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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Fünftes Buch

Die Zurüstungen zu dem Empfange der Europäer, so lange sie auch dauerten, konnten noch denselben Tag nicht völlig geendigt werden; man quartirte sie also indessen in eine Hütte ein, die sie für ein Gefängniß hielten, ob es gleich das schönste Gasthaus der Residenz war, wo sie die königliche Milde mit Datteln, ein Paar Straußeneyern und etlichen Schlucken Branntewein bedienen und die Versichrung geben ließ, daß sie morgen gewiß das Glück genießen sollten, das Antliz Seiner Majestät zu beschauen.

In der Nacht fand sich ein Europäer bey ihnen ein, der sich einige Zeit an dem Hofe des Königs aufgehalten hatte, ein Franzose von Geburt und ein Herumstreifer von Profession war. Sein Besuch hatte zur Absicht, sie in dem Cerimonielle des Hofs zu unterrichten, zu dessen Erlernung, nach seinem Ausdrucke, Ein Menschenkopf nicht zureichend wäre. Fromal und Belphegor baten zwar inständigst, sie mit einer so schweren Wissenschaft zu verschonen; allein er bestund darauf, daß sie wenigstens in den zu ihrer Aufnahme nöthigen Gebräuchen seinen Unterricht annehmen mußten. Sie brachten drey ganze Stunden damit zu und waren so ermüdet, daß sie endlich um die Endigung der Lehrstunden flehentlich anhalten mußten, welches sie aber nicht eher erlangten, als bis sie noch erfahren hatten, daß ihr Lehrmeister, wo nicht der Erfinder, doch der Verbesserer dieser Wissenschaft sey. »Und von wem als einem Franzosen«, sezte er hinzu, »war dieses Licht zu erwarten? Die Franzosen tragen allenthalben Geschmack und gute Lebensart hin.«

Da ihre Progressen in dieser ersten Stunde nicht sonderlich waren, so meldete ihnen ihr Lehrer den Tag darauf, daß sie à l'allemande etwas schwer begriffen und eben darum wenigstens noch acht Tage in der Unterweisung bleiben müßten, ehe sie würdig vor dem Throne seiner Majestät erscheinen könnten. Sie unterwarfen sich um der Sonderbarkeit der Sache willen seinem Verlangen und verdarben sich mit Kameelmilch und Datteln indessen Appetit und Magen, womit man sie sehr sparsam bewirthete. Da der Tag ihrer Vorstellung erschienen war, that ihnen ihr Lehrmeister mit betrübtem Herzen zu wissen, daß sie wegen der Verwundung des Priesters das Angesicht des Königs nicht schauen könnten, wenn sie nicht vorher durch gewisse heilige Gebräuche und Büßungen von ihrer Sünde gereinigt wären; Medardus, berichtete er ihnen ferner, sey zwar noch am Leben, würde aber niemals wieder aus dem Reiche kommen; denn er sey unter die Zahl der heiligen Thiere versezt worden. Zugleich ließ ihnen der König seine Vermittelung bey den Priestern anbieten, die er vermögen wollte, ihnen wenigstens drey Wochen von der nöthigen Reinigung zu erlassen, da sie eigentlich vier ganze Wochen dauern sollte, aber unter dem Bedinge, daß sie ihm gleichfalls einen Dienst erzeigten. Sie stünden herzlich gern zu Befehl und erfuhren darauf, daß der König zur Verherrlichung seines Reichs eine Gesandschaft aus Europa zu bekommen wünschte und daher sie ersuchte, diese Gesandten vorzustellen. Da es bey einem so elenden Duodezmonarchen keine Gefahr haben konnte, eine solche Komödie zu spielen, und sie vielleicht die Loslassung ihres Freundes durch ihre Einwilligung zu erlangen hoften, so verstunden sie sich dazu, und zween ganze Monate wurden erfodert, sie theils in den schweren Wissenschaften des dasigen Hofs festzusetzen, theils Anstalten zum Empfange der vorgegebnen Gesandschaft zu machen.

Der Monarch, der seine Größe auf diese Art glänzen lassen wollte, war der gefürchtete Beherrscher von etlichen hundert schwarzen, schmutzigen Kreaturen, die er in verschiedene Königreiche zertheilt und sie mit Regenten versehen hatte, die ihm Tribut bezahlen und ihn als Vasallen ehren mußten. Er für seine hohe Person war der Tribular des großen Monarchen von Segelmesse, den sich Marocco zu dem seinigen gemacht hatte. Da er nicht im Stande war, sich von den Potentaten seiner Klasse zu unterscheiden, unter welchen er in Ansehung der Macht die kleinste Rolle spielte, so rieth ihm sein Ehrgeiz, ihnen auf eine einleuchtende Weise zu zeigen, daß er zwar der kleinste an Macht, aber der größte an Ruhm sey: niemand von denen, die er durch die Taschenspielerey hintergehn wollte, noch er selbst hatte eine homanische Karte vor Augen gehabt, und er ließ es also dabey bewenden, seine Gesandschaft dem großen Könige aus Norden beyzulegen.

