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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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So beschlossen, so gethan. Er schlich schüchtern zu den Wohnplätzen zurück, fand alles verheert, verwüstet, verbrannt und keine lebendige Seele. Die wenigen Früchte, die er antraf, reichten auf einige Tage hin, und so eifrig er die Hülfe des Todes vorhin wünschte, so bekümmert war er itzt, da ihr Termin so nahe herbeyrückte. Er machte schon verschiedene Anschläge, wie er sich mit dem vorhandnen Vorrathe beladen und aus den Gebürgen hinausbringen sollte. – »Allein«, sprach er endlich unmuthsvoll, »ob mich der Hunger oder die Menschen tödten! Sollte ich ihrer Grausamkeit gar den Gefallen erzeigen und mich von ihnen umbringen lassen? Nein, hier sterbe ich! Hier, Tod, erwarte ich deinen hülfreichen Schlag!«

Mit dieser Entschließung setzte er sich unter einen Baum und wartete voller Verlangen auf den Tod. Mitten unter seinen Erwartungen hörte er das Geräusche eines Fußtrittes, hielt es für einen Feind, und weil er schlechterdings nicht von Menschenhänden umgebracht seyn wollte, so sprang er auf und floh. Der andre sezte ihm nach und erhaschte ihn. In der ersten Hitze, ehe sie einander erkannten, thaten sie sich ein Paar Feindseligkeiten an und wurden endlich zu ihrem Leidwesen gewahr, daß sie sich unnöthige Wunden gemacht hatten. Es war einer von der Kolonie des Derwisches, der Belphegorn bey diesem gesehn hatte und also wohl schließen konnte, daß ihn Eine Ursache mit ihm in die Flucht getrieben habe. Sie verständigten sich hierüber, und Belphegors erste Frage war alsdann, wo der Derwisch hingekommen sey.

»Er ist nebst seinen beiden Töchtern zu Pulver verbrannt«, war die Antwort. »Ich habe in den Ruinen seiner Wohnung ihre Gebeine gefunden, gesammelt und dort unter jenem frischen Erdhügel verscharrt.«

»So verscharre mich neben ihm!« unterbrach ihn Belphegor, »denn ich will sterben, hier auf diesem Flecke sterben.«

Der andere that etliche unmaßgebliche Vorschläge, wie sie wohl mit Ehren beide noch länger leben könnten, und ermahnte in dieser Rücksicht Belphegorn, mit ihm sich durch das Gebürge durchzuarbeiten, französische Kaufleute aufzusuchen und dann nach Frankreich zurückzukehren.

»Nein, ich will sterben!« rief Belphegor. »In Frankreich sind Menschen; wo die sind, ist man unglücklich: ich will sterben.«

Sein Freund sezte ihm mit seiner ganzen Beredsamkeit zu, weil ihm daran lag, einen Gefährten zu seiner Reise zu haben, und brachte es endlich so weit, daß er wenigstens seine Vorschläge in Erwägung zog. – »Wir wollen als Gaukler, als Leute, die Merkwürdigkeiten zeigen, herumziehn, bis wir in eine Stadt kommen, wo uns die Zuflucht zu einem Konsul meiner Nation offen steht.« Das war sein Vorschlag. – Belphegor weigerte sich, wollte sterben, willigte drein und blieb leben.

Sie versorgten sich mit allem, was sie tragen konnten, traten den Weg an, und Belphegor sandte einen schwermüthigen Seufzer in das verwüstete Thal zurück, als sie in den Wald hineintraten, um es nie wieder zu erblicken.

Sie sannen nunmehr auf Projekte, wie sie die Neugierde der Perser reizen und ihnen für eine kleine Belustigung den Unterhalt abgewinnen könnten. Nachdem vieles Nachdenken verschwendet war, so brachte Belphegorn ein Einfall darauf, die Geschichte Alexanders des Großen nach seinem Tode zu malen und sie als ein den Persern höchst interessantes Schauspiel für Geld zu zeigen – versteht sich, daß die Vorstellung nicht zum Vortheile des Macedoniers ausfallen sollte.

