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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Siehst du, Brüderchen!« unterbrach ihn Medardus, »davon weiß ich Dir kein Wort; in meinem Leben bin ich nicht in das Ding – Selenmesse oder wie Du es nennst – gekommen. Da ich von euch weggerissen wurde –«

»Um des Himmels willen! wie gieng das zu?«

»Wie das zugieng, Brüderchen? – Das mußte eine Hexerey oder eine andre Teufeley seyn. Da ich so mitten unter euch stehe, war mirs auf einmal, als wenn mir leise ein Strick um den Leib geschlungen würde, und siehst Du, Brüderchen? in der Minute hieng ich Dir in einem Walde an einer hohen Stange, zu welcher sie mich, wie ich hernach gewahr wurde, mit einem starken Seile und einer Rolle hinaufgezogen hatten. Kurze Zeit darauf wurde ich herabgelassen, um dem Löwen vorgesetzt zu werden, den Fromal kurirte. Doch was denkst Du wohl, Brüderchen? – Das närrische Thier ließ sich bey mir nieder, belekte mich, wie Fromaln, von der Stirn bis zum Kinne und brüllte so freudig, als wenn er seinen leiblichen Bruder in mir angetroffen hätte, legte die geheilte Klaue auf mich und behandelte mich recht freundschaftlich. Die Priester wurden stutzig, hielten mich für ein besondres Geschöpf und glaubten gar, daß die Seele eines nahen Anverwandten aus der Familie des Löwen auf ihrer Wanderung in mir herberge; denn anders konnten sie sich die glimpfliche Begegnung des Thieres nicht erklären, als daß er sich scheue, die Banden des Bluts in mir zu verletzen. Die Leute müssen eine Kolonie von den Aegyptern seyn oder ihren Glauben an die Seelenwanderung in Aegypten geholt haben; wer Lust hat, mag das untersuchen, – genug, mir schafte die Seelenwanderung herrlichen Nutzen. Sie thaten mir die Ehre an, mich als ein heiliges Thier zu bewirthen, und weil ich doch äusserlich die Menschenfigur hatte, so gab man mir menschliche Nahrung und einen eignen Stall gleich neben meinem vermeinten Blutsfreunde.

Nicht lange nachdem ich diese Würde zu bekleiden angefangen hatte, entstund Krieg, und weil das Königreich, wo ich mit meinen übrigen heiligen Kameraden lebte, das einzige heidnische war, so hielten es die mahometanischen Feinde desselben für ihre erste Pflicht, alle Spuren des heidnischen Gottesdienstes zu vernichten; und die Reihe traf vor allen Dingen zuerst uns heilige Thiere. Als man meine europäische Abkunft aus meiner Gesichtsfarbe schloß, so nahm man mich voller Freuden in Triumphe mit sich fort.Dies war vermuthlich einer von den Königen, die mit aller Gewalt eine weiße Gesandschaft aus dem Norden haben wollten. Doch mein Trupp wurde von den Feinden zerstreut, man ließ mich zurück, und ich entfloh den schwarzen Barbaren.

Ich irrte herum und stieß auf eine Karavane, die nach Nigritien gieng. Es waren Europäer dabey, die mich verstunden; ich bat um Aufnahme und erlangte sie. ›Was sollst du in Nigritien, unter den kohlschwarzen Kreaturen?‹ dachte ich. Siehst Du, Brüderchen? ich wußte aus einer alten Geographie, daß weiter herunter die Goldküste liegt: wo es Gold giebt, glaubte ich gewiß einen Europäer, wenigstens einen Spanier anzutreffen. Ich wußte auch, daß die edeldenkenden Engländer hier ein Monopolium mit ihren Nebenmenschen treiben; wenn also alles fehl gieng, hofte ich, wenigstens mit einer Ladung dieser Waare nach Amerika und von da nach Europa zu schiffen oder wie ich sonst dahin kommen möchte. In dieser Meinung, Brüderchen, suche und finde ich eine Gelegenheit, wie ich sie wünschte. Die Abreise verzögerte sich, und indessen machte ich eine Bekanntschaft, die mich ganz davon zurückzog.

