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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Freilich lebt sichs schlecht, wenn man kein Geld mehr hat; um einer Akante willen geh ich dir nicht Einen Schritt näher zum Grabe. Wenns denn nun ja seyn muß – es giebt ihrer mehr!«

»Aber so hinterlistig zu täuschen!«

»Vergiß das nur, und sieh erst, ob du der einzige bist!«

»Die heilige Unschuld zum Deckmantel zu misbrauchen!«

»Ich bitte dich, vergiß das! Alle Menschen betriegen und werden betrogen; einer laurt auf den andern, ihm ein Paar Schritte abzugewinnen oder, wenn er kann, ihn mit Gewalt zurückzustoßen: alles ist im Kriege, und ohne Waffen geschehen alle Tage Niederlagen und Siege.«

»Und der Freche! meiner zu spotten!«

»Natürlich, weil er der Stärkere war! Der Sieger hat allezeit Recht vom Ganges bis zur Spree und bis zum Südmeere.«

»Fromal, so verhülle ich mich in meine Tugend.«

»Das kannst du thun, wenn du fein zu Hause in deiner Stube bleiben willst; aber so bald du dich unter die Menschen mengst, so wird die Hülle in kurzem Löcher bekommen: sie zerfetzen sie dir oder du mußt sie bey Seite legen und dich so lange herumbalgen, bis du dich in Autorität gesezt hast; dann fürchten sie sich, und du kannst dein Hüllchen wieder hervorholen.«

»Himmel! hat mir die Verderbniß auch meinen Fromal geraubt? – Du warst mir sonst so theuer –«

»Weil ich so oft von moralischer Schönheit, von Empfindung, von Liebe in einer Begeisterung mit dir sprach, in welcher damals meine Fantasie taumelte und deine noch herumschwärmt! Ich weis nunmehr, was eine jede von jenen Raritäten in dieser Welt werth ist; der Firniß ist von meiner Fantasie weggewischt. Laß dir Deine auch ausputzen! Du hast alsdann zwar weniger einsame Freuden, aber auch weniger Leiden unter Menschen; und wenn du ja einmal wider einen recht herzangreifenden Puff des Schicksals eine Stärkung brauchst, so wird eine Fantasie wie die Deinige noch immer brennbar genug seyn, um sie auf ein Paar Stunden zu erhitzen.«

»Du, sonst der edle, der empfindende, der begeisterte Verehrer der Tugend! – Doch die Welt –«

»– hat mich aus meiner Begeisterung gerissen; du wolltest sagen – verdorben! – wie man es nimmt! was wir sonst einander vorschwatzten, war der Rausch einer warmen Imagination und eines warmen Herzens; izt bin ich nüchtern; ich sage dir nicht mehr so viel Schönes und Begeisterndes, aber desto mehr Wahres: was kann ich dafür, daß dies weniger begeisternd ist. – Ich bin dir doch noch theuer wie sonst?«

»O Akante! O Welt!«

»Laß doch Akanten und die Welt in Ruhe! Verhülle dich in Unempfindlichkeit! das ist der beste Mantel.«

»So lehre mich, Fromal, meinem Herzen gebieten, daß es nicht schlägt, und meine Gedanken, sich selbst umbringen!«

»O die Menschen können die Empfindung gar herrlich abschleifen! Sie reiben an Geduld und Empfindung so lange, bis die Schärfe stumpf ist. – Doch«, sezte er hinzu, indem er das Gespräch abbrach, »hast du gar kein Geld mehr?«

Die Antwort war: »Nein.« – »Nimm!« fuhr Fromal fort, »hier theile ich meinen lezten Rest mit dir. Laß dich heilen, und dann wandre, wohin dich dein Schicksal führt! Nimm dein Herz und deinen Verstand mit, aber deine Empfindung, Akanten und ihr Andenken laß um des Himmels willen hier auf diesem Flecke zurück! Lebe wohl« – und gleich gab er dem stummen Belphegor einen freundschaftlichen Kuß, schwang sich auf sein Pferd und trabte davon. »Vielleicht finden wir einander wieder«, war sein lezter Zuruf, »dann wollen wir sehn!«

