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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Siebentes Buch

Einem Blutbade entgiengen sie, um in ein andres zu gerathen: bey dem ersten Schritte, den sie auf persischen Boden setzten, kamen ihnen schon blutige Ströme entgegen. Je weiter sie ihr Weg führte, desto mehr häuften sich die Spuren des Mordes und der Grausamkeit, und zuletzt gelangten sie an einen gräßlichen Wahlplatz, wo Schaaren über einander gestürzter Leichname in gräßlichen Haufen, mit getödteten Kameelen und Maulthieren vermischt, lagen. Belphegor fuhr mit Entsetzen vor dem schrecklichen Anblicke zurück, und sein Gefährte zitterte eben so sehr vor Furcht und Grauen, und beyde standen lange in einem stummen Erstaunen.

Bald aber machte die Furcht der Neubegierde Platz: sie verlangten außerordentlich, die Ursache zu wissen, die Menschen zu einem so unmenschlichen Todtschlage berechtigt haben konnte. Demungeachtet zog sie die Besorgniß, in die nämlichen unbarmherzigen Hände zu verfallen, bey jedem Tritte zurück. Sie faßten aber dennoch Muth, setzten ihre Wanderschaft fort und fanden hin und wieder halblebende Todte, aber nirgends einen völlig Lebendigen. – »Was soll das?« rief Belphegor. »Sind das Anstalten, die menschliche Gattung in diesen Gegenden auszurotten? Eine so ausgesuchte Begierde hat doch keiner der berühmtesten Tollköpfe noch gehabt. Wohlan, Freund! wir wollen weiter dringen! Werden wir unter dem allgemeinen Ruine begraben, was schadets? – Wir athmen die verpestete Luft dieses Erdkreises nicht mehr, deren kleinstes Theilchen durch den Hauch eines Unmenschen entweiht, durch die Lunge eines Barbaren gegangen ist. Gewinn ist ein solcher Verlust.«

Sie setzten ihren Weg noch einige Tage fort und trafen nichts mehr als die vorhergehenden Gegenstände an – Beweise der Unmenschlichkeit genug, aber keinen Menschen. Endlich wurden sie gewahr, daß die Einwohner aus den Dörfern nur geflüchtet waren und einzeln mit bedächtlicher Schüchternheit aus den Wäldern zu ihren Wohnungen zurückkamen. Sie forschten so lange, bis sie erfuhren, daß vor einigen Tagen eine schöne Europäerinn in dem Harem des großen Königes von Persien geführt worden sey: eine Karavane von Reisenden war dem Zuge begegnet, und da sie unglückseliger Weise ihm nicht ausweichen konnte, so hatten sich die Evnuchen einen Weg mit dem Schwerdte durch sie gebahnt. Das nämliche Schicksal betraf alle, die die Unvorsichtigkeit oder das Unglück hatten, sich auf dem Wege finden zu lassen: der klügere Theil war aus den Wohnungen, die an der Straße lagen, geflüchtet, um nicht durch einen unbedachtsamen Blick auf eine verschleierte Schönheit das Leben zu verwirken.

Belphegor hätte gern dem großen Sohne des Himmels für diese Barbarey den Kopf abgeschlagen, wenn er bey der Hand gewesen wäre, und machte verschiedene Anmerkungen in seinem Tone darüber, die bey andern als sklavischen, erstorbnen Gemüthern einen förmlichen Aufruhr veranlaßt hätten. Wenn es aber gleich nicht diese Wirkung that, so fühlten doch seine Zuhörer einen gewissen Schwung in seiner Denkungsart und seiner Beredsamkeit, welcher sie dunkel überredete, daß er keiner vom gemeinen Haufen, sondern ein Weiser seyn müsse, weswegen sie ihm riethen, die Bekanntschaft eines gewissen Derwisches zu machen, der in einer völligen Einsamkeit lebte und ihnen unter dem Namen des Derwisches in den Bergen bekannt sey. Sie setzten hinzu, jedermann, der ihn gesprochen, sey voller Bewundrung und Ehrfurcht zurückgekommen und habe versichert, daß sein Mund von einem unerschöpflichen Strome von Weisheit und heilsamen Lehren überfließe.

Eine solche Nachricht war für Belphegors Begierde ein Sporn: kaum konnte er sie endigen lassen, als er um einen Wegweiser bat, der ihn zu dem glücklichen Orte führen sollte, wo er einen Menschen zu finden hoffte. Sein Gefährte, dessen Durst nach Weisheit nicht so heftig brannte, warnte ihn sehr eifrig, sein Leben und das wenige gerettete Geld nicht der Treulosigkeit dieser Bösewichter anzuvertrauen, die ihn in unwegsame Gebirge führen und in den ersten Abgrund stürzen würden. So sehr er ihm mit seiner arabischen Beredsamkeit zusetzte und so stark er seine Warnung mit Gründen unterstützte, so blieb doch Belphegor in seinem Vorsatze unbeweglich. Eben so unbeweglich blieb auch der Araber in dem seinigen und trennte sich von seinem Gefährten, um wieder in sein Vaterland zurückzukehren, wo man nach seiner Meinung viel edelmüthiger stiehlt und raubt als irgendwo.

