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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Zweyter Band

»Of all Animals of Prey, Man is the only sociable one. Every one of us preys upon his Neighbour, and yet we herd together.«

Gay    

Sechstes Buch

Der Bewegungsgrund, warum Belphegor von seinem Patrone die Erlaubniß erhielt, ihn bis nach Abißinien zu begleiten, war nicht der löblichste: er wagte den Unterhalt auf der Reise an ihn, um diese Auslage dort tausendfach durch ihn wieder zu gewinnen. Einer von den Vasallen des großen Neguz, die bloß das Cerimoniell der Huldigung verrichteten, aber ihm keinen Gehorsam leisteten, der König von Niemeamaye, hatte ein Projekt unter der Hand, das das Projekt aller Projekte genennt zu werden verdient. Er konnte es nicht erdulden, daß einer seiner Nachbarn ein einziges Körnlein Gold außer ihm besaß, und weil durch sein Land nur ein einziger Fluß gieng, der Goldkörner bey sich führte, die er doch ungemein liebte, so wollte er es veranstalten, daß alle Goldkörner seiner Nachbarn in sein Gebiet gebracht werden und sie keine bekommen sollten. Er ließ deswegen den Fluß an der Gränze seines Gebiets mit einer standhaften, dreyfachen Mauer verdämmen und leitete ihn in unzählbaren Kanälen in seinem Lande herum; da er aber doch nothwendig endlich einmal ihn einen Ausgang wieder geben mußte, wenn er sein Reich nicht zu einer offenbaren See machen wollte, so ließ er in einiger Entfernung von seinem Ausflusse in das benachbarte Gebiet von Weite zu Weite tausend immer feinre Netze, von dem stärksten Baste geflochten, vorziehen, die das unnütze Wasser durchließen und den Sand mit den kostbaren Goldkörnern zurückhielten. Das Projekt wurde zwar ausgeführt, hatte aber einen so schlechten Erfolg, daß der Fluß entweder die Netze zerriß oder sich daneben einen heimlichen Ausgang grub oder gar die Wohnungen der Einwohner durch Ueberschwemmungen verwüstete. Ob man ihm gleich alles das vorstellte, so glaubte er es doch vor großer Herzensfreude nicht und triumphirte bey jeder Handvoll Goldkörner, die man ihm in seinen Schatz lieferte, daß er bald der einzige, glückliche Besitzer des Goldes und seine Nachbarn ganz entblößt davon seyn würden. Nichts schlug seine Wonne so sehr nieder, als daß er sich nicht des Flusses von seiner Quelle an bemeistern konnte und so viele Körner vor ihm schon fremde Hände bereicherten. Dieser widrige Gedanke brachte ihn eines Tages auf den tollen Anschlag, den Fluß von der Quelle weg mit einem ungeheuren Umschweife durch eine Sandwüste in sein Gebiet zu leiten, ohne daß er ein fremdes berühren sollte. Doch sehr bald, obgleich mit dem bittersten Widerwillen, verließ er diese ausschweifende Idee und begnügte sich, von der Nothwendigkeit gezwungen, mit dem Antheile, den er seinen Nachbarn abschnitt, die den Fluß von ihm empfiengen.

Demungeachtet bemerkte er zu seinem Leidwesen, daß für die Lebensmittel, die sein Land nicht hinlänglich lieferte und die Einwohner doch für unentbehrlich zu ihrem Daseyn hielten, ein mittelmäßiger Theil von seinem Golde wieder zu den Nachbarn übergieng, die ihnen mit den fehlenden Bedürfnissen aushalfen. Er verbot diesen Handel. Die Einwohner beschwerten sich über Mangel, und er gab den Befehl, daß künftig, um keines fremden Zuschusses zu bedürfen, jeder Einwohner des Tags nur einmal essen sollte.

Alle diese Anstalten waren noch nicht hinreichend, dem Golde jeden Ausgang zu verwehren: der Mensch hat Grillen; das Fremde gefällt ihm, weil es fremd ist, und er wünscht, es zu besitzen; auch für diese Einfälle flüchtete noch eine ziemliche Menge Goldes über seine Gränzen. Sogleich verbot er den Einwohnern dergleichen Einfälle auf immer und ewig, und wer sich derselben nicht enthalten konnte, mußte sich von ihm das verlangte Fremde einhandeln. Er gab ihnen für das Gold, das der fremden Waare bestimmt war, innländische Kleinigkeiten und gebot ihnen bey Vermeidung einer starken Strafe, sich einzubilden, daß es die verlangten fremden Kostbarkeiten wären. Er verkaufte ihnen die Zähne von wilden Katzen und befahl ihnen zu glauben, daß es Elephantenzähne wären, getrocknetes Schweinsblut mußte statt des Zibeths und Haasenfelle statt der Pantherhäute dienen. Damit aber die fremden Originalwaaren sich nicht unvermerkt einschleichen und heimlich etwas von seinem Golde herausziehen möchten, so zog er eine Mauer um sein Land, besetzte sie mit streitbaren Männern, die jedem, der seinem Verbote zuwiderhandelte, hundert Ruthenstreiche auf den bloßen Rücken stehendes Fußes mittheilen und ihn aus seinen Gränzen verjagen mußten.

