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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Er nahm seine Zuflucht zu Akanten, die noch, so sehr sich ihre Reize auch vermindert hatten, aus dem nämlichen Grunde gern mit der Liebe spielte, aus welchem ein alter Fuhrmann gern klatschen hört, wenn sein Arm zu steif ist, die Peitsche selbst zu regieren. Sie war – wenn man ihre Verrichtung bey dem eigentlichen Namen nennen darf – eine Kupplerinn und genoß die Freuden ihrer Jugend wenigstens in der Einbildung, wenn sie den fremden Genuß derselben vor sich sahe, da das unbarmherzige Alter sie leider! unfähig gemacht hatte, sich in der Wirklichkeit daran zu vergnügen. Ihr Mann, der mit seinem Kopfe immer auf irrendritterliche Fahrten ausgieng, konnte über dem Eifer, die ganze Welt zu bessern, nicht daran denken, sein Haus zu bessern, das durch die Geschäftigkeit seiner Frau einem Bordelle nicht unähnlich geworden war. Er merkte nicht das mindeste hiervon, sondern lebte nunmehr von der Einnahme seiner Frau, unbekümmert, daß sie der Gewinst einer Unterdrückung war, die alle andern überwiegt – der Unterdrückung der Tugend. Indessen daß diese ohne sein Bewußtseyn täglich hinter seinem Rücken geschah, schwärmte er mit seinen Gedanken in der Welt herum, suchte Materialien zum Aerger auf und zürnte, daß die Natur nicht ihn um Rath gefragt hatte, als sie eine Welt schaffen wollte.

Mitten unter seinem traurigen Zeitvertreibe gerieth er in die Bekanntschaft eines Mannes, der sein Haus oft besuchte, Akanten reichliche Geschenke machte, ohne jemals mehr zu thun, als bey ihr ein und auszugehen. Da er also bey den Lustbarkeiten, die an dem Orte vorgenommen wurden, blos ein überflüßiger und oft lästiger Zuschauer war, so bekommplimentirte ihn Akante so lange, bis er sich zuweilen bereden ließ, sich zu ihrem Manne zu begeben und mit ihm zu unterhalten.

So zurückhaltend und lakonisch der Fremde war, so offenherzig aus der Brust heraus redte hingegen Belphegor. Und bald fanden sie beide, daß ihre Denkungsart nicht ganz disharmonisch war; sie wurden einander interessant und in kurzem Freunde, doch lange nicht so sehr, daß der Fremde auf die vielen Zunöthigungen sich entdeckt hätte. Endlich machte einstmals die Flasche, womit er Belphegorn häufig bewirthete, seine Zunge so geläufig, das er folgendes Bekenntniß ablegte: »Ich war ehemals ein Herrenhuter, konnte aber den verschleierten Despotismus, der diese Gemeine unter den heiligsten Benennungen tyrannisirt, nicht länger mehr erdulden und trennte mich deswegen von ihr. Menschen geboten uns willkührlich und wollten uns überreden, daß die Stimme des heiligen Geistes durch sie gebiete. Ich glaubte dem heiligen Geiste nicht mehr blindlings und wurde deswegen gemishandelt: ich verlies eine Sekte, wo die natürliche Freiheit ungleich mehr eingeschränkt ist als in der despotischsten Monarchie und die Schranken ungleich schwerer erweitert werden, weil sie mit der Heiligkeit überfirnißt und zugleich die Stützen des Ganzen sind, um dessentwillen sie je länger, je mehr vervielfältigt werden müssen, so daß zuletzt entweder ein Pabst mit etlichen listigen Füchsen den übrigen Haufen ganz abrutiren muß, um ihn in Ruhe nach Willkühr, wie Marionetten, zu regieren, oder die ganze Gesellschaft ein Trupp so verdorbner Christen voll Zanks, Uneinigkeit und Tumult werden wird wie die übrigen alle. Solltest du denken, daß unter der stillen, friedfertigen Mine des Bruders das nämliche Herz lauscht und daß seine Gesellschaft eine Welt ist, wo der Schwächre eben so sehr unter schönen Namen betrogen und tyrannisirt wird als in andern Gesellschaften? – Glaube mir, es ist so! Ich entsagte dem separatistischen Despotismus und durchlief Königreiche, Herzogthümer und Fürstenthümer, Aristokratien und Republiken, allenthalben begegnete ich dem Despotismus im Großen oder im Kleinen, unter dieser oder jener Maske, versteckt oder offenbar. In jedem, auch dem kleinsten Staate lauschte dieß vielköpfichte Ungeheuer, und ganz Europa schien von ihm verschlungen zu werden. Regierungsgehülfen, denen die Gunst des Fürsten mehr galt als die Glückseligkeit des Volks, untergruben listig die Schutzwehren, die die Monarchie vor den Eingriffen des Despotismus sichern sollten, oder warfen sie aus eigner Herrschsucht mit Gewalt nieder: sie legten der Nation Lasten auf, daß sie sich unter der Bürde krümmte, und beschwerten sie, um sie glücklich zu machen.«

»Um sie glücklich zu machen!« rief Belphegor verwundert.

