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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Wohl! aber wissen möchte ich nur, warum die guten Leute in ihrem Paradiese die Köpfe hängen.« – Sie giengen, um Erkundigung darüber einzuziehn, allein da sie die Sprache nicht verstunden, so erfuhren sie blos, was sie ihre Augen belehrten, nämlich daß die Leute mühsam die goldnen Vögel und Rehe warten und füttern mußten und nach aller Wahrscheinlichkeit Langeweile bey diesem Amtsgeschäfte hatten.

Weil ihre Neubegierde auf diese Art nicht weiter gesättigt werden konnte, so wandten sie sich auf die andre Seite, wo sich ihnen neue Merkwürdigkeiten darboten. Ein Zwerg, der die übrigen an Kleinheit merklich übertraf, lag auf einem sehr erhöhten, von Zweigen geflochtnen Sofa, an welchem eine Menge Zwerge zu ihm hinaufzuklettern versuchten. Ob er gleich nur von der Höhe war, daß ihn die beyden Europäer aufrecht stehend bequem übersehen konnten, so kostete es doch den armen Kreaturen unendliche Mühe, daran hinaufzusteigen, besonders weil einer dem andern aus Neid die Mühe vielfältig vermehrte; denn sobald einer nur um ein Paar Zolle mit dem Kopfe höher zu rücken schien, so beeiferten sich ganze Schaaren aus allen ihren Kräften, ihn hernieder zu reißen: man schlang sich um seine Füße, man hieng sich ihm an die Hüften, man suchte ihn durch Kützeln oder durch Gewaltthätigkeiten herunterzubringen, und meistentheils gelang es den Misgünstigen, ihre Schadenfreude an dem Falle eines solchen Gestürzten zu vergnügen. Die wenigen aber, die allen diesen Hinderungen wiederstanden, alle diese Beschwerlichkeiten überwanden und glücklich zu dem Sofa emporkamen, genossen für ihre angestrengte Bemühung kein andres Glück, als daß sie neben dem kleinen Zwerge, der den Sofa inne hatte, sich niedersetzen und ihn täglich und stündlich ansehn durften. Dabey waren sie unaufhörlich, ein jeder für sich, beschäftigt, den Blick des kleinen Zwergs durch alle nur ersinnliche Mittel auf sich zu lenken und seine Gesichtsmuskeln in eine lächelnde Mine zu versetzen. Zu diesem Ende zwickten ihm einige sanft die Ohren, andre hielten ihm starkriechende Essenzen vor, andre boten seinen Lippen die auserlesensten Früchte und wohlschmeckende Konfituren dar, diese belustigten ihn mit burlesken Grimassen und kurzweiligen Gaukeleyen, jene rieben ihn am ganzen Leibe mit kleinen Samtbürstchen so einschläfernd sanft, daß er oft durch ihre Dienstfertigkeit in einen wohlthuenden Schlummer versezt wurde. Sobald einer es durch sein angewandtes Mittel dahin brachte, daß er einen freundlichen Blick weghaschte, so mußte er sogleich mit allen seinen Kräften sich Festigkeit auf seinem Sitze verschaffen, um nicht hinuntergestürzt zu werden; denn sobald die Sehnerven des kleinen Zwergs nur anfiengen, sich in die Richtung nach ihm hinzuwenden, so war der ganze übrige neidische Haufe schon in Bereitschaft, Hand an ihn zu legen, um ihn durch einen wohlabgezielten Stoß aus dem Gleichgewichte von der Höhe hinabzuwerfen.

»O Akante!« rief Belphegor unwillig aus, »bin ich denn bestimmt, zu meiner Qual bestimmt, täglich mehrere – täglich abgeschmacktere Narrheiten zu erblicken? – Komm! ich muß mich dem schmacklosen, kindischen Spiele entreissen oder zu meinem Aerger hier bleiben. Thorheit oder Bosheit! daß ihr doch der ewige Wechsel auf diesem verhaßten Planeten seyn müßt!«

Obgleich Akante nicht so viel Aergerliches in jenem Schauspiele fand und es gern und mit Vergnügen noch einige Zeit genossen hätte, so mußte sie ihm doch nacheilen oder allein zurückbleiben; denn kaum hatte er die letzten Worte gesagt, als er hastig fortlief und einen Ausgang aus diesem für ihn widrigen Orte suchte, den er ohne Mühe entdeckte, und nicht den zwanzigsten Theil so viel Zeit brauchten sie, um herauszugehn, als sie nöthig hatten, um hineinzukommen: in wenigen Augenblicken sahen sie sich wieder auf freyem Felde, und die Musik erhub sich von neuem so lieblich als jemals und hätte sie es bereuen lassen können, daß sie dem Orte entflohen waren, wenn sie nicht gewußt hätten, daß es eine süßklingende Täuscherey war, die nur außer ihm in der Ferne anlockte, aber in ihm selbst ganz verloren gieng. Demungeachtet hielt sich Akante oftmals auf, um sich von dem lieblichen Konzerte entzücken zu lassen, allein Belphegor trabte frisch davon, daß sie jede Minute nutzen mußte, um ihm nachzukommen.

