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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Was?« rief sie; »so vieles Herzeleid soll ich durch zween oder drey Ribbenstöße verdient haben, die ich dir, verblendet von unwillkührlicher Leidenschaft und von Fromals ruchloser Ermunterung angetrieben, ohne deinen großen Schaden gab? indessen daß Edzar, dieser überlegende, studierte Bösewicht, mit Einem leichten Schwerthiebe davon kam, und sein niederträchtiger Herr, der keine Sonne ohne eine That der Grausamkeit untergehen ließ, noch lebt und in hohem Wohlseyn über Persien herrscht? – Welche Proportion? Oder hat vielleicht mein ganzes Geschlecht schon vor der Geburt lahme Hüften gemacht, daß es unter diesem ganzen Himmelsstriche zur elendesten Sklaverey verbannt ist? schon von dem ersten Augenblicke seiner Existenz dazu verdammt ist? Warum ist mein ganzes Geschlecht von ewigen Zeiten her der Jochträger des eurigen, eurer Bedürfnisse, eurer Bequemlichkeit, eurer üblen Laune gewesen? Wodurch hat es eine solche Zurücksetzung unter das eurige verdient? – Nichts als seine unglückliche Schwäche warf es in die allgemeine Unterdrückung! Uebersieh alle Zeiten und Länder! Mußte die Gattung vernünftiger Kreaturen, die ihr in Europa als Engel anbetet und vielleicht durch Schmeicheleyen einschläfern wollt, damit sie euch ihre Ueberlegenheit nicht fühlen lassen, der schönste Theil der Schöpfung, nicht beständig dienen, in jedem Verstande dienen? und nicht blos dienen, sondern der Sklave des rohen, grausamen, stärkern männlichen seyn? Allenthalben war dies, den einzigen kleinen Punkt ausgenommen, auf welchem wir das Leben empfiengen, und auch hier noch vor wenigen Jahren. Ihr Männer konntet in der tollsten Raserey zu Tausenden nach einem kleinen Striche steinichten, unfruchtbaren Erdreiches laufenNach Palästina in den Kreutzzügen. und Tod und Gefahren in jeder Gestalt entgegengehn; ihr konntet euch um eines leeren Titels, einer einfältigen Grille, eines blendenden Nichts würgen, zerfetzen, verstümmeln. Und doch kam keiner noch auf den edlern Vorsatz, das weibliche Geschlecht in allgemeine Freiheit zu setzen. Schämt euch, ihr Elenden! Um euern verfluchten Durst nach Golde, nach Ländern, Titeln oder andere noch niedrigere Leidenschaften der Rache, der Zanksucht, des Neides zu sättigen, macht ihr, so oft es euch beliebt, die Erde zum Schlachtfelde und wißt euren unmenschlichen Thaten tausend schimmernde Mäntel umzuhängen und tausend glänzende Anstriche von Edelmuth, Großmuth, Menschenliebe, Patriotismus zu geben. Doch für das Geschlecht, das euch mit Schmerzen gebar, wagtet ihr nie einen Schritt! vergoßt ihr nie einen Tropfen eures menschenfeindlichen Blutes! Wohl den guten, freundlichen Rittern, die während der Barbarey unsers vaterländischen Himmelsstrichs sich über alle Vortheile und Rücksichten des Eigennutzes emporschwangen und mit der Lanze in der Hand, von dem einzigen Triebe der Ehre und Menschenliebe begeistert, ausgiengen, die Banden der weiblichen Knechtschaft zu zerbrechen und rohen Unterdrückern des schwächern Geschlechts die Köpfe zu zerspalten! Wohl ihnen, sie waren die edelsten Krieger, die jemals die Waffen ergriffen, deren Namen in alle Felsen des Erdbodens mit unauslöschlichen Zügen hätten eingegraben werden sollen und welche die Verewigung mehr als alle berüchtigte Länderverwüster, Städtezerstörer und Menschenwürger verdient hätten. O daß ihr geheiligter Staub nicht hier unter meinen Füßen ruht! daß die Stätte unbekannt ist, die ihre edlen Gebeine bewahrt! Jedes Mitglied des weiblichen Geschlechts sollte zu ihnen eine Wallfahrt thun und sie mit Blumenkränzen und Räucherwerke ehren; jedes Mädchen sollte ihnen die ersten Locken weihen, jede an ihrem Hochzeittage ihnen ein Fest feiern. Dann würde einem unter euch vielleicht das eiskalte Blut genug erwärmt werden, um nach einem ähnlichen Lorber zu streben. Dann würde ein solcher Preiß vielleicht die Tapferkeit einiger ruhmsüchtigen Waghälse beleben, sich zu der größten Unternehmung zu vereinigen; dann würden Schaaren von edlen Streitern den nüzlichsten Kampf wagen, muthig über Seen, Berge und Schlünde hineilen, um in Norden und Süden, in Osten und Westen die Ketten zu zersprengen, womit mein Geschlecht an das Joch der männlichen Unterdrückung angeschmiedet ist. O Freund! hättest du Geist und Feuer genug, so könnten wir zuerst diese Lorbern einerndten! so könnten wir, wie der enthusiastische Peter, über den Erdboden hinfliegen und Kaiser, Könige und Fürsten aufmuntern, dem halben Theile der Menschheit Friede, Ruhe, Freiheit und Glückseligkeit zu erkämpfen! Komm, Freund! Laß uns jeden, der Macht hat, das schwarze Gemälde der weiblichen Sklaverey mit den schauderndsten Farben vor die Augen halten, und wer dann keinen Sporn in seinem Herze fühlt, den treffe Fluch, den verzehre der Donner des Himmels! den Feigen! den Nichtswürdigen!«