»Ja, Freund! Man ersann eine Philosophie, deren oberster Grundsatz im Grunde war: man muß den Menschen das Leben sauer und schwer machen, um sie glücklich zu machen. Man hatte bemerkt, daß Staaten durch Industrie und Geschäftigkeit blühend und glänzend geworden waren: man hielt den Glanz des Staats und die Glückseligkeit seiner Mitglieder für untrennbare Dinge! oder man würdigte vielleicht nicht einmal die leztern einiger Rücksicht und sezte es also als einen Grundsatz fest, daß die Glückseligkeit eines Volks mit seiner Industrie zunehme; und jedermann dachte auf Mittel, sein Volk auf diesen sichern Weg zur politischen Glückseligkeit zu führen. Sogar Junker, die eine Hand voll Bauern unter ihrem Kommando hatten, die ihnen ihr Feld pflügen und ihr Vieh hüten mußten, sprachen von Industrie und wollten ihre Arbeiter industriös machen, weil sie alsdann noch mehr faullenzen zu können hoften. Indem man allenthalben Mittel zur Industrie aufsuchte, bemerkte man, daß die Einwohner einiger Länder mit wenigen Auflagen beschwert und nicht industriös gewesen waren. Sogleich erklärte man dieß für die Wirkung von jenem, was es vielleicht in einigen einzelnen Fällen wirklich seyn mochte, ob es gleich in den meisten nur ein begleitender oder höchstens mitwirkender Umstand war. Das Geheimniß war gefunden, und jeder Politiker, der rechnen gelernt hatte, machte es zum Glaubensartikel, daß man dem Volke viel nehmen müsse, damit es viel gewinne; und ein junger Sekretär einer Kammer fertigte mich, da ich aus meinem gesunden Menschenverstande Einwendungen dawider machen wollte, frisch weg damit ab, daß ich das Ding nicht verstünde. – Freund! heißt das nicht einen Esel mit Peitschenschlägen zum Laufen bringen? Gut! er läuft stärker nach Empfang der Hiebe; aber ist nicht ein gewisser Punkt, wo das gute Müllerthier nicht stärker laufen kann, wo er entweder unter den Schlägen erliegen oder seinen Führer sich wiedersetzen muß? und ist nicht ein gewisser Punkt, innerhalb dessen die Industrie durch die erschöpften Kräfte der Menschen, durch die besondre Lage und Beschaffenheit des Landes und tausend andre Ursachen eingeschränkt wird, über die sie nie hinausgebracht wird, man lege dem Volke jeden Tag neue Lasten auf? – Und ist denn die Glückseligkeit der einzelnen Mitglieder bey der Berechnung eine bloße Null? Sollen die Menschen nichts als Lastträger seyn, denen man täglich mehr auflegt, damit sie täglich mehr tragen lernen? Sollen sie immer gieriger nach Gewinn trachten, um immer mehr geben zu können? Heißt das nicht, sie zu allen den Lastern hinstoßen, die man für Schandflecken der Gesellschaft erkennt? zur Habsucht, List, Betrug – kurz, zu allen Vergehungen, die durch den leichten Zaun der Gesetze durchschlüpfen können?«

»Verflucht sey die Industrie!« rief Belphegor. »Je mehr sie steigt, je mehr raubt sie der Gesellschaft Annehmlichkeit, Zierde und den einzelnen Mitgliedern die Glückseligkeit. – Was thut sie? Sie schiebt einigen wenigen das Kopfküssen der Bequemlichkeit unter, macht alle, mehr oder weniger, zu habsüchtigen Wölfen und listigen Füchsen und wirft den größten Haufen auf den harten Pfühl der Arbeit, der Beschwerlichkeit, der Kümmerniß, des Mangels. – Wohl euch! ihr Tiere und ihr Menschen, die ihr ihnen gleicht, denen thierisches Bedürfniß den ganzen Kreis ihrer Glückseligkeit schließt!«

»Freund! Du bist voreilig. Die Industrie rottet eben so viele Laster aus als sie giebt –« »Was ist da gewonnen?«