Belphegor konnte nicht aufhören, über das Gesehne zu eifern, und Akante unterließ eben so wenig, es zu bewundern: jenem schmeckte jeder Bissen übel, weil er – nach seinem Ausdrucke – in diesem Vaterlande der Thorheit gewachsen war, und diese war noch zu voll von Entzücken über diese nämlichen Abgeschmacktheiten, um Appetit und Speise zu fühlen.

Einen kleinen, schmalen Weg wurden sie gewahr; sie überließen sich ihm, und er führte sie in einen Wald. Sie giengen lange Zeit, und siehe! – plötzlich stießen sie auf eine große Gesellschaft Zwerge, die sich in verschiedene kleine Partien getheilt hatten. Belphegor, der in seiner misanthropischen Laune alles vermied, was mit dem Menschen verwandt war und ihm nach seiner Meynung nichts als Aerger erwarten ließ, drehte sich unwillig und fluchend um, als ihm ein Alter nacheilte und ihn durch Zeichen bat, mit seiner Gefährtinn näher zu kommen. Er ließ sich endlich bewegen und wurde von ihm in die Gesellschaft eingeführt. Man sollte vermuthen, daß die Zwerge, da sie nie andre Menschen als von ihrer Größe gesehn hatten, über die Statur der beiden Europäer erstaunt seyn würden, allein weit gefehlt! Aus dieser Gleichgültigkeit konnte man schon schließen, daß sie die weisesten Zwerge im Lande seyn mußten, die vermöge ihres Verstandes wohl präsumiren konnten, daß der Kreis ihrer Erfahrungen nicht mit dem Kreise der Wirklichkeit und Möglichkeit Eine Peripherie habe.

Diese ehrwürdige Gesellschaft besaß ein Geheimniß, dessen Erfindung noch in unserm Jahrhunderte einem der größten europäischen Genies Kopfschmerz und Nachdenken vergeblich gekostet hat – das Geheimniß der allgemeinen Sprache. Sie konnten sich mit den Menschenkindern aller Zonen und Mittagskreise unterhalten, ohne ihre Sprache zu wissen, wenn diese nur eine kleine Anzahl Zeichen verstehen lernten, die sie einem jeden durch eine eigne Methode schnell und leicht beyzubringen wußten. So bald diese Schriftzeichen gefaßt waren, deren ungemeine Simplicität ihre Erlernung außerordentlich erleichterte, so setzten sich die beiden Interlokutoren an eine Tafel, die mit feinem Sande bedeckt war, in welchem jeder mit einem weissen Stäbchen seine Gedanken zeichnete, die er ausdrücken wollte; der andre, so bald er den Sinn davon gefaßt hatte, machte den Sand mit einem platten Instrumente wieder eben und setzte das Gespräch durch die nämliche Zeichnung fort.

Auf diese Weise erfuhr Belphegor, der sich mit seiner Gefährtinn zu seinem Vergnügen und zu ihrem Leidwesen lange unter jenen weisen Zwergen aufhielt, eine umständliche Beschreibung von diesem sonderbaren Lande, der Lebensart und den Beschäftigungen seiner Einwohner, wovon der Leser hier das Vornehmste antreffen soll.