Dem Manne, der mich nach Europa transportiren wollte, war durch seinen Abgeordneten, die den Einkauf besorgten, von den schwarzen Töchtern des Landes eine zugeführt worden, die in ihrer pechschwarzen Haut so schön war als jede europäische Venus von dem glänzendsten Marmor. Das Gesicht war zwar etwas afrikanisch; aber ihre runden, fleischichten Arme, ihr luxurirender Busen, ihre vollen Hüften, das – Brüderchen, alles, alles war schön an ihr. Ihr Herr hatte die keuschesten Absichten von der Welt auf sie; er fühlte nicht ein Fünkchen Liebe zu ihr, sondern sie gefiel ihm, weil ihm ihre Person mit allen ihren Schönheiten ein baares Kapital zu seyn schien, das er in Amerika mit reichen Interessen durch ihren Verkauf haben wollte. Deswegen enthielt er sich aller unerlaubten Begierden gegen sie, weil er für sie und daher auch für seinen Vortheil gefährliche Folgen davon besorgte. Er unterrichtete sie selbst im Französischen und Englischen, worinne es ihm aber nicht sonderlich glückte, weil ihm seine Geschäfte so vielfältig daran verhinderten. Er übergab sie meiner Unterweisung. Sie wußte wenig von den beiden Sprachen, die sie lernen sollte, aber doch zur Liebe und zur Erzählung ihrer Geschichte genug. Brüderchen, seitdem meine Frau von Gottes Erdboden weg ist, habe ich kein einziges Mädchen so lieb gehabt als die allerliebste niedliche Zaninny. Brüderchen, fühle einmal, wie mir das Herz pocht, indem ich sie nenne! Sie merkte wohl, ohne daß ichs ihr sagte, daß eine Revolution in meinem Herze vorgehn mußte, wenn ich sie sah; und daß es unter ihrer schwarzen Brust eben so zugehn mochte, das sagte ihr aufrichtiges Gesicht und Auge ohne Hülfe der Zunge: dem guten Geschöpfe stiegen gleich alle Empfindungen in die Mine, und wer ihr Gesicht buchstabirte, buchstabirte ihr Herz. Sie hatte ein Paar zärtliche, funkelnde Augen, die sie über der platten Nase so verliebt herumwälzte, daß ich mannichmal mir nach dem Pulse fühlte, ob ich noch athmete oder von ihnen versteinert wäre. Ich wußte schon, daß sie ihren Eltern gestohlen worden war, und sie sagte mir durch Geberden und mit ihrem Bischen Französisch, daß sie ihr Land nicht gern verließe, und sagte mir noch oben drein – daß sie mich von Herzen lieb hätte, bat mich, sie wieder zu ihren Eltern zu bringen, und bat mich so, daß ich dachte: ›Nun, so bist du doch mit deiner guten Zaninny wahrhaftig fast so glücklich als mit deiner verstorbenen Frau, und wenn dich ihre Eltern zum Schwiegersohne annehmen und sich nicht daran stoßen wollten, daß ich so häßlich weiß bin – ja, ich bliebe mit meiner Zaninny in ihrer Hütte und würde ein Afrikaner, äß, tränk, schlief, spielte mit ihr, jagte, sammelte Datteln für sie, hütete das Vieh mit ihr oder was es sonst hier zu Lande zu thun giebt; die afrikanische Sonne würde ja wohl mit der Zeit einen hübschen Neger aus mir machen.‹ – Kurz, in meinem Herze war sie schon völlig meine zweyte Frau. Endlich kamen zu ihren Bitten gar Thränen, so recht aus der Empfindung herausgeweinte Thränen, daß ich alter Narr neben ihr saß und eine nach der andern unter die ihrigen auf ihren Schoos fallen ließ. Sie schlang ihre Negerarme um meinen Hals, und während der Umarmung tröpfelte eine Thräne auf meinen linken Backen – Brüderchen, die brannte! die brannte, daß mir die Wärme bis zur Zehe herunter lief; ich schwitzte, das Herz klopfte, alle meine fünf Sinne waren in Bewegung, und in meinem Kopfe gieng es so verwirrt her wie in der Welt – alles unter und über einander! Ich konnte nicht anders, ich mußte ihr versprechen, sie von dem Sklavenhändler zu erretten. Was für eine Freude, als sie das hörte! wie unsinnig sprang und hüpfte sie und fiel mir um den Hals, um die Kniee, drückte mir die Hand, streichelte mir die Backen, daß ich wie ein alberner Tölpel da stand, unbeweglich, und nicht wußte, daß ich stand, nicht einmal, daß ich existirte. Des Nachts marschirten wir aus. Ich wollte sie, aus Mitleid zu ihren Füssen, auf die Schultern nehmen. Aber ehe ichs konnte, faßte sie mich in der Mitte, nahm mich auf ihren Rücken und galopierte wie ein Rennthier mit mir davon, so lange – ohne Aufhören, so sehr ich auch bat, auszuruhen –, bis sie mit ihrem afrikanischen Accente rief: ›Je meurs!