Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

»Freund«, unterbrach ihn Fromal, »darf ich auch meine Meynung sagen? – Ich erblicke in den Begebenheiten der Erde und jedes einzelnen Menschen einen Zusammenhang, der sie so zusammenkettet, daß eine wirkt und die andre gewirkt wird, um wieder zu wirken. Dieß ist das einzige, was ich mit Gewisheit sehe, und wenn ich daran zweifeln wollte, so würde ein Stein, der auf meinen Kopf fällt, mich lebhaft davon überzeugen: es ist eine Bemerkung, die eine leichte Aufmerksamkeit macht, und sie hat, deucht mich, die nämliche Evidenz, die das Zeugniß unsrer Sinnen giebt. Dieser bemerkte Zusammenhang soll einen Namen bekommen: richte ich meinen Blick bloß auf die Nothwendigkeit und Unwiderstehlichkeit dieses Zusammenhangs, daß ein Glied in der langen Kette der Begebenheiten genau an das andre schließt, daß ich keins herausnehmen kann, ohne die Ordnung und Folge des Ganzen zu ändern und also eine andre Kette zu machen, daß durch lange Vorbereitungen eine günstige und widrige Begebenheit, der Sturz vom Pferde und der Gewinnst eines großen Looses seit dem Anbeginne der Dinge schon gewiß war und izt, wenn sie geschieht, unvermeidlich ist, so nennen wir den Zusammenhang der Dinge, von dieser Seite betrachtet – Schicksal, Fatum. Betrachten wir ihn aber auf einer andern, in so fern eine jede Wirkung die abgezielte Absicht von dem Urheber der Dinge bey der Anordnung aller vorhergehenden Ursachen seyn konnte, so nennen wir es Vorsehung. In beiden Fällen bleibt der Zusammenhang derselbe, gleich nothwendig und unausweichbar, nur der Name und die Vorstellungsart wird geändert. In dem ersten Gesichtspunkte ist die Welt ein von dem Urheber der Welt veranstaltetes Spiel der natürlichen Kräfte: er warf Schwerkraft, Centralkraft, elektrische, magnetische und andre Kräfte der Körperwelt zusammen, er warf denkende und wollende Vermögen, Neigungen und Leidenschaften in die Geister und gab einer jeden Kraft eine bestimmte Regel für ihre Wirkungen. Das Spiel begann: Ideen, Neigungen, Leidenschaften kämpften unter einander, Körper stritten mit Körpern; die Maschine der Welt ist ein perpetuum mobile, wo Stoß auf Stoß, Wirkung auf Wirkung unausbleiblich folgen, der Gerechte und Ungerechte von einem Steine zerquetscht wird, wenn er gerade vorübergeht, indem ihn seine Schwerkraft zur Erde herabzieht, wo der Böse und Gute von der Kanonenkugel weggerissen wird, wenn sie ihn auf ihrem Wege antrift – kurz, wo aus dem verwirrten, streitenden Haufen der Weltkräfte eine Wirkung nach der andern hervorsteigt und jede der ihr angewiesnen Regel allein folgt. – Im zweyten Gesichtspunkte ist die Welt eine künstlich ausgesonnene Maschine, wo Rad in Rad greift, der Gang und die Wirkung eines jeden nach einem Risse ausgerechnet und bestimmt ist, es sey nun, daß der Künstler durch unsichtbare Federn unaufhörlich bey jedem Rädchen mitwirkt oder daß er nur einige dieses Einflusses würdigt oder daß sein Werk nach seiner ersten bestimmten Anlage ohne fernere Beyhülfe seinen angewiesnen Gang vor sich fortgeht. Da nun jede Wirkung auf die vorhergehende Ursache so gut paßt, daß diese um jener willen dazuseyn scheint, so stellen wir uns vor, daß der Stein darum einem Menschen auf den Kopf fällt, weil er getödtet werden soll: die Einbildungskraft hat hierbey Raum die Menge zu ihrem Spiel; wenn der Stein einen Menschen trift, den wir nach unserm Urtheile für böse halten, so nennen wir es Strafe; trift er einen guten, so nennen wir es Schickung oder wie es uns sonst beliebt. Aber allzeit ist es blos unsre Erfindung, unsre Vorstellung, die wir nie zu einiger Evidenz erheben können. – Jeder Mensch wird durch Erziehung, Unterricht, natürliche Anlagen und Neigungen zu einer von diesen Vorstellungsarten hingerissen und gleichsam so gestellt, daß er den Zusammenhang der Welt in einem von jenen Gesichtspunkten sieht. Dich, Freund Medardus, leiteten die Umstände auf das System der Vorsehung, mich auf das andre. Wir wollen nicht über Namen und Vorstellungsarten streiten: darinne kommen wir alle überein, und dieß sehen wir alle so evident, als unsre Augen uns von dem Daseyn einer Sonne überzeugen, daß ein festgeketteter, nothwendiger, unwidertreiblicher Zusammenhang in den Begebenheiten der Erde und jedes Bewohners derselben vorhanden ist. Wer dieß läugnet, spielt mit Worten. Wer sich eine von den beiden Vorstellungsarten dieses Zusammenhangs wählt, wähle diejenige, die ihm nach seiner Lage Thätigkeit zur Handlung und Beruhigung in der Widerwärtigkeit mittheilt; und er hat wohl gewählt. Aber wessen Gewalt ist es überlassen, eine solche Wahl zu treffen? Allmählich erzeugt sich aus seinen Kenntnissen, Schicksalen und Beobachtungen darüber ein gewisser lichter Schimmer der größern Wahrscheinlichkeit, der eine von jenen Meinungen in seinem Kopfe hervorstechender macht; und ich kann mir vorstellen, daß dieser Mann bey dem Fatum eben so viele Beruhigung findet als ein andrer bey der Vorsehung.«