»Wir haben lange Zeit«, zeichnete ihm der Alte, der ihn bey seiner Ankunft so gütig aufnahm, auf dem Sande vor, »wir haben lange Zeit unser Land für das einzige dieser Erde und uns daher für die einzigen Bewohner derselben angesehn; allein schon längst haben wir auch durch die tiefsinnigsten Schlüsse entdeckt, daß dieß ein ungeheurer Irrthum ist, der uns weit von der Wahrheit abgeführt hat. Der ganze Lebenslauf unser aller ist – daß wir geboren werden, eine Zeitlang in Dummheit und Unwissenheit herumwandeln, in einem gewissen Alter, wenn wir Thätigkeit und Stärke genug besitzen, auf die Jagd nach goldnen Vögeln, helleuchtenden Rehen und Hirschen, auf den Fang nach buntschimmernden Fischen ausgehn; oder die nicht Geist, Muth und Athem genug besitzen, sich in diese Jagd einzulassen, diese kriechen verachtet und abgesondert in einem Winkel herum, wo sie für sich und die übrigen Einwohner Wurzeln ausgraben, Früchte sammeln und andre Nahrungsmittel aufsuchen müssen. Wir andern, die wir zu jener Jagd und Fischerey tüchtig genug sind, wir wenden alle unsre Kräfte dazu an, wir verfolgen Vögel, Wild oder Fische, nachdem unser Geschmack oder die Gelegenheit uns bestimmt; keiner hat noch jemals eins erhascht, und doch sind tausende dabey umgekommen, weil ihnen der Athem ausgieng, tausende haben einander aus Neid darum gebracht; nur wenige erjagen zuweilen eine goldne Feder, die sie kaum besitzen, als sie des erlangten Besitzes überdrüßig sind. Demungeachtet bleibt keiner, der es nur im mindesten vermag, von diesem mühsamen Geschäfte zurück, läuft und läuft und hat am Ende – nichts oder wenigstens ein Etwas, das so gut als ein Nichts ist, sieht ein, daß es ein Nichts ist, und begiebt sich endlich an diesen Ort, der der letzte allgemeine Sammelplatz unser aller ist, wo wir über die Thorheit unsers Lebens weinen oder lachen, schmälen oder lächeln. Siehe! alle diese Truppe hier thun nichts, als daß sie mit lustiger oder trauriger Geberde sich über die Narrheit derjenigen aufhalten, die noch itzt goldnen Vögeln und rothschimmernden Fischen nachlaufen, ohne zu wissen, daß sie leeren Fantomen nachjagen, die sie am Ende eben so betriegen werden wie uns alle; und wenn wir einige Zeit so geseufzt oder gelacht und gelernt haben, daß wir Narren Zeitlebens gewesen sind, so schlägt uns der große, mächtige Tod mit der Keule auf den Kopf – und weg sind wir! Wir gehn hinweg, um künftig unter andern Gestalten die nämliche Reihe unbewußt wieder durchzumachen.«

»So wärt ihr ja Menschen, wie wir alle sind!« dachte Belphegor bey sich, »und euer Land nicht ein Haarbreit anders als die übrige Welt! Das wahre Ebenbild unsrer Erde

Akanten lag nichts so sehr am Herzen, als den Ort kennen zu lernen, der sie mit dem schönen Konzerte entzückt hatte, und Belphegor bekam auf seine Anfrage folgende Antwort: »Das ist der Ort, der außen lockt und inwendig schreckt, außen lauter Vergnügen verspricht und inwendig lauter Langeweile giebt, wo ein Theil auf Stelzen stolz daherschreitet und sich wechselweise abwirft, ein andrer mühsam, mit Ueberdruß und Ekel goldne Vögel, Rehe und Fische pflegt und unter vieler saurer Beschwerlichkeit wartet und ein dritter sich um süße und saure Blicke zankt, beneidet, verfolgt; wo jeder ein beneideter Lastträger ist –«

»Und was für ein Ort ist das?« wollte eben Belphegor fragen – »Himmel! was für ein Krachen! welches Getöse!« rief Akante plötzlich. »Welche Erschütterung! Wir gehn unter! Die Erde wankt!« rief Belphegor; und im Augenblicke versenkte ein schreckliches Erdbeben eine unübersehliche Fläche Landes in den Abgrund, das Meer schwoll an seinen Platz in hohen, gethürmten Wellen empor, das Stücke Boden, auf welchem unsre Gesellschaft saß, riß sich mit der entsetzlichsten Erschütterung los und schwamm wie Delos, als es Latonen wider die Wuth ihrer Feinde schützen sollte, mit seinen Bewohnern auf der See fort und führte sie – der Himmel und das neunte Buch wissen es, wohin.

Dieses war der große Riß, den das liebe Schicksal, nach der Muthmaßung vieler Geographen, Historiker und Philosophen, in das feste Land unsrer Erdkugel gemacht hat, um alle diejenigen zum Aprile zu schicken, die trocknes Fußes aus Asien nach Amerika übergehen wollen; und wenn Belphegor und die schöne Akante eine Zeichnung von dem Wege hinterlassen hätten, den die schwimmende Insel mit ihnen nahm, so würden wir ohne Zweifel mit Gewisheit erfahren, wie man aus Asien nach Amerika segeln soll.

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