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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Belphegor wurde über diese Ungerechtigkeit, wie er es sich selbst nannte, oder, wenn er aufrichtig hätte sprechen wollen, über das widrige Schicksal, daß er ganz leer ausgieng, äußerst aufgebracht und beschloß, sein verschmähtes Recht geltend zu machen, was es ihm auch kosten würde. Er errichtete ein Bündniß und sezte sich von neuem ein, ward vertrieben und vertrieb – kurz, er spielte das ganze langweilige Lied der politischen Geschichte, das sich aber seiner Seits mit dem vertrieben werden endigte. Der Monarch von Segelmesse bekam ihn gefangen und verurtheilte ihn kraft aller göttlichen und menschlichen Gesetze, das heißt kraft der hergebrachten Gewohnheit zum Tode.

Da er nichts gewisser als den Scharfrichter erwartete, der Leib und Seele trennen sollte, so wurde ihm seine Befreyung angekündigt, die er einem von den heiligen Thieren zu danken hätte: es fiel ihm ein, daß Medardus zu der Ehre eines Platzes unter dem heiligen Vieh gelangt seyn sollte, und überließ sich der angenehmen Einbildung, daß seine Rettung von ihm herrühre. Er verlangte, seinem Versprecher in eigner Person zu danken; allein da kein profaner Blick auf ein heiliges Thier fallen darf, so mußte er seinen Dank einem Bevollmächtigten anvertrauen, der ihn an Ort und Stelle überlieferte. Demungeachtet wurde er aus dem Reiche verbannet und ihm auf ewig untersagt, sich in den Gränzen des segelmessischen Monarchen blicken zu lassen, wenn er nicht die Vögel des Himmels und die Würmer der Erde mit seinen Gebeinen füttern wollte. Er wurde gleichfalls nach Nigritien mit der Karavane von Segelmesse gebracht, die unterwegs, um sie nicht unbeschäftigt zu lassen, die ganze Natur, Wind, Sand, Hitze, Durst, Räuber und Löwen, auf manchen mühseligen Kampf herausfoderten, doch langten sie wenigstens mit dem Leben an.

Eigentlich war es wohl der ausdrückliche Wille des Königs, der ihm diese Marschrute vorschrieb, nicht gewesen, daß er, wie Fromal, verkauft werden sollte. Allein der Kaufmann, dem er übergeben war, urtheilte sehr vernünftig, daß ein Mensch umsonst Leib und Seele vom lieben Gotte empfangen hätte, wenn er keinen Nutzen damit schafte, und wollte Belphegorn, der bisher nur ein todtes Kapital für ihn gewesen war, in Geld verwandeln. Er wurde zwar einem von der erleuchteten englischen Nation zum Verkauf vorgestellt, allein aus vaterländischer Menschenliebe machte er sich, als er seinen krüplichten, nicht sonderlich viel Arbeit versprechenden Körper erblickte, ein Gewissen daraus, wider alle Christenpflicht einen weißen Nebenmenschen in den Handel zu bringen. »God damn me! Gott verdamme mich«, sprach er, »wenn ich jemals den angebornen Edelmuth meiner Nation so sehr verläugne, daß ich mit weißen Christen handle!« »Aber«, fiel ihm Belphegor ins Wort, »sind schwarze Heiden nicht auch Menschen?« »The ordures, das Auskehricht der Menschheit!« rief jener. »Aber –«, wollte ihm Belphegor antworten, doch der Mann schien kein Liebhaber vom Disputiren zu seyn, sondern kehrte sich hastig um, ein Paar schwarze Mütter zu bezahlen, die aus Dürftigkeit ihrer mütterlichen Empfindung auf einige Zeit den Abschied gaben und ihre Kinder dem großdenkenden Engländer überließen, um sie aufzufüttern, bis sie geschickt wären, in Amerika unter Hunger, Elend und Blöße den Europäern den Kaffe süß zu machen.

Belphegor wünschte sich nur einmal noch so viele Macht, als ihm genommen war, um eine die Menschheit entehrende Unterdrückung, den schändlichsten Handel zu vernichten, wovon er izt ein Augenzeuge war. Sein bisheriger Patron, der nach zwo andern Proben deutlich abnahm, daß Belphegor eine verlegne Waare ohne Werth war, gab ihm den wohlmeinenden Rath, sich von ihm zu entfernen, wenn er nicht mit Gewalt entfernt werden wollte. Er folgte dem Rathe ohne Anstand und überließ sich Wind und Wetter, was es aus ihm zu machen gedachte. Er that sich nach einer Gelegenheit um, um mit einem Sklaventransporte aus dieser Gegend zu kommen; doch auch diese Gefälligkeit versagte man ihm. Zulezt traf er einen Mitleidigen, der ihn mit sich nach Abissinien unentgeldlich zu nehmen versprach; aber im Grunde waren seine Bewegungsgründe nicht die mitleidigsten, wie die Folge beweisen wird. Er schickte ihn mit einigen von seinen Leuten und Kameelen voraus, die ihn an einer Gegend des Senegalstroms erwarten sollten.

