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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Waren wir dem Feuer entgangen, so war es nur, um in die Hände der Feinde zu fallen. Die Spanier und Engländer hatten damals das Recht, einander allen ersinnlichen Schaden und Feindschaft anzuthun, denn kurz vorher war zwischen beiden ein Krieg ausgebrochen. Siehst Du, Brüderchen? wir wußten nichts davon und erwarteten also gar nicht, daß jemand unser Feind seyn wollte, weil wir niemanden etwas zuwider gethan hatten. Allein da die beiden Mächte uneinig waren, so mußten wir arme Unschuldige ihren Zorn entgelten und uns – mochten wir, mochten wir nicht – als Feinde behandeln lassen, weil uns ein englisches Schiff trug. Ein spanisches griff uns an und führte uns glücklich nach Karthagena, wo ich bewies, daß ich kein Engländer war und auch nicht einmal den Namen nach an dem Mißverständnisse zwischen den beyden Königen einigen Antheil hätte. Auf diesen Beweis gab man mir die Erlaubniß, mein Glück zu suchen, wo ich es finden konnte. Ich fand einen Platz bey einem Kaufmanne, wo ich mich gegenwärtig noch befinde und auf dessen Verlangen ich diese Reise nach dem kalifornischen Busen mit unternehmen mußte. – Glückliche Reise! ich habe Dich wiedergefunden; ich bringe Dich nach Karthagena, und nun leben und sterben wir beysammen.«

Seine Wünsche wurden erfüllt: sie erreichten glücklich Panama und machten alsdann in kurzer Zeit den Weg bis nach Karthagena, wo Medardus seinem Freunde eine anständige Versorgung verschafte und dieser Akanten, die Gefährtinn seiner Schmerzen und seines Unglücks, zu seiner wirklichen Ehegattin erhub.

Belphegor glaubte sich nunmehr am Ende seiner Leiden, heiterte sich durch seine Zerstreuungen und Geschäfte genugsam wieder auf, um seine bisherige trübe Laune ziemlich zu vergessen; allein der herrschende Ton seiner Empfindungen und seiner Gedanken blieb beständig der schwermüthige, der melancholische, und seine Unterhaltungen mit seinem Freunde betrafen meistens das große Labyrinth – die Begebenheiten und Schicksale der Menschen. Er wankte mit seinem Glauben zwischen Nothwendigkeit und Vorsehung hin und wieder, und seine eigne Ueberzeugung zog ihn allezeit zu der erstern, ob ihn gleich sein Freund zu der letztern zu ziehen suchte. Wenn aber auch sein innerlicher Zustand nie völlig ruhig werden konnte, so glaubte er wenigstens, daß die Menschen und das Schicksal seinen äußerlichen nicht weiter beunruhigen würden; aber auch hierinne glaubte er falsch: die Menschen mußten ihn in seiner Ruhe stören, weil er sie im Laster und der Unterdrückung stören wollte.

Seine Geschäfte führten ihn oft in solche Verbindungen, daß er das ganze Spiel der Leidenschaften und des Eigennutzes in dem deutlichsten Lichte sehen konnte: er fand, daß auch in dieser neuen Welt, wie in der alten, der Neid beständig den Bogen gespannt hielt und jeder seine Obermacht zur Unterdrückung mißbrauchte. Anfangs ließ er sich zwar von der Klugheit zurückhalten, allein in kurzem häuften sich die Reizungen so sehr, daß sein Unwille alle Klugheit überstimmte: er riß ihn hin und stürzte ihn in tausend Unannehmlichkeiten und eben so viele Gefahren.

Der Herr, in dessen Diensten er stand, war ein Kreole und hatte deswegen den Haß aller gebornen Spanier auszustehn: bey jeder Gelegenheit, wo von einem unter diesen das Interesse oder die Ehre seines Herrn gekränkt wurde, focht Belphegor mit allen Kräften seiner Beredsamkeit und seines Leibes, ihn zu vertheidigen. Sein Eifer machte ihn bey seinem Herrn beliebt und wurde dadurch um so viel stärker angefacht.

