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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Belphegor fand bey dieser Erklärung für seine moralisirende Laune eine herrliche Aussicht und nahm deswegen den Vorschlag zur Mitregentschaft mit Freuden an; und seit diesem Augenblicke theilten sie Macht und Ansehn mit einander.

Den ersten und zweyten Tag that Belphegor ernstliche Erinnerungen wegen der versprochnen Wiedererstattung, und es fanden sich tausend Entschuldigungen und Verhinderungen: Belphegor drang alsdann weniger ernstlich, seltner und endlich gar nicht mehr darauf; tadelte alle getroffne Anstalten als unbillig, unfreundlich, unterdrückend und behielt sie bey: es blieb alles, wie es war, und statt daß sonst alles Gold aufgehäuft wurde, ließ er etwas mehr von den gesammelten Schätzen in den Umlauf kommen, damit das Volk wieder die Ingredienzen zu zwo Mahlzeiten kaufen konnte. Unter seinen Leidenschaften war die Liebe zum Golde schwächer als bey seinem Mitregenten: er war freygebig und ermahnte auch diesen, es zu seyn. Aber desto heftiger war sein Ehrgeiz: allmählich vermehrte er die Ehrenbezeugungen, die er von seinem Volke foderte, und wenn er nicht reich zu seyn wünschte, so wollte er angebetet seyn, ohne zu fühlen, daß es auch eine Unterdrückung giebt, die dem Menschen seine Würde nimmt und ihn zum kriechenden Sklaven macht. Genug, der weise Moralist wurde zum Unterdrücker, haßte und liebte die Menschen nach ihrer größern oder geringern Kunst zu schmeicheln und sich zu demüthigen, der Kriechendste, der Hingeworfenste war ihm der Beste, und man mußte kriechen oder leiden – eine Alternative, die dem völligen Zwange gleich ist!

Inzwischen waren die benachbarten Emunkis von ihrer Sklaverey so übermäßig niedergedrückt worden, daß ihr betäubtes Gefühl rege wurde; sie empfanden, daß sie Menschen waren, stürzten ihren Tyrannen von dem Throne, ermordeten die Leibwache, die bisher den Meister gespielt hatte, wie vorhin der König von Niemeamaye erzählte, und da Faktionen unter ihnen entstunden, vertrieb eine die andre, welche izt mit dem wütendsten Ungestüme in das Reich einbrachen, dessen Herrschaft Belphegor und Medardus theilten. Der Sturm drang mit einer unglaublichen Schnelligkeit bis zur Hauptstadt, alles gerieth in Verwirrung und Unordnung, man setzte sich zur Gegenwehr, und niemand wußte, warum man angegriffen wurde. Die beyden Regenten, die nicht sonderlich kriegerischen Muth besaßen, hielten es für das heilsamste, sich mit der Flucht dem Ungewitter zu entziehn. Belphegor versorgte alle Taschen von dem aufgehäuften Golde und entkam glücklich. Doch Medardus, der sich zu reichlich damit versehen wollte, zauderte so lange, bis die Burg umringt wurde, die die aufgebrachten Vertriebnen einnahmen, plünderten und ansteckten.

Belphegor entkam wohl, aber der Sturm folgte ihm nach. Seine vorigen Unterthanen, die Niemeamayen, waren von den Emunkis vertrieben, jene brauchten einen andern Platz, sie vertrieben die nächsten Völker, deren sie mächtig werden konnten, und man vertrieb und ward vertrieben, so lange bis zwey Völker vernünftig genug waren, sich unter Einem Himmel neben einander in Friede zu vertragen.

Von dem Tumulte wurde Belphegor mit fortgerissen, machte sich aber glücklich davon loß und nahm seinen Weg allein nach Aegypten, wo er bey einem europäischen Kaufmanne sein rohes Gold in Geld umsetzte und sich sehr in seine Gunst empfahl, weil er sich nach seinem Verlangen nur die Hälfte des Werthes dafür bezahlen ließ. Er versprach ihm für höfliche Worte und einen mäßigen Vortheil seinen Schutz und seine Gesellschaft, in welcher er nach Asien übergieng. Weil der Werth seines Goldes nicht lange mehr aushalten zu wollen schien, so bot er seinem Beschützer seine Dienste an, der sie nicht ausschlug und ihm in kurzer Zeit einen Auftrag nach Persien gab, wo er gewisse Handlungsgeschäfte für ihn besorgen sollte.

