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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Unterdessen flog der Gerettete, den seine Dankbarkeit noch ganz begeisterte, noch einmal auf Belphegorn zu und versuchte – als er merkte, daß er kein Spanisch verstand – eine Sprache zu finden, worinne er ihm seine Empfindungen frey und geläufig auszudrücken wußte: es gelang ihm, und dann empfieng Belphegor eine feurig warme Danksagung, eine so freundschaftlich warme, als sie ihm sein vertrautester Freund hätte geben können, und oben drein die Versichrung, daß er nebst seiner Gefährtinn in Karthagena so lange bey ihm bewirthet werden sollte, als es ihm nur gefiele. – »Die Vorsicht lebt noch«, sprach der dankbare Mann mit frölichem Tone, »sie hat mir mit meinem Bootchen aus dem grimmigen Flusse geholfen, warum sollte sie mir denn nicht nach Karthagena wieder verhelfen, um dir für deine Wohlthat zu danken? – Ja, die Vorsicht lebt noch; wenn wir zum Schiffe kommen, Brüderchen, so wollen wir ihr zu Ehren eine Flasche zusammen ausleeren.«

Das Boot wurde unterdessen bestiegen, und man ruderte den Strom hinab, um wieder zu dem Schiffe zurückzukehren, und jeder spannte dabey seine Geschicklichkeit und seine Kräfte an. Sie erreichten das Schiff, und Belphegor wurde mit Akanten von ihrem neuen Freunde auf das herrlichste bewirthet. Die Flasche lößte allen die Zunge, und jedes ließ seinen Gedanken und Worten ungehinderten Lauf: man erzählte sich und erzählte sich so lange, bis der Bewirther die Flasche vor Hastigkeit hinwarf und Belphegorn um den Hals flog. »Brüderchen«, schrye er, »bist Du es? bist Du es? Gewiß? Du, Brüderchen? der mich, deinen Medardus, in dem abscheulichen Palaste zu Niemeamaye mitten in den Flammen zurückließ? – Sagte ich doch: die Vorsicht lebt noch. Wir dachten, einander nimmermehr wieder zu finden, aber siehe! hier sind wir beysammen. Wer hätte das denken sollen? – Und Du auch, Akantchen? – Wohl uns! wenn wir erst wieder in Karthagena sind! Dann solls euch gehn! – so gut, als ihrs itzt schlecht gehabt habt! Glückliches Wiedersehn und nimmermehr wieder Verlieren!« – und so trank er munter sein Glas aus.

»Aber«, sprach Belphegor, »wenn die Vorsicht noch lebt, wie Du noch immer fest glaubst, warum ließ sie mich erst so lange Zeit zweifeln, ob überhaupt eine existirte? Warum mußte ich geschunden, zerschnitten, gesengt und beynahe gefressen werden, um davon überzeugt zu werden? und noch kann unser Wiedersehn eben so sehr die Wirkung eines Ohngefehrs, eines zufälligen Schicksals als einer Vorsicht seyn? Meine Leiden machen meinen Glauben an sie kein Haarbreit stärker; ja, so gar – sie schwächen ihn.«

»Bist Du noch so ein Grübelkopf, Brüderchen?« unterbrach ihn Medardus. »Ersäufe Zweifel und Grillen in der Flasche: genug, ich glaube, daß eine Vorsicht ist, und wers nicht glaubt, den soll der Teufel holen! – Nun, Brüderchen!« – und so stieß er an sein Glas – »alle, die eine Vorsicht glauben, sollen leben!«

Man merkte es, daß die Flasche den jovialischen Medardus begeistert hatte; und da Belphegors Rausch ein trüber, melancholischer Rausch war, so hätten beyde beynahe über Schicksal und Vorsicht in einen unseligen Zwist verwickelt werden können, wenn nicht Akantens Dazwischenkunft sie getrennt und im Frieden erhalten hätte.

Als der Rausch ausgeschlafen war, so kehrte zwar die alte Vertraulichkeit wieder zurück, allein Belphegor blieb doch trübsinnig. Akante heiterte sich mit jeder Stunde wieder auf: mit jeder Erzählung, die ihr Medardus von dem Reichthume und den Schönheiten zu Karthagena machte, mit jeder Aussicht auf Ruhe, Bequemlichkeit, Ergötzlichkeit, die er ihr eröffnete, verschwand das Andenken der überstandnen Beschwerlichkeiten, und es verstärkte sich ihre Munterkeit und Lebhaftigkeit; sie quälte sich nicht, ob diese angenehme Erwartungen ein Geschenk des Schicksals oder der Vorsehung seyn möchten: genug, sie sollte sie genießen und war damit zufrieden, daß sie sie genießen sollte. Belphegor hingegen lief täglich und stündlich die traurige Geschichte seines vergangnen Lebens durch, fand überall Gelegenheit, zu klagen und mit seinem Glauben sich auf die Seite eines blinden Schicksals zu neigen, wozu Medardus mit seinem unumschränkten Vertrauen auf eine Vorsehung nicht wenig beytrug, weil er ihm dadurch immer Gelegenheit gab, zu seinen Zweifeln und dem Nachdenken darüber zurückzukehren.

