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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Seine gute Erwartung wurde zum Theil erfüllt: Fromal dankte ihm für die wohlmeynende Absicht seines Briefs und verbarg ihm keine von den Regungen, die er in ihm erweckt hatte; er erkannte sich aller Vorwürfe werth, die ihm darinne gemacht wurden, hatte aber auch für jede eine schöne Entschuldigung in Bereitschaft und bat Belphegorn, sein Freund wieder wie vormals zu seyn, welches gewissermaßen ein stillschweigender Vertrag seyn sollte, ihn ins künftige mit solchen Unruhen zu verschonen. – So legte es auch Belphegor aus und sprach daher mit dem ganzen Ernste eines Bekehrers: »Nicht Eine Minute kann ich Dein Freund seyn, so lange Deine Reue nicht wirksamer ist: nicht bloß vergessen, sondern wieder gut machen mußt Du Deine Ungerechtigkeiten, nicht bloß unterlaßen, sondern besser handeln.« – Fromal wiederholte die Versichrung seiner Reue nochmals und glaubte damit wegzukommen, allein Belphegor wich auch nicht Einen Punkt von seinen Foderungen ab und gieng in dem Feuer der Unternehmung so weit, daß er von ihm, wie ehmals vom Medardus, verlangte, seine Befehlshaberstelle aufzugeben, um sich vor neuen Mißbräuchen zu hüten. Die Anfoderung war übertrieben und verdarb darum die Hälfte der gemachten guten Wirkung: Fromals Eigenliebe fühlte etwas zu widriges dabey, um ihm nicht ein Vorurtheil wider den Mann einzuflößen, der sie thun konnte. Aus dieser Ursache brach er kurz darauf abermals das Gespräch ab, ohne weiter einen Anspruch auf Belphegors Freundschaft zu machen, der ihn ungern verließ, weil er von dieser Unterredung den entscheidenden Ausschlag gehoft hatte.

Indessen blieb doch Fromaln, so schwer es ihm fiel, sich mit seiner Eigenliebe ganz zu entzweyen, ein Stachel zurück, der ihn von Zeit zu Zeit an Belphegors Vorhaltungen erinnerte: er liebte ihn wegen seines Eifers für seine Besserung, er wollte ihn gern oft sehen, und gleichwohl fürchtete er eben diesen Eifer zu sehr, um ihn oft sehen zu können. Endlich schlug seine Eigenliebe einen Mittelweg ein: er bemühte sich, ihn durch Liebkosungen, Geschenke und Ehrenbezeugungen zu gewinnen oder seine ernste Beredsamkeit einzuschläfern; er zerstreute ihn durch verschiedene Vergnügungen; er kützelte ihn durch Wohlleben und dachte seine ernste Tugend im Weine zu ersäufen. Zur Hälfte gelangs ihm; aber mitten unter Ergötzlichkeiten mußte er sichs oft gefallen lassen, einen verwundenden Stich zu empfangen. Doch muß man es zu Fromals Ehre rühmen, daß er oft selbst den Faden zu ernsten Betrachtungen anspann und mit seiner vorigen Stärke und Lebhaftigkeit über Welt und Menschen philosophirte. Er berührte so gar oft seine eignen Vergehungen, tadelte und entschuldigte sie. Belphegor ließ keine Gelegenheit vorübergehn, die Wiedererstattung für alle zu verlangen, die Fromals Unterdrückung gefühlt hatten. Um sich auch diese beschwerliche Anfoderung zu ersparen, bot er Belphegorn das Stück Land zum Geschenke an, das er seinem Hausherrn durch Bedrückungen abgenöthigt hatte. Belphegor weigerte sich, und seine Gerechtigkeitsliebe stellte ihm den Besitz dieses Geschenkes als einen zweyten Diebstahl an. Doch Fromal, der den Menschen kannte, machte ihn durch häufige Zunöthigungen, durch die Vortheile und Annehmlichkeiten, die er ihm dabey versprach, mit der Idee davon so vertraut, daß er wirklich nach langem Weigern das Geschenk annahm, ohne es weiter für einen Diebstahl zu halten. Der Genuß mannichfaltiger Vergnügungen bey dieser Besitzung und die Erkenntlichkeit dafür minderten allmählich den Unwillen wider Fromals begangne Ungerechtigkeiten, und bald wurde nur davon gesprochen, um darüber zu spekuliren. So war nach vielfältigen, meistens selbsterregten Leiden Belphegor in Ruhe, besaß ein kleines Landgütchen mit einer für ihn bequemen Wohnung, mit schattichten Bäumen, um darunter philosophisch zu träumen, über sein Leben nachzudenken, die Welt nach Maaßgebung seiner Laune zu schimpfen oder zu bewundern – mit einem Gärtchen, um darinne, wie die Patriarchen, zu graben, zu säen, zu pflanzen – mit einem Felde, um darauf seinen Unterhalt von etlichen Negern erbauen zu lassen, die ihm Fromal dazu geschenkt hatte. Itzt, da er selbst die Nützlichkeit dieser Schwarzen genoß, verschwand das Düstre in der Vorstellung von ihrem Zustande ganz: ob er sie gleich als Menschenfreund beklagte und behandelte, so schienen sie ihm doch nicht mehr so unglücklich wie ehmals, und die Idee von einem Sklaven, von dem Verkaufe desselben, diese sonst für ihn so aufbringende Idee, familiarisirte sich so sehr mit ihm, daß sie ihm gleichgültig wurde. Er lebte in der glücklichsten Einsamkeit, in der beneidenswürdigsten Ruhe; was ihm mangelte, ersetzte ihm sein Freund, und beide waren itzt wieder mit ganzer Seele einig und vertraut.

