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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Er würde seine schwermüthige Selbstbetrachtung noch lange fortgesezt und sich vielleicht gar noch am Ende tiefsinnig in den Senegal gestürzt haben, wenn nicht seine Gefährten durch ihre Zurückkunft mit den Kameelen den trüben Strom seiner Gedanken unterbrochen hätten. Sie hielten sich nur wenige Tage an diesem Platze auf, während dessen Belphegor oft zu seinen Betrachtungen zurückkehrte. Der zweite Trupp, den sie erwarteten, vereinigte sich mit ihnen, und sie gelangten glücklich nach Abissinien, wo sie ihren Weg nach dem Orte nahmen, den der mächtige Neguz mit seiner Hofhaltung damals beehrte.

Kaum waren sie angekommen, als plözlich alle sechstausend Zelte, die die Hofstatt ausmachten, von Einem allgemeinen Schalle ertönten, der dem Tone eines fernen Orkans nicht unähnlich war. Belphegor erkundigte sich voller Verwunderung nach der Ursache dieses Phänomens und bekam zur Antwort: »Der mächtige Neguz niest.« – »Niest?« rief er; »das muß wahrhaftig ein mächtiger Monarch seyn, der mit seiner Nase einen solchen Sturmwind erregen kann.« – »Ach«, erwiederte man, »der große Kaiser niest wie jeder Sterbliche, allein es ist hier die Gewohnheit, daß Unterthanen und Monarch in einer beständigen Uebereinstimmung leben. Jede Handlung, die er thut, muß das ganze Land thun, und wo sich das nicht schickt, wenigstens seine Hofstatt. Wenn er niest, so wird ein Zeichen von dazu bestellten Leuten gegeben; und der ganze Hof niest; in gewissen Entfernungen sind durch alle Provinzen Posten gestellt, die einander diese Zeichen durch einen weittönenden Knall mittheilen. Diese Mittheilung erstreckt sich durch das ganze Land, das ihm unmittelbar unterworfen ist, und bringt es dahin, daß eine halbe Stunde nach dem Niesen des Neguz das ganze Land herumgeniest hat. – So geht es mit vielen andern Handlungen, die ich nicht nennen mag«, sagte sein Belehrer, »und die das ganze Land gewissenhaft und pünktlich nachthut. Dieses ist unterdessen nur auf die hauptsächlichsten Verrichtungen der menschlichen Bedürfnisse eingeschränkt; doch die ganze Hofhaltung ist ein wahrhaftes Schattenspiel von dem Neguz. Wenn er liegt, liegt alles; steht er, steht alles; sizt er, sizt alles; er steckt einen Bissen in den Mund, er trinkt, und jedermann unter den sechstausend Zelten, der nur von einiger Beträchtlichkeit ist, thut zu gleicher Zeit das nämliche; welches alles vermittelst der ausgestellten öffentlichen Cerimonienmeister, die gleichsam den Takt zu dem Leben der Hofstatt nach der Angabe des Kaisers schlagen, glücklich bewerkstelligt wird.«