Belphegor war nun einmal geschworner Feind der Eroberer und aller, die jemals zum Würgen und Morden Anlaß gegeben hatten. Weil er beständig wider sie zürnte, so wollte er schon vor vielen Jahren in einer unwilligen Laune sie insgesammt der öffentlichen Verachtung aussetzen, doch glücklicher Weise hatte er die Idee aufgehoben, um izt sein Brod damit zu verdienen.

Die Komposition des Gemäldes war erfunden, und man schritt zur Ausführung; aber zur größten Bestürzung wurde man gewahr, daß man zum Malen Leinwand und Farbe brauche und doch kein Geld bey der Hand habe, um diese Materialien anzukaufen. Belphegors Gefährte wußte Rath zu schaffen: er schlich des Abends in ein kleines Dorf, kam zurück und überbrachte seinem Gefährten, so viel er für nöthig erachtete, was er aller Wahrscheinlichkeit gemäß gestohlen haben mußte. Es wurden Farben aus Wurzeln gepreßt, aus Erden zubereitet, die Leinwand aufgespannt, das Palet ergriffen und das Ganze meisterlich ausgeführt. Belphegor konnte etwas zeichnen und sein Gefährte hatte es ehemals gekonnt. Dieser wenigen Talente ungeachtet, brachten sie doch ein Werk zu Stande, dem man wenigstens mit Hülfe einer deutlichen Erklärung ansehn konnte, was der Künstler auszudrücken gemeynt gewesen war. Dies Meisterstück der Kunst wurde auf Stangen zusammengerollt getragen und jedem neugierigen Auge zur Ansicht geöffnet, sobald dafür etwas bezahlt war.

Ein neues Hinderniß! Beide waren nicht stark genug in der Landessprache, um ihr Gemälde mit der gehörigen Flüchtigkeit der Zunge redend zu machen; und gleichwohl war eine wörtliche Erklärung mehr als Licht und Schatten in ihrem Werke. Sie machten indessen einen Versuch. Belphegor erzählte in dem nächsten Dorfe den erstaunenden Zuhörern mit lauter Stimme von dem Wütrich, dem bekannten Alexander, der ganz Persien bezwungen, und versprach, ihnen zu zeigen, wie dieser Erzfeind des persischen Namens nach seinem Tode zur verdienten Strafe gezogen, wie sein Körper zerstückt und in die niedrigsten Gestalten verwandelt worden und wie er zulezt mit seinem übermüthigen Stolze sey gebraucht worden, um ein Mauslöchlein zuzustopfen u. s. f.

Niemand wußte etwas von diesem Bluthunde, dem Alexander: »Den Ali kennen wir wohl«, sagten die Anwesenden, »welcher hochgelobt und gepreist sey.« Andre glaubten, daß er den Ali lästern und von ihm so schändliche Aergerlichkeiten erzählen wolle. Diese machten dem Schauspiele ein plözliches Ende, huben Steine auf und bombardirten auf Gemälde und Künstler los, daß beide nicht ohne Löcher davon kamen: sie ergriffen die Flucht und besserten, als sie sich in Sicherheit sahen, Tapete und Malerey wieder aus.

»Die Leute sind hier zu devot«, sagte Belphegor. »Freylich muß man Plätze suchen, wo schon ein gewisser Luxus herrscht und wo die Menschen nicht mit ihren Bedürfnissen zu sehr beschäftigt sind, um am Vergnügen Geschmack zu finden. Dummheit und Devotion müssen Leute, die für den Geschmack und die Philosophie arbeiten, wie das Feuer vermeiden.«