Belphegor kletterte nebst seinem Wegweiser mit seinem gewöhnlichen Ungestüme über Felsenspitzen, steinichte, unsichre Wege, schlüpfrige, hervorragende Stücken Stein, wo ein einziger Fehltritt in unabsehbare Tiefen stürzte, wo den herabfallenden Millionen hervorstehende Spitzen erwarteten, um ihn zu zermalmen, durch stechendes Gesträuch von Wacholdern, die einen kleinen, verschlungnen Wald bildeten, über Wasserfälle, über Schnee, Eis und fast durch die Wolken, um zu dem Derwische der Berge zu gelangen. Nachdem sie drey Tage mit dem höchstmühsamen Wege gekämpft hatten, so wurde er selbst ein wenig mißtrauisch gegen seinen Führer. Doch drückte die Hitze seiner Erwartung und die Größe der gehofften Freuden bald jeden Argwohn nieder; er beruhigte sich damit, daß er dem Wegweiser alles bey sich habende Geld übergab und ihn versicherte, daß der ganze Schatz sein werden sollte, wenn er ihn durch Verkürzung des Weges nur etliche Stunden früher zu dem weisen Derwische zu bringen wüßte. Der Andre nahm es mit Dankbarkeit an und versprach, sein Verlangen so sehr als möglich zu erfüllen. Auch fanden sie sich beym Anbruche des Tages auf einem Felsenrücken, von welchem sie eine schöne, muntre, lachende Ebne übersahen, die durch den Anblick schon ihnen die ausgestandnen Beschwerlichkeiten hinlänglich vergütete. Belphegors Herz schlug vor Entzücken, als er die Wohnung des Derwisches durch ein dünnes Palmwäldchen hervorschimmern sah. Gern hätte er mit Einem Sprunge die heilige Schwelle betreten: jedes Lufttheilchen, das er einhauchte, schien ihm reiner und heiliger zu seyn.

Wenn die Musen gegen einen Prosaisten nicht etwas spröde wären, so rief ich sie mit lautem Schreyen um ihren Beystand bey der Schilderung eines der schönsten Thäler an; aber so muß ein armer Verfasser in ungebundner Rede die Sache allein bestreiten. Will indessen eine sich herablassen, meinen Pinsel zu führen, so greife sie zu!

Die ganze Fläche des beynahe eyförmigen Thales war ringsum von Bergen umschlossen, die sich amphiteatermäßig in mannichfaltigen Absätzen erhuben: hier steilte sich eine schneeweiße Felsenspitze, wie ein Thurm, in die Höhe, hinter ihr dehnte ein brauner Berg den langen Rücken weg, und höher als beyde verlor sich eine Menge zackichter, gräulicher Gebirge mit ungleichen Höhen am Horizonte; dort hiengen Felsenstücken in der Luft, die nur Einen Stoß zu brauchen schienen, um herabzustürzen, neben ihnen bedeckte ein düstres Strauchwerk den phantastisch gekrümmten Berg, der sich mit einer Menge kahler Beugungen und Hölungen endigte, und die breitsten, weitschimmernden Häupter entfernter Gebirge darüber emporsteigen ließ; bald stürzte sich ein kleiner Bach beynahe hängend an einer Felsenwand herab, verschwand, brach eine weite Strecke davon wie ein brausender, schäumender Bach aus dem Felsen hervor, flog über ausgehölte, schwebende Steine hinweg und wurde von einem Schlunde gierig verschlungen, um nie in dieser Gegend wieder zu erscheinen; bald stieg eine allmähliche, schiefgedehnte, berasete Anwand bequem in die Höhe und thürmte sich plötzlich in unzähliche Höhen, die sich gleichsam wetteifernd über einander erhuben, hier nackt, dort in einem Mantel von gelbgrünem Gesträuche, bald als Pyramiden, bald als umgestürzte Kegel, hinter welchen eine weißgraue Kolonnade vom majestätischen Felsen den Gesichtskreis begränzten und weitgedehnt in ungleicher Größe allmählich verschwanden. Die Seite, von welcher sie in die Ebne hinabstiegen, war ein hoher, platter Berg, der an sich schon die Aussicht beschloß, mit einem Cedernwalde bedeckt, durch welchen sie hindurchwandern mußten, und kaum waren sie heraus – siehe! so stund, wie hinter einem eröffneten Vorhange, das ganze schöne Thal in seine vielfältigen Wälle von Gebürgen und Felsenwänden, wie sie vorhin gemalt worden sind, eingezäunt, mit etlichen kleinen, schmalen Wasserkanälen durchzogen, mit einzeln Bucketen von Obstbäumen, lichten und dunkelgrünen Büschchen, beynahe regelmäßigen Pflanzungen, frischgearbeitetem Acker, blühenden, kriechenden und aufgestengelten Gewächsen, Gruppen von Citronenbäumen mit goldnen, blinkenden Früchten, zerstreuten, kleinen Hüttchen gleichsam bestreut – kurz, das herrlichste, lachendste Mosaik der Natur vor ihren Augen.