Belphegorn schauderte bey dieser lebhaften Deklamation und er fühlte in seinem Kopfe so etwas, als wenn seine Einbildungskraft anfienge, Feuer zu fangen; sein Herz schlug gleichfalls schneller, und in allen seinen Adern regte sich seine vorige Tapferkeit. Allein zu Akantens Begeisterung konnte er sich doch nicht erheben, um das Mißliche und Phantastische in der vorgeschlagnen Unternehmung nicht zu fühlen. Die ganze Sache war: Akante hatte kurz vor ihrer Zusammenkunft mit Belphegorn von einem ihrer Liebhaber, weil er ihr seine Erkenntlichkeit nicht besser zu beweisen wußte, eine große Schachtel mit Opium empfangen, wovon sie in der Geschwindigkeit eine ziemliche Portion verschluckte, die ihre Nerven zu jenem Schwunge der Begeisterung anspannte, daß sie ein solches phantastisches Projekt entwerfen und Belphegorn mit solcher Lebhaftigkeit zur Ausführung antreiben konnte.

Da sie endlich nach vielen Zunöthigungen gewahr wurde, daß ihr Gesellschafter nie genug befeuert werden konnte, so bot sie ihm in einer Art von Trunkenheit das Mittel an, das bey ihr eine so wirksame Kraft geäußert hatte. – »Nimm«, sprach sie, »und iß! Diese Frucht muß deiner Einbildungskraft Flügel ansetzen, sie muß dich über dich selbst emporschwellen: nimm, iß! und wenn du dann zu der wichtigen Unternehmung dich nicht hingerissen fühlst, so bist du nicht werth, daß du aus der Brust deiner Mutter einen Tropfen Blut empfiengest.«

Der glühende Belphegor nahm den angebotnen Opium und verschluckte eine große Menge, die in kurzer Zeit eine flüchtige Anspannung aller seiner Gefäße veranlaßte, daß seine Imagination aufbrauste; und in diesem Taumel gab er Akanten die Hand, schwur ihr einen theuern Eyd, und nichts war gewisser, als daß sie beide, wie irrende Ritter, zu der Erlösung des weiblichen Geschlechts auswandern wollten. Da sie in einem Lande waren, das ihnen Gelegenheit genug anbieten konnte, ihre ritterliche Tapferkeit zu üben, so sollte das Kriegstheater zuerst dort eröffnet werden. Sie fiengen den Zug an, und ihre vier Arme dünkten ihnen in ihrer stolzen Berauschung so stark als hunderttausend zu seyn, weswegen sie nicht die mindeste Bedenklichkeit hatten, ohne Hülfstruppen mit dem ganzen Oriente allein fertig zu werden. Sie rückten an den nächsten Ort an, drangen mit Geschrey in ein Haus und verlangten von dem Manne die Befreyung seines Weibes und seiner Töchter aus der häuslichen Sklaverey. Der Mann, der weder ihre Anrede noch ihre Foderung verstand, aber doch aus ihrem Betragen schließen konnte, daß sie nichts weniger als in friedlichen Absichten zu ihm kamen, hielt es für rathsam, allen Gewaltthätigkeiten vorzubeugen, weil es noch in seiner Macht stünde, setzte sich zur Gegenwehr, und seine Weiber, zu deren Erlösung unsre Helden ausgereist waren, gesellten sich zu ihnen wider ihre Befreyer, die sie mit Faustschlägen, Nägelkratzen und andern Waffen zum Hause hinauskomplimentirten, vor der Thüre ließen und in Friede und siegreich wieder in ihre vier Mauern zurückkehrten.