‹ und entkräftet mit mir in den Sand niederfiel. Kein Tropfen Wasser, keine menschliche Hülfe, nichts war bey der Hand. Ich ängstigte mich, ich lief um sie herum, ich faßte ihre Hand, ich fühlte an ihr Herz, ob es noch schlug, ich bat sie nur ein Wort zu sprechen: umsonst, sie schlief vor Mattigkeit ein. ›Schlafe sanft‹, sagte ich, ›aber erwache mir nur wieder!‹ – Ich setzte mich neben sie und fächelte ihr das Gesicht. ›Ja, Mädchen, wenn du mir nicht wieder erwachst!‹ dachte ich immer; aber sie seufzte, und nun war ich froh; ich fächelte bis sie endlich erwachte; so müde ich war, konnte ich doch vor Sorge und Angst kein Auge zu thun. Hungernd und durstend wanderten wir von neuem durch lange Sandfelder, kamen dem Ufer zufallsweise nahe, wollten es nicht wieder verlassen und verließen es doch wider unsern Willen. Brüderchen, nichts war gewisser als unser Tod; und mir giengen die Augen schon über, wenn ich nur daran dachte, wer wohl zuerst sterben würde: was sollte aus meiner gutherzigen Zaninny werden, wenn ich vor ihr aus dem Leben müßte; und wenn sie vorangieng – daran konnte ich gar nicht denken. Plötzlich, da wir mit der größten Angst kämpften, kamen wir an Hütten: wir waren im Lande der Maladellasitten. Wir fanden wieder Datteln, und ich hielt mit meiner Zaninny die erste frohe Mahlzeit: wir labten uns, waren zusammen frölich und giengen tiefer ins Land. Auf einer Ebne, die mit grünen, einzelnen Sträuchen und Palmbäumen besetzt war, saß an einem Flüßchen, das sich vielfältig auf dem Platze herumschlängelte, ein Kreis von nackten Damen, die auf den kreuzweis untergeschlagenen Füssen mit einer Feierlichkeit und Ernsthaftigkeit da saßen, als wenn sie über die Staatsangelegenheiten des maladellasittischen Reichs rathschlagten. Ueber ihre Schultern hiengen ungeheure Maschinen von Fleische, deren eigentliche Beschaffenheit ich anfänglich nicht zu erklären wußte; allein bey näherer Bekanntschaft fand ich, daß es die Brüste dieser Damen waren, die hier zu Lande zu einer solchen Größe anwachsen, daß man sie über die Schultern wirft: auf welcher Gestikulation die vornehmste Grazie der dasigen Frauenzimmer liegt, weswegen viele, die besonders gefallen wollen, sich oft so künstliche Bewegungen zu geben wissen, daß jene schönen Auswüchse von den Achseln herunterfallen müssen, worauf man sie mit einer so annehmlichen, reizenden Nachlässigkeit zurückwirft wie mein ehemaliger Superintendent die Knoten an seiner Alongenperucke. Um den Kreis herum hüpften und sprangen eine Menge Meerkatzen von einer besondern Art. Brüderchen, die lustigsten Thierchen, die ich gesehn habe! Sie sprangen den Frauenzimmern auf den Rücken, knippen sie in die Ohren, guckten ihnen durch die Arme, bissen sie in die Backen, schlugen Burzelbäume über sie weg, setzten sich auf die Schultern und graueten ihnen mit den Tatzen sehr lieblich die Köpfe, kitzelten sie, balgten sich mit einander und spielten tausend andre kurzweilige Possen, welche von den ernsten, da sitzenden Frauenzimmern, die außerdem den Mund zu keinem Worte öffneten, mit der lustigsten Laune belacht wurden. Die drollichten Thierchen hatten von der Natur am Ende des Rückens ein glattes, polirtes Horn, wie der Spiegel auf den Rücken eines Hirschkäfers, nur vielmal