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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Oft«, sezte er seine Gedanken fort, »habe ich gleichsam an dem Fuße der menschlichen Größe gesessen und dem Eifer zugesehn, mit welchem eins über das andre hinwegklettern wollte, wie man rang, wie man kämpfte, wenn weiter nichts möglich war, wenigstens das Recht zu erlangen, über dem andern zu sitzen, zu stehen, vor ihm hineinzugehn und herauszugehn, eher als er den Teller und das Glas präsentirt, eher die Verbeugung zu bekommen, wie man sich beleidigt fand, wenn aus Versehen dieses Recht gekränkt wurde. Anfangs that es mir wahrhaftig weh; du weißt, wir hatten beide in Einem Traume der Fantasie geschlummert: der erhabenste Mensch war uns der weiseste, der verständigste, der geistreichste, der empfindungsvollste – kurz, wir maßen seine Größe nach seinem Geiste. Aber wie bald fand ich, daß dieser Maasstab dem Maasstabe einer kleinen Provinz glich, der nur in ihr und sonst nirgends gebraucht wird; mein Maas traf nie mit dem Maase eines andern überein: ich warf es weg und richtete mich nur bey mir selbst darnach. Ich hatte weder Lust noch Kräfte, mich in den allgemeinen Wettstreit zu mischen; ich blieb Zuschauer. Ich sahe, daß der Mensch sich selbst mit seinem ganzen Zubehör von Vorurtheilen zum Muster hinstellte, nach dem er tadelte und lobte, billigte und verwarf; ich sah sie alle nach dem Ringe des Vergnügens und des Vorzugs rennen, ich sah, daß sie nach jedem Vorzuge gierig griffen, wenn er in meinen Augen gleich nicht Eines Schrittes werth war, sollte er auch in einer Schuhschnalle bestehn; ich sahe, daß dem Vortheile alles weichen mußte, daß man nur in Rücksicht auf ihn handelte, daß man sich wechselsweise Lob und Bewundrung abkaufte, daß man gab, um zu empfangen, daß das ganze Leben nur ein Kommerz von Schmeicheleyen war und daß man sich bey dem Besitze eines solchen Beifalls glücklich dünken konnte, ohne einen Augenblick daran zu denken, daß er nur eingetauscht war, daß er nicht dem Manne, sondern seinem Kleide, seinem Pferde, seinem Titel, seinem Gelde gehörte; ich sah bey meinem ersten Eintritte unter die Menschen die freundliche Stirn, die dienstfertigen Füße, die gefälligen Hände, die ehrerbietigen Verbeugungen, die liebkosenden, schmeichelnden, glatten Worte für die Dollmetscher des Herzens an und freute mich! – Und schalt alle wahnwitzig, die dem Menschen weniger zutrauten, als ich damals an ihm zu finden glaubte: ich sah die Menschen einzeln, ich warf einen eindringenden Blick in ihr Herz, ich belauschte sie, und – Tiger entdeckte ich, die einander zerreißen möchten, Falsche, die das verspotteten, was sie vorhin bewunderten, die das beneideten, wozu sie vorhin Glück wünschten, die den haßten, den sie vorhin gebückt ehrten; Herzen entdeckte ich mit dem verächtlichsten Unrathe kleiner Begierden, elender Wünsche, niedriger Verlangen angefüllt; Köpfe, mit leeren, nichtswürdigen Anschlägen, unterdrückenden Listen, Projekten einer Seifenblasengröße beladen: ›Nein‹, dachte ich, ›mit euch, Leutchen, kann mein Weg nicht lange auf Einem Fußsteige fortgehn; ich müßte mich ganz umschmelzen oder mich mit einem gar zu starken Firnisse der Heucheley übermahlen, wenn ich nicht in ewigem Widerspruche mit euch seyn wollte.‹ Ich Narr, ich grämte mich, ich tadelte mich darüber, ich warf mir Unvollkommenheit, Unthätigkeit vor, daß ich meine Zunge nicht zur Bewundrung zwingen konnte, daß meine trägen Hände sich nach keiner der geschäzten Hoheiten, nach keiner dieser goldschimmernden Früchte ausstreckten, daß mein Herz, wie erstarrt, keinen einzigen Pulsschlag um ihrentwillen schneller that: man schalt mich sogar einen Fühllosen, einen Duns ohne Lebenskraft: – ey, wozu das? – Ich ersparte mir meine Unruhe; ich ließ sie schwatzen: warum sollte ich meinen Gaum zu einem Bissen zwingen, der ihm widerstund und den mein Magen also sicher nicht ohne Schmerzen verdaut hätte? – Weg, weg mit ihm! ich ließ die Leute darnach schnappen, darnach laufen und rennen, sich freuen und betrüben, sich liebkosen und hassen, sich erheben und unterdrücken, stolz und klein seyn und – lachte; freilich bisweilen etwas bitter, mit einer guten Quantität schlimmer Laune! aber wer kann sich helfen? – Wie könnte mir ein so aufgeblasner Ritter wie unser Nazib Herzbeschwerungen machen wie dir? – Lieber Lungenbeschwerungen von vielem Lachen!«