So lange er wider die Ungerechtigkeiten und den Stolz der gebornen Spanier deklamirte und mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit auf die Verachtung loszog, die sie gegen alle Kreolen blicken ließen, auch zuweilen dadurch, daß er zu heftig die Partie der Kreolen nahm, sich blaue, braune, gelbe und rothe Flecken, Wunden und Beulen verursachte, so überhäufte ihn sein Herr mit Liebkosungen und Geschenken, Belphegor empfieng die freundlichsten, gütigsten Blicke unter allen im ganzen Hause, sein Gespräch war die liebste, die einzige Unterhaltung seines Herrn, und dieser konnte ihm stundenlang zuhören, wenn er eine Strafpredigt über Welt und Menschen hielt und die Züge in seinen Gemälden des kindischen menschlichen Stolzes von gebornen Spaniern entlehnte. Sobald er aber Einen Zug der Unterdrückung einfließen ließ, die der Kreole so gut als der Spanier begieng, so schwieg man anfangs still, und wenn er seine Schilderungen mit solchen Dingen gar zu sehr überladete, so wurde die Unterhaltung abgebrochen. Belphegor, der seinen Herrn, im Durchschnitte gerechnet, für gut hielt, dünkte sich verpflichtet, ihm auch die kleinen Flecken abzuwischen, die die Grundfläche seines Charakters beschmuzten und die sich nur durch die Länge der Gewohnheit so tief eingefressen hatten, daß er sie, wie alle Menschen seines Schlages um ihn, für keine Flecken hielt. Dahin gehörte vorzüglich diese Art von Grausamkeit, die auch Menschen begehen, wenn sie nichts als gerecht sind, andern zwar sehr pünktlich ihre eignen Obliegenheiten entrichten, aber auch mit der äußersten Strenge ihr Recht von andern verlangen. Da diese Strenge sich am meisten da äußert und auch, ohne gerichtliche Straffälligkeit, am meisten da äußern kann, wo eine alte, verjährte Unterdrückung zum Recht geworden ist und ein Trupp armseliger Kreaturen, so bald sie zu existiren anfangen, schon die Möbeln eines andern sind – kurz, wo Leibeigenschaft und Sklaverey herrschen, so fand Belphegor für seinen Strafeifer nirgends reichlichern Stoff als in seinen gegenwärtigen Umständen. Die Indianer, diese armen Lastträger, diese Soufredouleurs von Amerika und, man möchte sagen, der ganzen Menschheit, reizten seinen Unwillen am heftigsten. Er sah, daß alles sich vereinigte, auf die Kosten dieser Elenden wohl zu leben, und sein Ungestüm, da er so viele Nahrung fand, brach von neuem los. – »Ihr seyd Unmenschen«, sprach er einst zu seinem Herrn; »ihr macht eure Schultern leicht und legt alle Lasten der Menschlichkeit diesen Kreaturen ohne Mitleid auf: ihr drückt sie, weil sie keine rechten Christen sind, ohne zu bedenken, daß sie Menschen sind. Laßt diesen Unglückseligen ihren Pachacamac oder wie sie ihn sonst nennen wollen und erleichtert ihnen die Mühe zu leben, und ihr seyd ihre wahren Wohlthäter. Ist es nicht ewige Schande, eine halbe Welt zu erobern, ihre Einwohner zu Sklaven zu machen und dann noch an ihrem dürftigen Unterhalte zu saugen? – Aber warum konnte nun die Natur ihr Werk so anlegen, daß alle diese Härte eine nothwendige Folge von seiner Einrichtung seyn mußte? daß ein Theil der Menschen von dem andern nicht allein zur Arbeit gezwungen, sondern auch überdieß noch hart behandelt werden mußte? daß ein Theil ganz erniedrigt werden mußte, damit der andre desto höher sich emporhebe? – O Gott! mir schwellen alle meine Adern, wenn ich diesen tollen Lauf der Welt überdenke! – Was sind diese Befehlshaber, diese Corregidoren anders als privilegirte Unterdrücker? Was seyd ihr, die ihr den Reichthum des Landes der Erde abgewinnt, anders als immerwährende Unterdrücker? als vom Recht geschüzte Unterdrücker, wenn ihr auch noch so gelinde verfahrt? Und wenn der Elende diese beiden Ruthen bis zum Verbluten gefühlt hat, dann setzt noch der geistliche Blutsauger den Rüssel an und zieht dem armen Einfältigen den wenigen Saft aus, der ihm übrig blieb, verkauft ihm schnöde nichtsnutze Possen und pflanzt ihm den häßlichsten Aberglauben ein, damit ihn Gewissen und Blödsinn zum Kaufe zwingen. – Ist es erhört, o Natur, daß du eine Gattung von deinen Geschöpfen so ganz stiefmütterlich vernachlässigen konntest? Waren die Indianer nicht auch dein Werk? Und doch ließest du sie vielleicht viele tausend Jahre in Dummheit und dem grausamsten Aberglauben herumkriechen, Sklaven ihrer Tyrannen und ihrer Götter seyn, dann sie zu tausenden erwürgen, in das Joch der Europäer stecken und nun langsam von allen Seiten bis zur Vernichtung quälen: du schufest sie, um sie langsam aufzureiben.«

