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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Neuntes Buch

Wie, wenn der Fuhrmann, der seine Rosse durch Fluch und Peitsche zum unumschränkten Gehorsame gewöhnt hat, sein allmächtiges »O!« ruft, der ganze Postzug sogleich in einem Tempo, wie angemauert, stillsteht, so schwamm das abgerißne Stück Land mit Belphegorn und seinen Gefährten eine lange Strecke fort, und plötzlich ruhte es unbeweglich und ward zur festen Insel, nicht weit von Kalifornien; und wie verschiedene große Gelehrte an ihrem Schreibetische überzeugend eingesehn haben, so wurde der schwimmende Boden auf einen spitzigen Felsen aufgespießt, der ihn bis an den jüngsten Tag tragen kann, wenn nicht ein Erdbeben einen Strich in die Rechnung macht.

Die Gesellschaft, die diese bedenkliche Fahrt nicht ohne eine kleine Besorgniß, daß der Tod mit dem Spiele Ernst machen möchte, aber doch glücklich und wohlbehalten zurücklegte, bestund aus Belphegorn, Akanten und dem Alten, der in seiner Unterredung mit ihnen durch das gräuliche Erdbeben gestört wurde. Belphegor war nicht übel zufrieden, daß ihn das Schicksal so einsam, fern von allen Menschen, auf die offne See hingesetzt hatte, und ward es viel weniger, als er sich gegenüber ein großes, festes Land wahrnahm, welches die übrigen, weil sie nicht so viel Menschenfeindlichkeit besaßen, doppelt erfreute. Doch auch für ihn mußte das Vergnügen über seine Einsamkeit nur von kurzer Dauer seyn, wenn er die Dürftigkeit und Hülflosigkeit betrachtete, worinne sie sich befanden. Das Erdbeben hatte ihnen wohl einen guten Vorrath Brennholz mitgegeben, aber nicht einen einzigen Fruchtbaum, nicht ein einziges Gewächse, nicht eine Staude, die nur im mindsten geschickt gewesen wäre, einen menschlichen Hunger zu stillen. Fische zu fangen, hatten sie keine Werkzeuge und eben so wenig Materialien, sie zu verfertigen; gleichwohl war dieß die einzige Nahrung, deren sie habhaft werden konnten. Zum Glücke hatte der Alte auf seiner Jagd nach goldnen Fischen in jüngern Jahren die Kunst gelernt, sie bey hellem Wasser mit der Hand zu fangen: der Hunger trieb ihn an, daß er eine Fertigkeit wieder versuchte, die er schon längst aufgegeben hatte, allein durch das Alter und die Ungewohnheit waren seine Hände unsicher und unstät geworden, daß er also mit der äußersten Anstrengung in einem Tage kaum genug fieng, um sich und seiner Gesellschaft das Leben zu fristen, aber nicht um sie zu nähren. Oben drein mußte das Unglück ihren Jammer vermehren und den Alten, dessen schwächlicher Körper einen so kümmerlichen Unterhalt nicht ertragen konnte, in wenig Tagen sterben lassen. Was nun zu thun? – Nichts, als zu hungern oder zu sterben!

In dieser schrecklichen Verlegenheit mußte sich Belphegor bequemen, den Ton seiner Menschenfeindlichkeit um vieles herabzustimmen: so sehr er sonst vor dem Anblicke der Menschen flohe, so eifrig spähte er itzt an dem Rande seiner Insel, um vielleicht an dem entgegenstehenden Ufer menschliche Figuren zu entdecken, denen er durch Rufen und Zeichen verständlich machen könnte, daß hier einige von ihren Brüdern ihres Beystandes bedürften. Er dünkte sich zwar, etwas bewegliches wahrzunehmen, allein sein Auge reichte nicht völlig bis dahin, um es gehörig zu unterscheiden. Endlich, nach langem, vergeblichen Warten, warf er sich verzweiflungsvoll nieder und rief:

»O Natur! O Schicksal! daß ihr doch in ewiger Uneinigkeit wider einander seyn müßt! Sollte das Unglück die Bande der Menschheit näher zusammenziehn, sollte es ein Geschöpf dem andern theuer und nothwendig machen, warum mußte das Schicksal wohl tausend Unglücksfälle in unser Leben hinwerfen, aber unter diesen tausenden kaum einen die Wirkung thun lassen, wozu er nach unsrer Meynung bestimmt ist? – Meine traurige Hülflosigkeit, die Nähe des Todes, die Möglichkeit der Rettung, die Zudringlichkeit der Gefahr – alles zusammen hat mein Herz wieder geöffnet: ich fühle einen Zug nach Menschen; ich würde sie vielleicht lieben, wenn sie mich retteten; ich hasse sie schon weniger. Aber wenn ich meine Hände gleich zu Freundschaft und Wohlwollen ausstrecke und Niemand mir die seinigen bietet? Wenn mich das Schicksal auf der einen Seite zu den Menschen hinstößt und auf der andern sie wieder von mir entfernt? – O Labyrinth! O Räthsel! Der Tod schneidet den Knoten am besten entzwey. Wohlan! zeugt die Natur Geschöpfe, um sie in Qual zu versenken; macht sie so herrliche Anstalten, um sie unter einander zusammenzuknüpfen, daß sie erst hungern, frieren, schmachten, die äußerste Erschöpfung der Kräfte durch Schmerz und Gefahren erdulden, sich kränken, verfolgen, martern, erwürgen müssen, damit der kleine Rest, der der Gefahr und dem ganzen tollen Spiele der Welt entrann, sich lieben und in Friede bey einander wohnen könne; durchwebte sie dieses Leben mit Dornen, um uns die einzeln blühenden Blümchen desto wohlthuender, einnehmender zu machen; gab sie ihren Geschöpfen eine so traurige Fruchtbarkeit, daß sie mehrere ihres Gleichen hervorbrachten, als nach der Veranstaltung des Schicksals ernährt und erhalten werden konnten – mag sie es verantworten! Ich kann nicht mit ihr rechten; denn – unglücklich genug! – wir haben keinen Richterstuhl, der über uns erkennt; der Mensch, ihre Kreatur, muß leiden, weil er der schwächere, weil er nichts ist. – O Akante! warum sollten wir uns nach Hülfe umsehen? Um noch einmal so lange unter Schlangen, Eidexen, Skorpionen herumzukriechen? Haben wir nicht Bisse und Stiche genug bekommen? – Laß das verächtliche Geschlecht, das zum Quälen allzeit und zur Hülfe nie bey der Hand ist, laß es! Wir wollen ihm fluchen und sterben!«

Mit diesen schwarzen Gedanken faßte er sie halb sinnlos in die Arme; sie weinte, er fluchte; sie dachte an alle Oerter der Freude zurück, wo sie jemals in Lust und Entzücken geschwommen hatte. – »O wie schön«, dachte sie, »war es im Serail des großen Fali! wie schön bey dem Markgrafen von Saloica, ob ich gleich alle meine Schönheiten dort einbüßte! wie schön bey Alexander dem sechsten! wie schön überhaupt in Europa in den Armen meiner Geliebten, Belphegors und Fromals und Stentors und Bavs und Mävs und Euphranors und andrer schönen Jünglinge! Ach, die glückliche Zeit ist vorüber; und hier soll ich nun auf dieser dürren, öden Insel ohne Gesang und Klang – nicht einmal begraben, sondern vermodern und von den Vögeln des Himmels zerstückt werden! kein Jüngling soll eine einzige Strophe auf meinen Hintritt singen! Kein Liebhaber eine Thräne auf meine erblaßten Wangen tröpfeln und sie wieder aufküssen! – Nichts, alles nichts! alles nichts! alles ist aus! Ich muß sterben, unbeklagt sterben! – Belphegor, du hast Recht: das lächerliche, thörichte Leben ist nicht werth, daß man es durchlebt, weil man es so bald missen muß. Ich habe von Heiden, Juden und Christen leiden müssen, und die gräulichen Keile waren alle eins; aber ich habe auch Freuden genossen, und da ich sie wieder zu erlangen hoffe, so soll ich gar sterben! sie auf ewig missen! – O du tolles, abgeschmacktes Leben! wärst du nur schon vorüber!« – Sie weinte bitterlich.

Beide wollten sterben; allein da der Tod mit seiner saumseligen Hülfe nicht allzeit auf die erste Bitte erscheint, so kam indessen zu Stillung ihrer Schmerzen sein Bruder – der Schlaf.

Bey ihrem Erwachen, das etwas spät des Tages darauf erfolgte, sahen sie einen Trupp Kanote nicht weit von ihrer Insel in Ordnung gestellt und mit einer Menge wilder Mannspersonen angefüllt; und so sehr sie Tages vorher unwillig waren, daß nicht zween Menschen zu ihrer Hülfe herbeyeilten, so sehr erschraken sie itzt, daß ihrer eine so große Menge bey der Hand war. Wirklich hatten sie auch alle Ursache zu erschrecken; denn nicht aus brüderlicher Liebe, sondern aus Besorgniß für Feindseligkeiten waren sie herbeygekommen. Sie hatten ihre Schiffahrt mit der Insel angesehn und viel Bedenkliches dabey gefunden, daß sich in ihrer Nachbarschaft eine so große Masse niederließ, die vorher nicht vorhanden gewesen war. Da dieses verschiedne wunderliche Gedanken veranlaßte, besonders, daß es vielleicht gar eine Rotte böser Geister seyn konnte, die nicht in den besten Absichten auf die Nachbarschaft mit einer so ansehnlichen Wohnstätte angekommen seyn möchten, so beschlossen sie, nicht länger in einer quälenden Ungewißheit zu bleiben, sondern die Sache stehendes Fußes in Augenschein zu nehmen. Daher waren sie in der Nacht mit ihrer ganzen Flotte von Kanoten abgesegelt, einige hatten sich in der Entfernung gehalten, und andre waren gelandet, um heimlich die neue Insel zu untersuchen. Als sie aber so wenig erschreckendes und nur zween in tiefen Schlaf versenkte Sterbliche antrafen, so schien es ihnen das rathsamste, den Tag in Schlachtordnung abzuwarten und sie alsdenn die Probe ihrer Gottheit oder Sterblichkeit ablegen zu lassen. Zu diesem Ende wurden die beyden Schlafenden durch ein heftiges Geschrey, das alle anwesende Hälse zugleich anstimmten, bey Tages Anbruche aufgeweckt, und etliche tollkühne Wagehälse hatten sich schon in ihren Kanoten um die Insel herumgeschlichen, um sie von hintenzu anzufallen, zu binden und triumphirend in ihre Heimath zu führen, um ihren Stand und ihre Macht weiter zu untersuchen.

