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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»O edler Mann!« unterbrach ihn Belphegor; »ich habe ebenfalls in deinem Traume gelegen; aber das Schicksal und Akante verscheuchten ihn; und seitdem habe ich gesehen! gesehen und gelitten! Ich mischte mich in das Gedränge und –«

»Und du bekamst Wunden und Beulen an Ehre, Vermögen und gutem Namen!«

»Noch mehr! kein Fleck ist an meinem Körper, den nicht eine Narbe brandmarkt! und wenn ich aus dem Getümmel zur Stille kam, so verwundeten die gräßlichsten Vorstellungen meine Seele: die Welt sollte mir eine friedliche Wohnung glücklicher Kreaturen seyn, und die Erfahrung stellte sie mir als eine Höle auflauernder Räuber vor. In dem Menschen wollte ich einen guten freundlichen Bruder finden, und ich fand einen eigennützigen, habsüchtigen Wolf.«

»Lieber Fremdling! wenn du mit dem bloßen innern Geistesauge die Erde übersiehst, so findest du ein gewisses Leere, ein gewisses Geistliche darinne, daß dir ekelt, daß du sie ein fades Werk nennen mußt; gleichwohl ist es dein Beruf, auf ihr zu leben. Um das zu können, finde ich nur zween Wege: entweder stürze dich in das Gewirre, das Getümmel der Freuden, der Geschäfte, des allgemeinen Streites des Eigennutzes, ficht, siege oder stirb! Laß dich in dem Wirbel des Taumels herumdrehen, ohne zu denken, ohne anders als über die Oberfläche der Dinge zu reflektiren; zum ruhigen, stillen Anschauen der Sachen, zum Eindringen in sie laß es nie kommen! Lebe, wie die meisten Einwohner der Welt leben, das heißt, komme nie zu dem Grade des Nachdenkens, wo du mehr als einen kleinen Zirkel der Welt überschaust, siehe nicht über dich und deinen Nutzen hinweg! Sey ein menschliches Thier, kein menschlicher Geist! – Oder wähle den andern Weg: reisse dich von allen Banden loß, die dich an die Menschen fesseln, existire nur in deiner Seele, vergrabe dich in ruhige, einsame Stille! und dann alle Fittige deiner Einbildungskraft und Empfindung angespannt! laß sie fliegen so hoch sie die Luft trägt, bis zum Aether! überlaß dich ganz den süßesten Illusionen,Unter Illusion versteht der gute Alte wahrscheinlicher Weise die Meynungen, die nicht mit einer solchen Strenge bewiesen werden können, daß gar kein Zweifel mehr übrig bleibt, sondern wo im Grunde allemal der ausschlagende Grad Ueberzeugung angenommen und nicht durch die Beweise allein gewirkt wird; und in diesem Falle wäre im Grunde die ganze Philosophie Illusion. Alle Meynungen, die jemals von Philosophen erdacht sind oder künftig erdacht werden, sind nichts als verschiedene Vorstellungsarten von den Dingen. Die Dinge selbst kennt niemand: z. B. den Lauf der Welt stellen sich einige als die Wirkung eines blinden Zufalls, andre als die Folge einer festgeketteten Nothwendigkeit, eines Fatums, andre als die abgezweckte Anordnung einer nach Plan und Absicht handelnden Vorsicht vor. Jede unter diesen Vorstellungsarten hat Gründe für sich, aber keine so viele, daß sie die Beweise der übrigen und alle Zweifel ganz vernichtete. Es sind Vorstellungen von dem Laufe der Welt, aus verschiedenen Gesichtspunkten genommen: wer nun unter diesen eine für die einzige wahre hält, der setzt dem Gewichte ihrer Gründe etwas wissentlich oder unwissentlich hinzu – welches meistentheils unsre Leidenschaften und Ideen ohne unser Bewußtseyn thun – und illudirt sich, in so fern dieses zur Ueberzeugung ausschlagende Etwas nicht die reine Wirkung ist. Glauben kann man in dieser Welt nie ohne Illusion. die die Menschheit ersinnen mag, dem Glauben an Vorsicht, Unsterblichkeit und Erhabenheit der Seele; setze deine Natur und also auch dich selbst auf die höchste Staffel der Wesen, rücke sie der Gottheit nahe; weide dich an diesen Schauspielen der Imagination und der Empfindung; sey mehr Geist als Thier, lebe mehr in der Idee als in der Wirklichkeit und kenne nichts auf der Erde außer dir! – Einer von beyden Wegen muß dich zur Glückseligkeit führen: du mußt entweder mit der Welt rasen oder dich von ihr trennen! Der denkende Mann, mit starkempfindendem Herze, der nur zuweilen sich in ihr Spiel mischt und nur selten eine Karte zugiebt, der verliert allzeit an seiner Ruhe, besonders wenn er jedesmal den Fuß zurückzieht und nachdenkt und vergleicht und erwägt. – Ich betrat den zweyten Pfad, dich stieß das Schicksal auf den ersten, aber du verließest ihn, wie ich merke, du irrtest von einem zum andern, du wolltest rasen und auch vernünftig seyn; und siehe! die Stunden der Vernunft, des Nachdenkens wurden für dich Stunden der Angst, der Beunruhigung.«