Sie giengen in eine kleine Stadt, aber auch hier wußte niemand etwas von dem großen Alexander, doch sah man, um das Bedürfniß der Langeweile zu befriedigen, die wunderbaren Schicksale des todten Halbgottes auf der Leinwand an. Sie schauten also erstlich: wie dem seynwollenden Halbgott Alexander und großen Menschenwürger die Würmer aufm Leib herummarschiren und jedes sein Portionlein abzwackt. Ferner schauten sie: wie von dem großen Alexander und Erzfeind der Perser ein Theil in den Magen eines Schweins übergeht. – Die Idee, sieht man wohl, war sehr moralisch, und Belphegor bedeutete sein Auditorium dabey, daß die Theilchen Materie, die ehemals den Alexander ausmachten, als er Persien schändlicher Weise bekriegte, nach seinem Tode zerflogen und verschiedenen Menschen, Pflanzen und Thieren zu Theil geworden wären. Er ließ daher seinen Helden unter einer Eiche begraben liegen, seine Bestandtheile in den Baum aufsteigen und zu Eicheln werden, dann unter dieser Gestalt in den Magen einer Sau hinuntersteigen, von dieser seinen Ausgang nehmen, einen Fleck düngen, zu Flachse aufwachsen und in dieser Form von einem alten babylonischen Weibe gebraucht werden, um ein Mäuseloch zu verstopfen. Auf ähnliche Weise mußte ein andrer Trupp von seinen Bestandtheilen eine Reise thun, so ein dritter und noch mehrere, und jede Reise endigte sich mit einer höchstunangenehmen Herberge. – So viel sinnreiches und wahres die Erfindung auch enthielt, so konnten die Einwohner doch nicht viel Belustigung daran finden, weil sie nichts davon begriffen; besonders wollten sie nichts mit dem Alexander zu thun haben, der nie einem unter ihnen den Kopf entzwey geschlagen hatte und ihnen also auch nicht bekannt war: der Gewinnst war ungemein geringe.

Sie machten einen dritten Versuch in einer größern Stadt: abermals Unwissenheit! keine Seele wußte nur Eine Sylbe vom Alexander; man konnte ihn nicht einmal aussprechen. Sie stellten sich auf einen Marktplatz, wo das Volk sich um einen Gaukler aufmerksam versammelt hatte, den es aber sogleich haufenweise um der Neuheit willen verließ, als die beyden Europäer ihre Stangen hoch in die Luft aufrichteten. Man wurde durch den Anblick der Gemälde nicht sonderlich ergötzt, man gähnte. Indessen hatte der Gaukler es doch einmal übel genommen, daß er durch die Ankunft dieser Leute einen Verlust an Zuschauern erlitte; er hörte also kaum die erste Sylbe von dem Namen des Alexanders, als er, um sich zu rächen, unter die Menge das Gerüchte ausstreute, daß diese Ruchlosen den großen Propheten Ali verspotten und lächerlich machen wollten. Das Volk, das ohnehin wegen seiner betrognen Erwartung wider die Europäer eingenommen war, fieng bald Feuer, gab eine Salve Steine und Knittel auf die Gemälde, stürmte darauf loß, eroberte und vernichtete es unter dem lautesten Jubel. Ein Glück war es, daß der Pöbel Gelegenheit fand, seine Wuth an der fühllosen Leinwand zu sättigen; denn während dieser Raserey erwischten die beyden Europäer eine Oeffnung in dem Gedränge, durch welche sie wohlbedächtig hindurchkrochen und mit leidlich heilen Gliedmaßen zum ersten Thore hinausliefen.

»O Wohnung des Neides und des Unglücks!«, rief Belphegor, »häßliche Erde! Auch in dem niedrigsten Gewerbe ist Krieg! findet sich Gelegenheit für Menschen, einander mißgünstig zu verfolgen! O Erde, du Wohnung des Neides! – Freund! was sollen wir nun thun?«

»Betteln!« sagte der Gefährte seines Unglücks.

»Betteln!« schrie Belphegor und seufzte.

»Nicht anders! Weg mit dem Stolze! Unverschämtheit her! das ist itzt unsre nothwendigste Brustwehr.«

Belphegor stieß einen Valetseufzer an den Stolz aus, ließ sich von seinem Freunde die Haare abschneiden und wanderte mit ihm auf gutes Glück hin.