Theils von ihren ritterlichen Thaten und den empfangnen Schlägen, theils von der Ueberspannung des Opiums ermüdet, blieben sie beide auf dem nämlichen Flecke liegen, wohin sie der letzte feindliche Stoß versetzt hatte, und im kurzen waren sie in dem tiefsten Schlaf, worinne sie unter den schwärmerischsten Träumen und Entzückungen bis zum Morgen verblieben.

Als sie erwachten, sahen sie sich voller Verwundrung an einem Orte, den sie vor ihrem Schlafe niemals gekannt hatten, entdeckten voller Verwundrung Beulen und geronnenes Blut eins in des andern Gesichte; erblickten mit Erstaunen Spuren eines Scharmützels, dessen Folgen sie deutlich fühlten, ohne daß sie nach ihrem lebhaftesten Bewußtseyn dabey gewesen waren. Das ganze kriegerische Projekt, wovon sie eine mislungene Probe geliefert hatten, war bis auf das kleinste Sylbchen aus ihren Köpfen verflogen: sie sannen, aber ihr eigner Zustand blieb ihnen ein unauflösliches Räthsel, weswegen sie ohne ferneres Kopfbrechen sich von der Erde erhuben und bedächtlich ihren Weg antraten.

Sie bettelten und waren bey diesem Gewerbe ehrlich und redlich in die chinesische Tartarey hineingerathen, wo neue Unfälle auf sie warteten. Bekanntermaßen herrscht noch der völlige Naturkrieg unter dem tartarischen Himmel, und eben damals hatten die Nunni, weil sie an ihren Plätzen Langeweile hatten, sich es einfallen lassen, einen Spatziergang von etlichen funfzig Meilen zu den Hiutschis zu thun und sie aus ihren Wohnsitzen herauszutreiben: die Hiutschis, welche einmal auf Gottes Erdboden existiren sollten und zu ihrer Existenz Platz brauchten, thaten den Niungis ein Gleiches und nöthigten sie, ihnen zu weichen: die Niungis rächten sich dafür an den Aldschehus; allein diese waren so halsstarrig tumm, nicht weichen zu wollen, welches die Niungis, die ihrentwegen einen so weiten Weg nicht umsonst gethan haben wollten, so übel nahmen, daß sie alle umzubringen beschlossen. Da dieses aber nicht so schnell von statten gehen wollte, als sie anfangs vermutheten, und sogar ihnen selbst den Untergang zu drohen schien, so waren sie zeitig genug so klug, daß sie Friede anboten und den Aldschehus einen Plan vorschlugen, wo sie sich auf Unkosten ihrer Nachbarn für die Köpfe entschädigen konnten, die sie ihnen nicht entzweygeschlagen hatten. Die Aldschehus ergriffen begierig eine so schöne Gelegenheit, ihrem Schaden beyzukommen, und wanderten mit ihnen zu den Mogolutschis, die sie bis auf das kleinste Kind dem Vergnügen ihrer Tapferkeit aufzuopfern gedachten. Allein die Mogolutschis waren klüger als ihre Angreifer und entwischten ihnen, weil sie sich ihrer ungleichen Kräfte sehr wohl bewußt waren. Eine solche unverantwortliche Vereitlung aller ihrer Absichten machte sie höchst unwillig, daß die Mogolutschis ihre Hälse zu lieb hatten, um sie sich von ihnen zerbrechen zu lassen, und die vereinigten Aldschehus und Niungis faßten in ihrem Grimme den rühmlichen Vorsatz, alle ihre tartarischen Nebenmenschen, deren sie nur habhaft werden könnten, bis auf die Wurzel zu vertilgen. Sie hielten Wort: sie schweiften nach allen Himmelsgegenden zu, und welches Menschenkind in ihren Weg gerieth, das hatte gelebt. Durch diese erhabne Tapferkeit brachten sie es in wenig Jahren dahin, daß in einem weitläuftigen Distrikte keine Spur von Gottes Schöpfung mehr anzutreffen war.

Gerade zu einer Zeit, als man eine Trophee von Erwürgten errichtet hatte, führte das Schicksal unsre beyden Wanderer unter Mühseligkeiten und Hunger dahin. Ihre Kleidungen waren sehr abgenutzt, sie hielten es also für dienlich, sie auf der Stelle von den Fragmenten, die an den Leichnamen hiengen, so gut zu rekrutiren, als es die Umstände erlaubten. – »Wohin sollen wir nun?« fragte Belphegor. »Wir wollen gehn, bis uns der Hunger tödtet, es sey wo es wolle.«

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