»Weiser, ehrwürdiger Mann!« rief Belphegor entflammt, »führe mich auf den Weg meiner ersten Jugend zurück, in die Gefilde der Einbildung, in welchen du bisher gewandelt hast! Ich bleibe bey dir; ich baue statt deiner das Feld und erarbeite meine und deine Nahrung. Wenn der Abend mir den Schweis abkühlt, dann sitze ich mit dir unter dem Schatten dieser Zypressen und schwärme mit dir in bilderreichem Nachdenken und süßen Grillen herum; wir träumen wachend über unser Selbst, du lehrst mich deine alte Erfahrung, wir leben in uns, mit uns und denken nicht Eine Minute daran, ob Kreaturen, die sich mit uns zu Einer Art rechnen, außer unsern Bergen einander zerfleischen, würgen, braten, rösten, essen. Wehe euch, ihr Freunde, daß ihr noch auf der ofnen See der Welt herumgeworfen werdet, noch nicht wenigstens eine kleine Bucht gefunden habt, die euch vor den Gefahren sicherte, wenn ihr gleich das tolle Spiel der Welt mit ansehn müßtet. – O wüßtet ihr, welchen Hafen ich hier entdeckt habe, der mich vor Stürmen, selbst vor dem Anblicke der Stürme verbirgt, wie würdet ihr über mein Glück frohlocken und eilen, es mit zu genießen! Kommt, kommt! Meine Arme sind offen, weit ausgebreitet, euch zu empfangen! Hier wollen wir in seliger Entzückung, wie gekrönte Streiter, die Wunden zählen, die wir erfochten haben.«

Die Freude riß ihn so heftig hin, daß er den Alten umarmte, küßte und nicht aus seinen Armen lassen wollte. Mitten unter diesen Freundesbezeugungen hub sich der Alte empor und sprach mit ernster Mine: »Freund, noch eine Pflicht ist mir übrig – eine traurige, aber doch süße Pflicht: begleite mich! Du kanst empfinden; Du wirst also kein überflüßiger, kein müßiger Zeuge davon seyn.«

