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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Ich habe ein Mädchen, das mich in meiner lezten Krankheit gepflegt und gewartet hat wie eine Mutter; ich wollte sie heirathen; aber ich darf nicht. Das arme Mädchen sizt zu Hause und weint sich die Augen aus dem Kopfe. Mein Herr will mich zwingen, ein Gütchen zu bearbeiten, das ein andrer vor mir verdorben hat. Ich kann nicht; es würde mich zu Grunde richten. Im Stocke habe ich schon gelegen; und da ich noch nicht wollte, so drohte er mir mit dem Zuchthause. Mein armes, liebes Mädchen soll ich auch nicht nehmen: wir müssen – ach! das wissen Sie nicht, lieber Herr! – auch von unsrer Liebe eine Abgabe bezahlen. Ja, das Bischen, was wir sauer erarbeiten! – ich bin entsprungen, und – du gutes Mädchen! – wenn sie mich haschen –«Alles dieses wird vielleicht nur in gewissen Gegenden verständlich seyn.

»Mein Freund, wenn du Recht hast, so geh ich mit dir und spreche für dich.« Er weigerte sich anfangs; doch endlich überließ er sich ihm und führte ihn zu seinem Herrn.

Belphegor war ein lebhafter Advokat und bekam auf seine Anfrage, warum dieser Elende zu seinem Verderben gezwungen werden sollte, die lachende Antwort: »Weil ich das Recht dazu habe.« »Und wer gab Ihnen das Recht?« »Das hab' ich gekauft.« »Also kann man Unterdrückung kaufen?« »Blitz! der Herr ist wohl verwirrt. Recht ist keine Unterdrückung; auch nicht, wenn ich den Herrn zum Hause hinausjage!« Und so fiff er eine Kuppel Hunde zusammen, hezte sie auf den armen Belphegor los, der mit Mühe einige Fragmente von seiner Kleidung aus ihren Zähnen rettete und alles anwenden mußte, um nicht einen Theil seiner eignen Person einzubüßen.

»Welche Ungerechtigkeit! welche Unterdrückung!« rief er, als er sich ein wenig gesammelt hatte; und sein Magen sezte hinzu: »welcher Hunger!«

In seinem gegenwärtigen Zustande war ihm nichts übrig, als von der Wohlthätigkeit andrer zu leben; er bat um Almosen, hungerte selten und bekam niemals Ribbenstöße noch Steine an den Kopf.

Eines Tages kam er auf eine Heide, wo etliche Freybeuter einen Mann so unbarmherzig behandelten, als wenn sie willens wären, ihn in Stücken zu zerlegen und auf gut huronisch zu essen. Belphegor glühte, so bald er den Auftritt erblickte, gieng hinzu und erkundigte sich nach der Ursache einer solchen Barbarey. Man würdigte ihn keiner Antwort, doch erfuhr er bey Gelegenheit, daß man ihn strafe, weil der Hund nichts herausgeben wolle. »Aber welches Recht habt Ihr denn, etwas von ihm zu fodern?« Sie schlugen an ihre Degen, und einer darunter gab ihm oben drein einen wohlgemeinten Hieb, der ihm das rechte Schulterblatt in zwey gleiche Stücken zerspaltete. »Aber, ihr Barbaren, welches Recht habt ihr –« ein zweiter Hieb über den Mund hemmte seine Frage mitten im Laufe.

»Alles grausam wie Akante!« dachte er und stopfte sich mit dem Reste seiner Kleidung seine Wunden zu. Er bekam eine Stelle in einem Krankenhause und wurde sehr bald geheilt. Ein Elender, der neben ihm lag und schon ein ganzes Jahr lang sein Bette nicht verlassen hatte, war während der Kur sein vertrauter Freund geworden. Doch izt wurde er über die schnelle Genesung seines Freundes neidisch und biß ihn des Nachts in den kaum geheilten Arm; die Wunde wurde so gefährlich, daß der Arm beinahe abgelöst werden mußte.

