Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

Kaum hatte er den Entschluß gefaßt, als sie ein Trupp Niungis umringte und auf ihre bittenden Zeichen, besonders wegen ihres friedfertigen, ausländischen Aussehns, mit sich zu ihrem Oberhaupte schleppte, der ihnen bey dem Truppe zu bleiben verstattete und sie dem Hauptanführer seiner Nation als eine Seltenheit vorzustellen gedachte. Die Märsche waren übermäßig schnell und eilfertig: sie wurden durch etliche vereinigte feindliche Horden getrennt, und diese hatten die Bosheit, den Trupp, zu welchem unsre Europäer gehörten, zu verfolgen, bis ihn ein Morast von der Gefahr der Nachsetzung befreyte, wo der größte Theil desselben stecken blieb und starb. Unsre Europäer waren mit einigen Tartarn seitwärts in einen Wald gesprengt, wo sie der Feind ruhig ließ und zu andern erhabnen Kriegsthaten wieder umkehrte.

Belphegor und Akante hatten nebst ihren Gefährten einige Zeit in dem Gehölze zugebracht, als diese sie plötzlich verließen und durchaus nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben wollten.

»Trauriges Schicksal!« rief Belphegor. »Trauriges Schicksal!« rief Akante; und beyde wollten mit aller Gewalt sterben. Sie baten den Tod inständigst, mit ihren Körpern die Raubthiere der dortigen Gegend zu bedienen, aber der Tod war taub: sie erblickten Früchte, langten zu, erquickten sich und wurden durch die einzelnen Stämme der Bäume Wasser gewahr, giengen darauf zu und fanden – offenbares Meer. »Vielleicht«, sprach Belphegor wieder auflebend, »vielleicht hat uns hier über diese Fluthen der Himmel einen Weg gebahnt, um in das köstliche Europa wieder zurückzukehren. Lebe auf, Akante! Hier ist der Weg in unser Vaterland. Alles, was ich dort ausgestanden habe, von deinen Hüftenstößen bis zum Aufhängen unter den Lettomanern, ist nichts gegen die Schmerzen, die ich in andern Welttheilen habe ertragen müssen. Wenigstens kann man dort ruhiger Zuschauer von dem allgemeinen Kriege bleiben und so leidlich ohne Schmerzen leben, wenn man sich nicht in das tolle Spiel der Welt mischt, wenigstens die Leute nicht einen vernünftigern Weg führen will, als sie selbst zufälliger Weise oder aus eigner Wahl eingeschlagen haben. Ich sehe es wohl – leider zu spät! – daß ich selbst, von meinem warmen zelotischen Herze und von übertriebner Rechtschaffenheit verleitet, Millionen Schmerzen auf mich geladen habe. Aber wohl mir! dieses Meer führt mich nach Europa zurück, und da will ich mit dir, Akante, die gemeinschaftliches Ungemach an mich fesselt, glücklich leben; denn Erfahrung hat mich auch klug gemacht, mein Feuer ist verdampft, und selbst der Neid der Menschen soll mir meine Rechnung auf ein ruhiges, zufriednes Leben nicht verderben. – Akante! freue dich! Unser Schicksal heitert sich auf.«

Akante, die diese Aufheiterung in der Entdeckung eines offnen, weiten, unbekannten Meeres nicht finden konnte, blieb ungerührt und beschloß mit einem Seufzer und dem Ausrufe: »Trauriges Schicksal!«

Auch warteten sie wirklich lange auf den gehoften Beystand des Himmels und die Ueberfahrt nach Europa, nährten sich kümmerlich mit gesammelten Früchten und Wurzeln, bis endlich die Saiten der Hofnung schlaff wurden und der Muth gleichfalls. – »Trauriges ungerechtes Schicksal!« – dabey blieb Akante und beschloß verzweifelnd, sich in die See zu stürzen. – »Laß mich voran!« rief Belphegor. »Gab mir die Natur das Leben und doch keine Mittel, es zu erhalten, so werfe ich die unnütze Last von mir und sterbe.« – Mit diesem Worte sprang er unaufgehalten in die Fluth. Allein ein Rest von Liebe zum Leben oder eine andere Ursache machte, daß er sich unbewußt im Wasser, ohne zu sinken, fortarbeitete und nach dem Ufer zuschwamm, wo er ganz durchnäßt und kraftlos sich auf das Trockne hinwarf.