Seine Reise gieng glücklich und ohne widrige Zufälle von statten bis zu seiner Annäherung an die persischen Gränzen. Bey der Gesellschaft, mit welcher er reiste, befanden sich einige Aliden, die zu jeder Zeit des Tags, wenn es die Gesetze ihrer Religion foderten, seitwärts giengen, um ihr Gebet einsam zu verrichten. Belphegor ward von der Innbrunst, mit welcher er sie es verrichten sah, wenn er sie belauschte, so entzückt, daß er nur eine Ueberredung und ein Messer brauchte, um sich auf der Stelle beschneiden zu lassen und ein Jünger des Mahomed und Ali zu werden. Er gewann die Leute lieb, unterredete sich oft mit ihnen über ihren Glauben und bewies ihnen sehr viel Güte, welche sie ihm reichlich erwiederten. Die Freundschaft war geknüpft, und er ersuchte sie sogar, ihn einen Zeugen ihres Gebets seyn zu lassen, welches sie ihm bewilligten. Doch bediente er sich dieser Erlaubniß mit vieler Bescheidenheit, und nie gebrauchte er sie, ohne daß das Feuer ihrer Andacht ihn zu einem Kniefalle und zur Vereinigung seiner Innbrunst mit der ihrigen hinriß. – ›Aber warum nennt man nur diese Leute Ungläubige?‹ dachte er oft bey sich selbst; ›sie, die mit den feurigsten Regungen Gott verehren, deren ein Christ nicht fähiger seyn kann? Kann ein Herz, das zu einer so rührenden Erhebung von seinem Schöpfer begeistert wird, das Herz eines Ungläubigen seyn? Mag er doch den Mahomed, den Ali oder Abubecker für große Menschen halten, mag er sich doch ein Stückchen von seinem Fleische verschneiden lassen, mag er doch nach Mekka oder nach Bagdad sein Gesicht bey dem Gebete kehren: wenn sein Herz nur zu Gott gekehrt ist, gilt jenes nicht alles gleich? – O daß doch die Menschen keine Gelegenheit entwischen ließen, sich zu entzweyen, sich zu trennen, sich zu hassen, zu verfolgen, sich zu schlagen, würgen, morden! Ja, Fromal, Recht hattest du: ›Die Menschen vereinigten sich, um sich zu trennen.‹ Konnten sie nicht alle in stiller Eintracht auf diesem weiten Erdenkreise sich niederwerfen und das ewige Wesen mit der vollen starken Empfindung anbeten, die es verdient? Konnten sie die Welt nicht einen allgemeinen, friedsamen Tempel seyn lassen, wo Millionen Menschen, Nationen und Völker in unübersehlicher Weise mit vereintem Gefühle ihren Dank zu dem Allgütigen emporsandten, der sie fähig machte, ihm zu danken? Konnte es nicht dem einen gleichgültig seyn, ob sein Nachbar das Gesicht nach Osten oder Westen kehrte, ob er sich im Staube wälzte oder auf den Knieen lag, sich dabey die Haut blutig rizte oder das schönste Festkleid anzog, die Hände erhub oder senkte, ein flammendes Opfer zu seiner Andacht hinzuthat oder sein Herz nur flammen ließ? Und sollte es nicht vielleicht dem Schöpfer und also auch dem Menschen gleichgültig seyn müssen, ob der Höchste, der Größte, dessen Begriff unser Gedanke doch niemals umfaßt, in dem Wurme, dem Stier, der rohen Misgeburt, der ungebildeten Phantasie, im Stein, Holze, Metall oder in der bloßen Idee, als Tien, Jehovah, Jupiter angebetet wird? Sollte dies nicht vielleicht seyn? Wenn so viele Tausende durch einen unvermeidlichen Zusammenhang von Ursachen unter die Stufe der Erleuchtung, der Aufklärung des Verstandes hinabgestoßen werden, sollte der Ewige ihre Empfindung verschmähen, die sie ihm in einem Bilde opfern, das ihre schwache Vernunft und wilde Phantasie nicht