Belphegor that seine Reise mit einer Niedergeschlagenheit, die seinem natürlichen Charakter zuwider zu seyn schien: das Unglück hatte ihn bisher mehr aufgebracht, als muthlos gemacht; doch izt war seine Lebhaftigkeit merklich gesunken. Er sezte sich mit tiefsinniger Selbstbetrachtung unter den Schatten eines Palmbaums, indem seine Reisegefährten die Kameele am Strome tränkten.

»Was für Seiten«, sprach er zu sich, »habe ich, seit Akantens Kniestoße, an dem Menschen gesehn! Seiten, die ich in dem Taumel meiner ersten Jahre mir schlechterdings nicht denken konnte! – Ja, Fromal, der Mensch ist ein Würfel mit unzählbaren Seiten; man werfe ihn, wie und so oft man will, so kehrt er allemal eine empor, auf welcher Neid und Unterdrückung mit verschiedener Farbe gemahlt steht. Fromal, du lehrtest mich das; ich glaubte dir nicht, ich glaubte nur meinem Herze, das mit stolzem Selbstzutrauen sich selbst verkannte. Du wolltest mir es benehmen, und ich schwur, weil mein Herz schwur. Ich Unglücklicher, ich habe dich selbst zum Beweise gemacht, daß ich ein Meineidiger bin. Hätte ich das geglaubt? – Geglaubt, daß unter dieser feurigen, freundschaftlichen Brust Eis genug liegen könne, die Flamme der Treue zu löschen, alle Regungen des Mitleids, der Liebe so lange zu ersticken? geglaubt, daß in einem Winkel meines Herzens Sauerteig des Neides genug liege, um die ganze lautere Masse desselben anzustecken? – Was bin ich denn nun besser als jene Grausamen, deren Unterdrückung meinen Zorn sonst reizte? Worinne besser? – blos daß ich nicht würgte und mordete; ich bin der Neidische, der Habsüchtige, der Unterdrücker gewesen, der sie insgesamt sind, nur daß der Neid mehr Mitleid in mir zu bekämpfen hatte als bey jenen, daß die Stärke meines Mitleids durch weniger Gelegenheiten weniger abgeschliffen ist als bey jenen. Vielleicht – eine traurige Vermuthung! – dürfen nur mehrere Reize, mehrere Verblendungen meiner Vernunft vorgehalten, die Fälle meines Lebens mit den Umständen andrer mehr zusammengeschlungen, verwickelter werden; vielleicht darf nur alsdann in der Bemühung für mein Interesse, für mein Recht dieses feurige, enthusiastische Gefühl der Menschenliebe, dieser Schwung der Einbildungskraft niedergedrückt werden; und ich bin so hartherzig, so fühllos wie die Unbarmherzigen, die ich tadle. Konnte ich es schon so sehr gegen meinen Fromal seyn? konnte der Neid so sehr alle Stimmen in mir überschreyen? – Doch bis zur Unterdrückung – nein, so weit ist mein Herz nicht böse noch schwach. – Neid? – leider muß ichs zugeben, daß ein blendendes Nichts, betäubende Ueberredungen, glänzende Vortheile die Vernunft des schwachen Menschen so verwirren, seine Eigenliebe so anspornen können, daß sie sich unser ganz bemeistert, alle andre Empfindungen verdrängt und alle Federn unsrer Thätigkeit allein nach ihrem Zuge spielen läßt. Doch den heiligsten Schwur thät ich gleich, ohne Furcht vor Meineid, daß ihre Obermacht in mir niemals bis zur grausen Unterdrückung anwachsen soll. – Welche Betäubung alles Sinnes gehört dazu, mit der Freiheit eines Geschöpfes von meiner Art ein Gewerbe zu treiben? es zu einem ewigen Sklavenstande zu bestimmen, wenn es weder Kenntniß noch Wahl leitet? es dem Tode auf dem Wege oder dem Elende in einem andern Welttheile entgegenzuführen? und auf diesen Ruin der Menschheit seinen entehrenden Vortheil zu gründen? – Ja, Fromal, du hast Recht: die Menschen sind Unterdrücker; dieser einzige Fall ist mir Beweises genug. Die Mutter, um sich ein elendes Leben weniger elend zu machen, unterdrückt schon in dem Alter der Unbesonnenheit, der Schwäche ihr Kind; der englische Sklavenhändler, um für die erworbnen Reichthümer zu schwelgen, unterdrückt den hülflosen, dürftigen Afrikaner, dem die mangelvolle Freiheit seines Landes weit über die etwas nahrhaftere Sklaverey eines fremden Himmels geht; raubt ihm die Freiheit, er, der mit Händen und Füßen kämpft, so bald die seinige in einem elenden Pamphlet nur von fern mit erdichteten Gefährlichkeiten bedroht wird. Der üppige Handelsmann der neuen Welt unterdrückt ohne alles Gefühl den gekauften Sklaven, läßt