Indessen hatte das Schiff seinen Weg nach Panama angefangen, und jede Stunde, die Medardus missen konnte, brachte er mit Belphegorn zu, um einander zu erzählen und Anmerkungen darüber zu machen.

»Was findest Du nun in meinem ganzen Lebenslauf?« fragte Belphegor eines Abends, als er seine Geschichte von dem Brande in Niemeamaye bis auf den gegenwärtigen Augenblick geendigt hatte, »was findest Du darinne, blindes Schicksal oder überlegte Vorsehung? Ich wollte durch eine Reihe Beschwerlichkeiten dahin, die Neid und Bosheit meistens nur gelegentlich über mich ausgossen. Keins hängt mit dem andern zu einem gewissen Zwecke zusammen, sondern ich wurde gequält, weil die Menschen nun einmal so gemacht sind, daß sie nach ihren Gesinnungen und Leidenschaften, die auch nicht ihr Werk sind, nicht anders als mich quälen mußten. Die Barbaren, die mich und Akanten nach einer langsamen Marter fressen oder die uns ihren Göttern opfern wollten – was können diese dazu, daß sie dieß nicht eben so sehr wie wir für die schrecklichste Grausamkeit halten? Eine fortgesetzte Reihe von Begebenheiten, nebst ihren ursprünglichen, natürlichen Anlagen, Trieben und Neigungen, stellten ihnen allmählich jenes als zuläßig und dieses als vortreflich vor, so wie uns eine andre lange Reihe von Begebenheiten die Handlung, einen Menschen zu schlachten, als abscheulich abmalte. Was für ein Plan ist es aber, Menschen so anzulegen, daß aus ihrem ersten Triebe der Selbsterhaltung Leidenschaften aufwachsen müssen, die solche barbarische Grundsätze erzeugen? Was sind diese in jenem vorgeblichen Plane? Zweck oder Mittel? – Zweck können sie nicht seyn; denn welche Idee, Kreaturen zu schaffen, damit sie einander fressen! – Mittel eben so wenig; denn wozu führen solche Unthaten im Ganzen oder im Einzelnen? – Entweder müßte also hier in dem Plane der Begebenheiten ein thörichter Zweck oder ein thörichtes Mittel angenommen werden, oder die ganze Sache muß ein zufälliger, nicht intendirter Umstand seyn; und, und! – vielleicht war die ganze Reihe meines, deines Lebens, die Begebenheiten der ganzen Erde nichts als dieses – Wirkungen des Zufalls und der Nothwendigkeit, wo Leute, die diese Wörter nicht leiden konnten, Zweck und Mittel herauskünstelten und, wie die Wahrsager, auch zuweilen diese beyden Sachen selbst herausbrachten.«

»Brüderchen, Du schwatzest zu subtil: Du grübelst und grübelst und hast am Ende nichts als Unruhe und Ungewisheit zum Lohne. Ich glaube frisch weg, ohne mich links oder rechts umzusehen, daß alles gut und weise angeordnet ist, und wenn mich die Kerle, die Dich verschlingen wollten, schon halb hinuntergeschluckt hätten, so dächte ich doch: ›Wer weiß, wozu das gut ist?‹ Ich komme am besten dabey zu rechte. Ist auch wirklich alles Nothwendigkeit und Zufall; muß ich mich von diesen beyden Mächten herumstoßen laßen – wohlan! ich wills gar nicht wissen, daß sie mich blind herumstoßen. Der Kopf wird so dadurch wirblicht genug, soll ich mir ihn noch durch Grübeleyen wirblicht machen? – Nein! jede Freude genossen, wie sie sich anbietet, jeden Puff angenommen, wie er kömmt, und immer gedacht: ›Wer weiß, wozu er gut ist?‹ – das heißt klug gelebt! – Und das kannst Du mir doch nicht läugnen, Brüderchen, daß die gottlosen Kerle, die mich mit dem Boote fortwandern ließen, mich in die Angst versetzen mußten, damit ich dich wiederfände? Wäre ich in dem Palaste zu Niemeamaye nicht beynahe verbrannt, hätte ich nicht so viele Gefahren zur See und in Amerika ausgestanden, so wäre ich itzt nicht bey Dir, so freueten wir uns itzt nicht –«

»Bester Freund!« unterbrach ihn Belphegor, »dieser Zweck ist auf deiner Seite erreicht, aber auf der meinigen nicht. In dem Sturme der Leidenschaften, unter dem Gefühle der Widrigkeiten wütete meine Seele wie ein Betrunkener; alles war mir schwarz, ich deklamirte, aber ich räsonnirte nicht. Itzt, da sich durch dein Wiedersehn meine Aussichten erheitern, da der Taumel des widrigen Gefühls verfliegt, itzt tritt eine Stille ein, die tausendmal quälender als der Sturm ist – überlegtes Räsonnement in dem trüben Tone, in welchem ich vorher deklamirte. Kurz, ich bin aus dem Getümmel der Schlacht, Wunden und Schmerzen herausgerissen worden, um an mir selbst zu nagen. Soll dieses Zweck oder Mittel von einem künftigen Zwecke seyn? – und so wird wohl der letzte, auf dem alles abzielt, der Tod seyn.«