»Was bey jedem Wechsel auf unserm Planeten gewonnen wird – man tauscht ein andres Uebel ein. Daran kann ich mich gewöhnen, nur an die Unterdrückung nicht. Mein Gefühl von Freiheit, das bey jeder Spur von ihr bis zum Tumulte aufrührisch wird, trieb mich aus der alten Welt, wo despotische Grundsätze die Schranken derselben immer enger zusammenzogen, so enge, daß an manchen Orten kein Mensch mehr ein freies Wort zu flüstern wagte. Aber Freund! welch ein Wechsel! hier fand ich die Unterdrückung in roher, unbekleisterter Gestalt und mit feiner Tünche überzogen; gerade dieselbe Welt wie auf der andern Halbkugel, an manchen Orten besser, an manchen schlimmer. Ebendieselbe Kraft, die in der Bewegung der körperlichen Welt ein gewisses Gleichgewicht erhält, muß auch die moralische und politische Vollkommenheit des Ganzen in einer gewissen Temperatur erhalten, daß alle Zeiten und alle Orte im Besitz und Mangel sich die Wage halten.«

»Leider!« seufzte Belphegor, »ist die Welt sich allenthalben gleich. Aber muß es so seyn? Oder ist nicht zu vermuthen, daß einst ein Mann, der mehr Geist ist als seine Mitbrüder, die groben Fesseln zerbrechen wird, die diesen und jenen Theil der Menschheit an den Bock der Sklaverey anketten; denn die feinen, gewohnten Banden, an welchen der Gewaltige den Schwachen allzeit führt, diese zu zerreissen, ist Gott und Mensch zu schwach, so lange die Natur keine Umschaffung unternimmt. Aber ein solcher Mann, der die Indianer an ihren Unterdrückern rächet, zwar tausend Unschuldige bey seiner Rache mit hinraft, aber sie doch zu einem edlen Zwecke hinraft –«

»Diese Erlösung wird die Zeit bewerkstelligen.«

»O die leidige, langsame Zeit, die erleichtern, aber nicht erlösen kann! – Die Menschen kämpften um Herrschaft, bis der Mächtigere obsiegte und den Schwächern niederwarf. So lange diesem das Joch neu war, trug er es unwillig und regte sich, wenn jener zu hart drückte; mit der Zeit wurde er durch die Gewohnheit eingeschläfert und fühlte gar nicht mehr, daß ihm der Druck auf dem Halse lag – siehe! das ist bisher die Hülfe gewesen, die die träge, langsame Zeit gereicht hat.«

»O Freund! ich bin nicht der Mann, der diese hohe Unternehmung wagen könnte; aber eins kann ich! ich kann Vorschläge und Projekte thun. Von jeher war es meine Lieblingsbeschäftigung, über die Gebrechen der Regierungen nachzudenken und Plane zu ihrer Verbesserung auszusinnen. Keine darunter sind ausgeführt worden, aber die Welt befände sich gewiß wohl dabey, wenn sie alle ausgeführt wären. Ich habe einen Entwurf ersonnen, wie alle Kriege, wenigstens in Europa, auf immer unthätig gemacht und ganz vertilgt werden könnten.«

»Willkommnes Projekt! O Natur! warum gabst du mir nicht Kräfte in meinen Arm und Muth genug in mein Herz, ein so erhabnes Projekt zu bewerkstelligen?«

»Es braucht weder Muth noch starken Arm dazu, um die Uebereinstimmung aller Mächte von Europa über die Beylegung ihrer Fehden etlichen aus ihrem Mittel den Auftrag zu geben.Vermuthlich ist seine Meynung, daß eine Veranstaltung getroffen werden sollte, die den Austrägen der Fürsten im deutschen Reiche gleich kämen, wo bey entstehenden Zwistigkeiten die Untersuchung und Entscheidung einigen selbstgewählten Mächten von Europa aufgetragen würde. Freylich ein herrliches, aber schweres Projekt! Herrliches Projekt, das Schwerdt und Kanone unschädlich, einen ganzen Welttheil ruhig, bevölkert, wirklich polirt machen und jedes empfindende Herz mit dem Menschengeschlechte aussöhnen wird! Freund, wenn ich den Anfang eines solchen Glücks erlebte! und sich dabey bewußt zu seyn, daß man die Idee dazu im Kopfe gehabt hat, was für eine Freude müßte das sein!«

»Bester Freund! eine überschwengliche Freude! Allein Krieg ist seltner, doch Unterdrückung dauert Tag für Tag. Hättest Du ein Projekt, dieß Ungeheuer zu vertilgen.«

»Auch dafür weiß ich eins. Alle Regenten dürften nur mehr für die Glückseligkeit ihrer Staaten als für ihren eignen Glanz sorgen, alle despotische Grundsätze aus sich und ihren Dienern verdrängen, das Leben und Wohlseyn des geringsten Unterthans höher schätzen als allen Pomp, sich und das Volk nicht als zwo Parteyen betrachten, worunter eine die andre immer feiner zu überlisten sucht, eine nicht geben und die andre nehmen will, sondern sich als eine Gesellschaft behandeln, die ein gemeinschaftliches Interesse vereint –«

»Wenn soll dieß Projekt ausgeführt seyn?«

»Ja«, wollte er antworten, aber man rief »Feuer« im Hause, und die Antwort blieb unvollendet.

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