Nach einem langen Kampfe mit Schmerzen und dem Neide seines Freundes wurde er wiederhergestellt und der Willkühr des Schicksals übergeben.

Seine erste Auswanderung machte ihn schon wieder zum Märtyrer seines guten Herzens. Er langte in einem Dorfe an, wo eben das gräßlichste Weiberscharmützel das Publikum belustigte. Ein Mädchen, das der ganze weibliche Theil der Kirchfahrt ärger als den Teufel haßte, weil es von Jugend an sich durch seine Kleidung unterschieden hatte, war in einem saubern Anzuge, einem ehrbaren Geschenke von der Regentinn des Dorfs, in der Kirche erschienen. Jedermann empfand, wie billig, den lebhaftesten Abscheu und Aerger über eine solche Hoffart. Man murmelte die ganze Kirche hindurch, man schimpfte bey dem Herausgehn, und auf einmal stürzte die anwesende weibliche Christenheit mit geschloßnen Gliedern auf die schöngepuzte Nymphe los, um ihren Staat auf das jämmerlichste zu zerfleischen. Sie waren schon wirklich in ihrer Arbeit bis zum Hemde gekommen, das sie ebenfalls, ob es gleich nur aus grober, demüthiger Leinwand geschaffen war und nicht die mindesten Spuren des Stolzes an sich hatte, nicht verschonen wollten, als Belphegor ankam. Er erblickte nicht so bald das Gesichte des leidenden Mädchens, das gewiß eine der besten ländlichen Schönheiten war und izt durch eine verschönernde Mine der Traurigkeit einen doppelt starken Eindruck machte, als seine Stirne glühte, als er mitten in das Gefechte rennte, das Mädchen und ihre Schamhaftigkeit aus den Klauen ihrer Gegner zu befreyen. Weil sein Ueberfall so plözlich geschah und noch ein Nachtrab von Hülfstruppen zu befürchten war, so zerstreuten sich die Feinde anfangs. Da sie aber wahrnahmen, daß sie ihre Furcht betrogen hatte, so wurden sie desto ergrimmter, ließen das gemishandelte Mädchen liegen und griffen ihren Helfer an, dem sie ein Auge ausschlugen, einen Finger quetschten und die Backen mit ihren Nägeln meisterlich bezeichneten. Oben drein wurde er noch nebst der Grazie, die er beschützen wollte, von den dastehenden Gerechtigkeitspflegern in Verhaft genommen, die um so viel erbitterter auf ihn waren, weil er ihnen eine Lust verdorben hatte, und an die Herrschaft des Mädchens ausgeliefert.

Durch einen glücklichen Zufall war es veranstaltet worden, daß gerade damals zwischen den beiden Monarchen, demjenigen, welchem sie übergeben, und demjenigen, von welchem sie ausgeliefert wurden, eine Zwistigkeit herrschte, die oft in einen Privatkrieg ausbrach – wie er nämlich nach Einführung des Landfriedens Statt findet. Eine von den beiden Damen dieser Herren hatte bey einer Feierlichkeit, die die ganze schöne Welt der dasigen Gegend durch ihre Gegenwart verherrlichte, an der andern, die eine ganze Stufe im Range unter ihr war, einen Halsschmuck wahrgenommen, dessen Anblick ihr sogleich alle Nerven angriff, daß sie nicht anders als die Besitzerinn desselben von ganzem Herzen hassen mußte. Da ihre Männer, weil sie durch die Ehe Ein Fleisch und Ein Blut mit ihnen geworden waren, es für ihre Pflicht hielten, sich gleichfalls deswegen von Herzen zu hassen, so wurde Belphegorn und seiner Mitgefangnen sogleich ohne Verhör Recht gegeben; Belphegor bekam seine Freiheit und war froh, nicht mehr als Ein Auge und Einen Finger eingebüßt zu haben. Die gemeldete Feindschaft brachte ihm sogar eine Mahlzeit und ein kleines Geschenk für die bewiesne Tapferkeit ein. – Das war ein Sporn in die Seite gesezt.

