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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Nein, Freund meines Herzens, so hastig war ich nicht: ich nahm allen empfindlichsten Antheil an ihrem Unstern und grämte mich in Stillen für sie, da ich weiter nichts vermochte. Mein Kummer wollte mich tödten; die Liebe spornte mich an, die Unglückliche zu erlösen, aber Muthlosigkeit schränkte meine Ueberlegung und meine Kräfte ein; ich Feiger erlöste sie nicht.«

»Himmel! konntest du mich nicht rufen?« fuhr Belphegor hastig, wie aus einem Traume, empor.

Der Derwisch sah ihn lächelnd an. »Edler Mann! wo sollte ich dich suchen?« fragte er mit gefälliger Freundlichkeit.

Belphegor besann sich und merkte, daß ihm die Schwärmerey seiner Einbildungskraft den Streich gespielt hatte, ihn einen solchen Anachronismus begehen zu lassen. – »Nun, so fahre fort!« sprach er erröthend.

»Bester Freund«, sagte der Derwisch nach einer Pause, »dieser einzige Zug macht dich mir theuer. – O hätte ich dich damals gekannt, hättest du damals mit deinem Feuer meinen erloschnen Muth wieder anzünden können, wie glücklich wäre ich gewesen! ich wäre nicht die Speise eines heimlichen Grams geworden! – Doch das Schicksal half schnell: der Tyrann spannte seine Folter so stark an, daß alle Erduldung und Gelassenheit zerreissen mußte. Da alle seine Erfindungskraft im Quälen erschöpft schien, so gab ihm eine wollüstige Laune den tollen Gedanken ein, sie nackt sehen zu wollen. Er gebot ihr, sich auszukleiden und vor seinem und etlicher Freunde Angesicht – wie er es nannte – à la grecque zu tanzen. Sie wiedersetzte sich, sie stritt, sie focht: umsonst! sie wurde überwältigt: man riß ihr die Kleider ab, man entblößte sie, und sie, die leidende Unschuldige, stand, wie die Bildsäule der Geduld auf einem Monumente, mit bethräntem Gesichte und versteinertem Blicke da, um den Höhnereyen der Unsinnigen zum Ziele zu dienen. Sie gieng verwildert hinweg und gerieth in eine Verrückung, von welcher sie, bis an ihren Tod, zuweilen Rückfälle spürte. Zween Tage lang irrte sie zerstreut und ohne Besonnenheit im Hause herum, seufzte und sprach kein Wort; endlich warf sie in einem Anfalle von Raserey in der Nacht verzweiflungsvoll alle Bande der Mutterliebe von sich, vergaß sich selbst und entfloh, ohne bemerkt zu werden. Doch bey aller Verwirrung führte ihr das Gedächtniß mein Andenken zurück: sie fühlte in sich selbst, daß sie ehmals für mich empfunden. Ihre verunglückte Liebe suchte in der meinigen Trost, und sie floh zu mir. In dem entsetzlichsten Zustande der Verwilderung, mit herumhängenden Haaren, rothen aufgeschwollnen Augenliedern, in offner, flatternder Kleidung, mit bloßen Füßen kam sie in dem fürchterlichsten Regenwetter eines Abends auf meine Stube, als ich tiefsinnig über Mittel, sie zu retten, nachdachte. Sie fiel auf die Kniee, sie flehte mich um meinen Beystand an: ich erkannte sie nicht, so sehr war sie entstellt und so wenig ließ mich die Betäubung des Schreckens meine Sinne gebrauchen. Sie stürmte wie unsinnig auf mich los; und noch kannte ich sie nicht, bis sie ihren Namen nennte, bis sie an meine Liebe mich erinnerte – da erwachte ich, aber nur wenige Augenblicke, um desto länger mit allen meinen Kräften niederzusinken. Ihr Bild erschütterte mich bis in das Mark; in einer todtenähnlichen Fühllosigkeit saß ich da: ich glaube, wir wären zu Monumenten unsers eignen Kummers versteinert, wenn uns nicht mein Nachbar, der neben meiner Stube wohnte und über die Stille, die so plötzlich das lauteste Wehklagen unterbrach, erstaunt war, durch seine Dazwischenkunft getrennt hätte. Er hatte Kaltblütigkeit genug, unsrer Sinnlosigkeit durch gesunde Ueberlegung zu Hülfe zu kommen: er schlug der unglücklichen Entlaufnen einen Zufluchtsort vor, wo sie weder Mann noch Gesetze wiederfinden sollten.