Belphegors Glückseligkeit weckte bald in Fromaln ein Verlangen nach einer ähnlichen Ruhe auf, welches die Ermüdung von Geschäften verstärkte, besonders da er von Natur eine starke Neigung zur Spekulation hatte, die itzt durch Belphegors Beispiel wieder aufgelebt war.

Lange blieb sein Verlangen ein bloßer Wunsch, und Belphegors Auffoderung vermochte nicht, ihn zu einem Entschlusse zu bringen, zu welchem ihm eine widrige Begebenheit zwang. Schon lange hatte einer von seinen Unterbedienten, vermuthlich von Neid und Eifersucht angetrieben, heimlich eine Partie wider ihn gemacht, die itzt zu seinem Schaden ausbrach. Man wollte ihn durch Verdrießlichkeiten abmatten und nöthigen, die Befehlshaberstelle niederzulegen, zu deren Erlangung sein Nebenbuhler schon die nöthigen Veranstaltungen getroffen hatte. Er sah ein, worauf es angefangen war, und um einem gewaltsamen Sturze zu entgehen, stieg er selbst von seiner Würde herunter und vergrub sich mit seinem Freunde Belphegor in der Einsamkeit. Da er aber die Schikane und Beunruhigung des neuen Befehlshabers fürchtete, so verließ er mit Belphegorn die Insel und kaufte sich eine mäßige Besitzung in Virginien, die er auf den Rath seines Freundes in drey gleiche Theile zerschnitt, um sie so mit seinen zween Freunden zu besitzen; denn man hatte sich schon Mühe gegeben, Akanten und den guten Medardus gleichfalls zu der Gesellschaft zu ziehn. Die Nachfragen blieben lange fruchtlos; man schrieb und schrieb und erfuhr nichts, bis endlich, da sie bereits verzweifelten, sie wiederzufinden, Fromal die Nachricht erhielt, daß sie einer seiner Bekannten auf seinem Schiffe zu ihnen führe. Die Nachricht wurde bald durch ihre Ankunft bestätigt, und die glücklichste Stunde vereinigte drey Freunde wieder, die Schicksal und Leidenschaften oft von einander getrennt hatten, um hier in stiller Ruhe dem Tode langsam entgegenzuwandeln.

Akante erschien nicht; sie hatte kurz vor der Abreise eine verliebte Kuppeley unternommen, und da der Mann, dessen Frau sie durch ihre Bemühungen zur Untreue verleiten wollte, die Sache sehr übel nahm, so rächte er sich mit einem guten Schlage an ihr, der so übel abgepaßt war, daß sie nach langen Schmerzen verschied. Aus alter Liebe und weil er ihre schlimme Seite nicht genug kannte, betrauerte sie Belphegor und beklagte ihren Tod als einen Verlust für sich. Allein Medardus unterbrach sein Klagelied und rieth ihn, nicht Einen Seufzer an ein schändliches Weib zu verschwenden, das nicht verdient hätte, Athem zu holen. »Brüderchen«, sprach er, »sie hätte die Minute nach ihrer Geburt einen so gesunden Schlag auf den Hirnschädel bekommen sollen, so wären viele Menschen weniger unglücklich und Du nicht betrogen worden. Sie war eine Falsche, die listig die Grundsätze und Neigungen desienigen annahm, dessen Hülfe sie eben brauchte: in einer Minute war sie zärtlich, feurig verliebt und bis zur Uebertreibung einschmeichelnd, die folgende Minute, wenn es ihr Vortheil verlangte, kalt, verachtend stolz und warf vielleicht einen Liebhaber zum Hause hinaus, in dessen Umarmung sie kurz vorher den Himmel zu fühlen vorgab.«