Einen solchen Sermon hielt natürlicher Weise sein Herr nicht länger aus, als bis er sich das erstemal getroffen fühlte, wo er sich meistentheils wegwandte, räusperte, eine Beschäftigung vornahm, jemanden rief, das Zimmer verließ oder etwas anders that, das ihn darauf zu hören hinderte. Eine jede solche Unterhaltung schwächte bey ihm den Geschmack an Belphegors Umgange, und obgleich dieser sich sehr oft durch ein kleines Lob auf die Gutherzigkeit des Mannes wieder in Gunst sezte, so hieß das doch nur, einen schlimmen Eindruck benehmen, aber keinen guten geben. Diesen Umstand nüzten seine Kameraden, die schon längst mit schielen Augen die Vorzüge angesehn hatten, die er von seinem Herrn genoß, ihn dieser Vorzüge zu berauben. Sie stellten Belphegors Deklamationen von der schlimmen Seite vor, erdichteten etliche, die er wider seinen eignen Herrn namentlich in seiner Abwesenheit gesagt haben sollte; sie fanden leicht Glauben, und bald wurde Belphegor zurückgesezt, verachtet und jedes, auch das mindeste seiner Worte übel genommen, man machte ihm, ob er gleich von Wunden und Beulen verschont blieb, das Leben doch so schwer, daß er diesen innerlichen Schmerz gern gegen alle körperliche vertauscht hätte. Er wurde es endlich müde, verlies das Haus und lebte von der Gütigkeit seines Freundes Medardus, der sich mit der größten Bereitwilligkeit seiner annahm und auf einen andern Platz für ihn dachte.

So schwer ihm diese Bemühung wurde, so gieng sie ihm doch endlich glücklich von statten: er verschafte seinem Freunde einen andern Platz, aber keine Ruhe. Er brachte ihn in das Haus eines Mannes, der recht dazu geschaffen schien, seinen bisherigen Unwillen über die amerikanische Unterdrückung zu erhöhen und den ganzen Belphegor in Feuer und Flammen zu setzen. Ein Mann war es, der sein Leben in der wollüstigsten Trägheit dahinschlummerte, und wenn er ja handelte, doch nie über die Gränzen der Sinnlichkeit hinauswich: wenn er geschlafen hatte, so aß oder trank er, und wenn er gegessen oder getrunken hatte, so schlief er, und wenn er dessen überdrüßig war, so ließ er sich von einem Pferde tragen oder von etlichen ziehen. Zuweilen gebrauchte er sogar Sklaven hierzu, um zugleich seinen Stolz zu kützeln, wenn er Geschöpfe, die mit ihm einerley Figur hatten, so unter sich erniedrigt sehen konnte. Wenn er speiste, mußte einer von seinen Hausbedienten ihm mit lauter Stimme seinen Stammbaum, der von Erschaffung der Welt anhub, vorlesen, desgleichen jede Lobrede, die auf einen seiner Vorfahren gehalten worden war; und da er meistens über dem Lesen einschlief, so war es kein Wunder, daß die Geschichte seiner Abstammung seine einzige Lektüre schlafend und wachend ausgemacht hatte, ohne daß er mehr davon wußte, als daß Adam sein erster Stammvater gewesen sey, weswegen er es bey jeder Gelegenheit mit großem Stolze zu rühmen wußte, daß seine Familie unmittelbar von Gott selbst gemacht worden sey.

Der Anblick eines so vegetirenden Geschöpfes mußte Belphegorn natürlich aufbringen, besonders wenn er es mit den hülflosen Mitgeschöpfen verglich, die ihm die Mittel zu einer so weichlichen Bequemlichkeit erarbeiten mußten. Er wollte nicht mehr dieselbe Luft mit ihm athmen oder von Einem Dache mit ihm bedeckt seyn, und als er eines Tages den Auftrag bekam, ihn mit der Vorlesung seines Geschlechtsregisters einzuschläfern, so that er ihm mit dem Eifer eines Bußpredigers eine so nachdrückliche moralische Vorhaltung seiner noch weniger als thierischen Lebensart und der Unterdrückung, die er begehn müßte, um sie genießen zu können, daß der Mann kein Auge zu thun konnte, worüber er so ergrimmte, daß er den armen Belphegor als einen unbrauchbaren Bedienten zum Hause augenblicklich hinausweisen ließ. Das Schicksal war hart, aber ein kleiner Rest von Stolze, der ihn überredete, für die Wahrheit eine Aufopferung gethan zu haben, stärkte ihn hinlänglich, daß er so aufgerichtet und frölich wie ein Märtyrer über die Schwelle schreiten konnte.

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