Es geschah; und ich beschloß, mich von meinen lästigen Geschäften loszureißen, mein Vermögen heimlich aus dem Lande zu bringen und mich in einer hinlänglich sichern Entfernung mit ihr niederzulassen. Ich wäre nicht stark genug gewesen, ein solches Projekt zu bewerkstelligen, aber mein Freund unterstützte mich. In einiger Zeit war alles vorbereitet, der Tag bestimmt, und ich eilte, meinen Anschlag ins Werk zu setzen. Ich komme in das Haus, wo ich sie abholen sollte und wohin ich, seit ihrem Eintritte darein, nicht gehen durfte; ich finde sie voller Erwartung und Zittern in den Armen eines Frauenzimmers, die vor Verwundrung oder Schrecken zusammenfuhr, als ich hineintrat. Meine Aufmerksamkeit war auf mein Vorhaben zu sehr geheftet, um sie mehr als flüchtig zu übersehn. Ich bot meiner Lucie schon die Hand, um mit ihr fortzugehn, als mir ihre bisherige Beschützerinn die andre ergriff und in der Sprache meines Vaterlandes mir die Geschichte meines Lebens und meiner Liebe bis zu meiner Flucht aus Frankreich erzählte und zuletzt mich fragte, ob ich mich dazu bekennen wollte. Ich erstaunte, daß sie alles dies wissen konnte, und noch mehr, als ich in ihr – meine S** fand. Gütiger Gott! welche Begebenheit! Zu einer Zeit sie wieder zu finden, wo mein Herz schon ganz an ein andres geknüpft war! Die Liebe zu ihr war zwar durch die Länge der Zeit verdunkelt, aber ihr Andenken kehrte doch stark genug in mich zurück, um mich in einen Streit mit mir selbst zu versetzen. Ohne Anstand sprach sie mich, da sie meine Verlegenheit gewahr wurde, von meiner ersten Verbindung frey und kam mit mir überein, meine Liebe in Freundschaft zu verwandeln, die Alter und Zeit bey ihr von der ehemaligen Wärme zu einer kältern Gesetztheit herbeygebracht hätten. Sie begleitete uns eine kleine Strecke; in kurzem war ich mit meiner Lucie an Ort und Stelle und gleich darauf ihr Mann.

Ich hatte die Verwegenheit, in mein Vaterland nach einiger Zeit zurückzugehn, mich um Gelder zu bewerben, die ich dort zurückgelassen und in den Händen meiner Anverwandten glaubte. Doch wie betrog ich mich! Der Sturm der Verfolgung hatte aufgehört zu wüten, aber sie wütete noch durch die Gesetze. Allenthalben fand ich noch Spuren der Unmenschlichkeit, allenthalben hörte ich die vergangnen Gräuel noch erzählen, bald im triumphirenden, bald im klagenden Tone. Meine Mitbrüder, die sich noch heimlich dort aufhielten, zogen mich mit aller Mühe von dem Ansuchen um mein Rückgelaßnes ab; aber sie konnten mich nicht zurückhalten. Ich erlangte nichts und brachte mich durch meine Zudringlichkeit ins Gefängniß. Meine Frau und meine beyden Töchter, die mir itzt das Alter und die Einsamkeit versüßen, befanden sich in der kläglichsten Lage: sie mußten sich im Verborgnen bey einem meiner gutherzigen Anverwandten aufhalten, der mit der Grimasse ein Katholik und im Herzen der aufrichtigste Hugenott war, und mich der Willkühr einer blinden, zelotischen Justiz überlassen oder sich entdecken und mit mir zugleich dem Aberglauben aufopfern wollte. Gütiger Gott! wie wir litten! wie ich in meinem Kerker seufzte! Ich war schon beynahe von meinem Schmerze aufgezehrt und tröstete mich mit meinem nahen Ende, ich war schon gegen alle Vorstellungen von den künftigen Unglückseligkeiten meiner Familie abgehärtet, als ich plötzlich die entsetzlichste Nachricht erhielt, daß meine Frau und Kinder in dem Gefängnisse neben mir schmachteten. Auf einmal stürzten alle meine schlafenden Empfindungen wie ein Donnerwetter über mich her und warfen Besonnenheit, Leben und alle Kräfte darnieder: ohnmächtig lag ich da, und mein Wärter hielt mich für todt.