Belphegor staunte voller Erwartung, als die beiden Töchter den Alten unter die Arme faßten und ihn seitwärts durch einen gekrümmten Weg in ein dunkles Zypressenwäldchen führten, das jedem, der hineintrat, einen heiligen Schauer entgegen sandte: durch die Spitzen der Bäume fiel düstrer Mondschein auf den Weg und auf einzelne Plätze zwischen den Bäumen, wo ihn eine zufällige Oeffnung durchließ. Stille herrschte überall, und weit sahe das Auge in eine langgedehnte Düsternheit hinab, die aber der Blick mehr vermuthen als sehen ließ. Der Greis gieng stillschweigend fort bis zu einem Steine, wo er sich seufzend niedersetzte und mit einem Tone, der Thränen vermuthen ließ, zu Belphegorn sprach: »Itzt, Freund, will ich Dir ihre Geschichte erzählen, dann tröpfle ein Paar Thränen auf diesen Stein! und wir gehn. – Eines Morgens kurz nach unsrer Ankunft in diesem Thale, als die frischeste Heiterkeit die ganze Natur belebte, saß ich, meine Lucie im Arme, auf diesem Stein und freute mich mit ihr über die Ruhe, die wir genossen, und die Drangsale, denen wir entgangen waren, und waren so zufrieden und liebten uns in der glücklichsten Trunkenheit und Vergessenheit unsrer selbst; wir dachten auf den Plan, wie wir unser kleines Feld bepflanzen und diesem freygebigen Boden unsre nothdürftige Nahrung abgewinnen wollten. – ›Siehe!‹ rief sie und wies auf ein blühendes Gewächs, das zwischen den Bäumen stund, ›auch dieses müssen wir pflanzen; es lacht so lieblich; wer weis, welche heilsame Kräfte es in sich verbirgt? Laß uns versuchen!‹ So sprach sie und langte darnach. ›Nein‹, sagte ich und hielt sie zurück, ›laß mich lieber zuerst sehn; wäre es Gift, es könnte dich tödten.‹ ›Wie könnte‹, erwiederte sie, ›unter einem so einladenden Blicke tödtendes Gift verborgen seyn? ich pflanze es um unser Haus, wäre es auch nur um seiner reizenden Blüthe willen.‹ – Sie pflückte einen Zweig ab, kostete die Frucht der herabhängenden Schote und fand ihren Geschmack weniger schön als die Mine, aber doch nicht übel. Sie kostete noch einmal und dann wieder, gab mir davon, ich konnte aber nichts genießen. Ich bat nochmals, die Frucht wegzuwerfen; allein sie fand den Geschmack süßer und angenehmer, je mehr sie genoß. Wir beschlossen, die Pflanze zu versetzen, sprachen und ergötzten uns an künftigen Einrichtungen noch lange Zeit. Plözlich verstummte sie, entsank sich windend meinem Arme, ich faßte sie auf, rief; umsonst! alle Glieder zitterten mit konvulsivischer Bewegung, die Muskeln des Gesichts verzerrten sich in schreckliche Minen, sie schluchzte noch einige unvernehmliche Worte, starrte dahin und – starb.«

Er verstummte, und die Geschichte selbst lehre den Leser seine Empfindung. –

Mitten in der Nacht, als die ganze kleine Kolonie in dem tiefsten, sorgenlosesten Schlafe lag – denn vor welchem Eigennutze sollten sie in der abgesondersten Einsamkeit sich fürchten? – weckte Belphegorn plözlich ein Getöse, das immer mehr sich verstärckte und näher rückte; er hob sich empor und wurde von einem Widerscheine erhellet, der die schrecklichste Feuersbrunst ankündigte. Er sprang auf, schaute herum und erblickte Wohnungen und Bäume vom Feuer ergriffen, und zahlreiche Truppe mit lodernden Harzfackeln über die Ebnen hinstreichen, um die Verwüstung noch weiter auszubreiten. Er erschrak, wollte seinen Freund retten, wurde inne, daß seine Hütte beinahe schon niedergebrannt war, vermuthete, daß er das Opfer der Flammen geworden sey, dachte an sich und floh.