Medard.: »Unmöglich, Brüderchen! Das trockne, leere, geistlose Fatum verglichen mit einer lebenden, thätigen, wirksamen Vorsehung – welch ein Unterschied!«

From.: »Ja, Freund, für die Einbildungskraft! die freylich ein freyeres Feld für sich findet, wenn sie den Zusammenhang der Dinge personificiren und ihn mit allen Eigenschaften eines sorgsamen Vaters ausputzen kann. Ich tadle dieß nicht: da die meisten Menschen blos durch Einbildungskraft und Empfindung geleitet werden, so muß das System der Vorsehung für sie ein unendlich wohlthätiges und vorzügliches System und die Menschen desto glücklicher seyn, je ausgebreiteter es wird. Und doch besizt es nur der kleinste Theil der Menschheit.«

Medard.: »Ganz Europa besizt es ja.«

From.: »Dem Namen nach! Der größte Haufen, Gelehrte und Ungelehrte, möchte ich behaupten, hat im Munde und in der Imagination die Vorsehung und im Verstande das Fatum. Prüfe sie, und du wirst finden, daß die Vorsehung der meisten ein personificirtes, mit etlichen glänzenden Eigenschaften der Vorsehung ausgeschmücktes Fatum ist. Von Europa fällt also ein großer Theil wahre Anhänger dieses Systems hinweg; und welche Menge in den übrigen Welttheilen, die insgesammt bey der ersten einzig gewissen, evidenten Beobachtung stehen geblieben sind, dem Grunde, von welchem alle unsre Erklärungen und Vorstellungsarten entstanden sind und in welchen sie sich alle auflösen lassen, nämlich: daß ein festgeketteter, unwidertreiblicher Zusammenhang in den Begebenheiten der Welt ist. Frage den Neger, den Indianer, den Kalmucken! und wenn er seine dunkle Empfindung hiervon auszudrücken weis, so wird er dir diese Idee geben; und doch, obgleich das Fatum der herrschende Glaube von mehr als der halben Menschheit ist, streitet der Türke mit der Kühnheit eines Löwen, und jedermann glaubt, er habe seinen Muth seinem Glauben an das unausweichbare Schicksal zu verdanken. Das System der Vorsehung scheint mehr die Stärke zum Dulden als zum Handeln zu geben; und, Freund, du wirst herrlichen Trost von ihm empfangen haben?«

Medard.: »Herrlichen Trost? ›Wer weis, wozu mir das gut ist?‹ – so dachte ich bey dem fürchterlichsten Sturme des Unglücks, und ich konnte getrost hindurch gehn.«

Belph.: »Glückliche Illusion! Wie wohl wäre mir gewesen, wenn sie mein Unmuth nicht aus meiner Seele getrieben hätte. Aber mein Unglück war zu ungestüm; eine eiserne Seele hätte es kaum tragen können. Und wenn ich gleich alle Fittige meiner Einbildungskraft ausgespannt hätte, um mich zu überreden, daß alles zu etwas gut sey, wie hätte ichs vermocht? – Wozu konnte es gut seyn, daß die Natur die Menschen so anlegte, daß sie in dem allgemeinen Handgemenge auch meinen Scheitel so oft verwundeten? Wozu konnte das gut seyn?«

