Freiheit finden. Der nackte Wilde kämpft mit Hunger, Durst, Kälte und Regen; der polizierte Europäer mit tausendfachem künstlichen Mangel, mit Arbeit, mit dem Eigennutze, der unterdrückenden Gewalt und Millionen Leidenschaften; Asiater, Afrikaner und Amerikaner sind mehr oder weniger vom Despotismus und Geize ihrer Beherrscher gequält; nirgends sind die Bewohner der Erde zufrieden, und nirgends können sie es seyn: Die Glückseligkeit unsers Planetens scheint in die gemäßigte Zone der Glückseligkeit des Ganzen zu gehören, eine mittlere, laue Temperatur, nicht befeuernd und auch nicht ganz kalt. Gewohnheit und Unwissenheit sind ihre beiden Endpunkte. Wer die Erde zum Garten, zur Heimath der Glückseligkeit macht, ist ein Schwärmer oder ein Unwissender; wer sie als eine Wüste, ein Jammerthal schildert, ist ein Milzsüchtiger oder ein Bösewicht. Sie ist ein Mittel zwischen beiden, ein what d'ye call it –«

Belph.: »Das aber doch bisweilen mehr der letztern Schilderung gleicht.«

From.: »Ja, es scheint, besonders wenn man den Lauf der vergangnen Begebenheiten im Ganzen überschaut. Aber merke auch, daß die Geschichte derselben ein gedungnes, voll gruppirtes Gemälde ist, dessen Theile sich in der Natur nicht so nahe berührten, wo zwischen den armseligen Spitzbübereyen und Mördereyen etwas heitre Intervalle waren. – Doch laßt uns alle diese leidigen Kenntnisse wegwerfen! Laßt uns nichts als unsern kleinen Zirkel der Freundschaft übersehen und, wenn sich unsre Spekulation über ihn hinauswagt, mit Medardus Auge alles anschaun, in der Absicht alles gut zu finden: sich so belügen ist eine Pflicht, die unsre Zufriedenheit fodert.«

Belph.: »Oft war dieß meine Rede. Glückliche Menschen, ihr Unwissende, ihr, denen der Himmel bloß schlichten Menschenverstand und keinen forschenden, grübelnden Geist gab! Ihr schleicht den Pfad eures Lebens dahin, weint oder lacht, wie euch die Umstände gebieten, ihr laßt euch gewisse, für eure Ruhe heilsame Meinungen einpfropfen, sie durch die Länge der Zeit zum festen, unverwelkenden Glauben aufwachsen, ohne zu untersuchen; und wohl euch! Da euer Auge nicht weit reicht, so erblickt es in dem kleinen Horizonte wenig Böses, von der Unordnung der Erde nur kleine, einzelne Fragmente, die euch nicht eher stark rühren, als bis sie auf euern Scheitel fallen. Freund, wenn es möglich wäre, den lästigen Plunder der Erfahrung von uns zu werfen, das Auge unsers Geistes zu stümpfen und seinen Gesichtskreis so sehr als möglich zu verengern, wären wir nicht glücklich?«

»Ja«, unterbrach ihn Medardus, »wir werden dieß seyn, Brüderchen; und wenn mein gutes Weibchen oder meine Zaninny oder das schöne Negermädchen in Karthagena bey uns wäre – wir wären doppelt glücklich; und dann einen Trupp kleine Nachkommenschaft um uns herum – Brüderchen, das wäre Dir ein Himmelreich.«

Fromal nickte und schwieg.

 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.