größer, das völlig die Dienste eines Spiegels verrichtete. Nie war das Gesicht dieser Damen heitrer und ihre Mine frölicher, als wenn jene Lustigmacher ihnen ihre Spiegel zukehrten, worinne sie ihre ganze Figur in der schönsten Miniatur erblickten, so verschönert, daß ich selbst, als ich mich einst darinne besah, von meiner Gestalt begeistert wurde, ob sie gleich in Natur nicht sonderlich begeisternd ist; und die listigen Kreaturen sprangen alle Mal mit einer solchen Wendung, daß eine aus dem Kreise ihr liebes Ich in dem Spiegel zu ihrer großen Herzensfreude erblickte, worauf derjenige, der ihr diese Lust gemacht hatte, einen sanften Schlag mit ihrer rechten Brust empfieng, um sie alsdann mit einer zierlichen Grazie wieder über die Achseln werfen zu können. Das war noch nicht Bewundernswürdiges genug. Ein Theil von diesen Meerkatzen bediente die Nymphen so ordentlich und regelmäßig, als vernünftige Menschen nur hätten thun können. Sie reichten ihnen in Cocosschalen Erfrischungen, sie vertrieben die Fliegen von ihren Schönheiten, die vom Kopfe bis auf die Füße mit einem röthlichen Safte übertüncht waren, sie dienten statt der Pferde, wenn sie von einem Orte zum andern wollten, und wenn sie weiter nichts thaten, giengen sie wenigstens auf den zween Hinterfüssen neben ihnen mit sehr niedlichen Grimassen her. – Ich wollte mich nicht vor dieser Gesellschaft vorüber wagen, und gleichwohl konnten wir doch keinen Umweg nehmen, um sie zu vermeiden. Endlich faßte ich meine Zaninny bey der Hand und gieng mit ihr auf sie zu. Man sah uns an, lachte und schwieg. Die Meerkatzen bedienten uns mit Cocussafte, und wir ließen uns hinter dem Kreise, ein jedes auf seine gewöhnliche Art zu sitzen, nieder. Nicht lange währte es, als die Meerkatzen ihr Spiel um meine Zaninny trieben; sie kehrten ihr den Spiegel so oft und so vielfältig zu, daß das Mädchen mit ihrem ganzen Gesichte in Freundlichkeit und Wohlgefallen zu zerfließen schien. ›Was ist Dir denn, Zaninny?‹ fragte ich etliche Mal und schüttelte sie bey der Hand, als wenn ich sie aus dem Traume erwecken wollte, in welchem sie versenkt schien. Ich fragte noch einmal, und – Brüderchen! plözlich sezte sie sich auf eine Meerkatze und trabte davon. Ich gerieth vor Schmerz und Schrecken außer mir; ich lief ihr nach, ich rufte: umsonst! sie galopirte frisch hinweg und war mir in kurzer Zeit ganz aus den Augen. Ich wußte nicht, ob ich über sie weinen oder zürnen sollte. Ich wollte vor Unwillen allen Meerkatzen ihre verdammten Spiegel ausreißen, die doch einzig daran schuld waren; ich seufzte und schmähte, ich ächzte und tobte, warf mich auf den Boden und machte meiner Beklemmung durch einen Strom von Thränen Luft. Indem ich, vertieft in meinen Schmerz, dort liege und die Augen aufschlage – Brüderchen, so hat mich die ganze Gesellschaft umringt und lacht! und lacht! daß einer jeden zwo Meerkatzen die Hüften halten mußten. Ich lachte mit. Du weißt, Brüderchen, ein fröliches Gesicht macht das meinige gleich zu seinem Gefährten: ich mußte lachen, ob ich gleich vor Schmerz halb verrückt war. Denkst Du wohl, Brüderchen? – das brachte mich in ihre Gunst. Ich mußte in der Mitte sitzen bleiben: die Meerkatzen lagerten sich hinter den Damen, und diese lachten über jede Bewegung, jede Mine, die ich machte, über meine Art zu sitzen, und machten sich überhaupt auf meine Unkosten so lustig, turlepinirten mich bisweilen, um das Gelächter zu schärfen, stießen, warfen mich, ließen ihre Meerkatzen auf mir herumspringen, um über mich zu spotten, wenn mir eine einen losen Streich spielte: kurz, ich schien mir in meinen Augen eine erbarmenswürdige Figur, weil ich eine lächerliche abgeben mußte.«

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