Fromal fiel ihm ins Wort: »Du hast erfahren, Belphegor, daß die Menschen nicht das sind, wofür wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben: keine friedlichen Geschöpfe, die vom Verlangen, wohl zu tun, glühn, die in Ruhe und Eintracht neben einander leben, sich über ihr wechselseitiges Glück freuen und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinhüpfen. Du hast sie gefunden, wie ich dir verkündigte – eine Heerde Raubthiere, die Eigennutz, Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in Truppe versammelten, um einander desto wirksamer befeinden zu können, durch ihre natürlichen Anlagen, durch die Oekonomie ihres Wesens zum immerwährenden Kriege bestimmt, den sie beständig in roher, grausamer oder minder grausamer oder verkleideter Gestalt fortsetzen, blutig oder unblutig, so wie Gesetze, Sitten und Verhältnisse es ihnen erlauben; eine Heerde Raubthiere, wo eins über das andre will, eins das andre zu unterdrücken sucht und wo die meisten auch in einer beständigen, verjährten Unterdrückung gehalten werden – denn übersiehe die ganze Fläche der Erde, ob nicht blos kleine Flecken von der Sonne der Freiheit mit schwächerm oder stärkerm Schimmer erhellt werden, indessen daß große, weite Ebnen von der tiefsten Finsterniß der Sklaverey überdeckt sind, wo jedes muthige Wort auf der Zunge stirbt, wo der Geist der Freundschaft nie athmet und jeder mit rückhaltender Kälte den andern in langer Entfernung von sich hält, wo der Elende nicht einmal das Eigenthum seines Lebens besitzt. Uebersieh alle Zeiten, und sie werden Dir das nämliche Trauerspiel der Unterdrückung vorstellen; übersiehe Dein eignes Leben, Freund, und hast Du nicht allenthalben, wenige gute, edlere Seelen ausgenommen, die Menschen im einzelnen und im Ganzen mit meiner Schilderung passend gefunden?«

Belph.: »Ja, leider! sind mir Lähmungen, Narben, Beulen unverwerfliche Zeugen davon!«

From.: »Wovon Du Dir aber den größten Theil erspart hättest, wenn Du der Partie jenes londner Jungen gefolgt wärest, dessen Beispiel für mich die goldne Regel meines Verhaltens jederzeit gewesen ist. Ein Haufen größerer Buben, in deren Mitte er stund, geriethen in Zank: das Handgemenge wurde allgemein, man schlug sich blutrünstig, man riß sich Haare aus, nur mein Knabe bückte sich und kroch mit besondrer Geschicklichkeit durch die erhobnen Arme der Streiter hindurch und kam allein unversehrt aus dem Kampfe. Laß den Menschen die wilde Lust ihres Kampfjagens, laß sie sich balgen und raufen, mit dem Degen, mit der Feder, mit Verläumdungen, mit den Nägeln! schleiche dich durch sie hindurch und laß dich nie gelüsten, ihnen zu sagen, daß sie Narren sind, noch vielweniger, sie gescheidter machen zu wollen! Die Maschine kann nichts mehr oder weniger und nichts anders thun, als wohin sie der Stoß der auf sie wirkenden Räder treibt, und wer sie aus ihrer Richtung herauslenken will, muß Kräfte genug zum Wiederstande haben, oder er bekömmt Stöße, wovon ihn vielleicht der erste schon zu Boden wirft. – Entdeckte ich Dir nicht diese Erfahrung, Freund? Und warum folgtest Du ihr nicht?«

Belph.: »Folge einer kalten Erfahrung, wenn dein Herz in lichten Flammen lodert und die Gluth Dich ersticken oder den Busen zersprengen will! Folge ihr, wenn Du keinen Schritt thun kanst, ohne daß Dich nicht tausend Gegenstände umgeben, die Dich durch ihre Narrheit oder Schändlichkeit zum Unwillen reizen, wenn du bessern oder nicht sehen, kein Mensch seyn, kein Gefühl von Recht und Unrecht, vom Guten und Bösen haben mußt!«

 << Kapitel 49  Kapitel 51 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.