ihn halbhungernd arbeiten, stößt ihn unter sein Geschlecht zu den Thieren hinab, damit die Europäer ihre Tafeln mit wohlfeilem Konfekte besetzen, ihre Speisen wohlfeil mit einer angenehmern Süßigkeit würzen können als ihre Vorväter: ein Theil der Menschheit wird zu Tode gequält, damit der andre sich zu Tode frißt. – Himmel! wie schaudre ich, wenn ich diesen Gedanken, wie eine weite düstre Höle, übersehe. Je weiter sich mir die Aussicht der Welt eröffnet, je fürchterlicher wird das Schwarz, das diesen traurigen Winkel bedeckt. Ist von jeher die Bequemlichkeit und das Wohlseyn eines wenigen Theils der Menschheit auf das Elend des größern gegründet gewesen; hat immer jeder, in sich selbst konzentrirt, den Schwächern unterdrückt; hat immer der Zufall einen Theil der Menschen zum Eigenthume des andern gemacht und mußte dieser durch seine Bedrängung einem Haufen auserwählter Lieblinge des Glücks Bedrängnisse ersparen: was soll man alsdann denken? – Entweder, daß die Unterdrückung mit in dem Plane der Natur war, daß sie den Menschen so anlegte, daß einer mit dem andern um Freiheit, Macht und Reichthum kämpfen mußte; oder, daß der Mensch, wenn sie ihn nicht hierzu bestimmte, das einzige Geschöpf ist, das seit der Schöpfung beständig wider die Absicht der Natur gelebt hat; oder, daß die Natur mit ungemeiner Fruchtbarkeit Kinder gebar und sie mit stiefmütterlicher Sorgfalt nährte; denn diesem Elenden versagte sie nicht allein die blos imaginative Glückseligkeit, ohne die tausende glücklich sind; nein, selbst die thierische! Der Sklave, der bey einem kümmerlichen Stückchen Kassave oder Maisbrodte die beschwerlichsten Arbeiten tragen muß, der von seinem Tirannen nichts empfängt, sechs Tage für ihn arbeiten und den siebenten die Nahrung der übrigen betteln muß, der wie das Vieh behandelt und von seinem Besitzer als eine Möbel gebraucht wird – dieser Mitleidenswürdige, verglichen mit einem europäischen Schwelger, der Lasten auf seinem Tische und in seinen Zimmern aufthürmt, woran der Schweis und vielleicht das Blut jener Elenden klebt, der sich nicht speist, sondern mästet, in Bequemlichkeit, Ruhe und Sinnlichkeit zerfließt – und doch beide Kinder Einer Mutter! – welch ein Kontrast! Mir springt das Herz, wenn ich ihn denke: ich hätte Lust, ein Rebell wider Natur und Schicksal zu werden. Unmöglich kann der Mensch das erhabne Ding seyn, wofür ich ihn sonst ansah; er ist eine Karrikatur oder ein Ungeheuer. – O wenn doch die flammende Sonne dieses glühenden Erdstrichs mir meine Einbildungskraft und meine Empfindung versengte, verbrännte, ganz zernichtete! Sonst mahlten sie mir die Erde als ein Paradies und izt als eine Mördergrube; sonst den Menschen als einen friedsamen, liebreichen Engel und izt als einen streitsüchtigen, unterdrückenden Wolf; sonst den Lauf der Welt als ein sanfttönendes, harmonisches Konzert, dessen Melodie in der abgemessensten Ordnung herabfließt, und izt als ein Chaos, als eine allgemeine, verwirrungsvolle Schlacht, als eine Reihe Unterdrückungen, die nichts unterscheidet als weniger oder mehr Gräßlichkeit. – O Unwissenheit! einzige Mutter der Glückseligkeit, der Zufriedenheit! Könnte ich dich zurückrufen; die Hälfte meines Ichs gäbe ich um dich, um die andre überglücklich zu machen. Wäre es nur noch einmal mir vergönnt, meinen Blick ganz in mich zurückziehn, nur in meiner Einbildungskraft und meinem Herze zu existiren, mir mit meinem Fromal die ganze Welt zu seyn! Könnt ich die traurige Wissenschaft des Menschen und der Welt und die noch traurigere Kunst der Vergleichung ausrotten. O ihr glücklichen Seelen, die ihr innerhalb eures Selbst und eurer nächsten Gesellschaft mit eurer Erkenntniß stehen bliebt, denen die Natur ein kurzsichtiges Auge und einen engen Horizont gab; ihr seyd die Glücklichsten dieser Erde! – Ja, gewiß, Fromal, um glücklich unter der Sonne zu seyn, muß man Ignoranz im Kopfe oder kaltes Blut in den Adern haben; – man muß träumen oder sterben; denn zu wachen – wehe, wehe dem Manne, der dahinkömmt und nicht von Eis zusammengesezt ist!«

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