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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Nachdem sie sich indessen, bis auf günstigere Zeiten, die sich Akante völlig gewiß versprach und Belphegor völlig unmöglich glaubte, mit etlichen wilden Früchten gesättigt hatten, überließen sie sich von neuem dem Schicksale und dem Wege, die sie beide nach etlichen Tagen an einen Platz führten, wo alles den Hauptsitz des Landes vermuthen ließ. Eine zehnfache Mauer von hohem, dornichten Gesträuche umschloß den Platz, aus welchem die Stimmen der Freude und des Vergnügens so weit und so laut erschallten, daß selbst Belphegors Herz, so disharmonisch auch seine Stimmung war, wider Willen zu einer gleichlautenden Empfindung hingerissen wurde; und Akante war ganz Gefühl, sie brannte vor Begierde nach einem Orte, der schon durch die Annäherung so bezaubern konnte. – »Wir müssen hinein«, sprach sie zu ihrem Gefährten, »es koste, was es wolle! Wir müssen hinein! Was für Wonne muß an diesem Orte wohnen und jede Empfindung der Traurigkeit verdrängen, der uns so munter, so frölich, so himmlisch einladet!«

»Der Ort ist auf der Erde«, antwortete Belphegor; »es sind Menschen drinne: das ist genug, um alle diese verführerischen Töne für Sirenentöne zu halten. Nicht einen Schritt thue ich.«

»Aber wie kannst du einer so göttlichen Musik wiederstehn? Du, der du sonst bey jeder leisen Berührung fühltest, der du nichts als Gefühl schienst! – Meine Seele erhebt sich über sich selbst; ich denke und empfinde ganz anders, seitdem ich jenen goldnen Vogel erblickt und diese reizende Musik gehört habe. Komm! deine Erfahrung hat dich mißtrauisch gemacht.«

»Menschen sind Menschen, und Welt ist Welt; und desto gefährlicher, wenn sie mit solchen Täuschereyen lockt!«

»Aber höre nur! Auf dem Todbette, unter dem Kampfe mit Hunger und Schmerz müßte dein Herz noch bey solchen Tönen erwachen und schneller schlagen. Komm! wir müssen hinein!«

Belphegor sträubte sich lange, setzte ihr noch manche schwarze und bittre Anmerkung über das arme Menschengeschlecht entgegen; nichts half! Je länger er ihr Vergnügen aufhielt, desto stärker wurde ihr Verlangen. Sie quälte ihn so lange, bis er sich endlich nach einem Eingange, und da er diesen nicht fand, nach einem bequemen Orte zum Durchbrechen umsah. Akante, die über seine saumselige Bedachtsamkeit höchst ungeduldig war, versuchte selbst allenthalben, den Weg zu eröffnen, rizte sich blutig, entkräftete sich und kam nie zum Zwecke. Indessen fand Belphegor eine kleine, schmale Oeffnung, wo die Dornen weniger dicht stunden und einer vorsichtigen Beugung nachgaben. Hier machte er einen Versuch, und es gelang ihm wirklich, mit etlichen leichten Verwundungen durchzuschlüpfen. So sehr er auch Akanten Behutsamkeit und Langsamkeit empfahl, so war doch ihre Begierde zu feurig, sie übereilte sich, schlüpfte zwar hindurch, aber zerriß sich das Kleid, und das ganze Gesicht war voller Ritze.

Der erste Dornenpallisade war durchkrochen; kaum hatten sie ausgeschnaubt, als sie eine zweite aufforderte. Sie thaten das nämliche mit dem nämlichen Glücke und Unglücke. – Es zeigte sich eine dritte: auch diese wurde überwunden; und so arbeiteten sie sich noch durch zwo Mauern hindurch, wo sich Belphegor ungeduldig hinwarf und schlechterdings nicht weiter wollte. Allein Akante bat ihn mit allen weiblichen Künsten, mit einem Kniefalle, mit Thränen, mit Liebkosungen; er war unerbittlich. – »Sagte ich dir nicht«, sprach er unmuthig, »daß wir in Dornen und Sümpfe gerathen würden? Wo gehst du auf diesem Planeten Einen Schritt, ohne daß deine Füße nicht bluten? Verstopfe deine Ohren! verschließe deine Augen! sey kein Mensch, wenn du auf ihm ohne Ungemach leben willst! – War das nicht mein Rath? – Wer weis, wie viele Tagereisen lang wir ohne Nahrung, ohne Kleidung uns unter tausend Schmerzen durch diese vermaledeyten Dornenzäune durcharbeiten müssen, um zu dem Platze zu gelangen, wohin uns dieses Zauberkonzert ruft; und wenn wir angelangt sind, was wird alsdenn geschehn? – Entfliehn wird die Musik, wie die goldnen Vögel und die strahlenden Rehe! entfliehn, je näher wir kommen, und uns, wie alle Güter dieses Kothballes, zum Narren haben! herumführen, Mühe machen, um uns am Ende einsehn zu lassen, daß wir Thoren gewesen sind! – Ich gehe nicht weiter.«