Als ich wieder zu mir zurückkam, verlangte ich nichts so angelegentlich, als meine Familie ein einziges Mal zu umarmen und dann zu sterben. Diese Güte war zu groß, um sie mir nicht zu verweigern: meine grausamen Richter schlugen sie nicht allein ab, sondern setzten sogar die grausame Bedingung hinzu, daß ich, um sie nur zu sehn, um nicht sie und mich auf ewig den Ketten zu überliefern, in vier und zwanzig Stunden das Bekenntniß meiner Väter abschwören und in den Schoos der Kirche, dieser verfolgenden Kirche, als in den Schoos einer Mutter zurückgehn müßte. Alles setzte mir zu, eine Heucheley zu begehn, um einer Grausamkeit auszuweichen. Ich überlegte und überlegte, kämpfte und stritt mit mir selbst. – ›Gütiger Gott!‹ rief ich endlich und sank auf meine Kniee, ›konntest du den Menschen so schaffen, daß nothwendig einer mit dem andern nicht gleichförmig denken mußte und daß doch gleichwohl jeder sich für den einzigen Besitzer der Wahrheit hielt, konntest du zulassen, daß einer den andern zu seiner Meynung zwingen wollte; warum solltest du es mir als ein Verbrechen anrechnen, wenn ich den Gesetzen deiner Einrichtung folge, wenn ich, der Schwächre, dem Stärkern mich unterwerfe und in die Anordnung füge, die von Ewigkeit her in deiner Welt geherrscht hat – daß der Schwächre Unrecht behielt, thun und selbst glauben mußte, was der Stärkre zu glauben gebot. Glauben kann ich nicht: aber um drey Menschen aus einem martervollen Leben zu erlösen, um sie nicht ewig in Banden seufzen zu lassen, um sie der Glückseligkeit fähiger zu machen, wozu du doch jedes Geschöpf auf diese Erde, nach unsrer aller Gefühle, gesetzt haben willst – kann ich nicht um solcher edlen Endzwecke willen, die dein eigner Wille seyn und deine Billigung haben müssen, den Stärkern ohne Sünde betriegen, thun, als wenn ich das Joch seiner Meynung annähme, und bleiben, was ich meiner Einsicht nach seyn muß? Nach den nämlichen Gesetzen der Natur, die meine Seele befolgt, wenn sie meine Meynung für wahr erkennt, handelt auch die seinige, wenn sie der ihrigen anhängt: du hast uns einmal so angelegt, daß unser Glaube von erlernten Vorurtheilen, Leidenschaften, unmerkbaren Neigungen und Trieben, wie eine Marionette, regiert werden soll, was kann ich dafür, daß mich die meinigen zur Linken ziehn und meine Feinde zur Rechten? Noch mehr! was kann ich dafür, daß meine Gegner die Stärke haben, mich nach ihrer Richtung hinzureissen oder zu würgen? – Ich schwöre: wer von uns beyden Recht hat, weißt du nur, du Richter der Welt; du willst es nicht unmittelbar entscheiden; ich bleibe also bey der Wahrheit, die mir die Nothwendigkeit des Schicksals als Wahrheit aufgedrungen hat, und entsage ihr mit dem Munde, weil ebendieselbe Nothwendigkeit der Stärkern mich dazu zwingen läßt. Wohl! mein Meineid muß das edelste Werk seyn; denn es rettet drey zur Glückseligkeit bestimmte Geschöpfe vom Elende.‹«

»Und du schwurst?« fragte Belphegor.