»Wer weiß, wozu Dir das gut ist, Brüderchen?« sprach Medardus. »Du mußt nur Muth schöpfen –«

»Lieber Mann! heißt das nicht zu einem lahmen Fuße sagen: ›Hinke nicht!‹? – Führe ich die Federn meines Denkens und Empfindens an der Schnure, um sie nach Wohlgefallen lenken zu können?«

»Brüderchen, mir war bange, als ich in dem Palaste zu Niemeamaye mitten unter den Flammen, wie in einem Feuerofen, steckte. Aber ich dachte doch: ›Wenn Du gleich zu Pulver verbrennst, wer weiß, wozu das gut ist? wo nicht Dir, doch einer lebendigen Kreatur auf der Erde itzt oder in Zukunft.‹ Und siehst Du? ich kam glücklich durch.«

»Aber wie kamst Du durch, Freund?«

»Durch einen besondern Zufall. Du weißt, der Bösewicht, der mit Dir nach Niemeamaye kam, um mich schändlicher Weise zu tödten, wurde zu einem ewigen Gefängnisse verdammt, weil wir kein Blut vergießen wollten, ob er gleich den Tod verdient hatte. In dem Tumulte, als ihn seine Wache verließ, hatte er sich durchgearbeitet, strich durch die Burg, fand die Kleidung, die Du von Dir geworfen hattest, zog sie an, weil sie ganz mit Goldkörnern angefüllt war, und wollte so in ihr entfliehen. Da aber die königlichen Insignien darauf waren, so hielten ihn die Feinde für den König, nahmen ihn gefangen, und während daß alles jauchzte und nach dem Orte zulief, wo man den gefangenen König zeigte, erwischte ich eine Oeffnung und entkam glücklich. Ich wanderte bis zur Hauptstadt des großen abißinischen Reichs, wo ich mir durch die mitgebrachten Goldkörner die Bekanntschaft einiger Kaufleute erwarb, die mir nach Neuguinea zu helfen versprachen, damit ich von da nach Europa zurückgehn könnte, wohin ich mich außerordentlich wieder wünschte. Mein Verlangen wurde befriedigt: ich gieng mit einem englischen Sklaventransporte ab, aber um zwischen zwey Elementen, Wasser und Feuer, beynahe umzukommen. Siehst du, Brüderchen? Den schwarzen Afrikanern wurde in ihrem engen Loche bange: sie wollten mit Gewalt in ihr Vaterland zurück, sollten sie auch durch den Tod dahinkommen; denn die närrischen Kreaturen bilden sich ein, daß sie sicher ihre Heimath wieder finden, so bald sie gestorben sind. Um diese Reise zu thun und sich zu gleicher Zeit an den Leuten zu rächen, die sie wider ihren Willen in eine andre Gegend versetzen wollten, stiegen sie in der zwoten Nacht nach unsrer Abreise einer dem andern auf die Schultern, um die Fallthüre ihres Behältnisses aufstoßen und herausklettern zu können. Der Raum von dem Boden bis an die Thür war so hoch, daß wenigstens drey Mann über einander stehen mußten, um sie zu öffnen. Der böse Streich gelang ihnen wahrhaftig: einer von ihnen kletterte heraus und fand die Sklavenwache schlafend. Hurtig warf er seinen zurückgebliebnen Kameraden eine Strickleiter hinunter, ergriff das Gewehr der Wache und brachte sie mit einem guten Degenstoße um, worauf er den Getödteten mit Hülfe der übrigen herzugeeilten Negern über Bord warf. Zum Unglücke schlief alles, was schlafen durfte, fest, weil jedermann die ganze vorhergehende Nacht hatte arbeiten müssen, und die wenigen Wachenden wachten nur halb. Dieser Umstand verstattete den Negern, durch das Schiff zu streichen. Sie fanden einen schlafenden Matrosen, der seinen Tabaksbeutel mit dem Feuerzeuge an sich hängen hatte: sie schnitten ihn los und brachten wirklich ein Stück Schwamm zum brennen; durch etliche andre brennbare Materien brachten sie es zur Flamme, die sie in verschiedene Theile des Schiffs ausstreuten. Damit aber niemand sie für die Urheber des Bubenstücks erkennen möchte, krochen sie in ihr Behältniß zurück und waren bereit, in dem Feuer mit umzukommen, wenn es das Schiff ganz zu Grunde richten sollte, welches sie von Herzen wünschen mochten. Die Flamme griff auch schon wirklich weit um sich, verwüstete hin und wieder, als man es erst gewahr wurde. Brüderchen, das war ein Schrecken! das war ein Tumult! – Verbrennen oder ertrinken! das schien die einzige Wahl. Aber, Brüderchen, ich sollte Dich wiedersehn: das Feuer wurde gedämpft und die Urheber entdeckt. Die einfältigen Geschöpfe hatten vergessen, die Strickleiter an ihrer Fallthüre wegzuschaffen; kurz, der böse Handel wurde ausfündig gemacht und hart gestraft.

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