Auch ließ er sich wirklich durch keine Vorstellung weiter bewegen, sondern übernachtete da, Akante konnte mit Mühe einschlummern, so beschäftigte sie ihre Erwartung und die Gewalt der Musik, die ihr mit jedem Augenblicke voller und hinreißender zu werden schien; und wenn ja eine kurze Zeit der Schlummer sie überwältigte, so rollten doch so viele Gedanken und Empfindungen unaufhörlich durch Kopf und Herz, daß sie nie zu einem anhaltenden, erquickenden Schlafe übergehn konnte. Kaum warf der Morgen den ersten Schimmer auf ihre Lagerstätte hin, als sie schon aufstand und Belphegorn mit neuen Kräften antrieb, seinen Weg fortzusetzen. Die Ruhe hatte seine Seele der Kraft der Musik und der Stärke von Akantens Vorstellungen geöffnet: es schien ihm gleich thöricht, umzukehren und weiter zu gehn: er wählte also, wohin ihn seine Empfindung zog; er fieng die Arbeit von neuem an. Sie legten noch den nämlichen Tag die fünf übrigen Dornenhecken zurück, und obgleich die Dornen weniger verschlungen, die Oeffnungen häufiger und die Musik aufmunternder und entzückender wurde, je weiter sie kamen, so traten sie doch erschöpft und kraftlos aus der letzten hervor, besonders da sie auf ihrem heutigen Wege nur hin und wieder einige nicht sonderlich schmeckende Früchte zur Stillung ihres größten Hungers angetroffen hatten.

Bey ihrem Heraustritte aus der letzten Dornenwand eröffnete sich ihrem Blicke ein weites, merkwürdiges Theater; aber die Musik wurde nur noch leise in der Entfernung gehört, welches unsre beiden Wanderer um so viel weniger bemerkten, weil ihre Augen genug Beschäftigung hatten, um das Ohr sein Vergnügen nicht vermissen zu lassen. Eine weite, unübersehlige Ebne dehnte sich vor ihnen aus, und die Aussicht wurde durch eine Menge großer und kleiner Gebäude unterbrochen, worunter besonders eins in der Mitte derselben wegen seiner Schönheit und seines Umfangs hervorleuchtete. Alle waren von Reißig und Baumstämmen sauber geflochten, weitläuftig und kündigten auf allen Seiten Bewohner von Geschmack und Liebhaber des Schönen an. Auf der Ebne zeigte sich ihnen eine Menge großer, riesenmäßiger Figuren, die gravitätisch auf und abwandelten, indessen daß ihnen eine Menge Personen einen Platz für ihre Schritte frey machen mußten, worauf ein homerischer Gott mit seinem göttlichen Riesengange Raum genug gefunden hätte. Je mehr sie sich diesen Kolossen näherten, jemehr nahm ihre Größe ab, und als sie endlich ihrem Wirkungskreise so nahe waren, als es die abhaltenden, Platzmachenden Kreaturen zuließen, so fanden sie zu ihrer großen Verwunderung, daß es Zwerge waren, Zwerge von der kleinsten Art, die auf unmäßig hohen Stelzen daherwandelten. Ihr einziger Zeitvertreib war ein solcher gravitätischer Spatziergang, und ihre ganze Beschäftigung bestund darinne, daß einer den andern durch irgend ein Mittel von seiner Stelze abzuwerfen suchte. Je höher die Stelze ihren Mann emportrug, desto aufmerksamer waren aller Augen auf ihn gerichtet und desto eifriger waren die Bemühungen, ihn herunterzustürzen. Einige zielten von Ferne mit Steinen und Stangen nach ihm, von welchem jeder, der zu ihrem Ziele geworden war, gewiß allemal Beulen und Quetschungen bekam, wenn er sich auf seiner Stelze im Gleichgewichte erhielt. Andre drängten sich so nahe zu ihm, daß sie, wie renomistische Studenten, bey dem Ausschreiten mit den Stelzen zusammenstoßen mußten, und wer fiel – fiel, oft der Angreifer, oft der Angegriffne. Noch andre ließen einem so vorzüglich hohen Stelzenzwerge plözlich Steine in den Weg wälzen, die den Zirkel seiner Leibwache so schnell überraschten und mit dahin rissen, daß sie dieselben nicht fortschaffen konnten; und wenigstens stolperte der Mann mit der Stelze, wenn er auch nicht ganz stürzte, und die übrigen hatten wenigstens die Freude, über ihn zu lachen. So war dieser Platz ein beständig abwechselnder Schauplatz, wo neue Zwerge mit höhern Stelzen erschienen und andre von den ihrigen heruntergeworfen wurden, einige stolz daherwandelten und einige mit zerbrochnen Armen, zerquetschten Köpfen, beschundnen Beinen schmerzhaft sich im Staube wanden.