»Ja, ich that es! und mein Gewissen hat mir noch nie einen Vorwurf darüber gemacht: ich glaube, ich that die nützlichste, die beste That. Sie machte mich und meine Familie frey, sie brachte uns der Möglichkeit, nicht unglücklich zu seyn, näher. Was konnte ich mehr? – daß meine Absicht nicht erreicht wurde, daß wir einem Unglücke entgiengen, um in ein andres zu fallen, war das meine Schuld?«

»Und, guter Mann, noch kamst du nicht zur Ruhe?« unterbrach ihn Belphegor.

»Nein, ich wurde herumgetrieben. Der Glaube der Europäer war damals in einer allgemeinen Gährung: niemand glaubte, als was er mußte, und wenige glaubten, was sie bekannten. Nirgends konnte man neutral seyn: allenthalben wurde man in den Krieg verwickelt. Meine Melancholie erneuerte sich; die düstre Vorstellung, daß ich, ein Geschöpf, das sich dem Engel gleich dünkte, nicht die Glückseligkeit des niedrigsten Insekts genießen sollte, daß meine Brüder um mich herum sich zerfleischten, erwürgten, elend machten, daß sie, wie Raubthiere, einander aufrieben, eins der entschloßne Feind des andern war und nur Gelegenheiten, untriftige Gelegenheiten ablauerte, um die Feindschaft in Thätlichkeit ausbrechen zu lassen – die noch schwärzere Vorstellung, daß dies der ewige Lauf der Menschheit gewesen war, womit sich tausend andre Ideen vergesellschafteten, die mir dieses Leben und unsern ganzen Planeten wild, öde, düster, neblicht abmalten – ein Gemälde, das nicht bloß in meiner Einbildungskraft wohnte, sondern das ich in der Wirklichkeit um mich, hinter und vor mir erblickte, so bald ich nur Einen Blick aus mir selbst that! – alle diese melancholischen Gedanken machten meine längstgefaßte Neigung zur Einsamkeit wirksam: ich beschloß, außer der Welt zu seyn, bloß in meiner Einbildungskraft zu existiren, für mich und meine Familie zu leben. Ich unternahm mit einem Kaufmanne, der Geschäfte in Persien hatte, die Reise, suchte den abgelegensten Winkel und suchte so lange, bis ich diesen Plaz fand, wo mein Haupt grau geworden und meine Schläfen eingesunken sind. Mein Gefährte war unglücklich in seinen Geschäften, wurde geplündert, entfloh mit Mühe den Händen der Barbaren, die ihn zerstücken wollten, fluchte der Welt und begab sich mit zween seiner Gefährten zu meiner Gesellschaft. Wir haben diesen Platz angebauet, bepflanzt, wir haben uns in kleine Gesellschaften getheilt; wir haben glücklich, ruhig und im Frieden zusammen gelebt, weil wir klein an Anzahl und unsre Nahrung hinreichend war. Aber fürchterliche Aussicht, wenn dieser kleine Trupp zu einer Größe anwachsen sollte, die den Eigennutz anfachen und die schöne Ruhe dieses Winkels in eine kriegerische Scene verwandeln würde! Aber vielleicht sehe ich noch selbst den Tod diesen ganzen Schauplatz leer machen, und dann möge ein andrer tugendhafter Trupp ihn finden und bewohnen, aber nie zu einem Volke werden! – Freund! ich habe es dahin gebracht, wohin ich wünschte: ich habe mir in meinem Kopfe den Menschen zu den Vollkommenheiten eines höhern Geistes erhoben, ich ließ ihn in dieser glücklichen Illusion mit den Geschöpfen der höchsten Ordnung wetteifern, ich liebte diese Idee, ward stolz darauf und war – glücklich. Um in dieser Welt sich zu freuen, daß man ein Mensch ist, um sich und seinem Geschlechte Würde zu geben, um auf seine Natur stolz zu seyn, muß man sich illudiren: man muß die Augen verschließen, keinen Blick außer sich thun und dann in süßen Schwärmereyen dahinträumen. Itzt, da meine ganze Seele von ihrer Höhe und anschauenden Kraft heruntergesunken ist, itzt will sie nicht mehr träumen. Aber wohl mir! ich werde bald zu einem andern Traume hinüberschlummern.«

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