Die Lebensart war nicht wenig einträglich für sie. Doch für Belphegorn weniger als seinen Gefährten, weil dieser die Kunst der Unverschämtheit besser inne hatte. Belphegor tröstete sich damit, daß er sein schlechteres Fortkommen einer höhern natürlichen Würde zuschrieb, und sein gesicherter Stolz hielt den Neid zurück. Plötzlich wandte sich durch einen Zufall das Glück. Der zurückgesetzte Belphegor gerieth auf den Einfall, das Frauenzimmer zu seiner Goldmine zu machen, und bediente sich dabey der bekannten Wünschelruthe – der Schmeicheley: jeder, die er ansichtig wurde, sagte er eine Süßigkeit – je häßlicher sie war, je stärker gab er die Dosis –, und er lebte im Ueberflusse. Sein Gefährte war schon zu sehr gewohnt, einen Vorzug vor ihm zu haben, als daß er sich itzt so ruhig von ihm überholen lassen sollte: es kam ihm als ein Eingriff in seine Rechte vor, sein Neid wurde rege, und da er ihm nichts entgegenzusetzen hatte, so wuchs er täglich im Stillen, bis er mit Sturm ausbrach. Er suchte Ursache zum Zwiste, und wie leicht kann jedem in dieser Welt damit gedient werden! Er fand sie, Belphegor gab nach, bis er endlich durch den Ungestüm des Andern gleichfalls erhitzt wurde; es wurde offner Krieg, worinne Belphegor den Kürzern zog: sein Gefährte plünderte ihn und versetzte ihn in einen Zustand, daß er ihm nicht sogleich nachfolgen konnte, entfloh und trennte sich von ihm auf ewig.

Belphegor lag mit blutendem Gesicht und halbgelähmten Lenden an einem kleinen Flusse, wo er abermals über Welt und Menschen sein Klagelied sang und von den Beschwerlichkeiten des vorigen Treffens ausruhte. Endlich, da er weiter nichts vor sich sah, als seinen Weg und sein Bettlergewerbe fortzusetzen, stund er unwillig auf und hinkte längst des Flusses hin.

Nach einer kleinen Strecke stieß er an ein Frauenzimmer, das an einem Scheidewege auf einem Steine saß und ihn schon in der Ferne mit den wollüstigen Geberden bewillkommte. Er merkte also leicht, daß es eine von den orientalischen Schönheiten war, die ihre Reize auf den öffentlichen Straßen selbst verhandeln. Sein Muth war zu sehr gesunken, um an ihren Einladungen Theil zu nehmen; er gieng also ungerührt vorüber und würdigte sie kaum eines Seitenblickes. Sie folgte ihm und beunruhigte ihn mit den Bemühungen, sein Felsenherz zu erweichen, so lange, bis er unwillig sie zurückwies. Sie verfolgte ihn unaufhörlich. Um wenigstens die Qual ihrer Zudringlichkeit zu mindern, bat er sie, ihm den Weg zur nächsten Hauptstadt zu zeigen, welches sie gern that, weil der nämliche Platz für ihre Geschäfte der vortheilhafteste war, und unterwegs, da sie durch seine Offenheit gleichfalls offen geworden war, unterhielt sie ihn mit ihrer Geschichte, den Beschwerlichkeiten ihres Handwerks und ihrem Ekel dafür. Sie bewies besonders bey dem letzten Punkte eine Empfindsamkeit, die sie ihrem Begleiter merkwürdig machte, und versicherte, daß sie nichts als die äußerste Noth in eine der schändlichsten, erniedrigendsten Lebensarten gestürzt habe, die sie haßte und verfluchte und nur, um nicht zu verhungern, emsig betreiben müßte. – »O«, setzte sie hinzu, »Schicksal! du bist der Schöpfer unsrer Vergehungen!«

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