Belphegor war überrascht, betäubt, überwältigt, hingerissen, er staunte, er war seiner Sinnen nicht mächtig; er warf sich vor Begeisterung auf die Erde und küßte den Boden als den Eingang zu einem Heiligthume. So bald seine Empfindungen weniger gewaltsam wurden, so besahe er die Gegend um sich mit unersättlicher Begierde, sahe und hatte nie genug gesehn. Sein Führer ermahnte ihn zur Eilfertigkeit, wenn er noch vor Abend bey dem Derwische anlangen wollte, weil seine Wohnung fast an dem andern Ende des Thales liege und noch viele Stunden erfodre, wenn sie gleich ihre Schritte verdoppeln wollten. Belphegor riß sich, wiewohl mit einigem Widerstande, von dem entzückenden Anblicke los, um einem noch entzückendern zuzueilen.

Kaum waren sie die langgedehnte Anhöhe hinuntergestiegen, als sie ein krummlaufender Gang einlud, durch einen kleinen, dunkeln Hain zu wandeln, an dessen Ende sich zwo vierfache Reihen von Pomeranzenbäumen anschlossen, die dahinterliegende Saatfelder von Mais durch die Zwischenräume der Stämme durchschimmern ließen. Am Ende derselben fanden sie etliche Hütten von Baumzweigen, doch ohne Bewohner. Belphegorn befremdete diese Entweichung, und er ward um so viel neugieriger, die Bewohner aufzusuchen. Sie giengen in der Folge über verschiedene kleine Kanäle, die mit Obstbäumen eingefaßt waren, durch kurze, ganz natürliche Wildnisse von Ahornbäumen, durch Felder mit funkelnden Kürbissen, Melonen und andern lachenden Früchten. Schöner als alles war der Zugang zu der Wohnung des Weisen: Reihen Maulbeerbäume, um die sich die herrlichsten Weinreben mit halbreifen, röthlichen, lang herabhängenden Trauben schlangen; hinter ihnen Beete mit Gartenfrüchten, besonders Melonen; darauf Pfirsichbäume mit rothschimmernden, samtnen Früchten beladen, Abrikosenbäume mit Reichthume überschüttet; die ganze Scene schlossen vier erhabne Zypressen, die über dem lächelnden Kolorite der Fruchtbäume mit ihrem melancholischen Grün in vier Spitzen emporstiegen und unter ihre Zweige die Wohnung des Derwisches gleichsam wie unter Flügel nahmen. Der ehrwürdige Alte saß mit zwo Töchtern in persischer Kleidung auf einem Steine vor seiner Wohnung und schaute mit entblößtem Haupte nach der Sonne hin, die eben hinter dem gegenüber stehenden Berge versinken wollte.

Belphegor hatte ihn kaum in der Ferne erblickt, als er mit seiner Hastigkeit auf ihn zuflog, sich ihm zu Füßen warf und mit der feurigsten Innbrunst seine Kniee umfaßte. Der Alte hub ihn lächelnd auf und nöthigte ihn durch ein freundliches Zeichen, sich neben ihm niederzusetzen. Das Gefühl einer gegenwärtigen Gottheit könnte kaum feuriger und mehr überwältigend seyn als Belphegors Empfindungen: er war sich seines Daseyns nicht bewußt, ein Schwarm ununterschiedner Vorstellungen und glänzender Bildern schwebten um seine betäubte Seele, und eben so viele verwickelte Gefühle fuhren durch sein Herz. Lange saß er, so außer sich gesetzt, neben dem Alten, der den innerlichen Tumult in seiner Mine las und darum ihn gerührt bey der Hand faßte, ohne sein Stillschweigen zu unterbrechen. Endlich machte sein Gast den Anfang: er schüttete ihm in einem Strome von persischen Worten sein Herz aus, die aber meistens halberstickt und abgerissen hervorkamen, weil er der Sprache zu wenig mächtig war, als daß seine Empfindungen und Gedanken die Geläufigkeit der Zunge nicht übereilen sollten. Der Derwisch bat ihn, von seinem Wege auszuruhn und alsdenn ein kleines Mahl mit ihm im Mondscheine einzunehmen. Belphegorn überlief ein süßer Schauer, als er dieses hörte, und er begab sich hinweg. Die älteste von den beyden Töchtern führte ihn in ein Kabinet, wo sie ihm ein reinliches Lager von Blättern mit einer Decke von einem orientalischen Halbtuche zu seiner Ruhe anbot und zu ihrem Vater zurückkehrte. So ermattet er war, so hatten doch die vorhergehenden heftigen Empfindungen seine Nerven zu sehr angespannt, als daß der Schlaf sie hätte überwältigen sollen. Er lag voller Gedanken in einem oft unterbrochnen Schlummer und konnte endlich seinem Verlangen nach dem Gespräche des Derwisches nicht mehr widerstehen: er sprang auf und gieng zu ihm.

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