Nachdem er durch dergleichen Veranstaltungen seine Goldbegierde zum Nachtheile der Nachbarn gesättigt hatte, so konnte er es eben so wenig dulden, daß jemand außer ihm in seinem Lande dieses herrliche Metall besaß. Er sann auf Mittel, auch diesen Vorrath, wo nicht ganz, doch zur Hälfte in seinen Schatz zu leiten. Da seine Unterthanen mit allen ihren Habseligkeiten sein Eigenthum waren, so maßte er sich das Monopolium aller ihrer Bedürfnisse an: von ihm mußten sie selbst die Früchte kaufen, die sie durch ihren Fleis auf ihrem Grund und Boden gezeugt hatten; sie mußten ihm sogar für den Durchgang der Luft durch ihre Lunge einen Zoll bezahlen, bis er endlich alles Gold in seinem Palaste aufgehäuft und die Einwohner zu einem Lastviehe gemacht hatte, dem er das Futter umsonst gab, weil sie es ihm nicht mehr abkaufen konnten. Das ganze Land war Eine große Familie, dessen Hausvater der Regent vorstellte, der sein sämmtliches Gesinde mit den Früchten des Landes nährte, keine Auflagen, keine Taxen erhob, weil es in die glückliche Situation gekommen war, daß niemand mehr etwas geben konnte.

Alle Kanäle des Reichthums auf der Oberfläche der Erde waren versiegt oder doch so bekannt, daß sie ihm keine besondre Freude machen konnten. Er wollte auch die Eingeweide des Erdbodens plündern. Nur fehlte es ihm an Leuten, die die Kunst verstunden, der Erde ihre Schätze abzunehmen. In dieser Hinsicht ließ er aus allen Gegenden Künstler von dieser Art zu sich einladen und that ihnen Versprechungen, die jeden anlocken mußten, sich dafür auszugeben.

Von allen diesen Umständen hatte Belphegors Patron genaue Nachricht und war fest entschlossen, sie nicht ungenutzt zu laßen. So bald seine Geschäfte in Abißinien verrichtet waren, begab er sich mit Belphegorn auf den Weg nach Niemeamaye, in dessen Nachbarschaft er vormals schon einen Handel getrieben und eben bey dieser Gelegenheit die vorhergehenden Nachrichten von dem Könige jenes Landes gesammelt hatte. Auf der Reise dahin offenbarte er erst Belphegorn seinen Anschlag. »Wir wollen«, sagte er ihm, »uns für die erfahrensten Bergmänner ausgeben, dadurch das Vertrauen des Königs gewinnen, unter der Hand seine im Herzen mißvergnügten Unterthanen auf unsre Seite bringen, den geizigen Barbaren umbringen und uns in seine aufgehäuften Schätze theilen.« – Im Grunde aber – was er weislich in petto behielt – sollte Belphegor für seine Absicht nur zur Maschine dienen, auf die er, wenn der Streich mislänge, alle Strafbarkeit laden und die er nach einer glücklichen Ausführung ohne oder mit einer kleinen Vergeltung sich vom Halse schaffen könnte. Belphegor erschrak. Kaum merkte dies sein Gefährte, als er sich seine Bestürzung zu Nutze machte und ihn mit dem grausamsten Tode bedrohte, wenn er sich nicht zu dem Vorschlage bequemen wollte. Belphegor sträubte sich lange. – »Wohl! so verhungre hier in der Wüste!« sprach jener und machte eine Bewegung zum Abmarsche. Selbstliebe, Rechtschaffenheit, Abscheu gegen eine so grause That wie ein Mord stritten mit dem wildesten Aufruhre in dem verlegnen Belphegor: er wollte ihn zurückrufen, er setzte einen Fuß bedächtlich vorwärts und zog ihn hastig wieder zurück; er ächzte, er zitterte, er sann, und endlich eilte er dem bösen Manne nach, um ihm seine Hülfe zu versprechen, ob er gleich bey sich den festen Vorsatz hatte, nicht Einen Finger zu einem Morde anzulegen. Nur aus Liebe zur Selbsterhaltung that er ihm dies verstellte Versprechen und war willens, sich lieber einer Verrätherey gegen diesen Bösewicht als einer Mordthat schuldig zu machen. Der Listige, um sich ihn desto fester zu verbinden, schlug anfangs sein Anerbieten aus und versicherte, daß er einen solchen feigen Undankbaren nicht zu einer Unternehmung zulassen würde, für die er von einem so schlechten Werkzeuge alles fürchten müßte. Belphegor wurde ängstlich, die Qual des Verhungerns stellte sich ihm in der fürchterlichsten Schwärze vor, er setzte in ihn, beschwor ihn und erhielt endlich, doch als eine Freundschaft, die Erlaubniß, an der mördrischen That einen rühmlichen Antheil zu nehmen. Belphegor wünschte nur, durch diese Einwilligung mit ihm in bevölkerte Gegenden gebracht zu werden, um alsdenn sich seiner Gesellschaft, ohne Hungersnoth, heimlich entziehen zu können. Auch dieser Anschlag wurde ihm vereitelt: die Wüste dauerte bis an die Mauer, die die Gränze von Niemeamaye bezeichnete, und er mußte wider seinen Willen an die Betrügerey Hand anlegen.