anders zu schaffen vermochten? Sollte er sie darum verschmähn, weil er sie durch eine Reihe von Begebenheiten zu tumm bleiben oder werden ließ, um sich zu den Begriffen eines christlichen Philosophen zu erheben? Im Grunde, bey genauerer Untersuchung war es nicht der Peruaner aus eigner Wahl, der seinen Schöpfer in der Sonne fand und das Blut seiner eignen Kinder zu ihr empor dampfen ließ, nicht der Mexikaner, der sich an dem geopferten Fleische seiner Feinde labte – nein, eine lange Reihe von nicht selbst gewählten Ursachen gaben den Erkenntnißkräften dieser Völker eine solche Wendung, drangen ihnen solche Ideen in einem solchen Lichte auf, daß sie sich ihren Gott so und nicht anders, seine Verehrung so und nicht anders denken konnten: ihre Begriffe vom Guten und Bösen, von Recht und Billigkeit bildete das Schicksal, nicht sie. Sie deswegen strafen, weil ihr Geist zu schwach war, sich durch aufgedrungne Irrthümer hindurchzuarbeiten, hieße das nicht einen Menschen mit Stricken und Fesseln allmählich auf den Boden niederziehn und ihn züchtigen, daß er nicht gerade steht? Hieße das nicht einen Bucklichen peitschen, weil er seine verwachsne Brust nicht gerade ausdehnt? – Und gleichwohl unterstanden sich es Sterbliche, dem Richter der Welt dies Verfahren zuzuschreiben, ja sogar es an der Stelle des Richters der Welt zu thun! – Gewiß, die Menschen sammelten sich, um sich zu trennen, um zu kriegen, und weil es ihrem Neide und ihrer Vorzugssucht an hinlänglichen Platze fehlte, so peitschen sie sich auch herum, weil der Zufall in dem Kopfe des einen die Ideen anders geordnet hatte als in dem Gehirne des andern: o Unsinn! und oft zankte man sich oben drein nur deswegen, weil der eine etwas weniger einfältiges glaubte als der andre. – Eine Sekte, wo die dogmatische Sucht kein Herze nagt und seinen Leidenschaften zum Lanzenträger dient – wo ist eine solche, sie ist mir willkommen! sie ist mir die beste! – Freund«, rief er dem Aliden zu, der sich eben näherte, »Freund! wenn alle Jünger des Ali mit solcher Inbrunst beten wie Du, so werde ich noch heute ihr Bruder! Wenn sie sich selbst so lieben wie ihren Gott, so schneide mir ein Stück Haut ab, ritze mir die Backen, bade mich oder mache eine Cerimonie, wie du willst, um mich zu deiner Sekte einzuweihen oder mich zu zeichnen, daß ich zu ihr gehöre! – genug, ich will der Genosse deines Bekenntnisses seyn und unter Menschen leben, die sich weniger hassen als andre: denn daß sie sich mehr lieben sollten, das fodre ich von Menschen nicht.«

Der Alide erstaunte über den Eifer, mit welchem er diese Anrede hielt, und war im Begriffe, ihm seine Freude darüber auszudrücken, als eine Stimme aus dem Gesträuche hervorbrüllte: »Du Verworfner, der du die heilige SonnaBey den Mahometanern dasjenige, was bey den Katholiken die Tradition ist. verachtest und den triegerischen Ali über den erhabnen Abubecker setzest, stirb von meinen Händen, Ungläubiger!« Sogleich durchrennte ein hervorstürzender Mann schäumend mit einem Spieße den betäubten, erschrocknen Aliden, daß er leblos auf den Fleck niedersank, den kurz vorher sein Knie in dem Feuer seines Gebetes gedrückt hatte. –

»Blut!« setzte der Mörder hinzu, »gottloses Blut! fließe zur Ehre des großen Propheten und seiner rechtmäßigen Nachfolger!«

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