Belph.: »Aber, bester Fromal, muß das Herz nicht zum höchsten Aufruhre emporsteigen, wenn dieser lächerliche Götze seinem Wahne sogar Menschen opfert?«

Fr.: »Unempfindlichkeit! Kälte! Eiskalter Frost wie in Spizbergen! – und dann zugesehn! – Du hast ja so keinen Flecken am Leibe mehr, den du dir noch entzweyschlagen lassen könntest: schlaf gesund in deiner Haut und sieh zu, wenn du wachst! Die Menschen sind gar wunderliche Spizköpfe: hättest du dem Nazib seinen aufgedunsnen Schädel für seine Grausamkeit gespalten, so hätten dir alle, die du von seinem Unsinne befreyen wolltest, ein gleiches gethan; selbst die Todten, wenn sie wieder lebendig hätten werden können, würden dich niedergehauen haben, weil du ihrer Nachkommenschaft die Ehre benahmst, wie sie für die Größe und zum Zeitvertreibe des mächtigen Nazib sich todt zu prügeln.«

Belph.: »Fromal, schaffe mir Eis, schaffe mir die Kunst zu lachen und unsern Medardus! – dann wollen wir sehn. – die verdammte Hitze! Hier hast du meinen Säbel; wo ich in Zukunft nicht so frostig wie ein Eiszapfen bin, so haue zu! spalte mich vom Wirbel bis zur Fußzehe!«

Fromal verbat den Auftrag, versprach ihm gelindere Mittel und schlief mit ihm ein.

Unterdessen hatte der Franzose, ihr Lehrmeister in dem Hofcerimoniell, mit Hülfe seines Ehrgeizes einen wichtigen Grund entdeckt, seine beiden Schüler von Herzensgrunde zu hassen. Die Ehre und Herrlichkeit dieser hohen Gesandschaft, die er sich vorher nicht so groß vorgestellt hatte, leuchtete ihm izt, da er so müßig in der Ferne zusehn mußte, so stark in das Gesicht, daß er weder Fromaln noch Belphegorn mit offnen Augen anschauen konnte. Er gieng um sie herum, machte ihnen steife, frostige Komplimente, stichelte mit unter ein wenig auf ihre genoßne Ehre, versicherte mit etwas bittrer Großmuth, daß er sie von sich selbst abgelehnt habe, ob es gleich in seiner Macht gestanden hätte, sie vor allen andern zu erlangen, und gab dabey zu verstehn, daß sie ihm die ganze Verbindlichkeit dafür schuldig wären. Fromal und Belphegor gaben ihm gleichfalls zu verstehn, daß sie ihm zwar Verbindlichkeit für seinen guten Willen, aber nicht für die Sache hätten, die das beschwerlichste Possenspiel der Welt wäre. Sie lachten und scherzten; und in drey Tagen war der Franzose unsichtbar.

Der Ruf von der Gesandschaft des großen Königs aus dem Norden war bis zu allen umliegenden Nazibs durchgedrungen; der sie empfangen hatte und also wohl wußte, daß sie seine eigne Veranstaltung war, wurde doch auf den bloßen Gedanken daran so stolz, daß er schon willens war, dem Könige von Segelmesse Gehorsam und Tribut aufzukündigen; ob er gleich wußte, daß seine Macht nicht um ein Haarbreit durch diese vermeinte Ehre gewachsen war, so kam er doch im Ernst auf den Einfall, sich zu einem Kriege wider ihn zu rüsten, wenn er sich seiner Aufkündigung widersetzen sollte.

Er hatte nicht nöthig, sich mit langem Nachsinnen über einen Operationsplan das Gehirn zu beschweren, als ihn schon die Noth zwang, einen für seine Rettung auszudenken. Alle Könige von seiner Klasse hatte die Ehre der empfangnen Gesandschaft wider ihn aufgebracht: sie wollten den Mann demüthigen, der ihnen an Ruhm so überlegen war. Sie verbanden sich zu einem fürchterlichen Kriege wider ihn, und mitten in dem Genusse seiner Größe überfielen sie ihn wie ein Donnerschlag. Der erste Einfall in sein Reich war schon eine Eroberung desselben und der Nazib in der Gefangenschaft, ehe er vermuthen konnte, darein zu gerathen. Der ganze Sieg war wohlfeil; er kostete nur dreyer Menschen Leben. Die einzige Bedingung des Friedens war, neben der Oberherrschaft ihres gemeinschaftlichen Oberherrn von Segelmesse auch die Gewalt seiner verbundnen Feinde über sich zu erkennen. Für ihn war nichts als ein demüthiges Ja übrig, das er sogleich mit schwerem Herze von sich gab, und über seine Demüthigung tröstete er sich mit seinem ausgebreiteten Ruhme und der Gesandschaft aus dem Norden.