Aus Besorgniß, daß seine Herrlichkeit nicht ausgebreitet genug werden möchte, ließ er acht Tage vor der Audienz auf allen Gassen und an allen Orten, so gar Löwen und Straußen, kund und zu wissen thun, daß sich jedermann versammeln solle, die Gesandschaft des großen Königs aus dem Norden zu beschauen. Die Feierlichkeit gieng mit allem Glanze vor sich, den nur seine königlichen Schätze zuließen; seine sämtlichen Unterthanen vom Greise bis zu dem Kinde, das kaum gehen gelernt hatte, mußten paradiren. Der Zug gieng unter der lärmendsten, beschwerlichsten Musik einen Tag lang seine ganzen Länder hindurch: Kameele, Strauße, heilige Löwen, alle vierfüßige und befiederte Kreaturen, deren er nur habhaft werden konnte, mußten die Prozession verlängern helfen; alle Produkte seines Landes, die königliche Garderobe, die königlichen Schätze und Kleinodien, die in Datteln, Palmblättern, großen Schläuchen voll Kameelmilch und ähnlicher Kostbarkeiten bestunden, wurden öffentlich vorgetragen. Nach dieser mühseligen Reise durch warme, sandigte, wasserlose Gegenden gelangten sie endlich zum königlichen Palaste, einer viereckichten, großen Hütte, von Palmbäumen aufgeführt, dessen Dach man gegenwärtig, wie bey allen vorzüglichen Feierlichkeiten, über dem Haupte des großen Königs weggerissen hatte, weil nach seiner eignen Versichrung ein so großer Monarch nichts als den Himmel Gottes über seinem Haupte dulden könne; die innern Wände waren mit Palmblättern austapeziert. Der mächtige Nazib saß in halbnackter Majestät auf zween Klötzen, erhaben über alle die schmutzigen Vasallen, die, wie Sphynxe, um seinen Thron herum demüthigst auf den Bäuchen lagen und die Köpfe auf den untergestüzten Armen in die Höhe richteten. Zween langausgestreckte Vasallen genossen die Ehre, ihm zum Fußschemel zu dienen, auf die er von Zeit zu Zeit seinen erhabnen Speichel herabzuwerfen würdigte, sie ihrer Niedrigkeit und seiner Größe zu erinnern. Plözlich blies er die Backen auf und ließ sie mit einem lauten Ausblasen des Athems wieder zusammenfallen, welches ein Befehl an alle Fürsten des Erdbodens seyn sollte, vor ihm niederzufallen.

Nachdem die lächerlichste Pantomime auf allen Seiten gespielt war, wobey Fromal kaum seine Muskeln zu der nöthigen Ernsthaftigkeit zwingen konnte und Belphegor vor Erstaunen über den unsinnigen Grad, zu welchem er die kindischste Vorzugssucht hier gestiegen sah, nicht zu sich kam, sprang endlich der König auf, gab jedem seiner Vasallen eine Ohrfeige und ließ sich von ihnen vor den Palast tragen, wo er der Sonne, die eben untergehen wollte, den Auftrag gab, dem großen Könige des Nordens, zu welchem sie nun bald kommen würde, großgünstig zu melden, daß er, der mächtige Nazib, sein Gebet erhört, ihn zum ersten seiner Vasallen, zum Sessel seines Hintern erhoben habe und ihm verspreche, ihm alle Huld und Schuz in Gnaden angedeihn zu lassen. Da die Gesandten aus vielen wichtigen Ursachen die zugedachte Ehre verbeten hatten, das ertheilte Erbamt ihres Principals in eigner Person zu verrichten und dem großen Nazib zum Sessel des Hintern zu dienen, wie es anfangs veranstaltet war, so mußte sich der oberste von den Vasallen dazu bequemen, der über dieses Glück so stolz wurde, daß er Tages darauf einem seiner Mitvasallen ein Auge vor Uebermuth ausschlug. Als der Nazib seinen Siz auf ihm mit einem expressiven Stoße genommen hatte, so wiederholte er die obige Grimasse mit dem Backen, um allen Fürsten des Erdbodens anzudeuten, daß er ihnen nunmehr die Erlaubniß gebe, von dem anbefohlnen Kniefalle wieder aufzustehn. Zulezt wollte er den Gesandten noch zumuthen, seine Füße, die es ungemein nöthig hatten, in Kameelmilch zu waschen, welches sie mit einem Bündel Palmblätter obenhin thaten, dann lagerten sich die Vasallen in einer Reihe vor ihm hin, und er goß ihnen mit erhabnem Stolze den Rest seines Fußbades ins Gesicht.