Der Ueberfall geschah von einem Truppe Einwohner, die jenseits der Berge zunächst angränzten. Die Ruchlosen vermutheten, daß Niemand einen so beschwerlichen Weg wie Belphegor unternehmen könne, wenn ihn nicht wichtige Reichthümer lockten. Da ihnen der Mann etwas ausländisch vorkam, so war der nächste Einfall, ihn für einen Zauberer zu erklären, der durch geheime Wissenschaften in den Bergen verschloßne Schätze in der Ferne gespürt habe und itzt gekommen sey, sie abzuholen. Aus dieser Ursache versammelten sie sich sogleich, als der vermeynte Schatzgräber seinen Weg in das Gebürge antrat, folgten ihm heimlich nach und beschlossen, seine Rückkunft mit den Schätzen zu erwarten. Da ihnen aber einfiel, daß der Mann, als ein Zauberer, wohl seine Rückreise auf geflügelten Drachen oder mit einer andern Art von Hexentransporte veranstalten könnte, so änderten sie weislich den Plan und faßten den Schluß, ihn noch die nämliche Nacht mit Feuer, als den sichern Waffen wider alle Zauberey, anzugreifen, wiewohl sie auch noch die menschenfreundliche Nebenabsicht hatten, ihn vermittelst desselben aus seiner Wohnung hervorzuscheuchen, sich die Schätze zeigen zu lassen und ihm alsdann zur Belohnung die verdammten Zaubergebeine zu Asche zu verbrennen. Noch mehr wurden sie in ihrer Meynung bestärkt, da der zurückkommende Wegweiser ihnen das empfangne Geld zeigte und, um seine Erzählung interessanter zu machen, hinzusetzte, daß ihm dieses der Mann durch einen Schlag mit seinem Stabe aus der Erde habe hervorspringen lassen. Jedermann brannte vor Verlangen auf diese Nachricht und sahe schon aus jedem Flecke, worauf er trat, Silber und Edelgesteine hervormarschiren, besichtigte jedes besondere Steinchen und vermuthete unter jedem abgefallnen Blatte eine verdeckte Kostbarkeit. Sie warteten in einem Hinterhalte bis der Zauberer schlafen würde, wo seine Kräfte nicht wirken könnten, und führten ihr schreckliches Stratagem aus. Sie zündeten die Hütten des Derwisches an, der wegen langer Sicherheit ungewohnt worden war, Feindselichkeiten von Menschen zu besorgen, und mit seinen Töchtern verbrannte, ehe sie ihr trauriges Schicksal wahrnahmen. Belphegor erwachte, ehe das Feuer seine Wohnung verheerte, und entrann in den nahen Wald, indessen daß die Feinde an der brennenden Hütte des Derwisches und den übrigen lauerten, um den herauskommenden Zauberer zu erhaschen. Sie lauerten bis alles niedergebrannt war, sie lauerten bis zum Morgen: der Zauberer erschien nicht, weswegen sie vermutheten, daß er durch die Lüfte entwischt sey, und da sie sich nicht getrauten, ihm auf diesem Wege nachzusetzen, so verfluchten sie ihn, giengen unwillig fort, machten eine Eintheilung von den Schätzen, die sie hätten bekommen können, und prügelten sich tapfer herum, wenn einer zu habsüchtige Ansprüche machte. So nahm die Komödie doch wenigstens ein würdiges Ende.

»So sind meine schönen Hoffnungen abermals zerstäubt?« rief Belphegor, als er sich ein wenig gesammelt hatte. »Ich wollte erst anfangen zu träumen und habe schon ausgeträumt. Daß doch jede Glückseligkeit auf diesem elenden Planeten vorüberfliegender Traum ist und nur die Leiden nicht! – So will ich wenigstens die Umstände brauchen, wie sie sind: kann ich in diesem Winkel nicht mit meinem ehrwürdigen Freunde glücklich leben, so will ichs ohne ihn thun. Hier in diesen Bergen will ich wohnen, die Früchte der verscheuchten und getödteten Bewohner genießen und dann Tod! dann in deiner Umarmung glücklich werden!«

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