Er erholte sich; sein erster Blick gieng nach Akanten, aber fand sie nicht. Er suchte, er rief und fand sie eben so wenig. Nach langem, vergeblichem Bemühen blickte er endlich seufzend nach der See hin, als wollte er zum zweytenmale sich ihr übergeben – siehe! plötzlich wurde er ein Fahrzeug gewahr, das mit etlichen Personen an einer andern Seite des Ufers abfuhr. Er rief, er suchte das Geräusch des Wassers zu überstimmen, es glückte ihm, und man ruderte auf ihn zu. Es war ein Kanot aus einer benachbarten Insel, das ihn wiewohl weigernd einnahm und ihm seine geliebte Akante wiedergab. Sie hatte sich nicht entschließen können, nach seinem Beyspiele ihren Tod in den Wellen zu suchen, war trostlos am Ufer hinaufgeirrt und hatte in einer Bucht das Kanot mit zween Wilden gefunden, die Muscheln suchten. Sie wurde von ihnen aufgenommen, und auf ihr Bitten waren die Wilden Belphegors Geschrey zugerudert, ob sie gleich mehr wünschte als hofte, daß sie seine Errettung bewirken würde, weil er nach aller Wahrscheinlichkeit schon als Leichnam von den Wellen emporgetragen werden mußte. Sie ließen sich mit freundschaftlicher Freude fortrudern und liebkosten ihre Erretter mit allen ersinnlichen Zeichen der Dankbarkeit; doch konnten sie nicht den ganzen Rest von Mistrauen auslöschen, der ihrem Geschlechte eigen ist. Die Reise währte lang, und ehe sie sich es versahen, setzten sie ihre Führer unter einem listigen Vorwande an einem weitausgedehnten, festen Lande aus, an welchem sie hinfuhren, worauf sie in ihre Kanote sprangen und mit der größten Eilfertigkeit hinwegruderten. Die beiden Betrognen riefen ihnen nach, aber vergeblich.

»Abermals durch die Bosheit der Menschen unglücklich!« sprach Belphegor. »Von einem festen Lande zum andern fortgeschleppt, was haben wir gewonnen? – Daß wir nicht die Vögel jenes Landes, sondern die Raubthiere dieses Bezirkes füttern! – O Akante! welch ein Ungeheuer ist der Mensch! Unbeleidigt, bey den größten Zeichen des Zutrauens, der Dankbarkeit, der Freundschaft ist er doch, selbst außer dem Stande der Gesellschaft, der hartherzigste Feind von jedem, den er nicht kennt. Muß nicht tief in die Seele der Zug der wechselseitigen Feindschaft gegraben seyn, wenn er jeden als seinen Gegner behandelt, ihm als seinem Feinde nicht traut, so lange er nicht durch die Bande der Gewohnheit und der Gesellschaft mit ihm verknüpft ist? – O Fromal! du hattest Recht: die Menschen sammelten sich, um sich zu trennen. – Was sollen wir nun, Akante? – Wir wollen uns ins Land wagen; ob uns der Hunger und das unbarmherzige Schicksal im Stillesitzen oder auf dem Marsche aufreibt: gleich viel! Wohlan, wir gehn!«

Akante war es zufrieden: die Reise wurde angetreten, und in wenig Tagen hörten sie das Geschrey von Menschen. – »Höre, Freundinn«, sagte Belphegor dabey, »wohl ist mir beständig in der Einsamkeit. Aber so bald ich Menschen merke, so ist mein Wohlseyn vorüber: ich erwarte einen Feind. Wir wollen den Rufenden entgehn: eher will ich hier in der Wüste unter Thieren sterben, als unter Menschen leben.«

Plötzlich, als er noch redete, flog langsam ein glänzender, goldgelber Vogel nahe vor ihrem Gesichte vorbey: seine Federn warfen an der Sonne den Strahl eines Sterns von sich, und ihre Augen waren so sehr davon geblendet, daß sie seine schöne Bildung kaum bemerken konnten. Unmittelbar auf ihm folgte ein Paar nackte Menschen, die keuchend und mit aller Anstrengung des ganzen Körpers ihm nachsetzten, beide Augen unverwandt auf ihn emporgerichtet, ohne neben sich mit Einem Blicke zu schauen. Der Vogel schien zuweilen nur zu schweben und ihre Ankunft zu erwarten; seine Verfolger sammelten ihre letzten Kräfte, eilten hinzu, und kaum glaubten sie mit ihren Fingerspitzen den strahlenvollen Spiegel seines Schwanzes zu berühren, als er langsam fortschwebte und sie entkräftet hinter sich zurückließ. Da das Schauspiel auf einer weiten, ausgebreiteten Ebne vor sich gieng, so konnten die beyden Zuschauer ungehindert jede Bewegung bemerken. Die Nachsetzenden rafften sich zwar jedesmal, daß ihnen der Vogel einen solchen Betrug spielte, wieder auf und verfolgten ihren Raub von neuem, allein, da ihre Kräfte ungleich waren, so kam ihm der eine meistens um etliche Schritte näher als der andre, worüber dieser sich so erbitterte, daß er alle seine Stärke anwandte, jenen Glücklichern von seinem Vorsprunge zurückzuziehn, und da eine solche Aufhaltung gleichfalls Erbitterung erregen mußte, so zankten sie sich so lange herum, bis keiner von beiden einen Schritt weiter gehen konnte oder der Vogel indessen so weit aus dem Gesichte gekommen war, daß sich keiner ohne Narrheit die Lust ankommen lassen konnte, seine Beine nach ihm zu ermüden, oder von den übrigen, die in verschiedenen Entfernungen gleichfalls nachfolgten, waren einige so weit zuvorgekommen, daß sie sich unmöglich überholen ließen. So jagten unzählige Truppe hinter dem goldnen Gefieder drein, keiner erhaschte es, und alle hatten am Ende – müde Beine.