Sobald als Belphegor bey seinem Erwachen die Menge Menschen erblickte, so war seine erste Empfindung – Schrecken, wie bereits gesagt worden ist. Doch belebte die Nothwendigkeit der Hülfe und eine Art von Verzweiflung seinen Muth so sehr, daß er durch bittende Zeichen und demüthige Geberden sie auf seine Insel zu locken und ihnen zu gleicher Zeit verständlich zu machen suchte, wie sehr er ihres Beystandes bedürfe. Anstatt einer gütigen, freundschaftlichen Antwort tönte ihm ein fürchterliches Kriegsgeschrey entgegen, das bald hinter seinem Rücken wiederholt wurde, worauf etliche sie überfielen, mit Seilen von Baste fesselten und ihren Gefährten winkten, mit den Kanoten herbeyzurudern und die Gefangnen einzunehmen, welches im Augenblicke geschah.

Obgleich die Art, mit welcher diese Wilden die beiden Europäer bewillkommten und aufnahmen, nicht die erfreulichsten Aussichten versprach, so war doch Belphegor äußerst zufrieden, daß er auf ein langes, festes Land gebracht werden sollte, wo er wenigstens Einen Fleck mit hinlänglicher Nahrung anzutreffen hofte. Akante hingegen, deren Keuschheit eben keine sonderliche Mühe und Vorsorge mehr verdiente, weil sie schon leider! so sehr als ihr Gesicht zerfezt und verstümmelt war, dachte an alles, während der Ueberfahrt, nicht so sehr und angelegentlich als an die Gefahren, die unter so wilden Barbaren ihrer weiblichen Ehre drohen konnten. So natürlich, so tief mit dem weiblichen Wesen verwebt ist Sittsamkeit und Keuschheit, daß hier Akante so gar, nachdem sie schon in neun und neunzig Fällen besudelt worden sind, doch im hunderten noch für die Erhaltung ihrer Reinlichkeit sorgte!

Belphegor räsonnirte indessen unaufhörlich bey sich über die Feindseligkeit und das Mistrauen, das die Wilden bey ihrer Aufnahme blicken ließen. – »Ein neuer Beweis«, sagte er sich, »unter den vielen, die ich schon erlebt habe, daß die Natur ihren Söhnen keine angeborne brüderliche Zuneigung zur Mitgift ertheilte. Warum fühlt der Wilde diesen Zug zu keinem Fremden? Warum ist ihm außer der kleinen Gesellschaft, die lange Gewohnheit mit ihm eins hat werden lassen, alles Feind! – O Natur! Natur! Du mußtest dem Menschen dieses Mistrauen einpflanzen, um deine Kreaturen Selbsterhaltung zu lehren. Aber trauriges Mittel! damit jedes sich erhalte, muß jedes, des andern geborner Feind, von allen sich trennen und nur durch Gewohnheit, Eigennutz, Zwang der Freund von etlichen wenigen werden! Unglückliche Geselligkeit! magst du doch Instinkt oder vom Bedürfnisse erzeugt seyn, du bist allzeit ein trauriges Geschenk: du sammeltest die Menschen in Rotten, um sich zu befeinden und zu zerfleischen. War es aus Oekonomie oder um das Schauspiel blutiger zu machen, daß nicht Menschen gegen Menschen, sondern Trupp gegen Trupp streiten mußte? Doch weg mit den trüben Gedanken! Ich bin vom Hunger und vom Tode gerettet: diese unverdorbnen Kinder der Natur, die Unerfahrenheit fürchten und die Furcht feindselig verfahren lehrte, werden unsre friedlichen Gesinnungen kaum merken und uns eben so friedlich begegnen. Der Zunder der Feindschaft, der in der ganzen Welt glimmt, kann sich nicht bey ihnen gegen uns entflammen. Freue dich, Akante, wir sind wenigstens dem Tode, wo nicht fernern Ungemächlichkeiten entflohen! – Es muß doch so eine Anordnung, so ein geheimes Etwas seyn, das die menschlichen Begebenheiten zum Besten der einzelnen Mitglieder der Erde zusammenknüpft: ein Etwas, das aus den widerwärtigsten Saamen den entgegengesezten Vortheil, aus Mistrauen und feindlicher Furcht Errettung entwickeln kann.«

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