»Lustig ist es«, sprach Belphegor, »Zuschauer von diesem Stelzenkaruselle zu seyn; aber sich drein zu mengen! – bewahre dafür der Himmel jeden Mann, der solche Stelzen entbehren kann! – Aber sieh, Akante! was wimmelt dort?«

Sie sahen beide hin und wurden einen Trupp kleinere Zwerge gewahr, die auf kurzen, niedrigen Stelzen das ganze Spiel der vorigen auf einem kleinen Platze nachäfften, sich wechselsweise herunter warfen und sich, um die Ehre der Gleichheit mit jenen größern Zwergen zu erlangen, Beine, Arme und Hälse zerbrachen. –

»Siehst du, Akante? das alberne Menschenvolk!« rief Belphegor. »Sonst würde mir dieser Anblick ein Lächeln abgenöthigt haben, izt zwingt er mich zum Aerger. Kannst du etwas rasenderes denken, als sich die Hälse zu zerbrechen, um sie sich wie andre zerbrochen zu haben? Fort! laß uns keine Menschen sehn, so sehn wir keinen Unsinn! – Wo ist nun die Freude, die dir jene lockende Musik versprach? Horche doch! Wo ist es hin, das tönende Konzert? Verstummt! Nicht einen Laut, nicht ein Geschwirre hörst du izt mehr. – Was zu verwundern? Sagte ich dirs nicht? – Es ist eine Freude unsers Planetens und also eine Betriegerinn.«

Akante erstaunte, horchte und wurde itzo erst inne, daß sie sich durch einen so beschwerlichen Weg dem Vergnügen näher gebracht hatte, um es zu verlieren. Sie tröstete sich inzwischen mit der Möglichkeit, es mit einer doppelten Vergütung wiederzufinden und munterte Belphegorn auf, sie zu den übrigen Merkwürdigkeiten des Ortes zu begleiten. Sie giengen weiter, und sogleich zog ein weitläuftiges Gebäude ihre Aufmerksamkeit an sich, besonders war Akante vor Entzücken ganz außer sich selbst gesetzt, da ihr aus demselben ganze Reihen von den goldnen Vögeln entgegenstrahlten, denen sie vor etlichen Tagen mit aller Gewalt nachjagen wollte, da sie ganze Truppe von den helleuchtenden Rehen erblickte und Schaaren Menschen bey ihnen, die mit ihnen vertraulich umgiengen.

»O Belphegor!« seufzte sie, »wie glücklich müssen diese Menschen seyn, die die schönen Vögel in solchem Ueberflusse besitzen, wovon mich ein einziger schon hinlänglich beglücken würde! Siehe! Diese Glückseligen können sie pflegen und warten, sie streicheln, sie liebkosen, den goldgelben Samt ihres Gefieders berühren, ihre Ohren an den lieblichen Liedern ihrer Kehle weiden – o wer ein Glied von diesem beneidenswürdigen Haufen wäre! Sie haben errungen, wonach vermuthlich so viele noch keuchend laufen, dem ich gern nacheilte – ach! komm! Laß uns wenigstens die Augen an diesen englischen Geschöpfen ergötzen!«

»Gute Akante! Du beneidest diese Leute; aber, aber! – ich sehe schon ein trauriges Anzeichen. Was gilts? Sie fühlen ein Glück dieser Erde, das heißt eine beneidete Last. Siehst du nicht?«

»Und was?« rief Akante hastig.

»Sie hängen ja alle die Köpfe. Deine Einbildungskraft berauscht sich bey dem Vergnügen gleich, und du vergißt, daß du auf der Erde bist.«

»Nein, da sind wir nicht! Weder bey dem Pabst Alexander dem sechsten noch bey dem Markgrafen, wo meine Schönheiten so jämmerlich verwüstet worden sind, weder bey dem großen Fali noch bey irgend einem Herrn, dessen Sklavinn ich gewesen bin, habe ich eine so entzückende Kostbarkeit angetroffen als diese goldnen Vögel oder diese strahlenden Rehe: sie sind über alle Herrlichkeiten dieser Welt erhaben, und wir müssen nothwendig in einem Paradiese seyn.«

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