Belphegor saß unbeweglich, wie in den Boden gepflanzt, seufzte, weinte mit unter ein Tröpfchen, exklamirte, winselte, schalt, lobte seinen weggegangnen Freund, zählte sein Geschenk, warf es von sich, las es wieder zusammen; und endlich nach zwo Stunden voll solcher unruhigen, ängstlichen Grimassen, da die Dämmerung einbrach, fieng er an zu überlegen, was bey so gestalten Sachen zu thun sey. Die Dämmerung wurde zu pechschwarzer Nacht, und seine Ueberlegung war dem Entschlusse keinen Strohhalm breit näher; er sank vor Mattigkeit nieder, schlief ein und fand bey dem Erwachen für seine Berathschlagung so freyes Feld als Tages vorher.

Die Ruhe hatte indessen seine Lähmung und seinen Schmerz verschlungen; er konnte wieder gehn. Gegen Mittag fand sich eine Menge Gäste bey Akanten ein; Musik, Geräusch, alles verkündigte die Freude eines Bankets, das ihr neuer Liebhaber gab. Welche Menschenseele, der Tages vorher die Besitzerinn eines so frohen Hauses Hüftenschmerz gemacht hatte, konnte einen solchen Anblick ertragen! Augenblicklich fand er die lange gesuchte Entschließung: der Aerger half ihm auf die Beine, er gieng und übergab allen zwey und dreißig Winden des Himmels ein dreymaliges lautes »Akante!«, in eben so viele vernehmliche Seufzer eingepackt.

Er gieng. Kaum hatte er eine kleine Strecke zurückgelegt, als vor seinem Gesichte ein Habicht auf eine Taube herniederschoß und die flatternde Hülflose würgte. Die Scene versezte ihn in eine so tiefe Wehmuth, daß er sich auf einen Rasenrand niedersezte und über die lezten Reden seines Freundes Fromal ernsthaft nachdachte.

Indem er in seinen Gedankentraum versenkt dasaß, näherte sich ihm ein Getöse, das nichts geringers als einen Zank ankündigte. Auf einmal erschienen ein Trupp Knaben und Mädchen, an dessen Spitze ein dickstämmiger achtjähriger Bube einen Schwachen von geringerm Alter an den Haaren siegreich neben sich herschleppte, während daß die ganze Begleitung den Triumphirenden mit einem einstimmigen Jubel erhub und hingegen dem Überwundnen von Zeit zu Zeit Koth oder Schimpfwörter zuwarf. Der Anblick bewegte Belphegorn: seine mitleidige Gutherzigkeit spornte ihn an, dem unbarmherzigen Sieger seine Beute aus den Händen zu reissen und ihn wegen seiner Grausamkeit zu vernehmen. Auf seine Erkundigung nach der Ursache des Streites erfuhr er von einem unpartheiischen Zuschauer, daß die beiden Streitenden zween Pachterssöhne waren, daß sie beide kleine Gärtchen zu ihrem Vergnügen sich neben einander gemacht hatten, daß der ältre allmählich dem jüngern beinahe die Hälfte von dem seinigen betriegerisch abgezwackt, daß der Beraubte sich darüber beklagt, daß ihn der andre ausgelacht und endlich herausgefodert habe. Darauf hatte er die noch übrige Hälfte von des Jüngern Garten verwüstet, und da dieser das Recht der Selbstvertheidigung seinen Verheerungen entgegen setzen wollte, so übermannte ihn der Stärkre, schlug ihn zu Boden und führte ihn izt im Triumphe auf. Belphegor verwies dem Ungerechten seine Grausamkeit und ermahnte ihn, dem andern das Entwendete wieder zu ersetzen. »Hier bin ich! er mag mirs wieder nehmen!« war die Antwort und blieb es, aller Zureden ungeachtet. Belphegors gutes Herz wurde warm, er nahm den Leidenden in seinen Schutz und wollte den Frechen durch lebhafte Vorstellungen zur Gerechtigkeit nöthigen, wofür er ein Paar Steine an den Kopf, ein hönisches Gelächter und etliche Schimpfreden zum Danke bekam; die ganze übrige Gesellschaft stimmte im Unison mit ihm ein und eilte ihm nach. Jedes darunter gab ihm Recht und vertheidigte ihn, weil er die stärksten Fäuste und das unverschämteste Maul im ganzen Dorfe hatte.