Belphegor seufzte. –

»Sie trieb«, fuhr Medardus in seiner Parentation fort, »zuletzt die schändlichste Kuppeley und war so geschickt, Dir ihr abscheuliches Gewerbe zu verbergen. In Einem Hause unter Einem Dache mit ihr wußtest Du am wenigsten davon, und oft, wenn Du in Deiner Stube spekulirtest, wurden vielleicht unter oder neben Dir der Wohllust die schändlichsten Opfer gebracht. Sie hat mich, sie hat Dich hintergangen durch Lügen und durch That. Wie führte Dich nur das liebe Schicksal wieder zu ihr?«

Belphegor ertheilte ihm darüber die gehörige Nachricht, und am Ende seiner Erzählung rief Medardus aus: »Da sieht man doch, daß die Vorsicht noch lebt! Betrügerey und Laster finden am Ende allezeit solchen Lohn.«

»Aber«, unterbrach ihn Belphegor, »ist das Vorsehung, ein Geschöpf, das tausend andre unglücklich gemacht hat, mit einer Keule vor den Kopf schlagen zu lassen? Wenn heute, wenn morgen einen unter uns ein herabfallender Stein quetscht oder die Keule eines Räubers verwundet, daß wir unter langen Schmerzen sterben müssen, so sind wir Akanten gleich. Was ist aber bey uns die Absicht der Vorsehung? – Ist es Strafe? – warum soll ich oder Du, die wir nicht zur Hälfte so viel Böses begangen haben, warum sollen wir mit jener ungleich größern Verbrecherin gleich gestraft seyn? und das ist eine üble Gerechtigkeit, wo alle Vergehungen auf gleichen Fuß behandelt werden: wenn wenig oder viel mit Einem Grade von Bestrafung wegkömmt, so hätte ich Lust, lieber viel zu begehen. – Ist es in unserm Falle keine Strafe? – desto schlimmer! warum trift den Unstrafbaren mit dem Strafbaren ein Gleiches? Woher weiß ich das, daß Einerley Begebenheit in einem Falle es ist, im andern nicht? und wie kann ich aus Akantens Vorfalle schliessen, daß eine Vorsicht mit Absicht ihr dieses Schicksal wiederfahren ließ?«

»Brüderchen, Du disputirst mir nichts aus dem Kopfe. Vielleicht würden wir von einem Steine erschlagen, um großen Lastern und Unglückseligkeiten zu entgehn. Wer weiß! wozu es gut ist?«

»Elende Ausflucht! Warum wurde denn Akante, die dadurch von ungeheuren Lastern und vielem Unglücke hätte bewahrt werden können, wie man nun deutlich sieht, nicht im sechsten oder siebenten Jahre erschlagen? und warum geschah dieß so vielen, deren wohlgeführtes Leben es nicht vermuthen ließ, daß ihnen durch ihren Tod große Laster erspart wurden? Sollten wir Akantens Geschick erfahren, um großem Unglücke zu entgehn? – Wahrscheinlich keinem größern, als wir schon erduldet haben! – Nach Deiner Philosophie, Freund, wäre es der höchste Grad der Vorsehung, alle Kinder unmittelbar nach der Geburt vor den Kopf schlagen zu lassen.«

»Aber, Brüderchen, wenn viele, die es nicht verdienten, eben so gestorben sind, so ist ja das nichts sonderbares: es braucht nicht Strafe zu seyn; sie mußten einmal sterben, so galt es ja gleich, ob ihnen eine Krankheit die Kehle zudrückte oder ein Stein den Kopf zerquetschte.«

»Alles gut, Freund! Aber woher weißt du, daß dieß bey Akanten nicht eben derselbe Fall war? Woher weißt Du, daß Eine Begebenheit in zween Fällen zwo verschiedene Absichten hatte? – Das kannst Du nicht beweisen; Du kannst gar nicht beweisen, daß eine Absicht dabey war, Du kannst –«

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