Darauf nahm die Mahlzeit ihren Anfang, die überhaupt aus sechs Ingredienzen bestund, wovon ein jedes unzählichemal aufgetragen wurde: man saß vom Untergange der Sonne bis zum Anbruche des Tags, und die sämtlichen Unterthanen des Reichs standen in Parade um die Tafel; die untersten Vasallen bedienten ihn, und die übrigen lagen neben ihm am Tische. Nach aufgehobner Tafel wünschten Fromal und Belphegor sehnlich, von ihrer hohen Rolle befreyt zu seyn, allein nun fiengen erst die Lustbarkeiten an; sie mußten aushalten.

Sogleich traten zween Truppe schwarze Kerle hervor, die auf ein gegebnes Zeichen auf einander losgiengen und sich mit Knitteln unbarmherzig prügelten, daß gleich bey dem ersten Angriffe drey todt auf der Stelle niedersanken. Belphegor und Fromal ließen durch ihren Dollmetscher, den Franzosen, flehentlichst bitten, eine so unmenschliche Lustbarkeit zu endigen; allein sie bekamen die lachende Antwort: »Es sind ja nur meine Unterthanen.« Belphegor ergrimmte über diese entsezliche Antwort so heftig, daß er ohne Fromals Zurückhaltung dem großen Nazib den Hirnschädel gespaltet hätte. Die Streiter schlugen einander todt bis auf einen, der die Ehre des Siegs und zur Belohnung die Erlaubniß bekam, den Staub von den Füßen des Nazib zu lecken. Belphegor ließ noch einmal alle dergleichen barbarische Ergözlichkeiten verbitten; allein die Antwort blieb beständig dieselbe: »Es sind ja nur schlechte Kerle, meine Unterthanen, meine Sklaven.«

Als die beiden Europäer in ihre Hütte ermüdet zurückkamen, so konnte sie die Ermattung von einer so beschwerlichen Rolle nicht abhalten, über den lächerlichen Ehrgeiz des großen Nazib zu lachen. »So eine Karrikatur ist der Mensch«, sprach Fromal, »unter allen Zonen; die komischste Zusammensetzung von kindischem Stolze und läppischen Einbildungen. Aber glaube nicht, daß er unter dem afrikanischen Himmel allein dies possierliche Ding ist! Unter allen neunzig Graden südlicher und nördlicher Breite, vom ersten Mittagszirkel bis zum lezten ist er das nämliche burleske Geschöpf, nur in dem Ausdrucke seiner Narrheit verschieden, allenthalben in sich selbst verliebt, allenthalben sich selbst der größte, der wichtigste und der Verächter andrer: sollte er gleich nur Strohkörbe machen können, so verachtet er doch gewiß, den Brodneid abgerechnet, aus bloßer Selbstgefälligkeit alle Körbe, die er nicht verfertigt hat. Wir lachen über diesen Mückenmonarchen, daß er seine Vasallen seine Obergewalt so empfindlich fühlen läßt: allein wo nicht die Furcht vor dem Spotte und dem Gelächter viele Menschen in poliziertern Himmelsstrichen zurückzöge, so würden sie alle diesem jämmerlichen Nazib gleichen: wer nicht in der That unterdrücken kann, unterdrückt in der Einbildung; wer im Staube liegt, steigt wenigstens mit seinen Gedanken empor und glaubt, der höchste zu seyn, weil er sich der höchste zu seyn dünkt. Das einzige Mittel, das die Europäer vor solchen ausschweifenden Ausbrüchen des Stolzes bewahrt, ist meiner Meinung nach – die Politesse, Furcht vor dem Spotte und die vielfältige Verwickelung des Interesse; wo diese zurückhaltenden Schranken fehlten, da habe ich den Stolz Farcen aufführen sehn oder von ihm erzählen hören, die unserm afrikanischen Lustspiele nicht viel zum voraus ließen. Kennst du den deutschen Ehrenmann noch, von dem ich dir lezthin erzählte, daß er sich täglich dem beschwerlichsten Zwange, der langweiligsten Etikette unterwarf, sich und seiner Familie durch einförmige, abgezirkelte Cerimonien und Komplimente das Leben schleppend, lästig, freudelos machte, blos um seinem Hause das Ansehn eines Hofs zu geben?«

Fromal wollte abbrechen, allein Belphegor ersuchte ihn fortzufahren.

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