Um seinen Schutz nicht unkräftig zu sehen, ließ sich Belphegor von dem Zurückgebliebnen zu seinen Eltern führen. Er trug ihnen den statum causae sehr ernsthaft und lebhaft vor und drang in sie, den ungerechten Eroberer mit allem väterlichen Ansehn zur Billigkeit anzuhalten. Man lächelte; Belphegor glühte. Der Junge kam dazu, riß den Zaun zwischen den beiden Gärten nieder, der Vater gab ihm zur Belohnung seiner Tapferkeit noch ein Stückchen Land dazu, der arme Ueberwundne mußte sein Eigenthum mit dem Rücken ansehn und sich als einen schwachen, elenden Nichtswürdigen oben drein verachten lassen.

Belphegor stuzte, wollte aus diesem Hause der Ungerechtigkeit entfliehn, ließ sich aber doch auf vieles Bitten zum Essen dabehalten. Der Herr des Hauses würgte zwo Tauben: Belphegor bedauerte bey sich die armen Kreaturen und verzehrte sie beide vom Halse bis zu den Beinen ohne das mindeste Mitleiden, als sie gebraten auf dem Tische erschienen. Da er satt war, reiste er fort, that unterwegs einen Seufzer und rief: »O Ungerechtigkeit! Der Habicht würgt die Taube, der stärkre Bruder den schwächern und der Mensch verschlingt die unschuldigen Thiere! Ja, Fromal – alles ist ungerecht wie Akante.«

Die Nacht nöthigte ihn bald zu einer neuen Einkehr. Kaum hatte er sie erreicht, als ihn ein hagrer Kerl, der müßig an einem Baume lehnte, auf die Seite zog und warnte, in diesem Loche nicht zu übernachten. »Es ist das ärgste Diebesnest, das der Mond bescheint.« »Wo soll ich aber bleiben?« »Lieber unter freyem Himmel. Wenn Sie wollten, so könnte ich Sie wohl an einen guten Ort bringen.« Belphegor merkte, worauf es ankam, um dahingebracht zu werden; er gab ihm von dem Wenigen, was ihm sein Freund zurückließ, ein kleines Geschenk und folgte ihm nach. Der Wegweiser führte ihn in einen dichten Wald, faßte ihn in der Mitte desselben bey der Gurgel und schwur, ihn auf der Stelle umzubringen, wenn er nicht seine ganzen Habseligkeiten an ihn auslieferte. »Aber welches Recht habt Ihr Bösewicht dazu?« fragte Belphegor. Der Räuber wies ihm statt der Antwort ein langes Messer, nahm ihm sein Vermögen aus der Tasche, warf ihn zu Boden, kniete ihm auf die Brust und durchsuchte alle Behältnisse an seinem ganzen Leibe, wo sich nur eine Beute vermuthen ließ, gab ihm einen derben Fluch zum Abschiede, als er nichts erhebliches fand, und begab sich auf den Rückweg.

Die ganze Nacht hindurch blieb er in diesem Zustande liegen, ohne wegen der Unbekanntschaft mit dem Walde einen Fuß von der Stelle zu wagen. Gegen Morgen hörte er einen Mann sich ihm leise nähern und bey jedem Schritte still stehn, um sich umzusehn, ohne Belphegorn gewahr zu werden, bis ihn dieser anredete. »Mann«, rief er, »hast du Herz –«

»Nicht viel!« antwortete der Ankommende furchtsam.

»Hast du ein menschliches Herz mit menschlichen Empfindungen«, fuhr Belphegor fort, »so nimm dich meiner an!«

»Ach du lieber Himmel! wenn sich jemand erst meiner annähme!«

»Warum das, mein Freund?«

»Warum? – Ich hätts sehr nöthig. Nur ein wenig leise gesprochen!«

»Was fürchtest du?« fuhr Belphegor hitzig auf.

»Weiter nichts, als ins Zuchthaus zu kommen.«

»Wenn du es verdient hast, so wünsche ich Glück dazu.«

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