Kaum hatten die beiden Europäer diese Lustjagd aus dem Gesichte verloren, als ein neuer Lärm ihre Aufmerksamkeit auf eine andre Seite zog. Sie horchten; und bald stürzte sich ein schlankes Reh, dessen Läufte aus Einem großen Kristalle gemacht zu seyn schienen und dessen ganzer Leib so hell leuchtete, daß die Gegend, wo es lief, Büsche und Bäume, wie von dem aufsteigenden Lichte der Morgensonne, übergoldet wurden: seine Augen strahlten wie Fixsterne, und wer in seinem Leben nie einem Rehe zu Gefallen sich wunde Füße gemacht hatte, der mußte doch durch die Schönheit dieses Thiers gereizt werden, die seinigen einmal daran zu wagen. Belphegor war schon im Begriffe, darnach zu haschen, als ein Trupp Reiter in völligem Galope, mit verhängtem Zügel, schäumenden, schnaubenden Rossen über Büsch, Gesträuch, Hügel und Steine daherflogen und das funkelnde, strahlende Thier zu ereilen suchten. Alle Rosse hatten nicht gleichen Athem und alle Reiter nicht gleiche Geschicklichkeit; es mußten also einige zuvorkommen, einige zurückbleiben. Um sich nicht mehrere zuvorzulassen, wandten sie sich zu den Folgenden, und nun focht man mit allen Kräften, wer die Ehre haben sollte, voranzureiten: man verwundete, man verstümmelte, man lähmte, man tödtete sich, und wer die Oberhand behielt, gewann nichts als den leidigen Vortheil, seinen Weg und seine Thorheit weiter fortzusetzen. –

»Himmel! Wo sind wir?« rief Akante. – »In der Welt«, antwortete Belphegor, »denn man zankt, man ermordet sich.« – »Aber«, fuhr Akante fort, »was für ein herrlicher Theil der Welt ist das, wo solche kostbare, funkelnde Vögel und so strahlende Rehe angetroffen werden! Kaum kann ich glauben, daß wir noch auf unserm Planeten sind.« – »Wir sind es, mitten auf dem Kothhaufen, wo alles funkelt und glänzt und alles nichts ist. Laß uns weiter gehn!« – »O wer doch einen so reizenden Vogel oder so ein göttliches Thier fangen könnte! Was haben wir zu verlieren? Ich dächte, wir wagten eine Jagd mit.« – »Eine solche thörichte Jagd! die so viele Beschwerlichkeiten kostet, wo die Beute sich bald nähert, bald entfernt und, wie es scheint, nie erhascht wird! Und was hättest du am Ende, wenn du den goldnen Vogel auch gleich vor Tausenden einholtest? Nimm ihm das schimmernde Gefieder! und vielleicht hast du ein übelschmeckendes, unnahrhaftes Fleisch, als die verächtlichsten Federn bedecken. – Nein, ich kenne die Welt mit ihren Täuschereyen.« – »Aber sieh nur, Belphegor, das volle, feurige Gold, das dem Vogel vom Rücken blitzt! Ach, so ein göttlicher Vogel und ihm nicht nachzulaufen! Du bist erstaunend finster und träge. Ich gehe; willst du mit mir?«

Belphegor hielt sie zurück und schwur sehr nachdrücklich, daß er nie einen Fuß nach dem glänzendsten Vogel bewegen werde, sollte er sich gleich seinen Händen selbst darbieten. Sie ließ sich zwar durch ihn abrathen, weil keiner von den reizenden Vögeln bey der Hand war, allein sie wiederholte doch ihr Verlangen darnach so oft, daß sie bey jedem Schritte einen erwartungsvollen Blick auf die Seite warf, ob nicht vielleicht bald einer von den paradiesischen Vögeln erscheinen werde, um ihm sogleich nachzusetzen. Sie hofte und hofte, aber keiner wollte ihr diesen Gefallen erzeigen.

 << Kapitel 39  Kapitel 41 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.