Seine warme Gutherzigkeit fand auch bald eine neue Ursache, das Blut in Feuer zu bringen. Er traf unter einem wilden Apfelbaume ein kleines Männchen an, das mit gesenktem Kopfe und betrübter Mine dasaß. »Lieber Mann, was fehlt dir?« fragte Belphegor, indem er sich zu ihm sezte.

»Alles«, antwortete jener mit einem Seufzer, »denn ich habe gar nichts. Bettelarm bin ich.«

»So bist du nichts reicher als ich«, erwiederte Belphegor.

»Das könnte ein Trost für mich seyn«, sprach der Andre, »wenn ein Trost mir etwas helfen könnte. Aber – es ist umsonst!«

»Sage nur, was dir widerfahren ist!« rief Belphegor hitzig.

»Das kann zu nichts dienen. Willst du mich bedauern? Bedauert hat mich jedermann, aber niemand geholfen.«

»So will ich der einzige seyn«, sprach Belphegor glühend.

»Armer Elender! wie könntest du das? Hilf dir! dann glaubte ich, daß du Wunder thun und auch mir helfen könntest.«

Belphegor knirschte mit den Zähnen und verstummte vor Aerger und Begierde. »Mann, so sage mir nur deine Geschichte!« sprach er endlich mit halb erstickter Stimme.

»Meine Geschichte? – ist kurz. Der menschliche Neid hat mich zu Grunde gerichtet. Ich hatte ein Vermögen, ein schönes Vermögen – nicht groß, aber hinreichend; es war ein Theil von meinem väterlichen Erbgute. Ich war unermüdet auf die Wirthschaft aufmerksam, und mein Vermögen vermehrte sich zusehends; ich kaufte beinahe mehr an, als ich geerbt hatte. Indessen nahmen die Umstände meines Bruders immer mehr ab; er wurde auf mein Glück neidisch; er gab mir schuld, ich habe ihn bey der Theilung bevortheilt; er verklagte mich. Wir prozessirten, mästeten Richter und Advokaten, er spielte alle möglichen Kabalen, und ich verlor beinahe. Endlich gewann niemand den Prozeß, und ich verlor mein Vermögen. Nun blieb die Sache liegen. Nicht einen Pfennig behielt ich übrig; die Gerechtigkeit nahm alles, weil sie mir Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen wollen, wenn ich nicht vor der Zeit verarmt wäre.«

»Komm! wir wollen dem fühllosen Bruder den Kopf zerbrechen; er verdients!« rief Belphegor hastig und ergriff ihn bey dem Arme.

»Guter Mann! ich sehe, du hast Herz – ein gutes und ein muthiges. Wozu kann das dienen, daß wir ihm den Kopf zerschlagen?«

»Ihn zu bestrafen, den Hartherzigen!«

»Wozu könnte das dienen?«

»Du machst mich rasend, Freund! – Komm!«

»Ja, ich komme – um mit dir betteln zu gehn: das Köpfezerschmeißen ist gefährlich. – Ach! –«

»Was siehst du, daß du so seufzend hinblickst?« fragte Belphegor und war halb zum Aufspringen gefaßt.

»Meinen Bruder!« – Weg war Belphegor, ehe er das Wort noch völlig aussprach oder ihn zurückhalten konnte – gerade auf den Mann zu, den er für den Bruder des Unglücklichen hielt. Er ereilte ihn, faßte ihn bey dem Halse und kündigte ihm seinen Untergang, die Strafe für seine Unbarmherzigkeit und seinen unbrüderlichen Neid an. Der Andre, der während des Prozesses eine reiche Wittwe durch List zu seiner Frau gemacht hatte und sich izt wohlbefand, rief einen Trupp Arbeiter zu Hülfe, die in einem nahen Busche Holz für ihn fällten. Sie kamen mit allen Werkzeugen der Rache, Knitteln, Aexten, Beilen, schlugen den übermannten Belphegor vom Kopf bis auf die Füße blau, die linke Hand morsch und ein großes Loch in den Hirnschädel: so verließen sie ihn.

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