Jeder von den Siegern verlangte alsdann von den beiden Europäern, daß sie ihnen eine Gesandschaft aus dem Norden bringen sollten; da sie keine Vollmacht dazu hatten, so weigerten sie sich. Allein sie wurden gezwungen, entweder zu sterben oder Gesandten des großen Königs aus dem Norden zu seyn. Sie willigten bey einer so mißlichen Wahl in das Lezte; doch nun erhub sich ein neuer Wettstreit unter den Monarchen, wem zuerst diese Ehre zu Theil werden sollte. Gründe und Gegengründe gegen einander abzuwägen, war ihnen zu langweilig: sie griffen zu den Waffen, nicht für ihre Personen, sondern sie ließen ihre Unterthanen auf einander los; und die guten Narren zausten und mordeten sich, um auszumachen, welcher von ihren Herren zuerst eine erdichtete Gesandschaft aus dem Norden erhalten sollte. Der Zufall erklärte sich für einen Nazib, der den übrigen an Macht überlegen war; man mußte ihm den Vorrang lassen. Fromal und Belphegor waren indessen in enger Verwahrung gehalten worden und sollten nun abgeholt werden, dem Ueberwinder weis zu machen, daß er ein berühmter Herrscher sey. Als sie mitten auf dem Wege waren, thaten die Zurückgesezten zusammen und raubten die Gesandten, verwahrten sie von neuem und schlugen sich von neuem um sie.

Unterdessen hatte sich der Franzose, dessen vorhin gedacht worden ist, mit Haß und Groll wider Fromaln und Belphegorn an den Hof des Nazibs begeben, der zuerst das Vorrecht auf die Gesandschaft erkämpft hatte. Er war von dem ersten Nazib in der Absicht weggegangen, um bey einem andern die Ehre zu genießen, die er Belphegorn und Fromaln misgönnte. Um so viel mehr nüzte er die böse Laune dieses Königs, bey dem er izt sich aufhielt, über den Raub seiner Gegner. Es gelang ihm, zu seinem Zwecke zu kommen, beide, der Nazib und der Franzose, waren befriedigt und ließen die übrigen sich um Belphegorn und Fromaln herumbalgen, so lange sie wollten.

Inzwischen gelangte das Gerücht von diesem komischen Kriege und seiner Bewegursache zu den Ohren des Monarchen von Segelmesse, ihres gemeinschaftlichen Oberherrn, der sich mit den gültigsten Gründen von der Welt bewies, daß er vor allen seinen Vasallen das Recht auf eine Gesandschaft aus dem Norden besitze, gebot allen seinen Tributaren, von ihrem Anspruche darauf abzustehen und ihm allein diese Ehre zu überlassen. Sie waren zu sehr in ihren Wunsch verliebt, um ihn sogleich aufzugeben; sie widersezten sich. Der Monarch ergrimmte, schlug zu, bis sie alle demüthig zu seinen Füßen um Verzeihung baten. Er ertheilte ihnen gnädigst Vergebung, ließ ihnen huldreichst die Bäuche mit einem Feuersteine aufschneiden und sie so insgesamt an Einem Baume aufhängen. Fromal und Belphegor mußten noch einmal ihre Komödie zu Segelmesse spielen und bekamen zu ihrer Belohnung zwey von den offnen Königreichen, die sie im Namen des Königs vom Norden von ihm zur Lehn nehmen mußten, und ihr Lehnsherr freute sich ungemein, einen so großen Monarchen zum Vasallen zu haben, von dem er nicht einmal wußte, ob er existirte.

Belphegor war mehr zum friedlichen, einsamen Betrachter der Welt als zum wirksamen Mitspieler gemacht, wenigstens nicht zur Rolle eines Monarchen; Fromal paßte mehr dazu. Sie suchten beide einen Grad von europäischer Kultur in ihren Reichen einzuführen, ihre Völker von dem Kriege abzulenken und zu den Künsten des Friedens zu leiten. Das Projekt war etwas weitläufig und ungemein schwer; auch blieb es nur bey dem Entwurfe.

Der Franzose, der Neider der neuen Monarchen, war izt nicht mehr über ihr Glück neidisch, sondern rachsüchtig: er wollte es ihnen schlechterdings verbittern oder gar rauben. Er wollte seinen Nazib zum Kriege wider sie reizen; allein der Schuz, den sie ihr Oberherr genießen ließ, schreckte ihn ab, so gern er einen Gang mit ihnen versucht hätte. Da diese Mine nicht springen wollte, so grub er eine andre; er suchte die beiden Könige zu entzweyn und sie durch sich selbst zu Grunde zu richten. In einer solchen Absicht begab er sich zu Fromaln und machte ihm Belphegorn verdächtig, besonders beschuldigte er ihn eines Bündnisses zu seinem Untergange; seine Beschuldigungen fruchteten nichts. Er machte bey Belphegorn den nämlichen Versuch und richtete nichts mehr aus. Doch hatte er beide dahingebracht, daß sie sich beobachteten und mehr als vorsichtig gegen einander handelten.

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