Noch immer hoffte er, seinem Gefährten entwischen zu können, so sehr ihn dieser auch beobachtete und aus Furcht vor Verrätherey fast nicht von der Seite ließ. Sie wurden nach der Gewohnheit des Landes dem Könige hinter einem Schirme vorgestellt, der ihren profanen Augen seine geheiligte Person verdeckte und nur seine Stimme durchließ. Belphegors Gefährte verstund die Sprache des Landes, und jener mußte daher ein stummer Zuhörer seyn. In acht Tagen war es schon so weit gekommen, daß sie der König unter die Zahl der Auserwählten erhub, denen es vergönnt ist, ohne Schirm mit ihm zu sprechen. Doch bey solchen Unterredungen wußte es Belphegors Gesellschafter jedesmal dahin einzuleiten, daß er dieser Ehre allein genoß und Belphegor in einem verschloßnen Zimmer zu Hause bleiben mußte, weil seine Treue durch verschiedene bedenkliche Aeußerungen zu verdächtig geworden war, um ihn bey dem Vorhaben eine spielende Person seyn zu lassen oder sich völlig von ihm zu trennen.

Der kritische Tag rückte heran, an welchem der König von dem Gefährten des Belphegors mit einem Dolche aufgeopfert werden sollte. Länger konnte er den Gedanken nicht ertragen, der Mitbewußte einer so nahen schrecklichen That zu seyn: er arbeitete sich aus seiner Gefangenschaft heraus, begab sich in den königlichen Palast, wo er auf das vorgewiesene Zeichen, daß er unter die Vertrauten des Königes gehöre, zu ihm eingelassen wurde und ihm die drohende Lebensgefahr eröffnete. Sobald er in den Saal trat, machte ihn die Physiognomie des Königs stutzig: sie schien ihm so bekannte Züge zu haben, die nur durch Zeit und Zufälle verdunkelt waren, daß er den unbeweglichsten Blick auf sie heftete. Die nämliche Aufmerksamkeit verwandte auch der König auf Belphegorn, und über der wechselseitigen, unaufhörlichen Betrachtung vergaßen sie lange, daß sie zusammengekommen waren, um sich zu sprechen. Belphegor ließ in der Verwirrung sich einen europäischen Ausruf entfahren, den der König in der nämlichen Sprache beantwortete, und sehr bald war es entwickelt, daß auf dem niemeamayischen Thron – der Herr Medardus, Magister der Philosophie und freyen Künste, sein bester Freund, saß. Sie bewillkommten und freuten sich einige Zeit, worauf Belphegor seinem wiedergefundenen Freunde die Absicht seines Besuchs bekannt machte; man kehrte sogleich Anstalten vor, dem gefährlichen Streiche zuvorzukommen, setzte den boshaften Unternehmer desselben gefangen, bestrafte ihn und that andre so alltägliche Sachen, daß ich mich schäme, eine darunter zu berühren.

Nachdem man sich hinlänglich über das Unvermuthete dieser Zusammenkunft gewundert hatte, so fand sich bey beyden die Neubegierde ein, zu wissen, wie sie möglich war. Belphegor that seinem königlichen Freunde seiner Seits bald völlige Genüge und dankte ihm besonders mit vieler Rührung für die Befreyung vom Tode, die er ihm zu Segelmesse unter dem Charakter eines heiligen Thiers hätte angedeihen lassen.

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