Belphegor staunte nicht wenig über diese abgezirkelte Etikette und konnte sich nicht enthalten, sie zu belächeln. »O«, sprach der Andre, der ein Portugiese war und französisch sprach, »es giebt viel mehr Sonderbarheiten in diesem Lande, die jene weit übertreffen. Haben Sie noch keine bemerkt?« Belphegor besann sich: »– daß hier so viele Leute hinken?« fragte er. »Ja, und wissen Sie warum?« erwiederte jener. »Als der gegenwärtige Neguz den Thron bestieg, verbreitete sich das Gerücht, daß er hinke; sogleich hinkte ein jeder seiner Unterthanen: wer nicht theatralische Geschicklichkeit genug in den Beinen besaß, einen hinkenden Gang natürlich nachzuahmen, der verrenkte sich den Fuß, schlug sich einen Knochen daran entzwey, zerschnitt eine Sehne, eine Ader oder gebrauchte ein ander Mittel, wie es einem dienlich und bequem schien, sich zu lähmen. Als sich das ganze Land auf diese Art gebrechlich und dem großen Neguz ähnlich gemacht hatte, so kam man erst auf die Frage, mit welchem Fuße der mächtige Kaiser eigentlich hinke. Weil man in der ersten Hitze an diese wichtige Bedenklichkeit nicht gedacht hatte, so hinkte dieser auf die rechte, jener auf die linke Seite; zu ändern stund es bey denen nicht, die eine wirkliche Lähmung dem Neguz gleich machte: jede Partey mußte also mit Gewalt das Recht des Fußes durchsetzen, an welchem sie hinkte. Das ganze Reich zerfiel sogleich in zwo Faktionen, die mit der uneingeschränktesten Wuth sich verfolgten, bekriegten, ermordeten; das ganze Land war Ein Krieg; man vergoß sein Blut gern zur Ehre seines Kaisers, um auszumachen, ob das abissinische Reich mit dem rechten oder linken Beine hinken sollte. Endlich wurde man des Aufruhrs überdrüßig und wollte die Entscheidung des Streites dem großen Neguz auftragen, der allein mit Zuverlässigkeit berichten könne, welcher von seinen Füßen lahm sey. Es geschah; und man erfuhr, daß der Kaiser gar nicht hinke, sondern auf einem Auge blind sey. Wirklich hatte sich auch das ganze Hoflager von dem Nächsten nach dem Kaiser bis auf den untersten Stallknecht aus Ergebenheit gegen ihren Herrn das linke Auge ausstechen lassen; und nur aus Neid, Misgunst und Unterscheidungssucht war von den Höflingen das Gerücht von dem Hinken des Kaisers ausgesprengt worden, damit der Hof allein mit dem Vorzuge einer wahren Aehnlichkeit mit dem Neguz prange. Aus alberner Begierde vergaß das tumme Volk sich zu erkundigen, welches Auge ihrem Monarchen fehlte, sondern sie liefen haufenweise wie in einer Trunkenheit zurück, und jeder stach oder stieß sich ein Auge aus. Manche nahmen aus Oekonomie das schlechteste unter ihren beiden dazu; die natürlich Blinden ersparten sich den Schmerz und ließen es bey ihrer angebornen Ähnlichkeit bewenden; andre, die wider keins von ihren Augen erhebliche Einwürfe zu machen fanden, ließen sich in ihrer Wahl vom Zufalle bestimmen. Da aber an allen Köpfen nicht dasselbe Auge schadhaft oder natürlich blind war oder vom Zufalle getroffen wurde, so waren abermals die Abissinier getheilt, abermals in der größten Verlegenheit. Sie waren wenigstens in so weit klüger, daß sie ohne Blutvergießen sich sogleich an den großen Neguz wandten, der sie belehren ließ, daß ihm das linke Auge ganz fehle. Welches Unglück für diejenigen, die sich das rechte geblendet hatten! Sie mußten, wie Bastarte des Reichs, zu ihrer Kränkung Zeitlebens in ewiger Unähnlichkeit mit dem Neguz bleiben, wie Verworfne von den übrigen verachtet werden oder sich ganz blind machen. Einige brachten mit neidischer Verzweiflung viele ihrer glücklichen Mitunterthanen um, andre tödteten sich selbst, noch andre geriethen auf den sinnreichen Einfall, das linke Auge ausheben und in die leere rechte Augenhöle versetzen zu lassen, und da kein einziger geschickter Okulist unter dem abissinischen Himmel bisher aufgewachsen ist, so wurden sie insgesamt stockblind; kein einziges Auge wollte nach der Verpflanzung bekleiben. Ein kleiner Haufe begnügte sich mit der ersten Thorheit und ertrug seine vermeinte Schande in Gelassenheit. War gleich der geringere Theil der Einwohner beruhigt, so brach nunmehr der Krieg am Hofe aus. Dem großen Neguz hatte die Natur gar kein linkes Auge mitgegeben: die beiden Augenlieder schlossen sich fest zusammen oder waren vielmehr zusammengewachsen und in den leeren Plaz des Auges hineingedrückt. Einige von seinen Hofleuten waren so glücklich gewesen, vermittelst eines feinen Leims die Augenlieder ebenfalls zu vereinigen und durch ein andres Hülfsmittel ihnen natürlich die nämliche Gestalt zu geben, als wenn es Werke der Natur nach Einem Modelle wären. Allen, die von ihnen hierinne zurückgelassen wurden, dienten sie zu einem Gegenstande des Neides und des Hasses: die Unglücklichen waren überzeugt, daß sie niemals mit ihnen zu gleichem Vorzug gelangen konnten, und erregten die häßlichsten Meutereyen, sie ihrer Zierde zu berauben. Jene Auserwählten durften nie ohne starke Wache schlafen, nirgends ohne Begleitung sich hinwagen, nichts ohne vorgängigen Versuch essen oder trinken, wenn sie nicht ermordet, geblendet, vergiftet seyn wollten. Man spielte sich, da Gewalt nichts wider die Vorsicht vermochte, die hinterlistigsten Kabalen, verläumdete, verkleinerte sich, einer untergrub des andern Kredit, beschuldigte sich der entsezlichsten Verbrechen, weil alle nicht auf gleiche Art blind waren, welche geheime Gährung um so mehr zunahm, als der große Neguz selbst diejenigen am vorzüglichsten ehrte und erhub, die ihm die meiste Aehnlichkeit mit seiner blinden Person werth machte: um ihm zu gefallen, mußte man gerade so blind seyn wie er. Nicht lange dauerte es, als diese Etikette zu den Höfen seiner Vasallen übergieng, die sie so weit trieben, daß sogar einer, dem ein Fall in der Jugend die Nase platt an den Kopf gedrückt hatte, allen seinen Hofschranzen das Nasenbein zerschlagen und ein andrer, dem ein kalter Brand den Arm verzehrt hatte, allen den seinigen den kalten Brand inokuliren ließ.

Belphegor sah sich seinen Portugiesen bey dieser Erzählung etwas bedenklich an und erinnerte sich einer alten Geographie, wo der Nation des Erzählers die Aufschneiderey beygemessen wurde, weswegen er etliche Zweifel und Verwunderungen über seine Nachrichten äußerte, welches sein Mann so übel empfand, daß er sich auf der Stelle von ihm trennte und mit stolzem Unwillen fortgieng.

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